Profilbild von Kobina

Kobina

Lesejury Profi
offline

Kobina ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Kobina über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 26.09.2025

Viel Authentizität, aber wenig Plot

Grand Hotel Avalon
0

Nachdem ich es bis heute leider noch nicht geschafft habe, die Ravenboys von Maggie Stiefvater zu lesen, war die Freude groß, als ich über NetGalley zum Hörbuch von "Grand Hotel Avalon" (im englischen ...

Nachdem ich es bis heute leider noch nicht geschafft habe, die Ravenboys von Maggie Stiefvater zu lesen, war die Freude groß, als ich über NetGalley zum Hörbuch von "Grand Hotel Avalon" (im englischen Original "The Listeners") zugelassen wurde.

Anfangs war ich sehr gespannt, doch leider musste ich das Buch bei ziemlich genau der Hälfte abbrechen. Der Grund: Es gibt keinen wirklichen Plot. Stattdessen fühlt es sich mehr wie Slice of Life an – ein Blick in den Alltag eines Hotels zu Beginn des Zweiten Weltkriegs, das für die Diplomaten und Diplomatinnen der Achsenmächte zweckentfremdet wird. Das klingt auf dem Papier spannend, entwickelt sich aber nicht wirklich weiter und blieb für mich dadurch einfach zu langatmig. Es war kein Graus zu lesen (bzw hören), aber mein Stapel ungelesener Bücher ist hoch und meine Zeit somit zu begrenzt, um sie einem Buch zu widmen, das keine wirklichen Gefühle in mir auslöst.

Trotzdem vergebe ich drei Sterne. Denn Stiefvaters Schreibstil ist ohne Frage flüssig und atmosphärisch, und gerade im Hörbuchformat konnte ich das sehr genießen. Was mich allerdings wirklich gestört hat, war die Übersetzung: Es wird mehrfach erwähnt, dass die Protagonistin einen bäuerlichen Dialekt spricht – im Deutschen wurde dieser Aspekt jedoch gar nicht übertragen, wodurch ein wichtiges Charakterdetail verloren geht. Die ständige Erwähnung ihrer eigenen Art zu sprechen wirkte dadurch nervig und fehl am Platz.

Ein Pluspunkt: die Darstellung des autistischen Mädchens. Ihre Innenwelt ist sehr authentisch beschrieben und bietet nachvollziehbare Einblicke in ihre Wahrnehmung. Besonders hängengeblieben ist mir die Formulierung: „Das Essen schmeckte laut und die Kleidung sang auf ihrer Haut.“ Das war für mich bisher der stärkste Moment des Buches.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 16.09.2025

Sarkasmus, Schuld und ein Gott im Rausch

Das Lied des Dionysos
0

„Das Lied des Dionysos“ ist sehr Natasha Pulley. Heißt: ich wusste seitenweise absolut nicht, was eigentlich los ist – und trotzdem war ich fasziniert. Pulley hat einfach diese ganz eigene, leicht schräge ...

„Das Lied des Dionysos“ ist sehr Natasha Pulley. Heißt: ich wusste seitenweise absolut nicht, was eigentlich los ist – und trotzdem war ich fasziniert. Pulley hat einfach diese ganz eigene, leicht schräge Stimme, die einen gleichzeitig verwirrt und komplett einnimmt. Und obwohl das Setting diesmal ins antike Theben verlegt wurde, fühlt es sich genauso „pulley-esk“ an wie Russland in den 60ern oder der Mars in 2500. Wer also denkt, das sei eine neue Madeline Miller – nope. Es ist 100 % Pulley, und das ist genau der Punkt.

Die Geschichte folgt Phaidros, einem thebanischen Ritter, der zwischen Pflicht, Krieg, Schuld und – ja – einem ziemlich eigenwilligen Gott namens Dionysos zerrieben wird. Dabei geht es um Ehre, Identität, Trauma, Liebe und den schmalen Grat zwischen Klarheit und Wahnsinn. Oft wirkte es, als würde die Handlung ziellos mäandern, aber plötzlich klickt alles – und man merkt, dass Pulley ihre Fäden schon längst gesponnen hatte.

Ihr Stil ist wie immer voller kleiner Seitenhiebe, schräger Vergleiche und dieser leisen Traurigkeit, die einem irgendwann die Kehle zuschnürt. Gleichzeitig sind da diese Momente von Humor und Wärme, die alles wieder ins Gleichgewicht bringen. Phaidros ist als Erzähler sarkastisch, verletzlich und einfach großartig zu lesen – ich mochte ihn sofort.

Ja, das Buch ist stellenweise zu lang und definitiv kein leichter Snack. Aber wenn man sich darauf einlässt, bekommt man ein dichtes, eigenwilliges und zugleich wunderschönes Werk, das mehr mit griechischer Tragödie und magischem Realismus zu tun hat als mit klassischem Mythos-Retelling.

Verwirrend, wuchtig, wunderschön. Und ich wette, wenn ich es in sechs Monaten nochmal lese, gebe ich ihm fünf Sterne.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 16.09.2025

Perfektes Ende - wenn auch leider nur vorübergehend

The Deadly Side of Love
0

Mein erstes Buch von Francis – und wow, allein optisch schon ein Erlebnis. Das Cover ist einfach ein Traum (lila + orange = meine Farbkombi schlechthin), dazu der Schattensidekick auf dem Bild, die ungewöhnliche ...

Mein erstes Buch von Francis – und wow, allein optisch schon ein Erlebnis. Das Cover ist einfach ein Traum (lila + orange = meine Farbkombi schlechthin), dazu der Schattensidekick auf dem Bild, die ungewöhnliche Schriftart und ein unfassbar schöner Farbschnitt. Auch innen geht’s genauso hochwertig weiter: Der Buchsatz ist mit so viel Liebe gestaltet; Kapitelanfänge mit Zierde, Infos (also Kapitelnummer, -titel und POV) perfekt eingebaut, dazu einMotiv am Beginn jedes Abschnitts… ich bin hin und weg!

Der Schreibstil ist super flüssig, man fliegt wirklich durch die Seiten. Sobald man akzeptiert hat, dass Cozy Fantasy meistens mehr Romance als Fantasy ist, passt auch die erlebte Rede und man kommt sehr gut rein.

Allerdings musste ich mal wieder feststellen: Cozy Fantasy ist einfach nicht so meins (Ausnahmen wie Sorcery and Small Magics bestätigen die Regel, was ich noch heute vergöttere). In "The Deadly Side of Love" passiert gefühlt kaum etwas, und man hängt endlos in den Gedanken der Protagonistin fest. Warum sie so lange NICHT mit dem beschworenen Dämon schläft, hab ich ehrlich gesagt trotzdem nicht verstanden, was das ganze Unterfangen ein wenig zermürbend machte. Mit dem Humor bin ich leider auch nicht warm geworden, was bei einer RomCom natürlich schwierig ist, aber schließlich absolute Geschmackssache ist.

Aber das Ende! Absolute Perfektion; selten so ein stimmiges, passendes Finale gelesen - aber leider wird es einen zweiten Band geben, der diesen bittersüßen, durch und durch runden Abschluss wohl zwangsläufig zu Nichts machen wird.

Fazit: Insgesamt wohl nicht mein Buch, aber definitiv kein schlechtes. Für Fans von magisch angehauchter Romance bestimmt ein Muss!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 08.09.2025

Emotional an allen Stellen unzureichend

Crash Test
0

Pitched als Red, White & Royal Blue trifft F1? Ja, bitte – dachte ich zumindest. In der Umsetzung war das Ganze dann aber eher ein Crash Test im wahrsten Sinne des Wortes.
Das Problem: Wir verbringen quasi ...

Pitched als Red, White & Royal Blue trifft F1? Ja, bitte – dachte ich zumindest. In der Umsetzung war das Ganze dann aber eher ein Crash Test im wahrsten Sinne des Wortes.
Das Problem: Wir verbringen quasi keine Zeit damit, Travis und Jacob beim Verlieben zuzusehen. Stattdessen liegt Jacob die halbe Handlung im Koma, während Travis in Rückblenden über ihre Beziehung nachdenkt. Als Jacob dann endlich aufwacht, sind die beiden entweder die meiste Zeit getrennt oder es gibt es kaum emotionale Tiefe, sondern ein „ach ja, wir lieben uns wohl immer noch“.

Strukturell war das Buch ebenfalls ein ziemliches Chaos: drei Sektoren (immerhin ein F1-Wortspiel), komplett unterschiedliche POV-Aufteilungen, null Flow. Das meiste wurde in Rückschauen erzählt statt gezeigt – und so blieb die Beziehung leer und spannungslos.
Jacob selbst war für mich eine wandelnde Redflag: homophobe Eltern, keine klare Entschuldigung, null echte Reue. Travis wirkte zwar sympathischer, hatte aber auch wenig Biss und ließ sich alles gefallen. Emotionaler Payoff? Fehlanzeige.

Positiv hervorheben möchte ich immerhin die Grundidee: ein queeres, geheimes Verhältnis in der Welt des Motorsports hätte richtig spannend werden können. Die ersten Krankenhaus-Szenen hatten auch tatsächlich Gewicht.
Das Hörbuch war ordentlich eingesprochen, aber da hörte es dann leider auch schon wieder auf. Der Sprecher von Travis ist leider vieles, nur nicht gut darin, Emotionen rüber zu bringen. Bereits zu Beginn hatte ich mich über die Wahl der beiden Sprecher gewundert, die afaik beide noch keiner Romance ihre Stimme geliehen hatten - und das merkt man leider auch. Schade, denn oft genug können gute Sprecher:innen einen mittelmäßigen Plot ausgleichen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 03.09.2025

Sehr schwache Fortsetzung

Geheimnisse des Nil, Band 2 - Where the Library Hides
0

Nach What the River Knows war ich sehr gespannt, wie Isabel Ibañez die Geschichte von Inez und Whit weiterführen würde. Der Auftakt hatte mich mit Setting, magischen Artefakten und besonders Whit als Figur ...

Nach What the River Knows war ich sehr gespannt, wie Isabel Ibañez die Geschichte von Inez und Whit weiterführen würde. Der Auftakt hatte mich mit Setting, magischen Artefakten und besonders Whit als Figur überzeugt – auch wenn Inez’ Naivität damals schon mein größter Kritikpunkt war. Leider knüpft Band zwei genau hier an und verstärkt diesen Eindruck eher noch.

Die Handlung wirkt überladen und zerfasert. Statt klarer Abenteuer- oder Mystery-Spannung stolpert man von Wendung zu Wendung: Überdramatische Enthüllungen, plötzliche Verwandtschaftsbeziehungen, Verrat an jeder Ecke. Die titelgebende Bibliothek taucht überhaupt erst sehr spät im Buch auf, sodass der Fokus lange Zeit diffus bleibt. Die wenigen magischen Elemente wirken mehr wie praktische Plot-Abkürzungen als wie organisch in die Handlung eingebundene Besonderheiten.

Besonders enttäuscht hat mich aber, dass Whit, den ich im ersten Band so gelungen fand, hier kaum noch greifbar wirkt. Seine Züge schwanken ständig – mal sensibel, mal verschlossen –, ohne dass dahinter eine klare Linie erkennbar wäre. Auch die Chemie zwischen ihm und Inez hat spürbar gelitten. Ihre Beziehung krankt an Missverständnissen, unausgesprochenen Konflikten und einer ständigen Unfähigkeit zur offenen Kommunikation. Dass Inez Whit sehr schnell und ohne wirkliche Auseinandersetzung eine schwerwiegende Handlung verzeiht, ließ die Romantik für mich endgültig hohl wirken.

Was bleibt, ist das Setting: Das historische Ägypten ist atmosphärisch beschrieben, und man spürt, dass die Autorin hier viel Liebe zum Detail investiert hat. Manche Szenen haben mich wirklich in die Zeit und Umgebung hineingezogen. Doch sobald die Figuren handeln oder die Handlung Fahrt aufnehmen soll, verliert das Buch an Glaubwürdigkeit.

Fazit: Wo mich der erste Band mit Whit und den magischen Artefakten noch positiv überrascht hat, konnte mich die Fortsetzung leider kaum noch packen. Zu viel Drama, zu wenig klare Figurenzeichnung, und eine Protagonistin, die durch Naivität und unlogische Entscheidungen ständig Nerven kostet. Wer den Auftakt mochte, wird sicher neugierig weiterlesen – aber für mich hat Where the Library Hides das Potenzial der Reihe leider verspielt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere