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Veröffentlicht am 18.03.2019

Am Anfang des Weges

Die Fotografin - Am Anfang des Weges
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Alles beginnt am 11. Februar 1905 damit, dass Mimi den Heiratsantrag ihres Verehrers ablehnt. Je besser man die Pfarrerstochter Minna Reventlow , von allen liebevoll Mimi genannt, kennenlernt, umso stärker ...

Alles beginnt am 11. Februar 1905 damit, dass Mimi den Heiratsantrag ihres Verehrers ablehnt. Je besser man die Pfarrerstochter Minna Reventlow , von allen liebevoll Mimi genannt, kennenlernt, umso stärker kann man ihre Beweggründe verstehen. Die sympathische junge Frau möchte durch ihren Beruf Freude bereiten und den Menschen mit ihren Fotografien Schönheit schenken. Um als Wanderfotografin arbeiten zu können, braucht sie ihre Freiheit. Ein Besuch bei ihrem geliebten Onkel Josef, der ihr berufliches Vorbild ist, führt sie in den kleinen Leinenweberort Laichingen auf der Schwäbischen Alb. Als sie feststellen muss, dass ihr Onkel schwer krank ist, beschließt sie zu bleiben, sein Atelier weiter zu führen und ihn zu pflegen. Aber schnell merkt sie, dass das Leben in dem kleinen Ort alles andere als leicht ist. Die meisten Menschen, die in Laichingen leben, sind arme Weber. Obwohl die Männer zum Teil der Schwermut anheim fallen, weil sie ihre Familien nicht richtig ernähren können, tun sie nichts, um ihr Schicksal zu ändern. Im Gegenteil, ihre Kinder sollen in ihre Fußstapfen treten, einfach weil es schon immer so war. Mimis Fotos werden von den meisten als unnötiger Luxus angesehen. Zudem hat sie sich mit dem Laichinger Fabrikanten Gehringer einen mächtigen Feind geschaffen, da sie mehrfach seine Pläne durchkreuzt.
Gehringer ist einer der unsympathischen Charaktere im Roman, denn auch wenn er sich nach außen hin jovial zeigt, beutet er doch seine Arbeiter in unverantwortlicher Weise aus, auch ist er der Meinung, er hätte sie alle in der Hand.
Die Autorin hat das Kolorit des kleinen Weberortes zum Beginn des 20. Jahrhunderts sehr lebendig und anschaulich eingefangen. Man erfährt viel über die Lebensumstände der einfachen Menschen, und man lernt einige interessante Charaktere kennen. Da ist einmal Eveline, die „der Liebe wegen“ nach Laichingen gekommen ist, hier aber ein ganz und gar nicht glückliches Leben führt. Auch wenn dies nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist, so kann man sie doch auch als starken Charakter bezeichnen. Für ihre Kinder würde sie alles tun, und vor allem ihrem Sohn Alexander, der eine künstlerische Begabung hat und sich nicht mit dem Gedanken anfreunden kann, sein Leben lang am Webstuhl zu stehen, würde Eveline wünschen, dass er seinen eigenen, ganz individuellen Weg einschlagen könnte. Neben Alexander ist da auch noch Anton, der Gastwirtssohn, der ebenfalls von einem anderen Leben träumt. Mimis Ankunft in Laichingen ist etwas Besonderes für die beiden jungen Männer, und sie suchen ihre Nähe, weil sie die unabhängige Fotografin bewundern und sich wünschen, ebenso frei zu sein.
Wenn man die bisherigen Romane von Petra Durst-Benning kennt, stellt man schnell fest, dass Mimi hervorragend in die lange Reihe starker weiblicher Protagonisten passt, wie sie in allen Romanen der Autorin vorkommen. Hier habe ich mich besonders gefreut, als Mimi, während eines beruflichen Aufenthalts am Bodensee, dort der Protagonistin aus einem früheren Roman begegnet. Für mich war es ein wenig, als hätte ich eine „alte Bekannte“ getroffen. Die Art und Weise, wie die Autorin ab und zu kleine Verbindungen zu ihren anderen Romanen schafft, gefällt mir ausgesprochen gut.
Petra Durst-Benning schreibt kurzweilig, einfühlsam und herzlich und hat auch hier wieder einen Pageturner geschaffen, den man nicht mehr weglegen möchte. Nicht nur die Fotos und Erklärungen im Anhang, sondern der ganze Roman zeugt davon, dass sich die Autorin sehr ausführlich mit der Fotografie zur damaligen Zeit befasst hat und davon fasziniert ist, und wie sie selbst sagt, hat sie sich mit dem Umsetzen der Fotografinnen-Saga einen Kindheitstraum erfüllt. Das spürt man auf jeder Seite, die man liest.
Viel zu schnell war ich am Ende des Buches angelangt, und eigentlich hatte ich das Gefühl, jetzt geht es erst so richtig los mit Mimis Geschichte, denn ist sie auch noch so stark, mutig und unabhängig, so hat sie doch auch eine romantische Ader. Mehr will ich dazu aber noch gar nicht verraten. Darum freue ich mich sehr, dass der zweite Band bald erscheint, denn ich kann es kaum erwarten, zu erfahren, wie es für die Protagonistin und für alle Laichinger weiter geht.

Veröffentlicht am 17.03.2019

Zwar kein praktischer Ratgeber, aber ein sehr informatives und wichtiges Buch.

Demenz - Wenn das Leben entgleitet
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Das Buch ist in drei große Abschnitte gegliedert:
1. Was wir über Demenz wissen sollten
2. Die Versorgung bei Demenz
3. Die Angst vor der Demenz verstehen.

Im ersten Teil, der zugleich der umfangreichste ...

Das Buch ist in drei große Abschnitte gegliedert:
1. Was wir über Demenz wissen sollten
2. Die Versorgung bei Demenz
3. Die Angst vor der Demenz verstehen.

Im ersten Teil, der zugleich der umfangreichste und ausführlichste ist, geht es um die verschiedenen Formen und Ausprägungen der Krankheit, um ihren Verlauf und die Möglichkeit, mit Medikamenten dagegen anzugehen.
Der zweite Teil befasst sich mit der Diagnose und was danach kommt, was Angehörige wissen sollten, wie die Umgebung für Demenzkranke aussehen sollte und welche Pflege- und Versorgungsmöglichkeiten es gibt.
Im dritten Teil geht es allgemein um Ängste im Zusammenhang mit Demenz. Befürchtungen und Ängste gibt es dazu auf allen Seiten, sowohl bei den Betroffenen selbst als auch bei Angehörigen und Freunden.

Man erfährt viel über die Krankheit in all ihren Varianten, besonders zu den Symptomen, den feinen Unterschieden und den diversen Bezeichnungen. Ich muss gestehen, dass mir als Laien die Informationsflut in diesem Bereich fast zu viel war. Aber wissenswert und interessant ist es schon, und da die einzelnen Kapitel aussagekräftige Überschriften haben, kann man sich fürs Erste auch gut herauspicken, was einem gerade besonders wichtig ist.
Wenn es um die Entstehung und die Ursachen der Demenz geht, scheint sich die Wissenschaft zum großen Teil noch auf vage Vermutungen zu stützen, denn hierzu gibt es häufig nur „Vielleicht“-Erklärungen. Zum Beispiel spekuliert die Autorin auch auf Ursachen, die bis in die Kindheit zurück reichen, was aber zum heutigen Wissensstand einfach noch nicht ausreichend belegt ist. Manches erfährt man „zwischen den Zeilen“, und hier hatte ich den Eindruck, dass viele Ärzte dieser Krankheit noch recht rat- und hilflos gegenüber stehen.

Andererseits hätte ich sehr gerne mehr über den Umgang mit den Kranken erfahren und ob man die Möglichkeit hat, Demenz vorzubeugen. Hierzu sind die Ausführungen leider ziemlich knapp gefasst. Es gibt Andeutungen zur Ernährung, aber auch diese sind eher allgemein gehalten. Mit frühzeitigem Gedächtnistraining und ausreichend Bewegung könne man nichts falsch machen, aber ob es wirklich nützt, wird auch nicht hundertprozentig bestätigt.
Man merkt, dass die Wissenschaft bei dieser Krankheit doch noch ziemlich im Dunkeln tappt.
Zum Untertitel „Eine rätselhafte Krankheit verstehen und angstfrei damit umgehen“ muss ich leider sagen, dass es ersteres Versprechen nur ansatzweise erfüllt, und die Ängste kann es meines Erachtens nicht wirklich nehmen.

Trotz der vielen „Vielleicht“-Vorzeichen, ist dieses Buch informativ und wichtig. Zwar bietet es keine Lebenshilfe an, aber man erfährt zumindest, auf welchem Stand sich die Wissenschaft gerade befindet und wie die Zukunftsprognosen sind. Für aktuell Betroffene stellt es keinen Ratgeber und auch keinen Trost dar, aber auf lange Sicht betrachtet ist es ein wichtiges Buch, das manche Aspekte der Krankheit doch etwas anders beleuchtet und bei vielen Lesern sicher so manchen „Aha-Effekt“ hervorruft.

Veröffentlicht am 15.03.2019

Drei aus dem Ruder

Drei aus dem Ruder
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Die drei Frauen, die sich zufällig in der psychosomatischen Klinik „Seeblick“ begegnen, könnten unterschiedlicher nicht sein, und doch gehen sie aufeinander zu, obwohl sie in verschiedenen Wohnbereichen ...

Die drei Frauen, die sich zufällig in der psychosomatischen Klinik „Seeblick“ begegnen, könnten unterschiedlicher nicht sein, und doch gehen sie aufeinander zu, obwohl sie in verschiedenen Wohnbereichen untergebracht sind und zum großen Teil unterschiedliche Therapien besuchen.
Ihre Probleme, die sie einander nur zögernd offenbaren, kann man durchaus nachvollziehen. Auch wenn sie oft unterschiedlicher Meinung sind und nicht immer gegenseitiges Verständnis aufbringen können, so wird ihre Freundschaft im Lauf der Zeit doch immer intensiver, und sie geben sich gegenseitig Halt.
Henriette, Mieke und Coco sind gut charakterisiert, und ich konnte für alle drei Frauen in gewisser Weise Verständnis und Sympathie aufbringen.
Ihre Umgebung und ihre Mitmenschen im Seeblick sind jedoch recht klischeebehaftet, und vieles wirkte auf mich nicht sonderlich glaubwürdig. Es gibt zwar einige derartige Kliniken am Chiemsee, die sicher auch Bewegungstherapie anbieten, aber dass Standup-Paddling mit abschließender Regatta als fester Programmpunkt in so einer Klinik angeboten wird, bezweifle ich doch stark. Das ist wohl eher im Bereich Touristik zu finden. In die Geschichte passt es trotzdem gut hinein, denn vor allem Marius, der Wassersport-Therapeut, spielt eine wichtige Rolle im Roman.
Die Handlung verläuft auch nicht geradlinig, was ja sonst nicht sonderlich aufregend wäre, sondern irgendwann kommt es zum Eklat, wobei mir hier einige Szenen recht überspitzt erschienen, was aber ja vielleicht in der Absicht der Autorin lag.
Eine Gemeinsamkeit der drei Frauen, die einen Mann betrifft, wie ihnen eine Wahrsagerin, die sie gemeinsam aufsuchen, prophezeit, fand ich dann doch etwas fragwürdig, als sich die Sache am Ende aufklärt.
Aber es ist ein kurzweiliger, amüsanter Frauenroman, und Unterhaltungswert hat er auf jeden Fall, und in Sachen Glaubwürdigkeit drücke ich mal beide Augen zu, denn immerhin hat mir der Roman ein paar unterhaltsame Stunden gebracht.

Veröffentlicht am 13.03.2019

So fesselnd wie die Vorgänger

Das Banner des Löwen
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Zwischen dem Ende des vorherigen Bandes und dem Beginn dieses Romans liegen nur wenige Monate. Robin und sein alter Freund Charles D‘Artagnan waren unterwegs, guten Wein für das bevorstehende Weihnachtsfest ...

Zwischen dem Ende des vorherigen Bandes und dem Beginn dieses Romans liegen nur wenige Monate. Robin und sein alter Freund Charles D‘Artagnan waren unterwegs, guten Wein für das bevorstehende Weihnachtsfest zu besorgen. Auf dem Heimweg treffen sie auf die erschütternden Überreste eines brutalen Massakers, das sich in dem kleinen Ort Tonneins an der Garonne abgespielt hat. Simon de Montfort zieht mit seinem Heer mordend und raubend durch die Lande, um die Katharer und ihre Sympathisanten auszurotten. Er ist überzeugt, im Interesse des Papstes und somit auch im Namen Gottes zu handeln. Robin ist erschüttert und zögert nicht, sich für die Verfolgten einzusetzen, denn sollte es Montfort gelingen, den Süden Frankreichs zu erobern, ist nicht nur das Erbe von Eleonore von Aquitanien in Gefahr, sondern auch Robins und Marians neue Heimat, ihr geliebtes Chateau de Lisse. Das schlimmste an der ganzen Sache sind jedoch die vielen unschuldigen Opfer, denn Montfort und seine Schergen gehen mit roher Gewalt gegen die Menschen vor, nur weil diese in Glaubensdingen nicht hundertprozentig mit der katholischen Kirche übereinstimmen. Selbst vor Frauen und Kindern machen sie nicht Halt.

Auch in diesem vierten Band hält sich Mac P. Lorne nicht mit langen Vorreden auf, sondern katapultiert die Leser wieder postwendend mitten ins Geschehen. Über einen Zeitraum von zehn Jahren begleiten wir Robin und seine Freunde bei ihrem Kampf um die Freiheit. Ruhe ist den Protagonisten auch in diesem Roman nicht vergönnt. Ein umfangreicher Abschnitt des Buches ist der Belagerung von Toulouse gewidmet. Interessant und sehr gelungen ist, wie der Autor seine fiktiven Helden wieder ins historische Geschehen einbringt und agieren lässt, denn bei allen Belagerungen und Kämpfen ist Robin immer mitten drin, und natürlich sind auch seine Frau Marian, sein Ziehsohn Fulke und seine guten Freunde wieder mit von der Partie.

Die katholische Kirche zur damaligen Zeit kommt nicht gut weg in diesem Roman, zu viele Intrigen und Machtkämpfe gab es da. Gerade die Szenen, die im Buch besonders unglaubwürdig erscheinen, beruhen auf realen historischen Begebenheiten, und ich bin immer wieder fassungslos, was im Namen Gottes so alles verbrochen wurde, meist auch noch in dem Glauben, das Richtige zu tun.

Robin ist mittlerweile nicht mehr der Jüngste und auch um einiges ruhiger und besonnener geworden, aber wenn das Unrecht zu groß wird, kann er sich einfach nicht zurückhalten und gerät auch diesmal wieder mehrfach in brenzlige Situationen.

„Das Banner des Löwen“ steht seinen Vorgängern in nichts nach, wenn es um mitreißende Unterhaltung geht. Dabei hält sich der Autor stets sehr nah an der Realität, und seine Erläuterungen zeichnen sich weitgehend durch historische Genauigkeit aus. Zwei Karten und ein Personenregister am Beginn des Buches helfen dabei, die Übersicht zu behalten, und anhand der Zeittafel im Anhang findet man die historischen Daten in einer übersichtlichen Tabelle.

Einen weiteren Band haben wir noch vor uns, und ich bin schon sehr gespannt darauf. Ob Robin dann endlich seinen Lebensabend genießen kann? Ich bezweifle es ja, denn das sähe ihm so gar nicht ähnlich.

Veröffentlicht am 27.02.2019

Von einer Liebe in Kriegszeiten, die nicht sein darf

Das Weingut. In stürmischen Zeiten
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Entdeckt habe ich die Autorin für mich, als ich vor drei Jahren „Blut und Seide“ gelesen habe. Das Buch hat mich mitgerissen und begeistert, und darum warten inzwischen auch die anderen Bücher von Marita ...

Entdeckt habe ich die Autorin für mich, als ich vor drei Jahren „Blut und Seide“ gelesen habe. Das Buch hat mich mitgerissen und begeistert, und darum warten inzwischen auch die anderen Bücher von Marita Spang in meinem Regal darauf, gelesen zu werden. Ja, Marie Lacrosse ist Marita Spang! Als mir das klar wurde, kam auch das Weingut gleich auf meine Wunschliste. Während die unter ihrem Namen Marita Spang veröffentlichen Romane zeitlich eher im Mittelalter und der frühen Neuzeit angesiedelt sind, spielt ihre Dilogie „Das Weingut“, die unter diesem Pseudonym Marie Lacrosse veröffentlicht wurde bzw. wird, in der Mitte des 19. Jahrhunderts.
Im ersten Band „In stürmischen Zeiten“ lernen wir die junge Waise Irene kennen. Schon im Prolog erfährt man einiges über Irenes Geburt und ihre Mutter, wenn man auch vieles noch nicht genauer zuordnen kann. Die Schwestern im Waisenhaus hüllen sich in Schweigen, wenn Irene nach ihrer Herkunft fragt. Als eines Tages der betuchte deutsche Weinhändler Wilhelm Gerban im Heim auftaucht und Irene als Dienstmädchen auf sein Weingut im Elsass holt, scheint das ein Glücksfall für die junge Frau zu sein. Bald lernt sie Franz Gerban, den Sohn des Hauses kennen und verliebt sich in ihn. Diese Liebe beruht auf Gegenseitigkeit, aber das Glück wird bald getrübt, denn Europa befindet sich am Vorabend des Deutsch-Französischen Kriegs. Franz ist ein junger Mann mit hohen Idealen. Er glaubt an die französische Revolution und schließt sich bei Kriegsbeginn der französischen Seite an. Aber nicht nur das Kriegsgeschehen setzt dem jungen Liebespaar zu, sondern Irene und Franz müssen gegen gemeine Intrigen und Lügen ankämpfen, und je mehr man erfährt, umso hoffnungsloser erscheint ihre Liebe. In Franz‘ Abwesenheit macht Wilhelm Gerban Irene das Leben schwer und möchte sie mit Gewalt aus dem Haus und der Familie drängen.
Sehr bewusst wird einem beim Lesen die Kluft zwischen den Gesellschaftsklassen der damaligen Zeit. Durch die Augen von Franz, der einige Zeit als ganz normaler Arbeiter im Weingut seines Onkels tätig ist, sieht man das Leid der Menschen, die für wenig Geld in den Weinbergen schuften und keine wirkliche Perspektive haben. Franz versucht, sich für diese Menschen einzusetzen, aber bei Vater und Onkel beißt er da auf Granit und kann nur zu sehr geringen Verbesserungen der Lebenssituation der Arbeiter beitragen.
Insgesamt wirken die meisten Gerbans nicht sonderlich sympathisch, egal ob man nun Wilhelm oder auch seinen Bruder Gregor samt Ehefrau Ottilie ansieht. Franz‘ jüngere Schwester Mathilde ist eine launische und verwöhnte junge Frau und entpuppt sich im Lauf der Zeit immer mehr als intrigantes Miststück. Pauline, Wilhelms französische Ehefrau und die Mutter von Franz und Mathilde, ist eine liebe aber schwache Frau, die sich immer öfter in ihre eigene Welt zurückzieht und Trost im Laudanum sucht.
Die Charaktere sind allesamt sehr intensiv ausgearbeitet, wobei Wilhelms und Mathildes Gemeinheiten für mich oft nicht nachvollziehbar waren. Irene ist Mathilde vom ersten Moment an ein Dorn im Auge, eigentlich grundlos, wie mir scheint. Zwar neigt Mathilde generell zu Biestigkeiten, aber wieso sie gerade auf Irene derart bösartig herum hackt, hat sich mir nicht immer erschlossen. Wilhelms Verhalten dagegen birgt ein Geheimnis, das man zwar bereits früh ahnen kann, aber definitiv erst ziemlich zum Ende der Geschichte erfährt und wodurch vieles verständlicher wird.
Das Cover des Buches, mit dem schönen alten Gutshaus, den Weinbergen in der Sonne und den Rosen am Wegesrand, vermittelt einen friedlichen, idyllischen Eindruck, aber das täuscht gewaltig. Tatsächlich gibt es im ganzen Roman nur sehr wenige schöne oder gar romantische Momente. In der Handlung dominiert das Kriegsgeschehen. Die Autorin hat hier große Recherchearbeit geleistet und sich bei ihren Schilderungen an die überlieferten Tatsachen gehalten. So ist ihr auch ein sehr authentisches Bild der damaligen Verhältnisse gelungen. Gerade wenn man sich Franz ansieht, das Kind einer französischen Mutter und eines deutschen Vaters, wird der Wahnsinn hinter diesem Krieg offensichtlich. Bei den Schilderungen wusste ich manchmal nicht, wer denn jetzt eigentlich Freund und wer Feind ist. Es war einerseits interessant, etwas über diesen Krieg zu erfahren, denn darüber wusste ich bisher kaum etwas, aber ich muss gestehen, mir war es dann oft zu viel. Häufig musste ich beim Lesen pausieren, weil mir die Grausamkeit und die Hoffnungslosigkeit vieler Szenen und Schicksale so an die Nieren gegangen sind. Da liest man beispielsweise viele Seiten lang nur über die Bergung der Opfer nach der Schlacht.
Es ist ein guter Roman, keine Frage! Die Autorin kann einen mit ihrem erzählerischen Talent mitreißen, aber in diesem Buch hat mir doch ein wenig der Hoffnungsstreifen am Horizont gefehlt, denn die Tendenz der Handlung war weitgehend düster und trostlos.
Das Ende dieses ersten Teils lässt viele Fragen offen, und ich bin darum auch sehr gespannt auf die Fortsetzung. Ich hoffe nur, dass die Tendenz im zweiten Teil etwas positiver ist.