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Veröffentlicht am 18.05.2023

Ur-Wiener Roman

Das Café ohne Namen
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Die meisten würden wohl sagen, Robert Seethaler erzählt in seinem Roman "Das Café ohne Namen" die Geschichte von Simon. Ich bin jedoch der Meinung, er erzählt uns die Geschichte des Cafés. Nicht nur beginnt ...

Die meisten würden wohl sagen, Robert Seethaler erzählt in seinem Roman "Das Café ohne Namen" die Geschichte von Simon. Ich bin jedoch der Meinung, er erzählt uns die Geschichte des Cafés. Nicht nur beginnt der Roman mit der Idee für das Café. er endet auch mit dessen Schließung. Und dazwischen erfahren wir viele Lebensgeschichten, nicht nur die von Simon. Im Roman fühlt man sich, ähnlich wie die Gäste im Café ohne Namen, schnell zuhause, denn die Belegschaft und die Stammgäste sind wie eine große Familie, in die die Leser:innen eingeladen werden. Alle kennen einander, wissen wann die anderen normalerweise erscheinen und können sich gegenseitig ihre Sorgen erzählen. Das alles bei einem schönen Glas Wein (Gumpoldskirchner). Die etwas andere Wiener Kaffeehauskultur, denn es geht nicht um ein Literatencafé, die Gäste des Cafés ohne Namen werden wohl nicht später weltberühmt sein, sondern sie sind ganz normale Menschen und das Café ist ein Ort, wo sie zusammen kommen können. Das schöne Gefühl, das während des Lesens aufkommt, rührt auch daher, dass es diese Orte in Österreich fast überall gibt.
Seethaler erzählt diese Geschichte trotz ernster Themen mit einer Ruhe, die sonst kaum ei Autor erreicht. Trotzdem möchte man weiterlesen und auch die angesprochenen Themen verlieren nicht an Bedeutung. Seethaler macht auch der Geschichte einfacher Menschen etwas ganz Besonderes!

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Veröffentlicht am 14.05.2023

Eine ganz besondere Frau

Die einzige Frau im Raum
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Seit ich durch mein Diplomprojekt über in Vergessenheit geratene Österreicher:innen auf Hedy Lamarr gestoßen bin, bin ich von dieser Frau begeistert (weshalb ich sie auch in meinen Geschichtsunterricht ...

Seit ich durch mein Diplomprojekt über in Vergessenheit geratene Österreicher:innen auf Hedy Lamarr gestoßen bin, bin ich von dieser Frau begeistert (weshalb ich sie auch in meinen Geschichtsunterricht eingebunden habe). Marie Benedict widmet dieser Frau nun einen ganzen Roman und berichtet über alle Facetten ihres Lebens.
Hey Lamarr, eigentlich Hedwig Kiesler, hat als Schauspielerin in Wien begonnen, bis der herrische Waffenfabrikant Friedriech Mandl sie heiraten wollte. Aus Schutz gegen den immer stärker werdenden Antisemitismus in Europa ging sie die Ehe ein, doch als die Umstände immer schlimmer werden flieht sie nach Amerika und beginnt in Hollywood ein neues Leben als Filmstar. Soweit die Geschichte, die den meisten über Lamarr bekannt ist, Benedict beleuchtet jedoch auch die unbekannteren, jedoch viel wichtigeren Aspekte ihres Lebens. Die Aspekte weshalb Hedy Lamarr eine Ikone der Frauengeschichte ist!
Der Roman ist sprach gut aufgebaut, passt in die Zeit, in der er spielt und berührt und schockiert die Leser:innen. Manche Erklärungen zu historischen Umständen wirkten jedoch unpassend und aufgezwungen.

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Veröffentlicht am 08.05.2023

Eine Familiengeschichte

Solange wir leben
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David Safier, der vielen durch seine humoristischen Romane bekannt ist, hat einen Roman über seine Eltern geschrieben. In "Solange wir leben" erzählt er die Lebensgeschichte seiner Eltern. Da sein Vater, ...

David Safier, der vielen durch seine humoristischen Romane bekannt ist, hat einen Roman über seine Eltern geschrieben. In "Solange wir leben" erzählt er die Lebensgeschichte seiner Eltern. Da sein Vater, Joschi, jüdischer Abstammung ist, ist schnell klar worauf dies hinausläuft und dies erklärt auch, weshalb Safier auch Jugendromane schreibt, die in dieser Zeit angesiedelt sind. Was aber gut gelöst wurde, denn die Zeit des Zweiten Weltkriegs, die grausam war und nie vergessen werden darf, zieht sich nicht über den ganzen Roman, sondern ist nur ein kleiner Teil des Ganzen - so wie es auch nur ein Teil ganzer Leben war. Die Leser:innen bekommen also noch mehr zu lesen, z.B. wie es danach mit Davids Vater weiterging. Hätte Safier nach dem Zweiten Weltkrieg nicht weiter erzählt hätte Joschi nämlich nie Davids Mutter kennengelernt und David wäre nie geboren worden.
Die Familiengeschichte Safiers ist vielleicht nicht gerade die spannendste oder etwas ganz besonders, sie ist eigentlich ziemlich durchschnittlich (wenn man bedenkt, dass es sich um einen jüdischen Vater handelt, zur Zeit des Zweiten Weltkriegs in Europa), aber vielleicht macht genau das den Charme des Buches aus.

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Veröffentlicht am 27.04.2023

Die Spannung hält sich nicht durchgehend

Going Zero
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Anthony McCarten schreibt in seinem neuen Roman "Going Zero" über ein wichtiges Thema, das uns alle betrifft, das wir meist akzeptieren oder ignorieren und worüber wir vermutlich viel zu wenig wissen. ...

Anthony McCarten schreibt in seinem neuen Roman "Going Zero" über ein wichtiges Thema, das uns alle betrifft, das wir meist akzeptieren oder ignorieren und worüber wir vermutlich viel zu wenig wissen. Denn der Roman bespricht die Überwachung durch elektronische Geräte und soziale Medien, den gläsernen Menschen, zu dem wir geworden sind, bei dem jeder Schritt vorhersagbar ist, und die ständige Überwachung nahezu aller öffentlichen Plätze durch Kameras.
"Going Zero" wird abwechselnd aus verschiedenen Perspektiven erzählt, wobei die zwei Hauptstränge, Kaitlyn Day und Cy Baxter, nicht unterschiedlicher sein können. Cy Baxter ist das Superhirn hinter Fusion, dessen Betatest die Leser:innen verfolgen - brillantes Superhirn, der seine Emotionen nicht unter Kontrolle hat und dem andere Menschen egal sind - ein perfekter Antagonist, denn es gibt nichts an ihm, das man mögen könnte. Kaitlyn Day, auch Zero 10, ist dafür die typische graue Maus, die Bibliothekarin, die keine negativen Eigenschaften hat und nur gegen den bösen großen Wolf ankommen möchte. Die Charaktere sind also eine Schwarz-Weiß-Zeichnung von Feinsten, es soll kein Zweifel aufkommen, wer gut und wer böse ist und zum wem die Leser:innen halten sollen.
Ganz so einfach wollte es sich der Autor dann doch nicht machen, denn zu diesen handlungstragenden Figuren kommt eine hochkomplexe Handlung, die ein paar Mal zu oft abbiegt, um schließlich am Ziel anzukommen.
Insgesamt also ein Roman, der seine Stärken hat (das wichtige Thema) und auch mitreißen kann (die meiste Zeit), der aber auch in der "Verteilung der Komplexität" etwas daneben gegriffen hat. Charaktere können ruhig grau sein, überlasst es den Leser:innen diese einzuschätzen! Vor allem bei diesem Thema gibt es so unterschiedliche Meinungen, dass es noch wichtiger ist, dass sie nicht durch Sympathien und Antipathien bereits vorgebeben ist! Dafür kann die Handlung durchaus geradliniger sein. Es braucht nicht immer eine Handlung, die ich erst nach dem dritten Mal lesen komplett verstehen kann!
"Going Zero" ist eine durchaus gelungene Unterhaltung, die auch Mehrwert hat. Leider wird einem kritische Denken erspart, dafür muss man eben bei der Handlung mitdenken, damit man diese verstehen kann.

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Veröffentlicht am 19.04.2023

Ruhig aber auch aufwühlend

Es war einmal in Brooklyn
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"Es war einmal in Brooklyn" beginnt sehr stark und hält dieses Niveau eigentlich das gesamte Buch hindurch, nur manchmal schwächelt es ein klein wenig. Die große Stärke des Romans sind eindeutig die realitätsnahen ...

"Es war einmal in Brooklyn" beginnt sehr stark und hält dieses Niveau eigentlich das gesamte Buch hindurch, nur manchmal schwächelt es ein klein wenig. Die große Stärke des Romans sind eindeutig die realitätsnahen Protagonist:innen, die im guten Sinne "nichts besonderes" sind. Sie sind eigentlich durchschnittliche Menschen, die Schicksale erleben, die jeder und jedem passieren können und leider viel zu oft auftreten.
Ich habe schnell mit Juliette und David sympathisiert, auch wenn im Laufe des Buches meine Sympathien eindeutig stärker zu Juliette gewandert sind. Besonders prägend war für mich der Teil, bei dem sich beinahe alle jungen Männer im Roman unsympathisch gemacht haben, als es um die Entjungferung Juliettes ging, als Rico damit prallte, dass sie noch Jungfrau sei (da sie enger ist), als David ausflippt, weil er dachte, er hätte Anspruch auf Juliette und ihre Jungfräulichkeit und Mister Du-must-mir-so-unsympathisch-dass-ich-deinen-Namen-verdrängt-habe, der JuliettesTraurigkeit und Verwirrung nutzt, um sie dann schließlich zu entjungfern... Keiner der Männer ist hier im Recht und ihr Denken ist einfach altmodisch und frauenverachtend... Ich hätte mir hier bessere Aufarbeitung gewünscht, aber das ist auch der einzige Kritikpunkt an diesem Buch.

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