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Veröffentlicht am 12.02.2025

Zwischen den Mühlsteinen der „Unbegabten“

Die Allee
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Was fiel mir zuerst ins Auge, der Titel oder das Coverbild? Es war wohl beides. „Die Allee“ löste bei mir sofort einen Gedankengewitter aus, Stalinallee, 17. Juni 1953, 13. August 1961, Haus des Kindes, ...

Was fiel mir zuerst ins Auge, der Titel oder das Coverbild? Es war wohl beides. „Die Allee“ löste bei mir sofort einen Gedankengewitter aus, Stalinallee, 17. Juni 1953, 13. August 1961, Haus des Kindes, Kino International, Kongresshalle, Fernsehturm usw. Als Berlinerin erinnere ich mich an viele Details, mein Vater arbeitete am Nationalen Aufbauprogramm mit. Das Coverbild erinnert mich aber sofort auch an Kat Menschiks Cover für MOABIT, dass ich da richtig lag, las ich dann im Impressum. Wobei mir dieses Allee-Cover noch viel besser gefällt. Gehört habe ich erstmals von Florentine Anders und ihrem Roman in der Vorschau auf die Literaturereignisse 2025 beim NDR. Nur noch ein kleiner Schritt wars bis zu meiner Bücherwunschliste.
Nun habe ich dieses wunderbare Buch beendet und bin fast traurig, dass ich nicht noch mehr lesen kann über die Familie Henselmann, den Architekten Hermann Henselmann, der an vielen der oben genannten Architekturikonen in Berlin seinen Anteil hatte. Und über seine Ehefrau Isi, seine vielen Kinder, allen voran über Isa, die Mutter der Autorin, aber auch über die zahlreichen Enkelkinder der Familie, über Freunde, Verwandte, Bekannte und Feinde. Florentine Anders eröffnet dem Leser ein riesiges Kaleidoskop an unterschiedlichen Menschen, aber sie hat eine so perfekte Struktur in ihren Roman gebracht, dass es nicht allzu schwerfällt, alle Namen immer wieder richtig einzuordnen. Und diese Struktur spiegelt sich auch in der klaren Ordnung ihrer Kapitel wider. Auch wenn Rückblenden eingearbeitet wurden oder eigene Bemerkungen, immer weiß man als Leser, wann, wo und bei wem man gerade ist. Einhergehend mit der zeitlichen Struktur entwickelt sich nicht nur die Ehe und Familie der Henselmanns, auch die zeitgeschichtlichen Ereignisse werden so gut lesbar und ohne jeden erhobenen Zeigefinger in den Roman integriert.
Wie zufällig ist die Mehrzahl der Kinder und Enkelkinder weiblich, die Durchsetzungskraft, das Urteilsvermögen, manchmal auch das falsche Urteilsvermögen, die festen Regeln der männlichen Vorherrschaft, die immer wieder aufgebrochen werden, all das lässt diesen (autbiografischen und gleichzeitig (autfiktionalen Roman auch zu einem Frauenroman werden, ohne dass übertrieben feministisches Gebaren mich nervte.
Die Lebenswelt der Henselmanns begann Anfang der 1930er Jahre, übersteht Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg, führt durch die Nachkriegszeit ins Bauhaus, dann nach Berlin. Der Architekt Henselmann macht sich erneut einen Namen, will beim Aufbau des neuen Berlins ebenso mitwirken wie beim Aufbau eines neuen Deutschlands. Dass er immer wieder auch auf Widerstände stößt, dass seine Ideen nicht angepasst sind, weder an die des „Großen Bruders“ noch an die „Kleingeister“ und „Unbegabten“ in den neuen Machtstrukturen, das macht ihm und damit auch seiner Familie das Leben schwer.
Dieser Roman, der die Atmosphäre der frühen wie der späteren DDR-Jahre wunderbar authentisch einfängt, liest sich mit großer Leichtigkeit in der Wortwahl und in den Dialogen, und trotzdem mit viel gleichzeitiger Trauer, Verletzlichkeit und Angst. Besonders Isa hat schwer unter den cholerischen Ausbrüchen ihres Vaters zu leiden, die Angst vor ihm wird erst weichen, als er stirbt. Diese Erfahrung zieht sich durch das ganze Buch, auch wenn viele andere Protagonisten auftreten, mit all ihren Schwächen und Stärken, wird es Isa sein, die sich mir ins Gedächtnis gräbt. Und das auch, weil ihre Mutter nicht versucht hat, sie zu beschützen. Dass auch Henselmanns Ehefrau Isi unter ihrem Mann leidet, eigentlich acht Kinder mehr oder weniger allein großzieht, immer die „Niveauhebe“ gibt, wenn erforderlich, alle Feiern und Feste organisiert, sich immer wieder betrügen lässt und trotzdem bis ans Ende zu ihm hält, ist bewundernswert. Diese bedingungslose Aufopferung wird sie nicht allen Kindern vererben. Aber sie bleibt die Frau mit dem „dicken Kopf“.
Interessant sind natürlich auch die Passagen, in denen es um die Staatssicherheit, die ständige Beobachtung, die ekelhafte Einmischung in Privates, die bösartige Macht im Hintergrund geht. Niemand in der DDR war vor diesen Eingriffen sicher, schon gar nicht Familien wie die Henselmanns, mit Kontakten zum und Verwandten im „Westen“. Nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns hatte sich die Paranoia bei den DDR-Granden noch mehr verstärkt und ließ niemanden ungeschoren, der nicht auf Linie war, wie man das nannte.
Dass trotzdem der Fall der Mauer nicht überall auf Gegenliebe stieß, mag den einen oder anderen Leser verwundern. Aber es war so, dass plötzlich die Vergangenheit in einem rosigeren Licht gesehen wurde. Und dass es nach 1989 nicht leicht war, sich zu behaupten, das zeigt die Autorin sehr anschaulich.
Meine Lieblingsfigur im Roman ist die mit beiden Beinen im Leben stehende Isa, der ich jeden Respekt zolle. Allein die Zeit, in der sie in einer Gartenkolonie in einem wahrlich nicht komfortablen Häuschen wohnt und jeden Tag den Arbeitsweg mit zwei kleinen Kindern auf sich nimmt, ist bewundernswert. Nur Berliner werden wissen, wie lange es dauerte, mit der Straßenbahn 49 von Endstation zu Endstation zu zockeln, die Fußwege sind da noch gar nicht eingerechnet. Aber Isa liebte ihre Arbeit und war von heutigen Life-Balance- und Wohlfühlansprüchen kilometerweit entfernt.
Hermann Henselmann hat nicht nur im Buch tiefe Spuren hinterlassen, sein architektonisches Erbe geht weit über Berlin hinaus. Obwohl dieser Mann nicht gerade der Sympathieträger des Romans ist, erkenne ich in seinen Arbeiten, aber auch in unvollendeten Projekten eine große Entschlossenheit und Perfektion. So manche verworfene Idee würde noch heute Bestand haben und die Welt verschönern. Für mich war insbesondere der Strausberger Platz mit dem Haus des Kindes und dem Haus Berlin immer einer der schönsten Orte in Ostberlin, früher und auch jetzt noch.
Und ich zolle auch Florentine Anders großen Respekt für ihre exakten, bestimmt langwierigen Recherchen. Diese werden gerade in der Familie nicht leicht gewesen sein. Wer sieht schon gern sich oder die Verwandten in kritischem Licht, benennt Fehler und Fehlentscheidungen; besonders wenn es um Vater und Mutter oder Geschwister geht, ist das oft sehr problematisch und schmerzhaft. Gerade deshalb bewundere ich das Ergebnis, den vorliegenden Roman, umso mehr. Mit den vielen Familienmitgliedern, ihrem prallen Leben und den rund 70 Jahren deutscher Geschichte, die in diesem Roman stecken, ist es der Autorin gelungen, weit unter 400 Druckseiten zu bleiben und das Buch nicht zu überfrachten. Ein echtes Lesevergnügen.
Fazit: Eine ergreifende Familiengeschichte, ein Berlin- und Architekturroman vom Feinsten. Von mir eine große Leseempfehlung und gern mehr als fünf Sterne.

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Veröffentlicht am 12.02.2025

Berührende Liebes- und Zeitgeschichte

Lindenblütenzeit
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Den ersten Roman von Simona Wernicke habe ich regelrecht verschlungen, Kornblumenzeit war eines der bewegendsten Bücher über Liebe und Tod und Vertreibung aus Ostpreußen. Der Zeitraum, in dem der neue ...

Den ersten Roman von Simona Wernicke habe ich regelrecht verschlungen, Kornblumenzeit war eines der bewegendsten Bücher über Liebe und Tod und Vertreibung aus Ostpreußen. Der Zeitraum, in dem der neue Roman von ihr spielt, ist in etwa der gleiche. Von den 1920er Jahren bis weit in die Nachkriegszeit begleitet der Leser die Familien. Lindenblütenzeit erzählt die Geschichte von Clara, dem Mädchen vom Lande nicht weit von Berlin. Die Hauptstadt ist auch das Traumziel von Clara, die weg möchte aus der Enge und vom alltäglichen Einerlei auf dem Bauernhof. Sie schafft den Absprung in die weite Welt, aber geschenkt wird ihr nichts. Zuerst ist es die Akkordarbeit bei Bolle, die sie schwer erträgt, später ist sie Verkäuferin in einem kleinen Laden. Auch das ein harter Job, sechs Tage die Woche von früh bis spät. Und abends schläft sie erschöpft auf einem Strohsack bei ihrer Tante ein, der gerade mal noch Platz im Wohnungsflur gefunden hatte.
Erst als Clara Otto kennenlernt, sieht sie ein Licht am Horizont. Er ist Friseur und macht etwas her, wie man damals sagte. Es dauert nicht sehr lange und Otto, ihre große Liebe, ist auch der Vater ihres noch ungeborenen Kindes. Otto möchte sich nur zu gern selbstständig machen und es beginnt die hektische Suche nach einer Ladenwohnung. Das, was sie dann finden, ist bei weitem nicht mit dem Traum vom guten Leben vereinbar, dunkel und feucht, in einem Arbeiterviertel in Berlin. Aber alles findet sich, Clara beißt sich durch, es wird geheiratet, das erste Kind kommt. Und es wird nicht das letzte sein. Clara hat ein schweres Leben, wer heute heiratet und Kinder bekommt, hat es da wesentlich komfortabler. Man sollte die Beschreibungen in diesem Buch nicht als Klischee abtun, es ging vielen Frauen so, und manchen noch schlimmer.
Weltwirtschaftskrise, aufkommender Nationalsozialismus, Judenverfolgung und Kindererziehung im Sinne Hitlers, der 1939 beginnende Krieg, Otto wird eingezogen, Clara erlebt Bombennächte. Jeder sollte selbst lesen, wie tapfer Clara und die Kinder all das erleben und überstehen. Auch wie es nach dem Krieg für Clara weitergeht, ist kein Einzelfall, und doch wird es in diesem Buch zu einer zutiefst berührenden Geschichte.
Die Protagonisten sind alle charakterlich sehr lebensecht beschrieben, jeden kann man sich vorstellen, seien es die Eltern und Geschwister von Clara oder ihre eigenen Kinder, die Kunden im Laden. Auch Clara und Otto, beide gemeinsam und jeder für sich allein sind bemerkenswerte Romanfiguren.
Besonders Ottos Kriegserlebnisse fernab der Heimat, zeitgleich mit dem harten Schicksal, das Clara tragen muss, bergen viel Traurigkeit, es gab Stellen die mich fast zu Tränen rührten. Nicht jedes Buch kann das.
Simona Wernicke hat einen sehr natürlichen und gut lesbaren Schreibstil, ihre Dialoge sind lebensecht und nicht zu lang. Mir hat das Lesen dieses Buchs Freude gemacht, auch wenn es mitunter keine leichte Kost war.

Fazit: Dieser Roman ist eine Geschichtsstunde der besonderen Art, von mir ein große Leseempfehlung.
5 Sterne

Lindenblütenzeit

NetGalleyDE

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Veröffentlicht am 11.02.2025

Im Dreieck von Liebe, Verlust und Hoffnung

Rückkehr nach Budapest
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Nikoletta Kiss erzählt die komplizierte Geschichte von Márta, Theresa und Konstantin, aber auch von Mártas Familie in den 1980er Jahren in Ungarn und der DDR. Die Ich-Erzählerin Márta erinnert sich an ...

Nikoletta Kiss erzählt die komplizierte Geschichte von Márta, Theresa und Konstantin, aber auch von Mártas Familie in den 1980er Jahren in Ungarn und der DDR. Die Ich-Erzählerin Márta erinnert sich an Ereignisse und Gefühle, die lange zurückliegen, aber immer noch schwer zu durchschauen sind. Sie besuchte Ostberlin, fühlte sich hin- und hergerissen. Als Theresa Jahre später stirbt, kommen bei Márta die Erinnerungen ungefiltert zurück. Mártas Ehemann András fällt es nicht leicht, das Seelenchaos zu ertragen.
Besonders das, was nicht ausgesprochen wurde und wird, liegt allen - auch später - schwer im Magen. Theresa war die Exzentrische, Konstantin der Rebell, Márta musste sich abnabeln, auch von ihren Eltern, wenn sie nicht untergehen wollte.
Es ist ein Wechselspiel, keine leichte Lektüre, die wechselnden Zeitebnen und vielen Episoden machten es mir nicht leicht. Erst ganz am Ende, das ich hier nicht vorwegnehmen will, wirkt das Buch ruhiger und auch auf mich irgendwie beruhigend.

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Veröffentlicht am 10.02.2025

Amalie auf der Windseite

Aus Liebe zu Roman
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Anke Feuchter hat einen sehr emotionalen und berührenden Roman über eine Frau geschrieben, die viele Jahre ihres Lebens nicht nur auf der Windseite, sondern auch auf der Schattenseite ihr Leben lebte. ...

Anke Feuchter hat einen sehr emotionalen und berührenden Roman über eine Frau geschrieben, die viele Jahre ihres Lebens nicht nur auf der Windseite, sondern auch auf der Schattenseite ihr Leben lebte. Amalie. 1918 geboren, hat im Bombenhagel Eltern und Schwestern verloren. Nachdem ihr Ehemann nicht aus dem Krieg zurückkehrt, verlässt sie mit ihrer Tochter Nadja das schwiegerelterliche Zuhause und will ihr Glück allein versuchen. Um arbeiten zu können, gibt sie Nadja in Pflege, und beginnt in Baden-Baden eine Tätigkeit in einem Café, den Weg ebnet ihr der französische Besatzungsoffizier Julien. Amalie wird seine Geliebte, zu spät begreift sie, dass er verheiratet ist und als er wieder nach Paris beordert wird, bleibt sie schwanger zurück. Mit einiger Mühe holt sie Nadja zu sich und arbeitet für die Besatzungsmacht, ihre Französischkenntnisse sind ihr von großem Vorteil. Als ihr Baby da ist, erweist sich jedoch alle Mühe als umsonst. Sie erkennt, dass sie mit den zwei kleinen Kindern weder eine vernünftige Unterkunft noch eine geeignete Arbeit finden wird. Ihr einziger Ausweg ist die Zustimmung zur bedingungslosen Übergabe ihres kleinen Sohnes Roman zwecks Adoption an die französischen Behörden. Der Versuch, dies rückgängig zu machen, scheitert kläglich.
Amalie verlässt mit Nadja das vertraute Baden und geht zu ihrer Kusine Margarete ins zerbombte Mannheim. Wie sie sich durchschlägt, was sie erlebt und ertragen muss, das ist sehr aufwühlend beschrieben. Noch stärker haben mich aber ihre seelischen Schmerzen berührt. Der Verlust des Kindes ist nicht wieder gutzumachen, die Schuldgefühle, die sie umtreiben, sind schrecklich. Mehr will ich über den Inhalt nicht schreiben, ich versichere jedem potenziellen Leser, dass dieses Buch fesselnd ist bis zur letzten Seite.
Durch diese Lebensgeschichte erfährt der Leser aber auch einiges über die Nachkriegsjahre in Deutschland, über geschichtlich prägende Ereignisse wie die Einführung der D-Mark oder das Abkommen zur Freilassung der letzten Kriegsgefangenen durch den Einfluss Adenauers. Wie tief das Gedankengut der Nazis ins deutsche Alltagsleben eingedrungen war, wie schwer es war, Hoffnung zu finden in diesem auch seelisch und moralisch verwüsteten Land.
Der Schreibstil der Autorin lässt ein schnelles Lesen zu, das kam mir sehr entgegen, ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen. Dass es mich persönlich an mein eigenes Leben und das meiner Kinder erinnerte, kam noch hinzu. Amalie wurde auf nur 298 Seiten für mich so vertraut wie eine Schwester im Geiste. Und das nicht nur, weil sie Böll las und gern ins Kino ging, sondern besonders, weil sie eine „Kratzbürste“ war und trotzdem so sensibel und verletzlich.
Fazit: Es ist ein Roman, aber die Geschichte könnte genauso passiert sein. Amalies Suche nach dem Glück habe ich gern begleitet. Der Roman endet im Jahr 1964, ich wäre nicht böse, würde er irgendwann einmal weitergeschrieben.

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Veröffentlicht am 27.01.2025

Bewegende Lebensbeichte einer starken Frau

Gussie
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Der Autor Christoph Wortberg ist an Vielseitigkeit kaum zu übertreffen: ein Schauspieler, Drehbuchautor und Schriftsteller. Und beim Hören/Lesen merkt man jedem Satz an, dass er Germanistik, Geschichte ...

Der Autor Christoph Wortberg ist an Vielseitigkeit kaum zu übertreffen: ein Schauspieler, Drehbuchautor und Schriftsteller. Und beim Hören/Lesen merkt man jedem Satz an, dass er Germanistik, Geschichte und Philosophie nicht nur studiert hat, sondern auch von Herzen liebt.
„Gussi“ ist Auguste, die Ehefrau von Konrad Adenauer, und im Jahr 1948 auf dem Totenbett lässt Wortberg sie zurückblicken auf ihr ganzes Leben, das nur 52 Jahre währen wird. Das Leben von Gussi als Kind, mit einem über alles geliebten Vater ist lehrreich und bringt ihr ein gesundes Selbstvertrauen. Zur Mutter besteht ein unterkühltes Verhältnis, das auch kurz vor Gussis Tod kaum wärmer wird. Mit 24 Jahren lernt Gussi Konrad Adenauer als Wittwer mit drei Kindern kennen, er ist 19 Jahre älter als sie und sehr angetan von ihr. Sie wagt einen ungeheuren Schritt und wird die Mutter dreier Kinder, die ihr langsam Vertrauen und später ebenso viel Liebe entgegenbringen werden, wie ihre eigenen. Doch zuerst erleidet das Ehepaar Adenauer den Verlust ihres Erstgeborenen, von diesem wird sich niemand in der Familie jemals gänzlich erholen. Aber Gussi bekommt weitere Kinder und ein durchaus vollkommenes Familienleben entwickelt sich, der Vater Konrad ist Oberbürgermeister von Köln und macht sich einen Namen. Gussis Verhältnis zu ihrem Vater bleibt innig und zugewandt, in ihm findet sie auch später viel Trost und Unterstützung.
Immer wieder schwenkt der Autor von den Erinnerungen Gussis in ihr Krankenzimmer, man weiß, Gussi wird es nie mehr verlassen und doch gibt es Lichtblicke. Die Krankenschwester Geli kümmert sich rührend um sie und fasst tiefes Vertrauen. Der Vater besucht sie, auch die Kinder und Konrad, jeder versucht ihr das restliche, schmerzvolle Leben zu erleichtern. Je mehr jedoch der Tod näherkommt, umso mehr bedrücken sie die Gedanken an die Zeit des Faschismus, an den Krieg, an Konrads Verhaftung und den unausweichlichen, doch so furchtbaren Ausgang ihrer geglückten Befreiungsaktion.
Mehr möchte ich nicht preisgeben von diesem eindrucksvollen fiktionalen Geschichtsroman. Mir hat dieser ausnehmend gut gefallen, auch wenn er sehr traurig und bedrückend erzählt. Die Wortwahl, die eingebauten Briefe, insbesondere der Briefwechsel zwischen Gussi und ihrem Vater, der Schreib- und Erzählstil sind so emotional aufgeladen, dass es mir sehr zu Herzen ging. Die Schauspielerin Claudia Michelsen ist Herz und Seele dieses gelungenen Hörbuchs. Die Nominierung für den Hörbuchpreis 2025 als beste Interpretin hat sie voll und ganz verdient, ich drücke die Daumen.
Fazit: Ich spreche eine uneingeschränkte Hör- oder auch Leseempfehlung aus! Volle 5 Sterne.

DeutscherHörbuchpreis2025

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