Einfach erzählt, aber nicht tiefgründig
Eine FrauIn Eine Frau widmet sich Annie Ernaux dem Leben ihrer Mutter: einer Frau, die als einfache Arbeiterin begann, mit einem kleinen Café einen bescheidenen sozialen Aufstieg schaffte und die schmerzhafte Entfremdung ...
In Eine Frau widmet sich Annie Ernaux dem Leben ihrer Mutter: einer Frau, die als einfache Arbeiterin begann, mit einem kleinen Café einen bescheidenen sozialen Aufstieg schaffte und die schmerzhafte Entfremdung von ihrer Tochter erlebte, die durch Bildung und den Wechsel in eine andere gesellschaftliche Schicht unausweichlich wurde.
Was mir bei der Lektüre schnell auffiel: Das Thema ist nicht neu. Mutter-Tochter-Beziehungen, soziale Scham, der Verlust einer geliebten Person, all das wurde in der Literatur schon oft und oft bewegender verhandelt. Ich habe mich gefragt, was dieses Buch eigentlich aus der Masse heraushebt, und bin zu keiner überzeugenden Antwort gekommen.
Auch Ernaux' Art zu schreiben hat mich nicht überzeugt. Sie erzählt schlicht, fast nüchtern, reiht Fakten und Beobachtungen aneinander. Das ist sicher bewusste Entscheidung, aber für meinen Geschmack bleibt es zu sehr an der Oberfläche. Ich vermisste sprachliche Dichte, metaphorische Ebenen, das Symbolische, das über das konkret Erzählte hinausweist. Stattdessen dominieren einfache Sätze, knappe Beschreibungen, ein Erzählen, das sich nah am Tatsächlichen bewegt, aber eben auch nicht mehr.
Die rund 100 Seiten sind schnell gelesen, aber der Nachhall blieb gering. Ich habe das Buch ohne große emotionale Beteiligung beendet und frage mich, was mir die Lektüre über das bereits Bekannte hinaus gegeben hat.
Ein Buch, das thematisch und stilistisch unaufgeregt daherkommt – wer einfache, schnörkellose Prosa schätzt, wird damit vielleicht zufrieden sein. Wer literarische Tiefe, sprachliche Besonderheit oder eine originelle Perspektive sucht, wird hier vermutlich enttäuscht.