Nicht jede Mitternacht ist magisch
Die Mitternachtsreise„Die Mitternachtsbibliothek“ war vor inzwischen viereinhalb Jahren das erste Buch seit meiner Schulzeit, das ich freiwillig (und nicht für die Uni) gelesen habe. Vielleicht war ich daher damals etwas voreingenommen, ...
„Die Mitternachtsbibliothek“ war vor inzwischen viereinhalb Jahren das erste Buch seit meiner Schulzeit, das ich freiwillig (und nicht für die Uni) gelesen habe. Vielleicht war ich daher damals etwas voreingenommen, weil es mich überhaupt erst zurück zum Lesen gebracht hat, aber das lebensbejahende Grundgefühl und die kleinen Denkanstöße zwischendurch haben mich komplett abgeholt. Entsprechend groß war meine Vorfreude auf „Die Mitternachtsreise“.
Bevor wir zum Inhalt kommen, muss ich allerdings einmal kurz über den deutschen Titel ranten. Was ist das bitte für ein Übersetzungs-Fuckup? Während "The Midnight Library" völlig korrekt zu „Die Mitternachtsbibliothek“ wurde, hat man "The Midnight Train" aus unerfindlichen Gründen in „Die Mitternachtsreise“ umbenannt. Dabei kommt diese Wortkombination im gesamten Buch nicht einmal vor – der Mitternachtszug hingegen schon. Warum also nicht einfach den Originaltitel übersetzen?
Inhaltlich bleibt der zweite Band für mich leider deutlich hinter seinem Vorgänger zurück. Während „Die Mitternachtsbibliothek“ zwar ebenfalls mit Magie gearbeitet hat, die eigentliche Botschaft (die deutlich mehr Tiefe hatte als das schnöde "Geld ist nicht wichtiger als Liebe!" hier, das zudem bereits seit Kapitel 1 durchkam) aber trotzdem auf jede lesende Person übertragbar war, sieht das hier anders aus. Wir begleiten einen alten weißen Mann, der an Altersschwäche stirbt, sein Leben größtenteils bereut und anschließend – dank Magie – die Chance erhält, alles noch einmal zu verändern. Das ist natürlich eine nette Idee, fühlt sich aber nicht so hoffnungsspendend an wie die Geschichte des ersten Bandes.
Erschwerend kommt hinzu, dass sich das Buch stellenweise wie ein sehr nahes Retelling von A Christmas Carol liest – etwas, das sogar innerhalb der Geschichte selbst aufgegriffen wird. Ich habe überhaupt nichts gegen Retellings, ganz im Gegenteil. Hier war die Nähe zum Vorbild für meinen Geschmack allerdings so groß, dass sie mich eher gestört als begeistert hat.
Apropos Kapitel: WIE kurz waren die bitte? Ich mag kurze Kapitel wirklich gerne, aber länger als eine Seite dürfen sie dann doch sein. Durch die ständigen Unterbrechungen wirkte das gesamte Leseerlebnis unnötig zerstückelt und kam nie so richtig in einen Lesefluss.
Schade. Vielleicht waren meine Erwartungen nach „Die Mitternachtsbibliothek“ einfach zu hoch. Für mich konnte „Die Mitternachtsreise“ aber weder emotional noch inhaltlich an seinen Vorgänger anknüpfen.