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Veröffentlicht am 25.09.2018

Der Mann mit dem einzigartigen Beruf

Unverfrorene Freunde
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Pinguine sind süß und niedlich, sie tragen einen eleganten Frack und watscheln an Land so lustig und unbeholfen daher. Und, ach ja, da gibt es doch diesen berühmten Magellanpinguin Dimdim, der auf der ...

Pinguine sind süß und niedlich, sie tragen einen eleganten Frack und watscheln an Land so lustig und unbeholfen daher. Und, ach ja, da gibt es doch diesen berühmten Magellanpinguin Dimdim, der auf der brasilianischen Ilha Grande von einem Fischer gerettet und gepflegt wurde und der ihn seitdem jedes Jahr auf seiner Wanderung nach Norden besucht.

Ungefähr so viel weiß der durchschnittliche Mensch über Pinguine. Da sollte man doch ernsthaft in Erwägung ziehen, etwas gegen den Wissensmangel zu tun. Wie gerufen kommt uns da das äußerst umfangreiche und liebevoll geschriebene Sachbuch „Unverfrorene Freunde“ von Klemens Pütz – eines Menschen, der sein Leben der Erforschung, dem Erhalt und Schutz dieser Tiere gewidmet hat.

Was zunächst als Lückenfüllung für den in letzter Minute abgesprungenen Pinguinforscher bei der vom Alfred-Wegener-Institut geplanten Expedition in die Antarktis begann, wurde bald zum Lebenstraum. Die große Liebe zur Antarktis, in der Klemens Pütz entbrannte, trug viel dazu bei, dass er sich entschloss sein Dasein freiberuflich als Pinguinforscher zu fristen, der wissenschaftlich arbeitet und veröffentlicht. Mitte der neunziger Jahre gründet er mit nur drei weiteren Mitgliedern den „Antarctic Research Trust“, der mittlerweile eine derartig weite Resonanz und Unterstützung erfahren hat, dass er mehrere Inseln auf den Falklands erwerben konnte, um neuen unberührten Lebensraum für Pinguine zu erschaffen. Jeder von uns kann diese gemeinnützige Organisation unterstützen, z.B. indem man Pate eines Pinguins wird.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert, wobei es durch 66 ansprechende Farbfotos und mehrere eingeschobene Informationskästen und -skizzen, die einem die eventuelle Internetrecherche erübrigen, aufgelockert und ergänzt wird. Im ersten Teil „Pinguine an Land“ erzählt uns der Autor, was die Vögel, die siebzig Prozent ihrer Zeit im Wasser verbringen, aufs Land treibt: die Paarung, Brut und Aufzucht der Küken ist es. Humorvoll, detailliert und liebevoll schildert und erklärt uns Klemens Pütz die Vorgänge.

Der zweite Teil „Pinguine im Wasser“ ist ein Versuch das Tun und Treiben der Pinguine im Meer zu erklären. Lange Zeit über lag dieser Bereich aus dem Pinguinleben für den Menschen im Dunkeln. Dank verschiedener Geräte kann man Pinguine nun zu Datenträgern machen. So kann man beispielsweise Fahrtenschreiber einsetzen, die die Lichtintensität messen, und auf diese Weise Rückschlüsse auf die Position des Pinguins geschlossen werden können. Oder Satellitensender, die Informationen über Wassertemperatur, Beschleunigung und exakte Ortsangaben dank GPS liefern. Sehr spannend ist dieser Teil des Buches zu lesen.

Leider ist nicht alles nett und niedlich, was mit den Pinguinen zusammenhängt. So informiert uns der Autor im dritten Teil „Welt im Wandel – Pinguine in Gefahr“ über die Dinge, die das Leben und den Bestand der Pinguine gefährden. Die Ursachen sind breitgefächert, sind aber zum größten Teil – mittelbar und unmittelbar – auf den Menschen zurückzuführen. Gefahr droht von Schiffen und Öltankern, die Mineralöl ins Wasser ablassen: Es verklebt das Gefieder der Pinguine, das dadurch seine Thermofunktion einbüßt und zum Tod durch Erfrieren führt respektive zum Vergiftungstod, wenn die Vögel sich zu säubern versuchen. Die Fischerei bedroht ihr Leben ebenfalls in zweierlei Hinsicht: Erstens, weil der Mensch den Pinguinen ihre Nahrung wegfischt, und zweitens, weil sich die Vögel wie viele weitere unerwünschte Meereslebewesen im Netz verfangen. Der Klimawandel bringt eine breitgefächerte Palette an Bedrohungen mit sich. Der erhöhte CO₂-Gehalt im Wasser, der zur Versauerung des Meerwassers führt, wäre da zu nennen oder die Veränderungen von Strömungsmustern, die zum Teil ganze Ökosysteme binnen kürzester Zeit kollabieren lassen. Und nicht zuletzt das allgegenwärtige Plastik, das tonnenweise im Meer schwimmt, und den Pinguinen und vielen anderen Meeresbewohnern zum Verhängnis wird.

Doch Klemens Pütz klärt uns über die hochkomplexen Mechanismen im Meer und auf Land auf, nicht um uns Angst zu machen, sondern um uns für die Umwelt zu sensibilisieren. Wie er selbst sagt, ist er Gegner düsterer Zukunftsvisionen – „Wenn jeder das tut, was er dort, wo er ist, tun kann, dann kommt eine Menge zusammen.“ Forschung, Aufklärung, Veränderung und Zusammenarbeit – das ist es, was Klemens Pütz und der „Antarctic Research Trust“ fordern. „Hinschauen, nachdenken, Einsatz zeigen – das lohnt sich. Die Meere sind in einer dramatischen Situation. Aus Pinguinsicht ist aber auch schon vieles richtig gut gelaufen. Es wurden Probleme erkannt und Lösungen gefunden.“

Ein mitreißendes, informatives und bewegendes Buch. Eine klare Leseempfehlung, nicht nur für Pinguinfreunde, sondern für alle, denen die Pflanzen- und Tierwelt am Herzen liegt.

Veröffentlicht am 22.09.2018

»Wenn die Welt es dir zu schwer macht, nimm dir ein Buch und geh in eine andere.«

Für immer ist die längste Zeit
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Madeline ist vom Bibliotheksgebäude gestürzt. Selbstmord heißt es. Ihr Mann Bradley und ihre Tochter Eve sind am Boden zerstört und geben sich die Schuld an Madelines Tod. Warum sonst hätte sie sich das ...

Madeline ist vom Bibliotheksgebäude gestürzt. Selbstmord heißt es. Ihr Mann Bradley und ihre Tochter Eve sind am Boden zerstört und geben sich die Schuld an Madelines Tod. Warum sonst hätte sie sich das Leben nehmen sollen, wenn nicht weil sie unglücklich war und sich nicht geliebt gefühlt hat?

Der Roman "Für immer ist die längste Zeit" setzt sich profund mit dem Thema Trauer auseinander. Die Autorin lässt uns sowohl an Eves und Bradleys als auch an Madelines Innenleben teilhaben - denn Madelines Geist nimmt weiterhin am Leben ihrer Liebsten teil, sie möchte sie in ihrem Schmerz trösten, aber auch einen Ersatz finden - Bradley kommt doch nie ohne Frau zurecht und Eve braucht doch eine Mutter! Doch die Zeit drängt, denn Madeline schwebt immer mehr in die Höhe...

Alle drei Protagonisten des Romans setzen sich mit ihrer Vergangenheit und der Rolle, die sie in der Familie gespielt haben, auseinander. Dabei geht es nicht nur um die Verhältnisse Bradley-Madeline und Eve-Madeline, sondern auch um weitere, wie z.B. Madelines Verhältnis zu ihrer eigenen Mutter, die Alkoholikerin war und sich das Leben nahm - die Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Schuld ist meiner Meinung nach der erschütterndste und gelungenste Teil des Romans, da er äußerst wahrhaft scheint.

Zweifellos lässt sich Abby Fabiaschi eine eingehende Beschäftigung mit dem Thema des Verlusts und der Trauer zusprechen, leider ist der Roman jedoch insgesamt zu bemüht - zu bemüht locker oder zu bemüht tiefgründig. Ich konnte mich oftmals auch leider des Eindrucks nicht erwehren, dass sich die Autorin bzw die Figuren im Ton vergreifen. Ein Absatz, ein Satz, ein Halbsatz, ja, manchmal auch nur ein Wort schienen fehl am Platz, der Situation nicht angemessen.

Man vergisst beim Lesen nie, dass es sich um reine Fiktion handelt. Trotzdem ist die Intention der Autorin zu loben. Der Roman gibt Anstöße, das eigene Handeln in der Familie zu überdenken.

Veröffentlicht am 22.09.2018

Spannendes Puzzlespiel bis zur letzten Seite

The Wife Between Us
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Was über den Roman "The Wife Between Us" schreiben, ohne zu viel zu verraten?

Der Roman ist ein geniales Bespiel für die Manipulation durch selektives Erzählen. Er ist in drei Teile gegliedert, in denen ...

Was über den Roman "The Wife Between Us" schreiben, ohne zu viel zu verraten?

Der Roman ist ein geniales Bespiel für die Manipulation durch selektives Erzählen. Er ist in drei Teile gegliedert, in denen dem Leser kontinuierlich fehlende Puzzleteile in die Hand gegeben werden, aus denen er das Bild zusammenzulegen hat. Im ersten Teil ist das Erzählkonstrukt noch sehr grob gegliedert, es gibt viele Brüche und Unklarheiten, die den Leser bewusst in die Irre führen. Dies wird zusätzlich durch den Wechsel zwischen Vanessas und Nellies Perspektive verstärkt, wobei Vanessa in der Ich-Person erzählt, bei Nellie dagegen der personale Erzähler eingesetzt wird, der für eine größere Distanz zur Figur führen soll. Im zweiten und dritten Teil liegt uns dagegen nur noch die Ich-Perspektive vor, wobei im zweiten Teil, den man als Erinnerungsteil bezeichnen kann, viele Lücken aus dem ersten Teil gefüllt werden. Den dritten und letzten Teil des Romans würde ich als Handlungsteil bezeichnen, da sich hier die Schicksale der beteiligten Figuren entscheiden. Wenn man als Leser denkt, bereits alle Handlungsstränge und Beweggründe erfasst zu haben, switcht der Roman im knapp sechsseitigen Epilog zu Emmas Perspektive über und präsentiert dem Leser das letzte Puzzleteil, womit das Bild vervollständigt wird und daher die Spannung bis zur letzten Seite nicht nachlässt.

Man kann den Roman "The Wife Between Us" als Paradebeispiel des modernen Literaturbegriffs ansehen. Jede Art von Schreiben wird als Selektion, Interpretation und Dramatisierung von Ereignissen angesehen, was sich in den Gattungsformen der Autobiographie und derjenigen des Romans verdichtet: Je nachdem was und wie viel erzählt wird, entsteht eine andere Geschichte, eine neue ,Wahrheit‘. Dies wird ganz deutlich anhand der Aufteilung des Romans in drei Teile vor Augen geführt, indem die Selektion des Erzählens immer größere Kreise zieht. Nicht nur im formalen Aufbau besteht eine hohe Ähnlichkeit zwischen den beiden Gattungsformen, sondern auch inhaltlich, in Hinblick auf die Kausalität und Finalität: Am Ende entsteht die vom Roman herkommende Projektion von Folgerichtigkeit, der sinnhaften Bedeutsamkeit der Dinge und dem ,großen Sinn‘.

Greer Hendricks und Sarah Pekkanen haben das moderne Sprach- und Literaturverständnis verinnerlicht und uns in Form eines spannenden, unterhaltsamen und psychologisch lehrreichen Romans zur Verfügung gestellt!

Veröffentlicht am 22.09.2018

Ein bezaubernder Jugendroman

Zurück auf Gestern
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Bis zu ihrem fünfzehnten Lebensjahr verläuft Claires Leben „verhältnismäßig normal“. Langweilig ist es aber keineswegs. Jedenfalls nicht seit dem Augenblick, als Lulu in ihr Leben tritt. Lulu ist nicht ...

Bis zu ihrem fünfzehnten Lebensjahr verläuft Claires Leben „verhältnismäßig normal“. Langweilig ist es aber keineswegs. Jedenfalls nicht seit dem Augenblick, als Lulu in ihr Leben tritt. Lulu ist nicht nur Claires beste Freundin, sie ist ihr „Herzenszwilling“. Das liegt möglicherweise unter anderem daran, dass sie am selben Tag geboren wurden. Jede freie Minute verbringen sie miteinander, verbünden sich gegen jegliche Widersacher, wie etwa gegen Claires hochbegabte Stiefschwester Sophie, die Claire ständig auf dem Kieker hat, und vertrauen sich jedes Geheimnis an – jedenfalls fast jedes, denn Claire hatte bisher nicht den Mut gefunden, Lulu zu gestehen, dass sie in deren älteren Bruder verliebt ist.

Als Claire zu ihrem fünfzehnten Geburtstag ein Familienerbstück von ihrer kürzlich verstorbenen Großmutter, liebevoll Omili genannt, mit einem Brief überreicht bekommt, ändert sich schlagartig alles in beider Leben. Das Erbstück, ein kugelförmiger Kettenanhänger mit zwei eingearbeiteten Uhrwerken und einer seltsamen Gravur, hat nämlich Zauberkräfte: Zwei herzverwandte Menschen können mit ihm die Zeit zurückdrehen. Claire und Lulu wissen diese Zauberkraft bald für sich zu nutzen, um unliebsame Geschehen wieder rückgängig zu machen.

Doch das allein genügt beiden nicht – sie wollen dem Geheimnis des Zeitumkehrers nachgehen. Eine gute Freundin Omilis, die sich mit altem Schmuck auskennt, kann zumindest die Gravur in Kurrentschrift auf dem Anhänger entziffern. Es handelt sich um eine Nostradamus zugeschriebene Prophezeiung: "Tötet grauser Mord den einen, obsiegt fortan der Menschheit Streit. Nur Gemini die Feinde einen, wenn sie verdrehen den Lauf der Zeit."

Auch Omilis Brief liefert einen Hinweis: „Lies Amalias Tagebuch.“ Dank dem Tagebuch erhält Claire Einblick in Amalias Leben und das ihrer Zwillingsschwester Eugenia, die Anfang des 19. Jahrhunderts gelebt haben. Deren Vater, ein Uhrmacher und Sternenforscher, der die Prophezeiung auf seine Töchter bezog, baute den Zeitumkehrer für die beiden, damit sie die Welt retteten. Nachdem der Streit um einen Mann die beiden Schwestern entzweit, verbindet der Vater Kraft seines Lebens die zwei Hälften zu einer Kugel: „Fest schloss sich Vaters Faust um die halben Kugeln. [...] »Aus zwei wird eins«, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Und nur zwei reine Herzen, die im gleichen Takt für das gleiche Ziel schlagen, werden seine Macht nutzen können.« Als das Beben verebbte, sank Vaters Körper langsam zur Seite. Während seine Augen sich für immer schlossen, öffnete sich seine Faust. Und heraus rollte eine unversehrte Kugel, der man nicht im Geringsten ansah, dass sie je geteilt gewesen war.“

Bald darauf tritt das fast Undenkbare ein: Auch die Herzensschwestern Claire und Lulu entzweit ein großer Streit. Dabei hat es jemand aus der unmittelbaren Nähe zwecks Ausführung eines dunklen Planes auf den Zeitumkehrer abgesehen. Und nur wenn Claire und Lulu kein böser Gedanke und kein noch so kleines Geheimnis mehr voneinander trennt, kann es ihnen gelingen, den schrecklichen Plan zu vereiteln.

Claire, die Ich-Erzählerin, ist eine äußerst sympathische Figur, mit der sich sicherlich jede Leserin gut identifizieren kann: Sie ist humorvoll, zartfühlend und phantasievoll. Da sie vorsichtig und zurückhaltend ist, während Lulu spontan und abenteuerlustig ist, ergänzen sich die beiden auf perfekte Weise.

Katrin Lankers gelingt mit „Zurück auf Gestern“ ein bezaubernder und fesselnder Jugendroman. Er ist ein Plädoyer für Freundschaft, Zusammenhalt, Verantwortung, Ehrlichkeit und Mut. Die Sprache einer Fünfzehnjährigen wird authentisch und überzeugend simuliert. Der Autorin gelingt es auch dem Fach Geschichte, das für Schüler oft trocken und uninteressant wirkt, Leben einzuhauchen und so der Jugend schmackhaft zu machen. Eine deutliche Leseempfehlung für Jugendliche!

Veröffentlicht am 22.09.2018

»Die Arktis ist beides. Friedlich und furchterregend. Sie ist erhaben.«

Das Eis
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Das Eis – ein Roman Laline Paulls, der sich vor dem geschichtlichen Hintergrund der Arktisforschung mit sage und schreibe allen für die Menschheit insgesamt und den Einzelnen im Speziellen relevanten Themen ...

Das Eis – ein Roman Laline Paulls, der sich vor dem geschichtlichen Hintergrund der Arktisforschung mit sage und schreibe allen für die Menschheit insgesamt und den Einzelnen im Speziellen relevanten Themen wie Wahrheit, Gerechtigkeit, Umweltschutz, Politik, Korruption, Moral, Machtstreben, Ruhm, Geld, Status, Loyalität, Liebe und Freundschaft auseinandersetzt – und das alles in Form von einer Geschichte, die in Verbindung mit Paulls ganz eigenen Sprachgewalt den Leser mitreißt und nachhaltig prägt.

Peter Freuchen und Knud Rasmussen, Robert E. Peary und Matthew Henson, Fridtjof Nansen und Roald Amundsen – was verbindet diese Männer? Diese Männer brachen in den genannten Konstellationen zu Polarforschungen in die Antarktis auf und es gelang ihnen nur dank der Hilfe des anderen, des Kameraden, des Freundes diese Aufgabe zu bewältigen und alle lebensbedrohlichen Gefahren zu meistern. „Man wird oft gefragt, was denn den Reiz einer Polarexpedition ausmache und welche Freuden sie mit sich bringt“, schreibt Frank Arthur Worsley während der britischen Polarexpedition 1926 in sein Logbuch. „Abenteuer [...]. Errungenschaften [...]. Sich mit aufgezogenen Segeln oder der Dampfkraft einen Weg durch das Eis zu bahnen. Die wundervolle, unberührte Schönheit dieser Regionen, die gesunde, erquickende Lebensweise und nicht zuletzt – die Kameradschaft, die großartige Kameradschaft unter Männern. Männer, die an deiner Seite kämpfen, die sich zusammen mit dir bei harter Arbeit schinden, die mit dir lachen und mit dir scherzen. [...] Kameraden, die durch Dick und Dünn zusammenhalten, die Schicksalsprüfungen und Entbehrungen, Freuden, Gefahren und ihre spärliche Nahrung miteinander teilen und die, unter allen erdenklichen Umständen, wild entschlossen sind, die Sache zusammen durchzustehen.“

Auch Tom Harding und Sean Cawson verbindet eine herzliche Kameradschaft und große Freundschaft seit sie zusammen als Studenten 1988 an einer Grönland-Expedition teilnehmen. Tom ist "mit einem goldenen Löffel im Mund geboren worden", ist unheimlich gutaussehend und ein wahrer Frauenschwarm, bleibt trotz dessen völlig unverdorben und widmet sein Leben nach erfolgreich abgeschlossenem Jurastudium ganz dem Umweltschutz. Sean dagegen ist Halbwaise und stammt aus ärmlichen Familienverhältnissen. Er ist ein Self-made-Man, für den Geld und Status stets eine Versuchung darstellen und die ihn oftmals die falschen Entscheidungen treffen lassen. Die gesamte Geschichte wird aus Seans Perspektive erzählt und Laline Paull gelingt das fast Unmögliche: Der Leser fühlt und leidet mit dem Protagonisten mit – jenseits von jeglichen Sympathie- beziehungsweise Antipathiegefühlen.

Toms und Seans Lebenswege kreuzen sich beim Trinity Term Dinner der elitären »Gesellschaft der verschollenen Polarforscher«, bei der Sean kellnert und Tom als neuestes Mitglied aufgenommen werden soll. Seit Sean im Alter von zwölf Jahren dieses riesige Ölgemälde mit Eisbergen in dem Kinderheim sah, in das er gesteckt wurde, während sich seine Mutter von einem ihrer Selbstmordversuche erholte, ist er von dem einen Gedanken wie besessen: Er möchte die Arktis erforschen. Dieser Wunsch entspringt einem großen Gefühl der Einsamkeit: „Während er dort stand, konnte er sein Elend vergessen und sein gesamtes Bewusstsein ins Innere des leuchtenden Eises werfen. Im Vordergrund war der Mast eines gesunkenen Schiffes zu sehen [...] Eines Tages, während er das Bild anstarrte, kam ihm ein Gedanke, von dem er plötzlich wie von einer festen, unverbrüchlichen Wahrheit überzeugt war: Sein Vater war auf dem Schiff gewesen [...], hatte Schiffbruch erlitten und deshalb hatte er ihn auch nie kennengelernt und deshalb wollte seine Mutter sterben. Das Eis hatte ihm seine Familie geraubt, und er musste dorthin fahren, um sie sich wiederzuholen.“ Tom wird seine Familie, und dann auch Joe Kingsmith, der ihnen die Grönland-Expedition finanziert, und dann Gail, die er heiratet. Beide, Tom und Sean, stehen fest im Leben, als sie vom Verkauf des Midgard-Grundstücks erfahren, das der Pedersen-Familie gehört. Als Greenpeace-Mitglied gelingt es Tom die Pedersens davon zu überzeugen, dass Sean und er als Hüter der Arktis fungieren werden – die Midgard Lodge entsteht. „Es galt, die eigentliche und wichtigste Zielsetzung von Midgard im Auge zu behalten: nämlich einen inspirierenden Ort zu schaffen, an dem die Versöhnung von Unternehmertum und ökologischer Verantwortung gefördert wurde.“ Doch die Dinge scheinen sich mit der Zeit in die falsche Richtung zu entwickeln. Bei einer Expedition, bei der die Polarlichter und die Besichtigung des Großen Saals im Vordergrund stehen, kommt es zu einer Meinungsverschiedenheit der beiden. Der jähe tragische Tod, der Tom in der Höhle heimsucht und dem Sean nur um eine Haaresbreite entgeht, setzt eine scharfe Zäsur in das Leben der Menschen, die ihn lieben, und die Entwicklungen auf Midgard Lodge. Vier Jahre später wird der Leichnam Tom Hardings beim Kalben des Gletschers freigegeben und eine gerichtliche Untersuchung zur Todesursache einberufen. „[Sean] musste diesen Schock einfach als Chance umdeuten – als Chance, endlich mit der Geschichte abzuschließen. [...] Im Innersten seines Herzens wusste er, dass die Sache für ihn alles andere als abgeschlossen war. Er hatte lernen müssen, mit dem Gedanken zu leben, dass Tom in jener unberührten makellosen Weite verloren gegangen war – genau so hatten auch zahlreiche andere arktische Helden ihr Ende gefunden.“

An dieser Stelle beginnt das Herzstück des Romans. Der gesamte Hergang des Geschehens am Vortag und dem Tag des tragisches Unfalls wird Stück für Stück rekonstruiert, indem jeweils ein Teil dessen unvermittelt zwischen oder nach jeder Zeugenaussage geschoben wird. Es scheint auch alles geklärt und aufgelöst zu sein, der Untersuchungsrichter zieht sich zur Urteilsfindung zurück, als Sean am nächsten Tag, zerschlagen und blutverschmiert, um eine erneute Zeugenaussage bittet. Die Medien toben, ein weltweiter Skandal ist ausgelöst, ein einziger Eklat. Aber auch das Leben einiger Menschen ändert sich mit einem Schlag, nicht zuletzt sein eigenes. Die ausgesprochene Wahrheit lässt Sean sich selbst erkennen: „Er hatte nur Augen für das Geld gehabt [...]. Er hatte frei darüber verfügen können, hatte alles damit machen können, was er wollte, und was hatte er getan? Alles Erdenkliche, um seinen Platz am Tisch der Mächtigen und Reichen zu beanspruchen. Um sich sicher zu fühlen. [...] Sein eigener gefrorener Freund, der stets bereit gewesen war, sich jeglicher Ungerechtigkeit oder Grausamkeit in den Weg zu stellen, wo auch immer sie ihm begegneten. Doch Sean hatte mehr Wert auf Geld und Status gelegt.“ Nun kann Sean nach vier unendlich langen qualvollen Jahren seinen Frieden mit der Vergangenheit schließen. Gleichzeitig begibt er sich wohlwissend in Lebensgefahr, denn keine Enthüllung der Wahrheit kann ohne Konsequenzen bleiben, aber »Entbehrung und Leiden sind die einzigen Dinge, die den Geist des Menschen für das öffnen können, was allen anderen verborgen bleibt.«

Laline Paull setzt in ihrem Roman "Das Eis" mit Souveränität und Leidenschaft ein Plädoyer für einen moralischen und umweltbewussten Lebenswandel. Für Wahrheit und Gerechtigkeit. Ein sehr unbequemes Buch in unserer Zeit. Und ein wohlrecherchiertes Buch, das mit den eingestreuten zitierten Passagen realer Polarforscher das Verlangen nach weiterer Nachforschung zum Thema Antarktis weckt. Nicht zuletzt liefert Laline Paull mit ihrem Roman eine perfekte Vorlage für einen mitreißenden Film!