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Veröffentlicht am 28.03.2026

Einfach erzählt, aber nicht tiefgründig

Eine Frau
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In Eine Frau widmet sich Annie Ernaux dem Leben ihrer Mutter: einer Frau, die als einfache Arbeiterin begann, mit einem kleinen Café einen bescheidenen sozialen Aufstieg schaffte und die schmerzhafte Entfremdung ...

In Eine Frau widmet sich Annie Ernaux dem Leben ihrer Mutter: einer Frau, die als einfache Arbeiterin begann, mit einem kleinen Café einen bescheidenen sozialen Aufstieg schaffte und die schmerzhafte Entfremdung von ihrer Tochter erlebte, die durch Bildung und den Wechsel in eine andere gesellschaftliche Schicht unausweichlich wurde.

Was mir bei der Lektüre schnell auffiel: Das Thema ist nicht neu. Mutter-Tochter-Beziehungen, soziale Scham, der Verlust einer geliebten Person, all das wurde in der Literatur schon oft und oft bewegender verhandelt. Ich habe mich gefragt, was dieses Buch eigentlich aus der Masse heraushebt, und bin zu keiner überzeugenden Antwort gekommen.

Auch Ernaux' Art zu schreiben hat mich nicht überzeugt. Sie erzählt schlicht, fast nüchtern, reiht Fakten und Beobachtungen aneinander. Das ist sicher bewusste Entscheidung, aber für meinen Geschmack bleibt es zu sehr an der Oberfläche. Ich vermisste sprachliche Dichte, metaphorische Ebenen, das Symbolische, das über das konkret Erzählte hinausweist. Stattdessen dominieren einfache Sätze, knappe Beschreibungen, ein Erzählen, das sich nah am Tatsächlichen bewegt, aber eben auch nicht mehr.

Die rund 100 Seiten sind schnell gelesen, aber der Nachhall blieb gering. Ich habe das Buch ohne große emotionale Beteiligung beendet und frage mich, was mir die Lektüre über das bereits Bekannte hinaus gegeben hat.

Ein Buch, das thematisch und stilistisch unaufgeregt daherkommt – wer einfache, schnörkellose Prosa schätzt, wird damit vielleicht zufrieden sein. Wer literarische Tiefe, sprachliche Besonderheit oder eine originelle Perspektive sucht, wird hier vermutlich enttäuscht.

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Veröffentlicht am 28.03.2026

Eine Milliarde für ein Menschenleben

Der Besuch der alten Dame
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Friedrich Dürrenmatt hat mit Der Besuch der alten Dame ein Stück geschrieben, das mich auf eine Weise getroffen hat, wie es nur große Literatur kann. Ich gebe volle 5 Sterne, für eine Sprachgewalt, eine ...

Friedrich Dürrenmatt hat mit Der Besuch der alten Dame ein Stück geschrieben, das mich auf eine Weise getroffen hat, wie es nur große Literatur kann. Ich gebe volle 5 Sterne, für eine Sprachgewalt, eine Zuspitzung und eine Gesellschaftsanalyse, die auch nach Jahrzehnten nichts von ihrer Schärfe verloren hat.

Die Ausgangslage ist so einfach wie perfide: Die Milliardärin Claire Zachanassian kehrt in ihr verarmtes Heimatdorf Güllen zurück und bietet eine Milliarde, für den Tod des Mannes, der sie einst als junge Frau verriet und um ihr Glück brachte. Was folgt, ist kein simples Rachedrama, sondern die sezierende Entlarvung einer ganzen Gemeinschaft. Die Bürger, erst empört, schleichen sich in moralischen Verhandlungen Schritt für Schritt an den Mord heran. Dürrenmatt zeigt, wie aus Prinzipien Handelspreise werden, und wie die menschliche Würde am Geld scheitert.

Die Figuren sind keine Helden, sondern Typen, die durch ihre Präzision erschreckend echt wirken. Claire Zachanassian selbst ist eine der großartigsten Bühnenfiguren: kalt, berechnend, unheimlich, und doch trägt sie einen Schmerz in sich, der sie fast tragisch macht. Dürrenmatts Sprache ist knallhart, seine Dialoge sitzen wie gezielte Schläge, und der schwarze Humor lässt einen selbst in den bittersten Momenten nicht los.

Dieses Stück ist keine Wohlfühlkost, sondern ein Spiegel. Es stellt die Frage, was aus Moral wird, wenn der Preis hoch genug ist und liefert eine Antwort, die wehtut. Für mich ein Meisterwerk der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur, das nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat. Absolute Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 28.03.2026

Poesie des Augenblicks

Katherine Mansfield: Kurzgeschichten
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Mit dieser Sammlung von neun Kurzgeschichten beweist Katherine Mansfield einmal mehr ihre unnachahmliche Fähigkeit, das Alltägliche mit poetischer Präzision einzufangen und darin tiefere Wahrheiten ans ...

Mit dieser Sammlung von neun Kurzgeschichten beweist Katherine Mansfield einmal mehr ihre unnachahmliche Fähigkeit, das Alltägliche mit poetischer Präzision einzufangen und darin tiefere Wahrheiten ans Licht zu bringen.

Die Auswahl entführt den Leser in scheinbar harmlose Szenen des Lebens – ein Gartenfest, eine Zugfahrt, ein einsamer Spaziergang. Doch hinter der glatten Oberfläche des Gewöhnlichen brechen sich die großen Themen von Identität, Freiheit und gesellschaftlichen Zwängen Bahn. Mansfield versteht es meisterhaft, die feinen Risse in den Fassaden ihrer Figuren sichtbar zu machen.

Ihr Stil ist dabei von einer fast schon analytischen Schärfe, bleibt aber stets lyrisch und sinnlich. Jede der neun Geschichten ist ein kleines, in sich geschlossenes Kunstwerk, das noch lange nachhallt.

Absolute Leseempfehlung für alle, die literarische Kurzprosa lieben, die unter die Haut geht. Ein Hochgenuss für Freunde von Virginia Woolf oder Tschechow.

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Veröffentlicht am 28.03.2026

Gefühlstheater

Die Leiden des jungen Werther
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Goethes Werther gilt als Wegbereiter der Empfindsamkei, aber für mich war die Lektüre vor allem eines: anstrengend. Ich vergebe 2 Sterne, weil ich die sprachliche Eleganz und die historische Bedeutung ...

Goethes Werther gilt als Wegbereiter der Empfindsamkei, aber für mich war die Lektüre vor allem eines: anstrengend. Ich vergebe 2 Sterne, weil ich die sprachliche Eleganz und die historische Bedeutung anerkenne, mit dem Protagonisten und der Auflösung aber überhaupt nicht warm wurde.

Werther ist für mich kein tragischer Held, sondern ein selbstverliebter Melancholiker, der sein Unglück genüsslich zelebriert. Statt Abstand zu gewinnen oder Verantwortung zu übernehmen, steigert er sich in eine Spirale aus Jammer und Vorwürfen. Seine Briefe wirken nicht authentisch verzweifelt, sondern inszeniert, und nach einer Weile ist dieses Gejammer einfach nur noch ermüdend.

Das größte Problem aber ist das Ende. Nach all dem psychologischen Aufbau wirkt der Selbstmord wie ein dramaturgischer Kurzschluss. Statt einer zwingenden Tragödie liefert Goethe eine fast verklärende Darstellung des Sterbens, die mir weder stimmig noch überzeugend erscheint. Anstatt Erschütterung bleibt Ratlosigkeit.

Vielleicht war das Buch für seine Zeit revolutionär. Aus heutiger Sicht empfinde ich es als überkonstruiert, emotional übertrieben und in der Auflösung schlicht unbefriedigend. Wer auf historische Bedeutung und intensive Gefühlsschilderungen Wert legt, mag es mögen, für mich war es eine Enttäuschung.

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Veröffentlicht am 28.03.2026

Ein Meisterwerk der Beklemmung

Franz Kafka: Die Verwandlung
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Franz Kafkas Die Verwandlung ist ein Werk, das mich nachhaltig erschüttert hat. Ich gebe volle 5 Sterne, weil diese Erzählung auf kaum mehr als 70 Seiten eine existenzielle Tiefe erreicht, die viele Romane ...

Franz Kafkas Die Verwandlung ist ein Werk, das mich nachhaltig erschüttert hat. Ich gebe volle 5 Sterne, weil diese Erzählung auf kaum mehr als 70 Seiten eine existenzielle Tiefe erreicht, die viele Romane nicht ansatzweise bieten.

Die Ausgangssituation ist so simpel wie verstörend: Gregor Samsa erwacht eines Morgens als „ungeheures Ungeziefer“. Was folgt, ist keine phantastische Abenteuergeschichte, sondern die schonungslose Zergliederung einer Familie, die unter dem Druck des Andersseins zerbröckelt. Kafka zeigt, wie aus anfänglicher Fürsorge mit der Zeit Ekel, Gleichgültigkeit und schließlich Erleichterung über die Last der Pflege werden.

Die Genialität liegt in der nüchternen, fast protokollarischen Sprache, mit der das Ungeheuerliche erzählt wird. Keine Erklärung für die Verwandlung, keine psychologische Auflösung – stattdessen die präzise Schilderung eines schleichenden Verlusts von Menschlichkeit, auf beiden Seiten. Die Verwandlung ist nicht nur die Gregors, sondern auch die seiner Familie: aus bürgerlicher Ehrbarkeit wird kalte Berechnung.

Dieses Buch hat mich sprachlos zurückgelassen. Es ist ein Meisterwerk über Entfremdung, Schuld und die Fragilität familiärer Bindungen. Absolute Leseempfehlung für alle, die Literatur suchen, die nicht oberflächlich bleibt, sondern bis ins Mark vordringt.

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