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Loreley

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Veröffentlicht am 10.07.2025

Drei starke Frauen

Das Echo der Sommer
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Iɲgá, ihre Mutter Rávdná und ihre Tante Anné sind sámische Nomaden, die mit ihrer Rentierherde je nach Jahreszeit in das Winter- oder Sommerlager ziehen. Zu Beginn der Geschichte ist alles anders. Als ...

Iɲgá, ihre Mutter Rávdná und ihre Tante Anné sind sámische Nomaden, die mit ihrer Rentierherde je nach Jahreszeit in das Winter- oder Sommerlager ziehen. Zu Beginn der Geschichte ist alles anders. Als sie das Sommerlager erreichen, ist der See überflutet worden und alles steht unter Wasser. Die Natur, die Behausungen der Sámi und sogar das Grab des Vaters sind dadurch mutwillig zerstört worden.
Der Roman erzählt von einem indigenen Volk zwischen Tradition und der modernen schwedischen Bevölkerung in den 40er Jahren des letztenJahrhunderts. Rávdná wehrt sich gegen die Unterdrückung der Regierung, die ihr verbietet ein Haus zu bauen, mit der Begründung, die nomadischen Sámi dürften nicht sesshaft werden. Gleichzeitig zerstören sie ihren Lebensraum. Durch die Flutung wurden z.B. die Fischbestände des Sees ausgemerzt, die eine Lebensgrundlage der Sámi gebildet haben. Sich anzupassen, ihren Namen und ihre Identität abzulegen und vielleicht sogar für das nahegelegene Kraftwerk zu arbeiten kommt für Rávdná nicht in Frage. Sie baut das Haus trotzdem.

Dieses Buch ist eine ganz besondere Geschichte, in der ich viel über die Lebensweise, Kleidung und Gesänge (Joiks) der Sámi erfahren habe. Ihr Leben im Einklang mit der Natur wird frei von Kitsch in schlichten Worten von der sámischstämmigen Autorin beschrieben. Trotzdem gehen diese Worte unter die Haut. Karg und poetisch beschreibt sie drei starke Frauencharaktere, deren Stimme noch lange in mir nachhallen werden. Ich finde, dass das ein ganz außergewöhnlicher Roman ist, dem man Zeit geben muss, nachzuhallen. Ich kann jedem empfehlen sich auf Youtube Joiks anzuhören. Die Gesänge sind wirklich schön. Das Buch selbst ist eine absolute Leseempfehlung von mir!

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Veröffentlicht am 10.07.2025

zarter Roman über das Ankommen

Halbinsel
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Kristine Bilkaus Roman "Halbinsel" ist eine Beziehungsgeschichte von einer Mutter und einer Tochter. Schon das zart gestaltete Cover lässt vermuten, dass dem Leser hier leise Geschichte erzählt wird, die ...

Kristine Bilkaus Roman "Halbinsel" ist eine Beziehungsgeschichte von einer Mutter und einer Tochter. Schon das zart gestaltete Cover lässt vermuten, dass dem Leser hier leise Geschichte erzählt wird, die ebenso ruhig ist wie die nordfriesische Landschaft, in der sie spielt.

Die Bibliothekarin Annett lebt im Haus ihrer verstorbenen Großtante. Seit sie früh verwitwet ist, hat sie sich hier eingeigelt. Doch nun braucht ihre Tochter Linn sie. Die überengagierte Klimaschützerin bricht bei einer Vorlesung zusammen. Burnout! Ihre Mutter holt sie zu sich, und die Ruhe der nordfriesischen Halbinsel führt dazu, dass Mutter und Tochter sich miteinander und mit sich selbst auseinandersetzen.

Die Geschichte entfaltet sich langsam, für manch einen möglicherweise zu langsam.
Aber es sind eben diese leisen Töne, die nachzuhallen vermögen.
Was mir gefallen hat, waren die schlichten Naturbeschreibungen und der Fokus, der auf den Konflikten von Mutter und Tochter und ihren Erwartungen, dem Loslassen und dem Neuanfang liegen. Wichtig war mir auch, dass die Autorin Themen wie Umweltschutz und die Liebe zum Wattenmeer mit einfließen lässt. Es tut gut, neben den vielen reißerischen oder übertriebenen Büchern dieses Juwel mit leisen Zwischentönen zu lesen.

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Veröffentlicht am 10.07.2025

Jugend in China

Himmlischer Frieden
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In dem Roman begleitet man Lai, die in den 70er/80er Jahren in Peking aufwächst. Dreh- und Angelpunkt ist das Haus, in dem das Mädchen aufwächst. Die Eltern, die Großmutter, der kleine Bruder und die Nachbarschaft ...

In dem Roman begleitet man Lai, die in den 70er/80er Jahren in Peking aufwächst. Dreh- und Angelpunkt ist das Haus, in dem das Mädchen aufwächst. Die Eltern, die Großmutter, der kleine Bruder und die Nachbarschaft bilden das Zentrum von Lai. Die Familie hat jedoch einige Risse. Der Vater leidet unter dem kommunistischen Regime, zieht sich in sich zurück und wird immer schweigsamer. Die Mutter ist stets auf den äußeren Schein und die Anerkennung der anderen bedacht und vernachlässigt dabei ihre Tochter. Lediglich die Großmutter, die sich nicht scheut sich systemkritisch zu äußern, ermuntert ihre Enkelin, mehr aus sich zu machen. Aber das Stille und zurückhaltende Mädchen wird immer angepasster, nachdem sie als Kind mit Freunden eine Ausgehsperre ignoriert und dafür Gewalt von den Soldaten erfahren hat. Immer mehr versucht sie es anderen Recht zu machen und am besten unsichtbar zu sein, mitzuschwimmen und das zu sagen, was die systemtreuen Lehrer hören wollen.

Es kommt langsam zu einer Entwicklung, als die Großmutter verstirbt und Lai an der Universität zu studieren beginnt. Dort wendet sich auch noch ihr langjähriger Freund von ihr ab, so dass sie den Druck nur noch durch Ritzen ertragen kann. Aber es langsam beginnt auch eine Wandlung, als sie die unkonventionelle Anna kennenlernt und sich den studentischen Aufstände für Freiheit und Demokratie anschließt, die nachher auf den Protestbekundungen auf dem Platz des Himmlischen Friedens gipfeln.

Der biographische Roman erzählt in leisen Tönen vom Frauenbild Chinas, den Traditionen, der Rolle der Familie und natürlich von Staatshörigkeit und Mitläufertum. Es ist manchmal schwer Lai zu verstehen. Als Leser wünscht man ihr, sie würde nicht alles mit sich machen lassen; durch die frühe Gewalterfahrung blieb ihr aber wohl nichts anderes übrig als sich anzupassen.
Verstehen konnte ich wiederum ihre Flucht in fremde Buchwelten und ihre Liebe zur Literatur:

"Ich schließe die Seiten um und nahm das entgegen, was Literatur bieten kann. Die Möglichkeit, der Wirklichkeit zu entfliehen, auch wenn es nur kurz anhält. Abstand zum eigenen Leben zu bekommen und an der Erfahrung anderer teilzuhaben als unsichtbare Präsenz irgendwo am Rande der Seiten. Lesen war schon immer mein Zufluchtsort gewesen."

"Himmlischer Frieden" ist ein ruhiger Roman und ein Stück Zeitgeschichte Chinas von einem Mädchen, das langsam ihre eigene Stimme findet und war sehr schön zu lesen.

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Veröffentlicht am 10.07.2025

Kinderverschickung

Am Meer ist es schön
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1969. Die achtjährige Susanne wird vom Amtsarzt zur Kur geschickt und landet im Haus "Morgentau" in Sankt Peter-Ording an der Nordsee. Schnell begreift das Mädchen, dass sie der Willkür und den boshaften ...

1969. Die achtjährige Susanne wird vom Amtsarzt zur Kur geschickt und landet im Haus "Morgentau" in Sankt Peter-Ording an der Nordsee. Schnell begreift das Mädchen, dass sie der Willkür und den boshaften Erziehungsmethoden der "Tanten" ausgeliefert ist, die den Willen der Kinder brechen wollen und Gehorsam einfordern.

Die Geschichte wird in Rückblenden erzählt, da Susannes Mutter im Sterben liegt und das Trauma dadurch wieder aufbricht. Ihr Verhältnis ist kein gutes. Da Susanne als Kind niemand geglaubt hat, rebellierte sie heftig und galt somit als schwarzes Schaf der Familie. Zwar hat sie selbst als Erwachsene der Erlebnisse aus dem Kurheim verdrängt, jedoch kommen diese als Albträume wieder an die Oberfläche und zeigen sich auch dadurch, dass sie keine Beziehung dauerhaft am Leben halten kann. Gefühle hatte sie nur für den Vater ihrer Erwachsenen Tochter Julia...

Der Roman liest sich leicht, befasst sich aber doch mit einem Thema, mit dem eventuell noch viele zu tun gehabt haben, nämlich der schwarzen Pädagogik, einem Überbleibsel aus der Nazizeit. Ohrfeigen, Beschämungen, Einsperren und öffentliche Demütigungen vor anderen waren Werkzeuge, die bis in die 80er Jahre gebräuchlich waren um Kinder zu disziplinieren. Im Nachwort erläuter die Autorin, dass solche Erziehungsmethoden in diesen Kinderkurheimen üblich waren, und ich kann das durch ein Beispiel in meinem Freundeskreis bestätigen.

Der Roman ist an der Grenze des Seichten, und trotzdem hat er mein Herz berührt und mich mit den Protagonist:innen mitfühlen lassen. Wer er gefühlvoll mag, ohne dass es Richtung Schmonzette geht, der hat hier eine emotionale Geschichte über ein düsteres Thema.

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Veröffentlicht am 10.07.2025

Geschichte wird lebendig

Treppe aus Papier
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Ein Haus als Zeitzeuge deutscher Geschichte. Die Wände erspüren das in ihm wohnende Leben, berichten von Familien, die enteignet und denunziert wurden. Von Kindern, die gemaßregelt und nach Johanna Haarers' ...

Ein Haus als Zeitzeuge deutscher Geschichte. Die Wände erspüren das in ihm wohnende Leben, berichten von Familien, die enteignet und denunziert wurden. Von Kindern, die gemaßregelt und nach Johanna Haarers' menschenunwürdigen Regeln erzogen wurden. Dieses Haus ist ein Beobachter; in ihm verschwimmen Zeit und Raum und verweben sich zu einem Teppich aus Begebenheiten und gelebtem Leben.

Hausbewohnerin Irma hat die Nazizeit noch miterlebt. Ihre Eltern hatten zu verantworten, dass die Familie Sternheim, ehemals Besitzer des Hauses, vertrieben wurden. Die Schuld sitzt tief, als Irma im Hausflur Nele begegnet. Die junge Frau wächst ganz anders auf als Irma, die die Nazidogmen von ihrer Regimetreuen Mutter eingeprügelt bekommen hat. Die beiden ungleichen Frauen kommen ins Gespräch, Geschichte wird lebendig und verliert seine abstrakte Sprödigkeit.

Ich kann den Stil von Henrik Szántó nur bewundern. Das Haus als unbeteiligter Dritter führt den Leser nicht nur durch die Geschichte, sondern lässt ihn hin und her durch die Historie schwimmen, was einen tatsächlichen Lesefluss und Lebendigkeit erzeugt.
Ich kann dieses Buch nur wärmstens empfehlen. Es hat lediglich 221 Seiten, aber ich habe jede einzelne genossen.

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