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Veröffentlicht am 15.09.2016

Poetische Wortgewalt

Da vorne wartet die Zeit
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Worum geht's?
In der Stadt am Waldrand leben Menschen, die nicht wissen, wie eng ihre Schicksale miteinander verwoben sind. Vielleicht wollen sie es auch einfach nicht wahrhaben. Denn in der Stadt am Waldrand ...

Worum geht's?
In der Stadt am Waldrand leben Menschen, die nicht wissen, wie eng ihre Schicksale miteinander verwoben sind. Vielleicht wollen sie es auch einfach nicht wahrhaben. Denn in der Stadt am Waldrand geschehen schreckliche Dinge und der Tod ist allgegenwärtig.

Meine Meinung:
"Da vorne wartet die Zeit" erzählt eine Geschichte, die wiederum selbst eine Geschichte erzählt. In der Stadt am Waldrand, einer scheinbar friedvollen und wunderschönen Stadt, leben Menschen, die alle ihre eigene Geschichte zu erzählen haben. Dabei merken sie nicht, dass sie alle unmittelbar und unweigerlich miteinander verbunden sind. Es gibt zwar eine grobe Handlung, die über allen Schicksalen schwebt, aber tatsächlich spielt sie kaum eine Rolle. Viel mehr sind es die komplexen und verstrickten Beziehungen der Charaktere, die zusammen ein dichtes, wunderschönes und zerbrechliches Netz aus schrecklichen Geheimnissen und düsteren Machenschaften ergeben.

Einen Einstieg in die Geschichte zu bekommen fällt einem zu Beginn sehr schwer. Mit jedem Kapitel lernt man einen neuen Charakter kennen. Nur einen kurzen Moment, einen Bruchteil seines Lebens darf man miterleben, ehe man sich wieder verabschieden muss. Zunächst wirken die Kapitel und ihre Bedeutung sehr willkürlich. Dass die Szenen viel mehr sind als kurze Einblicke in fremde Leben, wird einem erst im Verlauf des Romans wirklich bewusst. Alles, jeder noch so kleine Augenblick hat in "Da vorne wartet die Zeit" eine Bedeutung inne, dessen Gewicht man nicht einmal erahnen kann.

Der Tod zieht sich durch die gesamte Handlung und sorgt für eine melancholische Atmosphäre, die das Herz rasen und stillstehen, die einem heiß und kalt werden lässt. Das Leben hat mit den Bewohnern der Stadt am Waldrand kein Mitleid und setzt sie extremen Schicksalsschlägen aus. Wer dem Tod nicht persönlich begegnet, bekommt ihn in unmittelbarer Nähe zu spüren. "Da vorne wartet die Zeit" ist ein emotionaler Roman über den Tod, der einem deutlich macht, wie zerbrechlich das Leben ist und welche Bedeutung selbst kleine Entscheidungen haben können. Lilly Lindner bringt ihre Leser zum Nachdenken und zwingt jeden, der das Buch an sich heranlässt, auf zärtliche und zugleich brutale Weise dazu, in sein eigenes Herz zu schauen.

Lilly Lindner hat in "Da vorne wartet die Zeit" keine feste Hauptfigur. Mit jedem neuen Kapitel stellt sie einen weiteren Charakter vor, indem sie einen kleinen, aber entscheidenden Splitter seines Lebens beschreibt. Im Grunde lernt man sogar nur ein Fragment ihrer Persönlichkeit kennen und obwohl diese Momente nur sehr kurz sind, wirken die Figuren lebendig und authentisch. Für einen Augenblick darf man diesen Fremden ganze nahe sein und das Gefühl bekommen, sie zu kennen, zu verstehen. Doch wer sie wirklich sind, zeigt sich erst im Verlauf des Romans, wenn die verschiedenen Schicksalsstränge sich endlich zu einem komplexen Bild zusammensetzen.

"Da vorne wartet die Zeit" ist jedoch kein Buch, das man an einem Stück durchlesen sollte. Es ist ein Roman über schwere Schicksale, die berühren und bedrücken. Jeder einzelne Charakter hat seine eigene Geschichte, die es verdient hat, gewürdigt zu werden, und die man erst einmal sacken lassen muss, ehe man weiterlesen kann. Wer das Buch in einem Rutsch durchliest, setzt sich der Gefahr aus, nicht die volle Bandbreite der Gefühle zu spüren zu bekommen oder gar den Überblick über die zahlreichen Figuren zu verlieren.

Lilly Lindners Schreibstil ist besonders und speziell, hält aber für jeden, der sich darauf einlässt, jede Menge Gänsehaut parat. Die junge Autorin schreibt poetisch, ausdrucksstark und bildgewaltig zugleich und geht ihren Lesern damit direkt unter die Haut. Wer ein Lindner-Neuling ist, wird zu Beginn sicher ein paar Schwierigkeiten haben und sich nicht auf Anhieb in diesen sonderbaren Schreibstil verlieben. Sobald sich die berührende Atmosphäre erst einmal aufgebaut hat, möchte man "Da vorne wartet die Zeit" aber am liebsten auf jeder Seite mit Post-Its bestücken, um die schönsten Textpassagen nicht aus den Augen zu verlieren.

Fazit:
"Da vorne wartet die Zeit" von Lilly Lindner ist ein berührendes Buch über eine Stadt voller Schicksale, die alle miteinander verwoben sind und sich in ihrem zerbrechlichen Leben dem Tod stellen müssen. Die junge Autorin schreibt ihren Lesern mit ihrer poetischen und wortgewaltigen Sprache direkt ins Herz und lässt sie mit unzähligen Gedanken und Gefühlen zurück, die man nicht in Worte fassen kann. "Da vorne wartet die Zeit" ist ein Buch, das man selbst erleben muss. Ein Buch, das verändert. Für "Da vorne wartet die Zeit" vergebe ich 5 Lurche, die dem Buch nicht einmal ansatzweise gerecht werden können.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Eine unvergleichliche Geschichte, ein besonderes Abenteuer, eine unvergessliche Reise!

Im Schatten deines Herzens
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Worum geht's?
Schon immer kämpft Jarosch um Anerkennung, vor allem um die seines Vaters. In der Pferdeshow seiner Familie war es schon immer sein Bruder Adam, der den Ruhm und Respekt bekommen hat. Mit ...

Worum geht's?
Schon immer kämpft Jarosch um Anerkennung, vor allem um die seines Vaters. In der Pferdeshow seiner Familie war es schon immer sein Bruder Adam, der den Ruhm und Respekt bekommen hat. Mit einer geheimnisvollen weißen Stute, der Jarosch vor vielen Jahren in seiner Heimat Rumänien begegnet ist und die er seither nicht vergessen kann, soll sich das ändern. Jarosch ist kein Preis zu hoch, um endlich selbst im Rampenlicht zu stehen, und würde dafür sogar seine Seele geben. Als Johanna Jarosch und seine Stute das erste Mal sieht, kann sie die Schatten ihrer Geschichte beinahe körperlich spüren, so präsent und einnehmend sind sie. Dennoch kann sie sich der Faszination des Wildpferdes nicht verschließen. Sie sucht sogar die Nähe der Stute, die auf sie ganz anders wirkt und sich bei Johanna anders verhält als bei Jarosch. Doch ihr Geheimnis ist mächtig und schon bald drohen die Schatten auch Johanna zu verschlingen …

Meine Meinung:
Bei manchen Büchern spürt man es einfach: Das werden nicht bloß unterhaltsame Lesestunden, die zwischen den bezaubernden Buchdeckeln auf ihren Leser warten. Dort liegt mehr verborgen, eine Geschichte, eine Reise, die einen ganz und gar einnehmen wird. „Im Schatten deines Herzens“ von Kerstin Arbogast hat eben dieses Gefühl, diese Faszination in mir ausgelöst, kaum dass ich den Klappentext zu Ende gelesen hatte – und mein Gefühl sollte mich nicht trügen.

„Im Schatten deines Herzens“ erzählt die Geschichte dreier Charaktere, deren Schicksale untrennbar miteinander verwoben werden: Johanna, das Pferdemädchen, Jarosch, der Stuntreiter, und die geheimnisvolle weiße Stute bilden das außergewöhnliche Protagonisten-Trio des Romans. Kerstin Arbogast hat jedem von ihnen eine eigene Erzählperspektive zugesprochen, dank der man die Geschichte in all ihren Facetten und Blickwinkeln erleben darf. Die stetig wechselnden Perspektiven lassen einen als Leser das Geheimnis des Romans zwar schnell durchschauen, das tut dem Vergnügen allerdings keinerlei Abbruch. In dieser Hinsicht eine klare Warnung: Wer „Im Schatten deines Herzens“ spoilerfrei genießen möchte, sollte auf keinen Fall die letzten Seiten aufschlagen – nicht einmal, um nach der Seitenzahl des Buches zu schauen (es sind 423 Seiten!).

Johanna und Jarosch sind ein ungleiches Paar, dessen Chemie dennoch von Anfang an zu spüren ist. Sie ist das nette Mädchen von Nebenan, besonnen, mitfühlend und sympathisch, das für ihre Leidenschaft – die Pferde – brennt und stets das Richtige tut. Jarosch dagegen ist der düstere, unnahbare Frauenheld, der ehrgeizig um Anerkennung kämpft. Er hat ein gutes, durch seine Geschichte aber verschlossenes Herz, das es schwer macht, ihn zu durchschauen. Zunächst ist ihre Liebe zu den Pferden das einzige, das Johanna und Jarosch miteinander verbindet, doch durch die viele gemeinsame Zeit mit der weißen Stute wächst zwischen ihnen eine süße, ehrliche Liebesgeschichte heran, die beide zu völlig neuen Menschen werden lässt. In „Im Schatten deines Herzens“ lassen sich beeindruckend starke Entwicklungen beobachten, die das Buch sehr besonders machen.

Die Handlung beginnt sehr ruhig, die Stimmung aber ist von Anfang an sehr angespannt. „Im Schatten deines Herzens“ ist eine Geschichte, die vor allem durch ihre einzigartige Atmosphäre überzeugt. Düstere, teils schon grausame Szenen stehen hier im direkten Kontrast zu feinfühligen und authentischen Momenten. Kerstin Arbogast wechselt zwischen spannenden und gefühlvollen Kapiteln und findet dabei eine ausgeglichene Balance, die einen als Leser ohne zähe Längen durch die Seiten blättern lässt. Das Gefühl, vor lauter Aufregung und Emotionen dem Sog der Geschichte nicht mehr entfliehen zu können, beschlich mich zwar nicht, dafür war es aber die Liebe zu den Charakteren, der Stimmung, der Geschichte, die mich immer wieder zu dem Buch greifen ließ.

Pferde, ihr Wesen, ihre Stärke und ihre besondere Beziehung zum Menschen sind zentrale Themen in diesem Roman. Eine gewisse Begeisterung für die Tiere, auf deren Rücken bekanntlich das Glück der Welt liegen soll, gehört zur Grundvoraussetzung, um „Im Schatten deines Herzens“ in vollen Zügen genießen zu können. Kerstin Arbogast beschreibt die intensive Beziehung zwischen Mensch und Tier auf eindringliche, gar intime Weise, die unter die Haut geht – sofern man einen Draht zu der Thematik hat oder zumindest offen genug ist, sich darauf einzulassen.

Kerstin Arbogast beschreibt nicht nur die einzigartige Verbindung von Pferd und Reiter auf unvergleichliche Art. Sie ist eine unglaublich talentierte Schriftstellerin, eine Poetin, die mich mit ihren Worten völlig gefangen genommen hat. Kerstin Arbogast schreibt bildgewaltig, gefühlvoll, feinsinnig. Auf manch einen Leser könnten ihre ausdrucksstarken Wortbilder sicherlich kitschig oder viel zu dramatisch wirken. Als Fan von metaphorisch aufgeladenen und atmosphärischen Geschichten ist mein Leserherz in „Die Schatten deines Herzens“ jedoch vollends aufgefangen.

Fazit:
„Im Schatten deines Herzens“ von Kerstin Arbogast ist eines jener Bücher, bei denen man sofort spürt: Hier erwartet mich eine unvergleichliche Geschichte, ein besonderes Abenteuer, eine unvergessliche Reise. Die mystische, zugleich düstere und feinfühlige Geschichte von Jarosch, Johanna und der geheimnisvollen weißen Stute hat mich berührt, begeistert und an die Seiten gefesselt. Die Atmosphäre, die Kerstin Arbogast mit ihrem poetischen, bildstarken Schreibstil erschaffen hat, ging mir unter die Haut und ließ mich nicht mehr los. Eine gewaltige, emotionale Geschichte, die vom Wachsen, Loslassen und Wagen erzählt – ein großartiges Leseerlebnis! Für „Im Schatten deines Herzens“ vergebe ich 5 Lurche, allerdings keine uneingeschränkte Leseempfehlung: Wer sich nicht für Pferde begeistern kann, die besondere Beziehung zwischen Mensch und Tier nicht verstehen kann oder will, würde hier definitiv zum falschen Buch greifen.

Veröffentlicht am 15.09.2016

5 Gründe, warum ihr "Arya & Finn" auf keinen Fall verpassen dürft!

Arya & Finn
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1. Kopfkino!
Wenn ihr mal wieder dringend abschalten müsst oder den Drang verspürt, die Realität hinter euch zu lassen und in fremde Welten abzutauchen, dann ist "Arya & Finn" das richtige Buch für euch. ...

1. Kopfkino!
Wenn ihr mal wieder dringend abschalten müsst oder den Drang verspürt, die Realität hinter euch zu lassen und in fremde Welten abzutauchen, dann ist "Arya & Finn" das richtige Buch für euch. Lisa Rosenbecker ist eine sehr talentierte Nachwuchsautorin, die es mit ihrem mitreißenden Schreibstil geschafft hat mir ihre fantastische Welt vor das innere Auge zu zaubern. Die Geschichte hat mich so sehr in ihren Bann gezogen, dass ich trotz knurrendem Magen lieber noch weiter mit Arya und Finn durch Maljonar gereist bin! Und dabei konnte ich mir alles so gut vorstellen, dass es sich tatsächlich ein wenig so anfühlte, als würde ich mit ihnen trainieren, Städte erkunden und Geheimnisse entdecken. Wenn dann allerdings Bero mit dem Kochen angefangen hat, hat mein Bauch meist doch gesiegt: Bei den schmackhaften Beschreibungen gerät auch die Disziplin eines hungrigen Bücherwurms an seine Grenzen!

2. Echte Gefühle
Dass sich zwischen Arya und Finn mehr als bloß eine Freundschaft entwickeln wird, ist kein Geheimnis. Trotzdem ist ihre Liebesgeschichte für jede Menge Überraschungen gut! Denn im Gegensatz zu anderen Jugendbuch-Pärchen fallen sich Arya und Finn nicht umgehend um den Hals, als sie sich das erste Mal begegnen. Man spürt gleich eine Chemie zwischen den beiden Protagonisten und wünscht sich mit jeder romantischen Szene stärker, dass sie sich endlich küssen! Aber Pustekuchen: Arya und Finn lassen es langsam angehen, tasten sich zaghaft voran und sorgen mit jeder Menge Natürlichkeit für eine Lovestory, die einem wirklich ans Herz geht. Von einer fix aufgebrühten Instant-NudelpackungTeenie-Liebe fehlt hier jede Spur! Und auch die magischen drei Worte werden hier nicht wie Konfetti wild in der Gegend herumgeworfen.

3. Wahre Freundschaft
Als ich euch im Beitrag der zweiten Woche die einzelnen Charaktere vorgestellt habe, konntet ihr es sicherlich schon heraushören: Freundschaft wird in "Arya & Finn" groß geschrieben! Arya und Finn haben als Protagonisten ausnahmsweise mal nicht nur Augen füreinander, sondern vor allem für ihre Freunde und Reisegefährten. Zunächst aufgeteilt in 2 Gruppen - Elena und Arya sowie Bero, Ilias und Finn -, wird das fünfköpfige Gespann bald zu einer eingeschweißten Truppe, in der jeder für den anderen seinen Kopf geben würde. Hier entwickeln sich tiefe Freundschaften, wie man sie in Jugendbüchern viel zu sehr vermisst! Wann wollte ich das letzte Mal so sehr Teil einer solchen Clique sein? Ich glaube, das war zuletzt bei Harry, Hermine und Ron der Fall...

4. Maljonar und seine Magie
Das weite Königreich von Maljonar ist nur ein Teil von Lisa Rosenbeckers bezaubernder Welt, und ich habe mich in jede Gasse und jeden Winkel verliebt. Wie gerne würde ich auch den Rest kennenlernen! Zum Glück sind bisher 4 Bände der "Chroniken von Maljonar" geplant, die mit Sicherheit noch Einblicke in andere Königreiche und neue Städte mit sich bringen werden. Zugegeben: Im Grunde bietet Maljonar belesenen High-Fantasy-Fans nur wenig neue Ideen. Viele magische Elemente kennt man ähnlich schon aus anderen Büchern. Ausschlaggebend für die tolle Atmosphäre ist jedoch, was Lisa Rosenbecker aus den bekannten Details gemacht hat. Viele andere Debütautoren plagen sich mit notgedrungenen Ideen herum, die ihr Werk herausstechen lassen sollen, aber meist voller Logiklücken und Fehler sind. Nicht so in "Arya & Finn": Das Setting ist stimmig, gut herausgearbeitet und dank Lisa Rosenbeckers Schreibstil unheimlich stimmungsvoll. Zwischen diesen Buchdeckeln steckt eine Welt, die man so, so gerne selbst bereisen würde!

5. Nachwuchstalent
Mit ihren starken Charakteren, ihrem ausgeglichenen Plot und ihrem (ich kann's gar nicht oft genug betonen:) bildgewaltigen Schreibstil gehört Lisa Rosenbecker für mich definitiv zu DEN deutschen Nachwuchsautoren, die man im Auge - und in diesem Fall auch im Regal! - behalten sollte. Wenn Lisa Rosenbecker auf diesem Niveau weitermacht, steht ihr Name zweifelsohne bald neben den ganz großen deutschen Phantastik-Autoren. Und ihr wollt euch doch sicherlich nicht die Chance entgehen lassen, ihren Werdegang von Anfang an mit zu verfolgen, oder?!

Veröffentlicht am 15.09.2016

Über das Leben, die Traurigkeit und die Kraft, weiterzumachen

Bird und ich und der Sommer, in dem ich fliegen lernte
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Worum geht's?
Geburtstage sind für Jewel kein Grund zur Freude. Denn an dem Tag, an dem sie vor nun 13 Jahren auf die Welt gekommen ist, ist ihr Bruder Bird gestorben. Und ihr Großvater hat ihn getötet: ...

Worum geht's?
Geburtstage sind für Jewel kein Grund zur Freude. Denn an dem Tag, an dem sie vor nun 13 Jahren auf die Welt gekommen ist, ist ihr Bruder Bird gestorben. Und ihr Großvater hat ihn getötet: Bird, der eigentlich John hieß, ist von der Klippe gesprungen, weil er durch seinen Opa dachte, er könne fliegen. Seitdem hat Jewels Großvater kein Wort mehr gesprochen. Stumm fristet er sein Dasein in seinem Zimmer, in dem er sich völlig verschanzt. Als Jewel eines Tages einen Jungen namens John kennenlernt, der all ihre wirren Gedanken und Gefühle verstehen kann, ändert sich plötzlich alles. Jewels Großvater beginnt, sich seltsam zu verhalten, als wäre John ein böser Geist. Jewel erkennt ihn kaum wieder, aber hat sie ihren Großvater je wirklich gekannt? Noch ahnt Jewel nicht, welche Geheimnisse ihre Begegnung mit John aufdecken wird…

Meine Meinung:
Es gibt Bücher, die man liest und dann wieder vergisst. Dann gibt es Bücher, die man verschlingt und die man gerne wieder aus dem Regal zurückholt. Und dann gibt es Bücher wie „Bird und ich und der Sommer, in dem ich fliegen lernte“, die man nicht liest, sondern erlebt, und die etwas in einem hinterlassen, das einen noch lange durchs Leben begleitet. „Bird und ich und der Sommer, in dem ich fliegen lernte“ ist eine unglaubliche Geschichte über das Leben und seinen Wert, über die Bedeutung von Freundschaft und Familie, die Suche nach sich selbst und den unerträglichen Schmerz des Verlusts.

„Bird und ich und der Sommer, in dem ich fliegen lernte“ steckt voller Magie – sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne. Übersinnliches, wie etwa Geister, spielen durchaus eine entscheidende Rolle für Jewel und ihre Familie. Für wie glaubhaft man die Geister und die mysteriösen Ereignisse hält, muss jeder Leser für sich selbst entscheiden. Die Autorin hält sich dabei bewusst zurück! Die Magie, die Crytal Chan durch ihre eindringlichen und poetischen Worte über die Buchdeckel hinaus aufleben lässt, ist allerdings alles andere als bloß Betrachtungssache.

Jewel ist eine ganz besondere Protagonistin. Stark, mutig und fest entschlossen, später einmal Geologin zu werden, schleicht sich Jewel mit ihren tiefgründigen Gedanken direkt in das Herz eines jeden Lesers. Für ihr junges Alter wirren sich viel zu viele bunte Gedankenfäden in ihrem Kopf, die nicht nur sie selbst beschäftigen, sondern auch über die Seiten hinaus zum Nachdenken bewegen. Jewel ist eine Protagonistin, von der man noch viel lernen kann. Ein sanftes Mädchen mit großem Herzen, das sich die Welt auf ihre Weise erträglich macht.

Neben Jewel gibt es in „Bird und ich und der Sommer, in dem ich fliegen lernte“ noch zahlreiche weitere Charaktere, die Crytal Chan nicht zu kurz kommen lässt. Eine ganz große Rolle spielt dabei vor allem John, Jewels neuer bester Freund. Er ist der schlauen Protagonistin mit seinen klugen Gedanken gar nicht mal so unähnlich und wickelt einem mit seiner frechen und eigensinnigen Art schnell um den Finger. Dass John – ausgerechnet ein Junge namens John! – genau dann auftaucht, wenn Jewel einen Freund braucht, lässt jeden seiner Schritte mysteriös erscheinen.

Jewels eigenbrötlerische Familie dagegen betrachtet man zunächst sehr skeptisch. „Typisch Erwachsene“ fehlt ihnen der Zugang zu Jewels ganz eigener Sicht auf die Welt. Im Verlauf der Geschichte lernt man sie jedoch immer wieder neu kennen. Warum ist Jewels Vater so besessen von Duppy-Geistern, ihre Mutter so verschlossen? Und warum kann sich ihr Großvater nach all den Jahren noch immer nicht dazu überwinden, wieder zu sprechen? Jede Person in Chans Buch hat ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Beweggründe, die aus ihr viel mehr macht als eine fiktive Romanfigur.

Die Freundschaft zwischen Jewel und John ist ebenso einzigartig und besonders wie die beiden jungen Charaktere selbst. So speziell und sonderbar sie sich kennenlernen, so entwickelt sich auch ihre Freundschaft. Auf authentische und berührende Art wachsen die beiden immer enger zusammen und entdecken die Welt auf ihre Weise. Selbst Erwachsene lernen durch Jewel und John, dass man sein Leben und die Dinge, auf die man stößt, ganz anders wahrnehmen kann, dass man wieder mehr in ihnen sehen kann. Im Verlauf der Geschichte wird ihre Freundschaft auf eine harte Probe gestellt, die sowohl Jewel und John viel abverlangt als auch das Herz des Lesers anspricht.

Fazit:
In „Bird und ich und der Sommer, in dem ich fliegen lernte“ von Crystal Chan steckt so viel mehr, als man auf den ersten Blick vermuten könnte. Es ist eine Geschichte über Verluste, über den Schmerz und die Schwere, über das, was das plötzlich eingerissene Loch im Herzen mit Menschen machen kann. Es ist eine Geschichte über die Traurigkeit, aber auch über das Leben und die Kraft, weiterzumachen. Unbedingt lesen! Für „Bird und ich und der Sommer, in dem ich fliegen lernte“ vergebe ich 5 Lurche.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Wunderschön und ergreifend – ein Herzensbuch.

Für einen Sommer und immer
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Worum geht's?
Als Annikas Mutter ihr erzählt, dass sie schwer krank ist und bald sterben wird, will Annika nur noch eins: weg, und zwar schnell. Sie nimmt ihren lange überfälligen Urlaub und flüchtet sich ...

Worum geht's?
Als Annikas Mutter ihr erzählt, dass sie schwer krank ist und bald sterben wird, will Annika nur noch eins: weg, und zwar schnell. Sie nimmt ihren lange überfälligen Urlaub und flüchtet sich in ein abgeschiedenes Dorf in den Südtiroler Dolomiten. Doch im Entspannen war die dreißigjährige Karrierefrau noch nie sonderlich gut, und schon nach einem Tag fällt ihr in ihrem schicken Hotel die Decke auf den Kopf. Um der erdrückenden Leere in ihrem Inneren zu entkommen, beschließt sie, sich beim Gipfelstürmen auszupowern, und nimmt sich kurzentschlossen einen Bergführer. Samuel ist vollkommen anders als alle Männer, die Annika je kennengelernt hat. Seine Liebe zu den Bergen ist mitreißend, ansteckend, und bald bemerkt Annika, dass sie mit jedem Meter, dem sie sich der Bergspitze nähert, auch ihrem eigenen Herzen näher kommt … (Quelle: egmont-ink.de)

Meine Meinung:
Eine 32-jährige Karrierefrau, die nach einer schlimmen Nachricht in die Dolomiten flüchtet, um dort bei gutem Essen und Wein zur Ruhe zu kommen und zurück zu sich selbst zu finden. Ich muss zugeben: In der Masse der tragischen Schicksalsbücher, die den Buchmarkt überschwemmen, wäre diese Geschichte mit ihrem Berg- und Delikatessen-Thema geradezu an mir vorbeigerutscht – stünde da nicht der Name dieser einen Autorin, die mein Leserherz mit jedem ihrer Worte zum Schmelzen bringt. Julie Leuze ist für mich ein Garant für emotionale Wohlfühl-Bücher und deshalb gehörte auch „Für einen Sommer und immer“ ganz klar zu meinen Must-Reads in diesem Jahr.

Nach wenigen Seiten war mir klar: Auch mit ihrem neuesten Werk wird mich Julie Leuze nicht enttäuschen. Schon der erste Satz hat genügt, um mich neugierig auf die Geschichte zu machen, und nur wenige Absätze später war ich Julie Leuzes Schreibstil mit Haut und Haar verfallen. Leuze schreibt mit viel Gefühl und gleichzeitig mit solch einer lockeren Leichtigkeit, sie findet stets das richtige Wort für den richtigen Moment und pflanzt Emotionen wie kleine Samenkörner in die Herzen ihrer Leser, die im Laufe der Geschichte mehr und mehr erblühen. Diese Autorin hat das gewisse Etwas – und das spürt man mit jeder verschlungenen Seite deutlicher.

In „Für einen Sommer und immer“ lernt man die 32-jährige Annika Winter kennen, die souveräne Pressereferentin von Pharmedizin, die unnahbare und unbezwingbare Karrierefrau, die stets bekommt, was sie will, und dafür notfalls auch über Leichen geht. Die stets perfekt gestylte Annika Winter ist eine Zimtzicke der Extraklasse! Das stellt sie auch gleich unter Beweis, denn in dem Berghotel in den Südtiroler Dolomiten, in das sie eingecheckt hat, lässt sie das Personal deutlich spüren, was sie von ihnen hält. Annika ist forsch, selbstbewusst und stark. Doch was auf Außenstehende sehr einschüchternd wirkt, durchschaut man als Leser, der Einblick in Annikas Gedanken und Gefühle hat, sehr schnell: Hinter der harten Facette versteckt Annika einen angeknacksten Kern.

Der Grund für Annikas spontanen und für die Karrierefrau völlig untypischen Urlaub ist alles andere als schön: Ihre Mutter ist sterbenskrank und hat nicht mehr lange zu leben. Bei dieser Nachricht brennen bei Annika die Sicherungen durch. In den Dolomiten sucht sie Ruhe und Frieden, aber Entspannung ist für sie leider ein Fremdwort. Mit viel Feingefühl und Lebendigkeit erzählt Julie Leuze Annikas Geschichte, deren Flucht in die Berge sie innerlich aufwühlen und für immer verändern wird. Das Bergthema drängt dabei gar nicht so stark in den Vordergrund, wie man es vermuten könnte. Im Gegenteil: Man taucht so tief in die Geschichte ein, dass man die Ruhe der Dolomiten, den frischen Wind und den Frieden der Natur am eigenen Leib spürt. „Für einen Sommer und immer“ beschäftigt sich authentisch und ehrlich mit schwierigen und belastenden Themen, übermittelt dabei aber nie ein Gefühl der Ausweglosigkeit. Es ist eine Geschichte über das Sicht-selbst-finden, über das Wachsen und Weitermachen, über das Hinter-sich-lassen und Neues-wagen. Eine Geschichte, wie sie nur das Leben schreibt – und wie nur Julie Leuze sie erzählen kann.

Hinter Annikas strenger Maske steckt viel mehr, als es zunächst den Anschein macht. Seite für Seite erfährt man mehr über ihre komplexe Persönlichkeit und ihre Hintergründe und mit jedem Puzzleteil, das man neu entdeckt, ist man erleichterter darüber, dass Annika all das nicht alleine bewältigen muss. Samuel, ihr persönlicher Bergführer, wird schnell, aber nicht zu überstürzt zu Annikas Vertrautem. Der sympathische Adrenalinjunkie, der die Ruhe der Berge ebenso zu schätzen weiß wie das Abenteuer der Gipfel, bringt eine ordentliche Portion Romantik in das Geschehen. Sein natürlicher Charakter und sein Charme bringen Annikas innere Mauern mehr und mehr zum Bröckeln. Die Chemie zwischen ihnen stimmt und macht sie zu einem wunderschönen Pärchen, das ausgeglichener kaum sein könnte. Auch Samuel hat seine Päckchen zu tragen, was ihm sehr markante Ecken und Kanten verleiht und dem Bergführer ebenfalls einen festen Platz im Leserherzen sichert.

Fazit:
Mit „Für einen Sommer und immer“ hat Julie Leuze wieder einmal eine Geschichte abgeliefert, die mein Herz zum Schmelzen gebracht hat. Keine Autorin schreibt so einfühlsam und ehrlich, so authentisch und herzergreifend wie sie! Die Geschichte um Annika und Samuel steckt voller tragischer und trauriger Elemente, übermittelt einem aber trotzdem niemals ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Hochemotional und unvergleichlich eindringlich erzählt Julie Leuze in diesem Buch über das Sich-selbst-finden, das Hinter-sich-lassen und Friedenfinden, das Neu-anfangen und glücklich sein. Wunderschön und ergreifend – ein Herzensbuch. Für „Für einen Sommer und immer“ vergebe ich 5 Lurche.