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Veröffentlicht am 10.09.2023

Der Geschmack von Apfelringen

Sylter Welle
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Ein brennender Strandkorb ist ein ungewöhnliches Motiv für ein Buchcover. Strandkörbe verbindet man eigentlich mit unbeschwerter Zeit, mit Urlaub und Entspannung. Auch wenn das Motiv im Buch nicht aufgegriffen ...

Ein brennender Strandkorb ist ein ungewöhnliches Motiv für ein Buchcover. Strandkörbe verbindet man eigentlich mit unbeschwerter Zeit, mit Urlaub und Entspannung. Auch wenn das Motiv im Buch nicht aufgegriffen wird, so muss ein brennender Korb eigentlich das Ende von etwas bedeuten und hier ist es wohl das Ende der gemeinsamen Urlaube von Max mit seinen Großeltern. Der Buchtitel nimmt den Bezug zu Sylt auf, Sylter Welle heißt das Quartier, in dem sie die Ferienwohnung gemietet haben.

Max verbringt ein Wochenende mit seinen Großeltern auf Sylt. Das hat er von klein auf getan, mit den Eltern, mit den Onkeln, mit den Cousins. Weibliche Wesen scheinen keine große Rolle zu spielen, jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern, dass auch Max' Schwester einmal in den Episoden aufgetaucht wäre. Oma hat nicht so gerne Konkurrenz neben sich und ihr Verhältnis zur Schwiegertochter ist gespalten. Omma ist der "Feldherr", die Macherin in der Familie.

Oma Lore und Opa Ludwig hatten die Söhne und Enkel gerne um sich und Oma Lore hat sie alle bekocht und verwöhnt und zwar auf ihre Art.

Das Leben und Verhalten der Großeltern ist strukturiert, dogmatisch und vorhersehbar. Manche Dinge waren schon immer so und sind anders auch nicht denkbar, da gibt es keine Diskussionen darüber.

Es scheint so zu sein, wie es in vielen Familien ist: da ist ein besonderes Verhältnis zwischen Großeltern und Enkeln. Die Chance der Eltern kommt, wenn sie selbst einmal Großeltern sind.

Max schildert sich selbst als Kind. Ganz einfach war es wohl nicht mit ihm, er verhielt sich nicht immer so, wie es vom ihm erwartet wurde. Wie sagt die Oma so schön: „unkontrolliert“. Erst mit den Jahren wurde es besser.

In zeitlich wechselnden Episoden erinnert er sich an gemeinsame Zeiten und oft kommt er vom „Hölzchen aufs Stöckchen“, ein Stichwort gibt das andere und er schweift weit ab, bevor er wieder zu dem kommt, was er eigentlich erzählen wollte.

Tag 1 des Wochenendes ist ausgefüllt mit allen möglichen eher positiven Erinnerungen. Ganz anders Tag 2: Hier überwiegt die Melancholie, es kommen die Schicksalsschläge zur Sprache, die der Familie über die Jahre zugesetzt haben und sie so haben werden lassen, wie sie jetzt sind. Hier erhält das Buch auch deutlich mehr Tiefgang.

Am dritten Tag kündigt sich schon der Abschied an, der Alltag kehrt ein und Max ist in Gedanken und selbst in Taten schon wieder zurück in seinem eigenen Leben. Omas Abendessen verschmäht er und macht noch einen Abstecher zu Mac Donalds, um satt zu werden. Mir schien es wie ein Abnabeln, ein Schritt in die Selbstständigkeit, die zwar nicht unbedingt besser aber selbstbestimmt ist.

Die Apfelringe, die sonst immer den Urlaub eingeläutet haben, markieren jetzt das Ende der gemeinsamen Zeit auf Sylt. Sie wirken wie ein Abschiedsgruß.

Ich bin mir immer noch unsicher, wie ich zu dem Buch stehe. Es liest sich gut und flüssig, auch wenn das Abschweifen den Leser manchmal rat- und orientierungslos zurücklässt. Omma ist der bestimmende Charakter, Oppa bleibt neben ihr blass und fällt höchstens durch seine Schrullen und seine immer wieder eingestreuten schlesischen Begriffe auf. Die "fetzige Lerge" hat mich bis zum Schluss irritiert. Gegen Oma aufbegehrt hat er wohl in erster Linie durch Wutausbrüche, die aber erst im letzten Abschnitt thematisiert werden. Jetzt im Alter wirkt er eher hilflos und abhängig. Doch auch Oma Lore ist nicht mehr die, die sie war. Als Feldherrin scheint ihr das Heer abhanden gekommen zu sein, da ist mit Opa Ludwig nur noch ein einziger müder und alter Soldat übrig geblieben.

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Veröffentlicht am 05.09.2023

Gut gehütete Geheimnisse

Die Windsor-Akte
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Die Geschichte beginnt in den ersten Monaten des Zweiten Weltkrieges. Der englische König Edward hat wegen Wallis Simpson auf den Thron verzichtet und befindet sich in Paris und feiert dort rauschende ...

Die Geschichte beginnt in den ersten Monaten des Zweiten Weltkrieges. Der englische König Edward hat wegen Wallis Simpson auf den Thron verzichtet und befindet sich in Paris und feiert dort rauschende Feste. Man hat ihm Bedienstete zur Seite gestellt, die aber auch vom Geheimdienst instruiert wurden und Edward bespitzeln sollen. Einer davon ist Ajax Doggerton, ein Student der Literaturwissenschaft, eigentlich in erster Linie an Shakespeare interessiert und nun damit beauftragt, sich in die große Politik möglichst unauffällig einzumischen.
England hat Angst, dass Edward sich von den Nazis umgarnen lässt, Hitler und Ribbentrop hätten nämlich gerne eine willfährige Enkelin von Kaiser Wilhelm auf dem englischen Thron gesehen.
Ajax ist kaum in Paris angekommen, da verliebt er sich schon in Lydie, eine der weiblichen Bediensteten des Herzogspaars. Seine Berichte nach London entstammen mehr seiner Phantasie als der tatsächlichen Wahrheit.
Als die Nazis in Paris einmarschieren, flüchtet das Herzogspaar nach Süden. Ihnen auf den Fersen der britische Geheimdienst mit Mordplänen an Edward und Wallis sowie die deutsche Prinzessin Katharina, die einfach nicht wahrhaben will, dass Edward sie abgelehnt hat.
Die Flucht von Katharina und Lydie vor den sie verfolgenden Agenten Gallaghers konnte man sich bildlich vorstellen. Herrlich, dieser Stopp auf dem Bauernhof mit dem kussfreudigen Gaspard. Und wie dann Lydie blitzschnell in die Rolle der Bäuerin schlüpfte. Auch der Handel mit dem Sargschreiner war genial.

Hätte das Ganze nicht einen wahren Kern, man hätte es gut für das Produkt der schriftstellerischen Phantasie des Autors halten können. Es ging manchmal zu wie in einem Bond-Film, aber auch da befand man sich ja in den Diensten Seiner oder Ihrer Majestät.

Insofern ist es sehr gut, dass Dirk Husemann ganz zum Schluss den geschichtlichen Hintergrund erläutert und erklärt, warum es für Churchill so kompromittierend gewesen wäre, wenn die Akte zu einem frühen Zeitpunkt öffentlich geworden wäre. Dass dafür auch kurz nach Kriegsende noch getötet worden wäre, zeigt einmal mehr die Verblendung und den blinden Gehorsam der mit der Akte Betrauten.

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Veröffentlicht am 04.09.2023

Nach Regen folgt Sonnenschein

Rheinkinder
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Was für eine schöne Überraschung! Der Klappentext des Buches hatte mich angesprochen, weil ich am Rhein lebe und mir schon weit vielen Jahren wünsche, einmal mit einem Transportschiff den Rhein von Basel ...

Was für eine schöne Überraschung! Der Klappentext des Buches hatte mich angesprochen, weil ich am Rhein lebe und mir schon weit vielen Jahren wünsche, einmal mit einem Transportschiff den Rhein von Basel bis nach Holland herunterzufahren. Ich würde sogar Kartoffeln schälen 😊.

Die Erwartungen, einiges über das Leben an Bord zu erfahren, wurden auf jeden Fall erfüllt, auch wenn es Einblicke in die Vergangenheit waren. Diese Szenen spielen sich 1965 an Bord ab und beleuchten das Leben einer 5- köpfigen Familie, die Waren auf dem Rhein transportiert.

Die Logbucheinträge spielen in drei verschiedenen Zeiten:

1965 Unbeschwerte Kindheit auf der Lucetta
1990 Heimkehr nach Emmerich
2010 Verschrottung des Schiffes, Einladung zur Feier

Die Handlung ist aus der Sicht von Hanne geschrieben, einem von 3 Kindern des Kapitäns August Bremel. Sie erinnert sich an das Schicksalsjahr 1965, das für die Familie eigentlich alles änderte, sie denkt an 1990 zurück, als es zu einem weiteren großen Verlust kam, aber auch zu einer glücklichen Fügung und sie schließt 2010 mit der Verabschiedung des Schiffes Lucetta auf dem Schiffsfriedhof ab.

Dieser Wechsel zwischen den Zeiten lässt das Buch wie ein Puzzle erscheinen, neue Teile liefern neue Informationen und ergeben erst bei Abschluss ein vollständiges Bild.

Das Buch ist erstaunlicherweise auch spannend, damit hatte ich gar nicht gerechnet. Streckenweise bei den Ereignissen des Jahres 1990 liest es sich wie ein Krimi, nur dass die Polizei oder Ermittler nur am Rande auftauchen.

Es ist ein Buch, das letztendlich auch versöhnt. So schlimm die Ereignisse der Jahre 1965 und 1990 sind, so bleibt die Familie doch ein Rückhalt und vor allem die Oma kann mit ihrer reichen Lebens- und „Sprichworterfahrung“ traurige Situationen entschärfen und einem manchmal sogar bei Beerdigungen ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Hätte sie sich erinnert, so hätte sie vielleicht kommentiert: „Nach Regen kommt Sonnenschein“ und tatsächlich ist es ein kleines Mädchen, das der Familie wieder eine Perspektive und eine Zukunft gibt. Dass sie dann auch noch dem Metier treu bleibt, gibt dem Ganzen einen besonderen Abschluss. Die alte Zeit endet mit der Verschrottung der Lucetta und eine neue beginnt auf einem riesigen Containerschiff auf hoher See.

Wie schon zu Beginn erwähnt, habe ich das Buch genossen und war sehr positiv überrascht, dass es so viele Seiten hatte. Seiten nicht in Bezug auf die Buchlänge, sondern es war Familiengeschichte, Drama, Krimi, Biografie, alles in einem.

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Veröffentlicht am 01.09.2023

Ist der Gärtner immer der Mörder?

Teufelstropfen
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Das war mein erster Krimi von Gina Greifenstein. Ich hatte nach dem Titel vielleicht ein bisschen mehr Infos um den Wein erwartet, das wurde aber nur am Rande erfüllt. Ich hatte das Gefühl, selbst in der ...

Das war mein erster Krimi von Gina Greifenstein. Ich hatte nach dem Titel vielleicht ein bisschen mehr Infos um den Wein erwartet, das wurde aber nur am Rande erfüllt. Ich hatte das Gefühl, selbst in der Pfalz trinkt man mehr Schorle als echten Wein. Aber klar, wenn das Auto vor der Tür steht.
Aber immerhin ist es der Teufelstropfen, der fast jemanden vom Leben zum Tod befördert hätte. Von daher ist er wenigstens das Mordinstrument.

Paula Stern, ursprünglich aus Franken, hat es als Kommissarin in die Pfalz verschlagen und dort versieht sie zusammen mit dem älteren Kollegen Bernd Keeser ihren Dienst. Nur ist Keeser nach einer Schussverletzung längere Zeit krankgeschrieben und man stellt ihr plötzlich einen Kollegen zur Seite, den sie auf den Tod nicht ausstehen kann.

Ihr Leihhund Othello, den sie im Auftrag einer Nachbarin für mehrere Wochen hütet, gräbt in der Pause eines Konzerts einen menschlichen Finger aus. Wie sich herausstellt, ist der Rest auch noch vorhanden, nur weiß niemand, wer dort unter dem Kirschlorbeer vergraben wurde. Die Ermittlungen beginnen und natürlich mischt sich auch der eigentlich krankgeschriebene Keeser in die Arbeit ein.
Wie gut, dass jedes Dorf eine Tratschtante hat, auch wenn deren Aussagen nicht immer geglaubt werden kann. Aber immerhin liefern sie manchmal zumindest einen ersten Ansatzpunkt.

Natürlich spielen auch die persönlichen Befindlichkeiten der Ermittler immer eine Rolle, das Ende und ein „Souvenir“ aus einer ehemals glücklichen Beziehung, der Anfang einer neuen Liebe, obwohl es anfangs gar nicht danach aussah. Pfälzische Küche spielt auf jeden Fall eine wichtige Rolle und den Weg von Landau nach Minfeld würde ich vielleicht auch schon finden.

Auch wenn die Ermittler etwas länger brauchten, das Umfeld des Täters erschloss sich mir relativ früh, dennoch lag ich zum Schluss knapp daneben.

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Veröffentlicht am 30.08.2023

Manches Problem braucht nur einen guten Zuhörer

Hör auf dein Herz, auch wenn es stolpert
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Floriane ist gerade 50 geworden und hat mit ihrem Mann und guten Freunden und Kollegen eine rasante Geburtstagsparty hinter sich. Alles scheint in Ordnung, schließlich ist 50 das neue 30. Also, kein ...



Floriane ist gerade 50 geworden und hat mit ihrem Mann und guten Freunden und Kollegen eine rasante Geburtstagsparty hinter sich. Alles scheint in Ordnung, schließlich ist 50 das neue 30. Also, kein Grund zur Sorge… oder doch?

Der erste Schlag trifft sie am Abend. Gerade ist die Wohnung aufgeräumt und wieder ansehnlich, das Essen (wenn auch nur Reste von der Party) steht auf dem Tisch, als Wenzel, ihr Mann, ihr das Ende ihrer Ehe verkündet und sie bittet, innerhalb von einer Stunde die Wohnung zu verlassen. Vollkommen durcheinander flüchtet sie in das Notzimmer des Hotels, dessen Managerin sie ist, doch auch da wird ihr am nächsten Tag gekündigt. Eine über 50jährige schwäche die Credibility in einem Haus, das sich gerade zum Ziel gesetzt habe, jünger, hipper und unique zu werden. Jetzt bleibt nur noch Tante Ilse!

Auch wenn der Roman den Regeln des Spannungsauf- und abbaus folgt und damit in gewisser Weise ein Happy End erwartet werden kann, so ist er humorvoll geschrieben. Besonders gut gefallen hat mir tatsächlich die Szene mit Clemens und Cleo, die zwar Floriane vor die Tür setzen, sich aber mit ihrem „Businesskasper-Englisch“ vollkommen lächerlich machen. Und die letzte Botschaft an Wenzel zeugt wirklich von Schlagfertigkeit und Humor!!

Floriana macht tatsächlich das Beste aus ihrer Situation. Sie tut das, was sie am besten kann, nämlich zuhören, und zieht aus den Lebensbeichten ihrer Klienten auch Erkenntnisse für sich selbst. Womit wir wieder beim Denglisch wären, schließlich ergibt sich eine Win-Win-Situation.

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