Origineller Roman über einen fast vergessenen Literaten
Der Über-DandySchon der Titel "Der Über-Dandy – Hanns Heinz Ewers tanzt Italo Disco" signalisiert, dass hier kein konventioneller biographischer Roman zu erwarten ist. Der Untertitel "Aus der Zeit gefallener Roman" ...
Schon der Titel "Der Über-Dandy – Hanns Heinz Ewers tanzt Italo Disco" signalisiert, dass hier kein konventioneller biographischer Roman zu erwarten ist. Der Untertitel "Aus der Zeit gefallener Roman" trifft den Ton des Buches entsprechend sehr gut. Denn dieses Buch will weder klassische Lebensbeschreibung noch bloße literarische Spielerei sein, sondern bewegt sich bewusst in einem Zwischenraum: zwischen Gegenwartsroman, Künstlerporträt, kulturhistorischer Annäherung und ironisch gebrochener Hommage. Genau darin liegt seine besondere Qualität.
Im Zentrum steht die ebenso originelle wie riskante Idee, dass der Protagonist Stephan Unverfehrt, ein frustrierter Realschullehrer mit Ewers-und Italo-Disco-Passion, im Düsseldorf der Gegenwart auf den mutmaßlich zeitreisenden Hanns Heinz Ewers trifft. Eine solche Konstruktion könnte leicht gekünstelt oder allzu verkopft wirken. Hier aber entfaltet sie ihren Reiz gerade deshalb, weil sie dem Roman erlaubt, den historischen Ewers nicht museal auszustellen, sondern ihn in Reibung mit der Gegenwart zu bringen. Ewers erscheint nicht nur als Name aus der Literaturgeschichte, sondern als Figur, als Habitus, als Stil, als Provokation. Der Roman fragt also nicht bloß, wer Hanns Heinz Ewers war, sondern auch, was von einer solchen Existenzform heute noch übrig ist oder überhaupt noch denkbar wäre.
Dabei profitiert das Buch sehr von seiner Hauptfigur Unverfehrt, die gewissermaßen als gegenwärtiges Gegenüber, Resonanzraum und manchmal auch als leicht irritierter Zeuge dient. Durch diese Konstellation entsteht kein statischer biographischer Rückblick, sondern ein lebendiger Dialog zwischen Zeiten, Temperamenten und ästhetischen Haltungen. Das Düsseldorf der Gegenwart bildet dafür eine bemerkenswert passende Bühne.
Besonders gelungen ist, dass der Roman Ewers nicht einfach ehrfürchtig auf einen Sockel hebt. Vielmehr scheint sich der Autor an seiner augenscheinlichen Passion für diese Figur regelrecht abzuarbeiten. Man spürt die Faszination, aber auch den Versuch, sie literarisch zu bändigen, zu prüfen, vielleicht sogar gegen den Strich zu lesen. Dadurch gewinnt das Buch eine angenehme Spannung. Es ist keine glatte Hagiographie, sondern eher ein eigensinniger Annäherungsversuch an ein enfant terrible der deutschen Literaturszene der Jahre zwischen 1900 und den 1930er Jahren. Gerade Leserinnen und Leser, denen Hanns Heinz Ewers bislang kaum oder gar nicht bekannt war, bekommen hier ein eindrucksvolles Bild davon, warum diese Figur einst derart schillernd, anziehend und irritierend wirken konnte.
Der Roman zeichnet Ewers als einen Autor und Lebenskünstler, der nicht einfach nur schreibt, sondern sich selbst als Kunstfigur inszeniert. Dandyismus ist hier keine bloße Pose, sondern eine Lebensform, die Stilisierung, Provokation und ästhetische Selbstbehauptung miteinander verbindet. Das Buch macht sehr schön sichtbar, dass ein solcher Mensch nicht nur Werke hinterlässt, sondern vor allem auch Auftritte, Haltungen, Übertreibungen, Grenzüberschreitungen. So wird aus der literarischen Biographie fast zwangsläufig auch ein Roman über Inszenierung: über das Sich-selbst-Erfinden, über die Sehnsucht nach Exzentrik und über die Frage, ob ein solcher Gestus in unserer Gegenwart überhaupt noch Platz hat oder nur noch als Gespenst, Maskerade oder eben Zeitreise auftreten kann.
Dazu kommt als weiteres, auf den ersten Blick überraschendes Element die Italo-Disco. Man muss diese Musikrichtung wirklich nicht mögen, um ihren Platz in diesem Roman zu schätzen. Gerade weil Italo-Disco etwas bewusst Künstliches, Stilisiertes, Überlebtes und zugleich Überlebensfähiges besitzt, passt sie erstaunlich gut zu einem Buch über Dandyismus, Pose und Zeitverschiebung. Sie wirkt hier weniger wie ein bloßer Gag als vielmehr wie ein atmosphärischer Verstärker. Der Autor setzt damit einen Kontrapunkt, der das Historische nicht ehrwürdig verstauben lässt, sondern auf charmante Weise ins Schwebende und Schräge kippen lässt.
Bemerkenswert ist auch, dass der Roman Leser mitnehmen kann, die mit Ewers selbst bislang wenig anfangen konnten. Mir war Hanns Heinz Ewers vor der Lektüre im Grunde nicht wirklich bekannt, und auch nach dem Roman verspüre ich nicht unmittelbar das Bedürfnis, ihn selbst zu lesen. Das liegt allerdings weniger am Roman als vielmehr an Ewers’ Genre und an meinem persönlichen Lesegeschmack. Gerade darin zeigt sich aber eine Stärke des Buches: Es funktioniert auch dann, wenn man nicht als Ewers-Kenner oder künftiger Ewers-Enthusiast antritt. Der Roman eröffnet einen Zugang zur Figur, zur Zeit und zur literarischen Aura dieses Autors, ohne vorauszusetzen, dass man sich anschließend durch dessen Werk lesen möchte. Man liest also nicht unbedingt, um Ewers-Leser zu werden, sondern um zu verstehen, warum ein solcher Autor einmal Faszination ausüben konnte und warum es sich lohnt, ihn wenigstens literarisch noch einmal auf die Bühne zu holen.
So bleibt am Ende der Eindruck eines sehr eigenwilligen, gebildeten und charmanten Romans, der eine ungewöhnliche Idee überzeugend trägt. Der etwas sperrige Titel passt letztlich besser, als man zunächst denkt, weil auch das Buch selbst Lust an Übertreibung, Stil und kalkulierter Exzentrik hat. Der "Über-Dandy – Hanns Heinz Ewers tanzt Italo Disco" ist ein lesenswerter Roman über einen beinahe vergessenen Autor, über Dandyismus als Lebensform, über ästhetische Pose, Zeitreisen und die eigentümliche Schönheit des Unzeitgemäßen.
Ein kluger, eigensinniger und sympathisch unzeitgemäßer Roman für Leser, die literarische Sonderwege und fast vergessene Autoren schätzen.