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Veröffentlicht am 12.04.2021

Interessante Lektüre mit Längen und leider schwierigen Charakteren

Die Verlorenen
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»DIE VERLORENEN« von Stacey Halls ist ein historischer Roman, der im 18. Jahrhundert spielt und von dem Schicksal der meist ledigen Mütter erzählt, die nicht für den Lebensunterhalt ihrer Kinder sorgen ...

»DIE VERLORENEN« von Stacey Halls ist ein historischer Roman, der im 18. Jahrhundert spielt und von dem Schicksal der meist ledigen Mütter erzählt, die nicht für den Lebensunterhalt ihrer Kinder sorgen können und sie in die Obhut des Londoner Foundling Hospital geben müssen. Die verzweifelten Mütter müssen dafür an eine Art Lotterie teilnehmen und medizinische Tests bestehen, damit ihre Kinder in einer gesicherten Umgebung aufwachsen können. Falls eine Mutter jemals in der Lage sein soll, ihr Kind zu einem späteren Zeitpunkt zurückzuholen, kann sie es gegen eine Gebühr auslösen.

So versucht auch die Protagonistin Bess Bright ihre Tochter aus der Findlingsanstalt zurückzuholen, die sie vor sechs Jahren als Neugeborene dort abgeben musste. Als sie erfährt, dass sich ihre Tochter Clara gar nicht in der Anstalt befindet und bereits vor sechs Jahren von einer Frau abgeholt wurde, die sich als Bess ausgegeben hat, ist sie unfassbar verzweifelt, traurig und verwirrt.

Ungefähr an diesem Punkt beginnt die Geschichte, die aus zwei Perspektiven heraus erzählt wird. Im Verlauf verflechten sich beide Handlungsstränge miteinander. So durchlebt man die verzweifelte Lage von Bess und lernt auf der anderen Seite die wohlhabende und gefühlskalten Witwe Alexandra kennen, die sich um ihre sechsjährige Tochter Charlotte kümmert, ohne ihr gegenüber Liebe zu zeigen. Beide Frauen verbindet ein gemeinsames Schicksal, das sie schon bald einholen wird.

Schnell wird klar, dass Alexandra an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet, die sie in ihrem Alltag und den Gefühlen ihrer Tochter gegenüber stark einschränkt. Anfangs wirkt sie stumpfsinnig und ihre Selbstisolation ist beklemmend, doch je mehr man über ihre Vergangenheit erfährt, umso besser kann man ihr Verhalten nachempfinden. Dennoch ziehen sich Alexandras Passagen streckenweise unangenehm in die Länge.

Deutlich besser kann man sich in die verzweifelte Lage der verwaisten Mutter Bess einfühlen, die sich seit Jahren nach ihrer leiblichen Tochter sehnt. Hautnah muss man miterleben, wie sie unter dem ungerechten System der Zweiklassengesellschaft leidet. Gemeinsam mit ihr hofft man auf eine Zusammenführung von Mutter und Tochter.

»DIE VERLORENEN« ist ein gut recherchierter Roman, der die verzweifelte Liebe einer verwaisten Mutter in den Mittelpunkt stellt. Durch den einnehmenden und leichtgängigen Schreibstil werden die verzweifelten Situationen der unterschiedlichen Protagonistinnen deutlich und das georgianische London als Kulisse lebendig. Trotz meiner widersprüchlichen Sympathien den Charakteren gegenüber, habe ich die Geschichte gerne verfolgt und trotz seiner Längen hat mich dieser Roman kurzweilig gut unterhalten.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 25.03.2021

Eine Talfahrt der Gefühle! Erschütternd und emotional kräftezerrend

Die Schweigende
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In »DIE SCHWEIGENDE« erzählt die Bestsellerautorin Ellen Sandberg die aufwühlende Geschichte einer Frau, die als Kind der 50er-Jahre in einem Erziehungsheim aufwachsen musste.

Beginnend in der Gegenwart ...

In »DIE SCHWEIGENDE« erzählt die Bestsellerautorin Ellen Sandberg die aufwühlende Geschichte einer Frau, die als Kind der 50er-Jahre in einem Erziehungsheim aufwachsen musste.

Beginnend in der Gegenwart durchlebt Karin eine schwere Zeit. Ihr geliebter Mann verstirbt plötzlich im Alter von 79 Jahren, und er hat ihrer Tochter Imke auf dem Sterbebett einen Schwur abgenommen. Imke soll nach Karins Bruder Peter suchen, den sie vor über 60 Jahren zum letzten Mal gesehen hat. Karin wehrt sich vehement dagegen, die verdrängte Vergangenheit wieder in ihr Leben zu lassen. Zur gleichen Zeit treibt die jüngste Tochter Anne quer und fordert von ihrer Mutter ihren Erbanteil ein.

Die Dynamik zwischen Karin und ihren unterschiedlichen Töchtern kann man nur als kompliziert und schwierig beschreiben. Da Karin in der gegenwärtigen Situation stur, kaltherzig und eigensinnig agiert, steckt man sie schnell in die Klischeeschublade. Wie auch ihre Töchter findet man als Leserin nur schwer einen Zugang zu ihr und es dauert eine ganze Weile, bis man in die Geschichte einfindet.

Das, was dann im Verlauf der Handlung passiert, ist schwer zu beschreiben und liegt mir immer noch schwer im Magen. Deswegen muss ich an dieser Stelle auch eine Triggerwarnung aussprechen, da es im Roman viele körperliche und seelische Gewaltszenen gibt. Der Titel »DIE SCHWEIGENDE« macht schnell Sinn und es ist nicht leicht, Szenen zu durchleben, in denen zarte Kinderseelen gebrochen werden.

Auf zwei Zeitebenen erzählt Ellen Sandberg Karins Geschichte, die stellvertretend für die unzähligen Schicksale der Heimkinder steht, die unter der grausamen Art der »Pädagogik« und der gnadenlosen Heimerziehung nach dem Zweiten Weltkrieg schwer gelitten haben. Karins Beispiel zeigt, wie sich die traumatischen Erlebnisse eines Menschen auf die nächste und übernächste Generation auswirken.

»DIE SCHWEIGENDE« von Ellen Sandberg erzählt die Geschichte einer Frau, die als Jugendliche seelische und körperliche Qualen durchleben musste. Die eingangs gestellte Frage, wo ihr verschollener Bruder Peter ist, zieht sich wie ein roter Faden durch die Handlung. Auf der Suche nach ihm kommen die verdrängten Erinnerungen aus Karins Vergangenheit erneut ans Tageslicht, und die Hilflosigkeit, die man als Leser
in die gesamte Lesezeit über spürt, ist erdrückend und schmerzhaft. Die realen und schonungslosen Schilderungen sind nur schwer zu ertragen. Dennoch kann ich diesen erschütternden Roman nur loben. Ellen Sandbergt ist es gelungen, den hilflosen und vergessenen Heimkindern der Nachkriegszeit eine Stimme zu geben.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.02.2021

Spannende Unterhaltung

Grenzfall - Der Tod in ihren Augen
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«GRENZFALL. DER TOD IN IHREN AUGEN» ist der Auftaktband einer neuen Krimireihe, die in Oberbayern spielt und die junge Oberkommissarin Alexa Jahn ins Bergparadies Lenggries verschlägt. Doch nicht nur der ...

«GRENZFALL. DER TOD IN IHREN AUGEN» ist der Auftaktband einer neuen Krimireihe, die in Oberbayern spielt und die junge Oberkommissarin Alexa Jahn ins Bergparadies Lenggries verschlägt. Doch nicht nur der Fund einer grauenvoll zugerichteten Frauenleiche stellt sie vor einer großen Herausforderung, sie muss sich gleichzeitig gegenüber ihren neuen Kollegen behaupten, die sie im Team nicht tolerieren können, und auch noch irgendwie mit dem kauzigen Kollegen aus Österreich klarkommen …

Von der ersten Seite an habe ich die Protagonistin Alexa Jahn gerne begleitet. Ich konnte mich sehr gut mit ihrem authentischen Charakter identifizieren und fand es wahnsinnig interessant, sie dabei zu beobachten, wie sie ihre höhergestellte Position gegenüber den männlichen Kollegen behauptet.

Der atmosphärische und bildhafte Schreibstil von Anna Schneider in Kombination mit der nahbaren Protagonistin ließen die Handlung bildlich vor meinem inneren Auge ablaufen. Für mich fühlte es sich nach dem Lesen fast so an, als hätte ich einen wirklich guten ZDF-Krimi am Samstagabend geschaut.

Ein klein wenig erinnert mich der Kriminalfall an die skandinavische Erfolgsserie «DIE BRÜCKE», in der eine Leiche auf einer Ländergrenze gefunden wird und die Ermittlungsteams zweier Länder vereint, was schnell für Komplikationen sorgt. Unweigerlich führt solch ein Umstand auch in diesem Krimi zu neuen Konflikten, da Teile der in Lenggries gefundenen Frauenleiche im benachbarten Österreich auftauchen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Beweislage überschaubar ist. Scheinbar wahllos werden neue Geheimnisse aufgedeckt, die sich schwer miteinander verbinden lassen und immer mehr Fragezeichen aufwerfen.

Bis zum Ende hin baut sich eine angenehme Spannung auf, die sich nachvollziehbar aufklärt. Und genau an dem Punkt, an dem ich dachte, alles wäre geklärt, ereignet sich in Alexas Privatleben eine überraschende Wendung, die mich unfassbar neugierig auf die Fortsetzung macht, die Anfang 2022 erscheinen wird. Ich freue mich jetzt schon drauf!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.11.2020

Die Vorgeschichte von «DIE SÄULEN DER ERDE». Mehr als grandios!

Kingsbridge - Der Morgen einer neuen Zeit
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Drei Jahre hat Ken Follett an «DER MORGEN EINER NEUEN ZEIT», dem Prequel der großartigen KINGSBRIDGE-SAGA, gearbeitet und in diesem fulminanten Roman erleben Fans von «DIE SÄULEN DER ERDE» die Geburtsstunde ...

Drei Jahre hat Ken Follett an «DER MORGEN EINER NEUEN ZEIT», dem Prequel der großartigen KINGSBRIDGE-SAGA, gearbeitet und in diesem fulminanten Roman erleben Fans von «DIE SÄULEN DER ERDE» die Geburtsstunde des Ortes KINGSBRIDGE.

In einem Land, in dem die Bosheit sündiger Menschen stets siegt, aus einem unbedeutenden Weiler einen bedeutsamen Marktplatz und friedvollen Ort für Gelehrte und gottesfürchtige Menschen zu machen, ist wahrlich kein leichtes Unterfangen. Viele Intrigen, Neid und Missgunst stehen den Protagonisten im Weg und die Handlung enthält für alle enorme Rückschläge.

Da das “Dunkle Zeitalter” des Mittelalters nur wenige Spuren in den Geschichtsbüchern hinterlassen hat, gab es für Ken Follett viel Raum für Mutmaßungen, Interpretationen und Fantasie. Diese Lücken hat er mit authentischen Kulissen und lebendigen Szenen gefüllt, die wie ein Film vor dem inneren Auge ablaufen.

Durch die einnehmende Handlung führen drei starke und facettenreiche Figuren, die dem Leser mit der Zeit ans Herz wachsen.

Ragna ist eine wunderschöne normannische Adelstochter, die nach England kommt und sich durch nichts und niemanden erschüttern lässt. Sie ist den Frauen der damaligen Zeit einiges voraus und sie versucht sich mit allen möglichen Mitteln zu emanzipieren.

Edgar ist der Sohn eines Schiffbauers, der nach einem brutalen Wikinger-Überfall seine große Liebe und seinen Vater verloren hat und mittellos in einem gottverlassenen Dorf einen heruntergekommenen Bauernhof übernehmen muss. Er fühlt sich in der Rolle des Bauers nicht wohl und heuert schon bald beim hiesigen Fährfahrer an und spürt, dass er mit seinem handwerklichen Geschick und Talent zu Größerem berufen ist.

Aldred ein wissenshungriger Mönch, hat es sich zur Aufgabe gemacht, eine große Bibliothek und ein Zentrum für Gelehrte aufzubauen. Doch dem Erzbischof ist er nach einem Vorfall ein Dorn im Auge.

Im Laufe der Zeit bestimmt das Schicksal, dass sich die Lebenswege von Ragna, Edgar und Aldred immer wieder kreuzen. Für alle ein Segen, denn ihnen stehen unfassbar schwierige Herausforderungen und große Ungerechtigkeiten bevor …

Ken Follett gibt dem Leser viel mehr mit als eine spannende Geschichte. Er gewährt einen mehr als authentischen Einblick in die damalige, sehr triste Zeit, sodass man nach dem Lesen das Gefühl hat, einen Teil englische Geschichte hautnah miterlebt zu haben. Und das mit all seinen Grausam- und Ungerechtigkeiten. Das Lesegefühl ist wirklich unbeschreiblich und die grausamen Szenen sind nichts für schwache Gemüter. Wie man damals mit irischen Sklavinnen umgegangen ist, war jenseits von Gut und Böse!

Das Abenteuer und der Ausflug in die dunkle Vergangenheit Englands haben mich atemlos zurückgelassen. Der Abschied von der ungerechten Zeit fiel mir leicht, doch die Charaktere zurückzulassen, fiel mir hingegen unsagbar schwer. Die letzten Kapitel überbieten sich an Spannung und haben mich mit einer Gänsehaut und vielleicht einem Tranchen im Augenwinkel zurückgelassen.

Ich hätte wirklich noch ewig weiterlesen können!!!
Chapeau, Mr. Follett!

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Veröffentlicht am 04.10.2020

Eine gemächliche und nachdenklich machende Liebesgeschichte, die zu wenig unterhält

Weil alles jetzt beginnt
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Dieser Roman beginnt dramatisch mit einem tödlichen Verkehrsunfall, der die Protagonistin Evvie zur Witwe macht. Das Trauern fällt ihr schwer, da ihr schlechtes Gewissen alle Gefühle überlagert. Denn ...

Dieser Roman beginnt dramatisch mit einem tödlichen Verkehrsunfall, der die Protagonistin Evvie zur Witwe macht. Das Trauern fällt ihr schwer, da ihr schlechtes Gewissen alle Gefühle überlagert. Denn was keiner weiß, am Tag des Unfalls wollte sie ihren Mann verlassen, da sie sich nach einem glücklicheren Leben sehnte. Ist es falsch, sich in dieser Situation "befreit" zu fühlen, oder macht sie das zu einem schlechten Menschen?

Auf diesen innerlichen Konflikt war ich sehr gespannt und er brachte mich beim Lesen ins Grübeln, da man sich gut in die Gefühlslage der Protagonistin einfühlen kann. Trotzdem fiel es mir schwer, eine Verbindung zu ihr herzustellen, da sie auf mich zu unnahbar wirkte. Diese Distanz löst sich im Verlauf der Handlung zwar auf, trotzdem fand ich die Lesezeit mit ihr nicht immer leicht.

Kurze Zeit später begegnet sie Dean, der ihre Lage neutral bewerten kann und der neue Hoffnung in ihr weckt. Doch auch er ist auf der Flucht vor seinen inneren Dämonen und findet Kraft in ihren Gesprächen. Langsam entwickeln sich sanfte Gefühle zwischen den Beiden, die zur gemächlichen Handlung passen.

Die Grundidee der Handlung selbst hat mir gut gefallen, die Umsetzung war mir leider zu unspektakulär.
Einfühlsam und gemächlich erzählt die Autorin von großen Gewissensbissen, Trauer, Selbstzweifeln und Hoffnung. Dabei entstehen leider einige Längen, die das Leseerlebnis schmälern. Ehrlich gesagt habe ich mehr von diesem Roman erwartet...

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