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Veröffentlicht am 22.09.2025

Amerikanischer Klassiker aus weiblicher Perspektive

Das Erwachen
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„Das Erwachen“, der bekannteste Roman der amerikanischen Schriftstellerin Kate Chopin erschien erstmals 1899 und ist nach einer späten Wiederentdeckung in den 1960er-Jahren heute einer der Romane, die ...

„Das Erwachen“, der bekannteste Roman der amerikanischen Schriftstellerin Kate Chopin erschien erstmals 1899 und ist nach einer späten Wiederentdeckung in den 1960er-Jahren heute einer der Romane, die in den USA am häufigsten im Englischunterricht gelesen und besprochen werden.
Im deutschsprachigen Raum sind die Autorin und der Roman eher weniger bekannt. Umso schöner, dass „Das Erwachen“ jetzt in einer „furiosen Neuübersetzung von Melanie Walz“ vorliegt, wie es auf dem Klappentext heißt.

Ich lese wirklich sehr selten einen Klassiker, aber ein Roman, der vom Streben einer Frau nach Unabhängigkeit und von emotionaler, sexueller und spiritueller Erweckung erzählt, weckt natürlich immer mein Interesse.

Chopins Protagonstin Edna ist eine junge verheiratete Frau mit zwei kleinen Kindern. Man ist reich und schön, und die Society entflieht im Sommer der Hitze der Südstaaten an die Küste für einen sehr ausgedehnten Badeurlaub.
Ednas Ehe ist nicht unglücklich, aber ihr Mann behandelt seine Frau oft unempathisch und rüde oder wie Barbara Kingsolver in ihrem Nachwort schreibt:

„Sie hat einen Ehemann, der lächelt und sie ignoriert oder sie unvermittelt für ihre imaginären Fehltritte niedermacht, manchmal auf grausame Weise. Frauen brauchen das, scheint er zu glauben.“

Und obwohl Edna romantisches Verliebtsein aus ihren Jugendjahren kennt, kommt sie gar nicht auf die Idee, von ihrer Vernunftehe und ihrem Leben mehr zu erwarten als einen fremdbestimmten und vorgegebenen, lauwarmen Ablauf bis zum Tod.

Eine Ahnung, dass das Leben und die Liebe vielleicht mehr bereit hält, bekommt sie, als sie während der Sommerfrische Robert Lebrun kennenlernt, einen attraktiven, jungen…Gesellschafter.
Die beiden verbringen viel Zeit miteinander und verlieben sich.
Auch nach dem Sommeraufenthalt wirken diese Gefühle in Edna nach

„Sie hatte versucht, ihn zu vergessen, begriffen, wie sinnlos es war, sich zu erinnern. Aber der Gedanke an ihn war wie eine Besessenheit, die sie nicht losließ.“

Edna hinterfragt immer mehr ihre Ehe und hat immer weniger Lust, die ihr zugedachte Rolle in der Gesellschaft und in der Öffentlichkeit zu übernehmen.

Obwohl der weitere Verlauf von Ednas Geschichte und die Konsequenzen ihres Erwachens bei einem bekannten Klassiker jetzt vielleicht kein Geheimnis sind, möchte ich nicht weiter spoilern.

Den Roman zu lesen war für mich, wie so oft bei Klassikern, eine besondere, wenn auch vielleicht nicht ganz barrierefreie Erfahrung. Ich mag es besonders gerne, in eine ganz andere Zeit, Denk- und Schreibweise einzutauchen. Mich hat der krasse Gegensatz aus einer modernen, feministischen Emanzipationsgeschichte und dem Aussparen und Umschreiben gewisser Vorgänge, wie Schwangerschaft, Geburt und Sex überrascht, die heute gewiss keine schriftstellerischen Tabus mehr darstellen.

Aber auch, wie konsequent Chopin letztendlich „Das Erwachen“ zu Ende führt.

„es ist vielleicht besser, letzten Endes zu erwachen, selbst wenn man leiden muss, als sich sein Leben lang von Illusionen narren zu lassen.«“


Dass Chopins Roman auch heute (leider?) noch aktuell und zeitlos ist, zeigt die zeitgenössische Schriftstellerin Barbara Kingsolver in ihrem sehr bereichernden Nachwort. Dort überträgt sie Ednas Geschichte in die Moderne und kritisiert den mangelnden Veränderungswillen und langsamen Fortschritt bei der gesellschaftlichen Gleichstellung von Frauen.

Gerade bei Romanen, die weiter von meiner eigenen Zeit und meinem eigenen Erleben entfernt sind, freue ich mich immer sehr über ein einordnendes Nachwort und finde hier mit Kingsolvers Worten einen besonderen Glücksgriff.

Wenn du Lust auf einen amerikanischen Klassiker hast, der sich auf die weibliche Perspektive fokussiert, dann ist „Das Erwachen“ auf jeden Fall ein Buch für dich!

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Veröffentlicht am 17.09.2025

Intensiv und in vielerlei Hinsicht aufregend!

Kinderspiel
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Immer wieder freue ich mich, wenn ich einen neuen Roman über die Komplexität und Ambivalenz von Muttergefühlen entdecke. Und „Kinderspiel“ von Claire Kilroy war für mich so eine tolle Entdeckung.
„Ein ...

Immer wieder freue ich mich, wenn ich einen neuen Roman über die Komplexität und Ambivalenz von Muttergefühlen entdecke. Und „Kinderspiel“ von Claire Kilroy war für mich so eine tolle Entdeckung.
„Ein Aufschrei, eine Anklage, eine wütende Liebeserklärung an das Muttersein“ steht in der Kurzbeschreibung und mehr müsste ich eigentlich gar nicht mehr dazu schreiben, denn das ist genau der Kern des Romans.

Die zeitgenössische irische Schriftstellerin schreibt aus Sicht ihrer Ich-Erzählerin Soldier von den ersten Jahren als junge Mutter. Von der enormen, emotionalen Herausforderung plötzlich für ein kleines, hilfloses Wesen die Verantwortung zu tragen, von dem Gefühl, mit dieser Situation komplett überfordert und alleine zu sein und von der gleichzeitigen unendlichen Liebe für dieses einzigartige Kind.
Und auch von den übermächtigen Wutgefühlen und dem Neid, den Soldier für ihren Mann empfindet, denn für ihn hat sich das Leben nicht um 180° gedreht. Er geht weiter auf die Arbeit und kann Soldiers Schwierigkeiten den Alltag mit einem Baby zu bewältigen nur schwer nachvollziehen.

Ich persönlich empfinde vieles an Kilroys Roman wirklich als schmerzhaft zutreffend und als eine Erinnerung an die vielen Jahre, als meine eigenen Kinder noch so klein wie Soldiers Kind waren. Eigentlich bin ich immer noch dabei, diese Zeit zu verarbeiten. Doch ich glaube, die Wut auf ein System, in dem Mütter* mit dem Glauben an irgendeine biologische Natürlichkeit völlig alleine mit ihrem verändertem Leben umgehen müssen, hat sich bei mir eingegraben und wird noch eine Weile bleiben.

Claire Kilroy verpackt diese Wut in einem Roman, den ich gefesselt gelesen habe, ohne dass der Plot eigentlich spannend ist. Die Spannung erzeugt Kilroy allein durch die emotionalen Beschreibungen der Gefühlswelt ihrer Erzählerin.

Für mich war „Kinderspiel“ ein wahnsinnig toller und intensiver Roman, mit dem ich mich sehr identifizieren konnte und den ich, genauso wie scheinbar Barbara Kingsolver, „atemlos und mit klopfenden Herzen“ gelesen habe.

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Veröffentlicht am 17.09.2025

Ungewöhnlich und lohnenswert!

Das Buch Mechthild
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Ein Roman über eine christliche Mystikerin des 13. Jahrhunderts? Ich bin Atheistin, aber mich interessiert es immer, wie die Lebensrealitäten von Frauen zu den verschiedensten Zeiten aussahen, wie sie ...

Ein Roman über eine christliche Mystikerin des 13. Jahrhunderts? Ich bin Atheistin, aber mich interessiert es immer, wie die Lebensrealitäten von Frauen zu den verschiedensten Zeiten aussahen, wie sie dachten und für was sie brannten.
Gerade wie die Gedankenwelt einer Frau im Mittelalter ausgesehen haben könnte, entzieht sich komplett meiner Vorstellung.
Ich würde mich dem gerne annähern, nur fehlt mir dazu Möglichkeit, Kreativität und Muse.
Und mein Weg, mir ein für mich interessantes Thema jenseits der Google Recherche zu erschließen, führt eigentlich immer über den Roman.

Julia Koll ist habilitierte Theologin und Direktorin der Evangelischen Akademie Loccum, vermutlich keine Atheistin, hat Literarisches Schreiben studiert und jetzt ihren Debütroman veröffentlicht.
Und in diesem Roman begebe ich mich zusammen mit der Erzählerin auf die Suche nach dem Menschen hinter der Überlieferung der Mechthild von Magdeburg.
Mechthild von Magdeburg ist als Mystikerin bei weitem nicht so bekannt wie beispielsweise Hildegard von Bingen und es gibt nur wenig nachweisbare Eckdaten aus ihrem Leben.
Mitte des 13. Jahrhunderts begann sie über ihre mystischen Erfahrungen zu schreiben und veröffentlichte insgesamt 7 Bücher, die unter dem Titel „Das fließende Licht der Gottheit“ zusammengefasst sind.

Zu den Büchern und ihrer Rezeption kann ich natürlich gar nichts sagen, nur dass scheinbar Mechthilds Schriften von feministische Mediävistikerinnen des 20. Jahrhunderts neu entdeckt und gewertschätzt worden sind, sodass sie heute als eines der beeindruckendsten Beispiele der deutschen Frauenmystik gelten.

Aber ich möchte mich, genau wie Julia Koll, der Frau dahinter annähern. Möchte mehr über diese Spiritualität erfahren, die Mechthild den Mut verliehen hat, mit ihren leidenschaftlichen Texten a die Öffentlichkeit zu treten, aber auch dazu gebracht hat, ihren Körper zu kasteien.
Aber ist es überhaupt möglich anhand ihrer Texte mehr über Mechthilds echte Persönlichkeit zu erfahren?
Wo verläuft die Grenze zwischen Interpretation und Projektion? Und ist das ein in diesem Zusammenhang eine relevante Frage?

“Sie diktiert mir.
Ich will ihr nicht zu nahe treten.

Ein Versteckspiel. Wo verbirgt sich Mechthild die Echte?”

“Jede Mechthild ähnelt ihrer Schöpferin.”

Ich mag die Mischung aus Text- und Stilformen, die Koll in ihrem Roman verwendet, sehr gerne. Genauso wie Mechthild in ihren Schriften nutzt Koll poetische Textteile ebenso wie Prosa, setzt Dialoge ein, um Inhalt zu vermitteln, genauso wie lyrisch anmutenden Abschnitte.
Neben Original- und aus dem Mittelniederdeutsch übersetzen kurzen Textausschnitten aus dem „Fließenden Licht“ setzt sie erzählende Abschnitte, in denen die Erzählerin die Schauplätze aus dem Leben Mechthilds besucht und mit anderen Mechthildianerinnen spricht. Diese autofiktional wirkenden Abschnitte mischen sich mit fikionalen Passagen und Gedanken aus Mechthilds Leben und lassen die Mystikerin so greifbarer werden.
Und auch wieder nicht. Gleichzeitig bleibt Mechthilds reale und gedankliche Welt durch die lange zeitliche Distanz und unsere unterschiedlichen Lebensumstände verschwommen und schwer nachvollziehbar.
Die „Minne“, die Mechthild praktizierte und mir der sie so leidenschaftlich die mystische Vermählung der Seele mit Christus beschrieb, ist mir heute fremd. Eine Ahnung ihrer Hingabe allerdings vermittelt mir Kolls Roman.

Für mich war „Das Buch Mechthild“ ein sehr lohnenswerter Roman, der mich inhaltlich genauso wie literarische begeistern konnte. Allerdings würde ich ihn wahrscheinlich mehr an Leser
innen weiterempfehlen, die sich thematisch angesprochen fühlen und offen sind für ungewöhnliche und spirituellere Erzählformen.

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Veröffentlicht am 17.09.2025

Aufstieg einer Frau von ganz unten

Working Class Girl
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“Der Buchtitel Working Class Girl. Aufstieg einer Frau von ganz unten soll einem unter die Haut gehen”, sagt die Autorin Katriona O`Sullivan im Epilog.

Nicht nur der Buchtitel, sondern das ganze Memoir ...

“Der Buchtitel Working Class Girl. Aufstieg einer Frau von ganz unten soll einem unter die Haut gehen”, sagt die Autorin Katriona O`Sullivan im Epilog.

Nicht nur der Buchtitel, sondern das ganze Memoir mit der Geschichte der irischen Psychologin und Aktivistin geht mir unter die Haut.

Die letzten Tage gab es im Fahrwasser von Carolines Wahls neuem Roman einige mediale Diskussionen, wer genau eigentlich wie über Armut schreiben darf.
Diese Diskussion wird es bei „Working Class Girl“ nicht geben, denn wenn jemand über Armut Bescheid weiß und darüber schreiben sollte, ist es Katriona O`Sullivan. Sie wuchs als Kind suchtkranker Eltern am Rande der Gesellschaft in Hill Fields, Coventry, auf.
In „Working Class Girl“ beschreibt sie, wie der Untertitel „Aufstieg einer Frau von ganz unten“ suggeriert, den Weg von der verspotteten „Hosenpisserin“ aus prekärsten Verhältnissen bis zur Promotion in Psychologie am Trinity College.

„Wir lieben Geschichten von Menschen, die es von ganz unten nach oben geschafft haben. Wir bewundern es, wenn jemand mit Mut und Entschlossenheit viel erreicht. In Wahrheit liegen die Dinge selten so einfach, Mut und Entschlossenheit reichen nie aus. Bei mir jedenfalls nicht.”

Und wenn O`Sullivan „von ganz unten“ schreibt, dann meint sie damit eine Kindheit und Jugend, die sich die meisten von uns (zum Glück) wohl eher nicht vorstellen können. Ihre Schilderungen sind drastisch und es geht mir sehr nahe, wenn ich an diese vernachlässigten und zum Teil missbrauchten Kinder denke, die eigentlich keine wirklich Chance auf gesellschaftlichen Aufstieg hatten.

Doch bei der kleinen Katriona O‘Sullivan legte die Zuwendung zweier aufmerksamer und offenherziger Lehrerinnen den Grundstein für ihren Glauben an ihren eigenen Selbstwert.

“Ich hatte mehr verdient, als mir gegeben war, denn ich war mehr als das, was mir gegeben war.
Mrs Arkinson sah es, Miss Hall ebenfalls, und irgendwann sah ich es selbst.”

Es wird allerdings noch länger dauern, bis O‘Sullivan sich der Nachteile ihrer Herkunft überhaupt bewusst wird und noch viel länger wird es dauern, bis sie die übergroße Scham darüber ablegen kann.
Als sie mit 15 schwanger wird, scheint ihr Weg vorbestimmt und ein Leben in Abhängigkeit vom Sozialstaat vorgezeichnet.

Neben der bewegenden Geschichte dieser jungen Frau, die es trotz der schwierigen Umstände an die Universität und in ein geregelt Leben schafft, beeindruckt mich vor allem der Epilog des Memoirs.
O`Sullivan lässt keine Zweifel daran, dass ihr Aufstieg nicht allein durch Willenskraft und Leistungsbereitschaft erreichbar war, wie es neoliberale Narrative gerne vermittelt.
Sondern, “dass Entscheidungsfreiheit ins Reich der Mythen gehört: Unser Weg ist durch unsere Herkunft vorgezeichnet, und nur sehr selten schafft es jemand, diesem Weg eine andere Richtung zu geben.”

Sicher sind ist das Klassensystem in Irland und England nicht mit dem in Deutschland vergleichbar, dennoch gibt es bei uns eine ähnliche Trennung der sozialen Schichten in der Bevölkerung.

Ich finde, dass „Working Class Girl“ (anders als vielleicht ein fiktiver Roman) ein wichtiger Beitrag zur soziologischen und politischen Debatte über Armut sein kann und auch ein Appell für mehr Solidarität und weniger Abgrenzung von oben.
Das Buch verknüpft biografische Erfahrungen mit strukturellen Fragen und es freut mich, dass das erste Buch von Katriona O`Sullivan in Irland ein Bestseller ist. Ich hoffe, dass es sich auch in Deutschland gut verkauft und diskutiert wird!

Wenn du authentisch über Armut, gesellschaftlichen Aufstieg und eine schwierige Familienbande lesen willst, ist „Working Class Girl“ auf jeden Fall ein Buch für dich.

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Veröffentlicht am 10.09.2025

Leseempfehlung!

Junge Frau mit Katze
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Das allererste Mal, dass ich meine Gedanken zu einem Buch festgehalten habe, war zu „Lügen über meine Mutter“ von Daniela Dröscher. Mein allererster Blogbeitrag sozusagen, der definitiv noch keine Rezension, ...

Das allererste Mal, dass ich meine Gedanken zu einem Buch festgehalten habe, war zu „Lügen über meine Mutter“ von Daniela Dröscher. Mein allererster Blogbeitrag sozusagen, der definitiv noch keine Rezension, sondern ein ungeordneter, kleiner Leseeindruck war.
Seitdem habe ich viele weitere Bücher gelesen und unzählige weitere Blogbeiträge geschrieben und Leseeindrücke festgehalten, die „Lügen über meine Mutter“ sind mir aber immer im Gedächtnis geblieben.
Keine Frage, dass ich den neuen Roman von Daniela Dröscher dringend lesen wollte.

In „Junge Frau mit Katze“ ist die kindliche Erzählerin Ela aus „Lügen über meine Mutter“ älter geworden und ist jetzt eine junge Frau. Auch ihre Mutter ist älter geworden, doch die Bindung zwischen den beiden Frauen ist nach wie vor liebevoll und symbiotisch eng.
Ela strebt eine Laufbahn im geisteswissenschaftlichen, akademischen Universitätsmilieu an und steht kurz vor dem Abschluss ihrer Promotion.
Doch die Jahre, in denen sie prekär gearbeitet und gelebt hat, haben Spuren bei ihr hinterlassen. Die bevorstehende Promotion in Verbindung mit einem Nebenjob und Geldsorgen üben enormen Druck auf sie aus.
Ihr Körper rebelliert. Die gesundheitlichen Baustellen, die sie irgendwann nicht mehr wegdrücken kann, werden immer größer, bis sie schließlich kollabiert.

“Das hier war kein Leben, es war eine Zumutung. Ein ausharrendes Erleiden, eine groteske Kopie dessen, was man Leben nannte.”

Ärzt*innen und das Gesundheitssystem sind nur bedingt in der Lage, ihr zu helfen und Ela erkennt, dass sie tiefgreifende Veränderungen vornehmen muss.

“Ich hatte mich selbst verloren. Zwischen all der Arbeit, dem Lesen, dem Lernen, den Freundschaften, den Feiern musste ich mir selbst ein Stück weit abhandengekommen sein. Ich wusste nicht einmal, was ich essen konnte, und was nicht. Der Kompass in meinem Körper drehte vollkommen frei.”

Ich denke, dass viele Menschen irgendwann an den Punkt der kompletten Erschöpfung und Orientierungslosigkeit kommen. Unsere Leistungsgesellschaft verlangt uns für das Gefühl von Selbstwertigkeit viel ab. Und oft dauert es eine Zeit, bis wir begreifen, dass diese Form von Selbstwert keine Nachhaltigkeit hat. Spätestens dann, wenn wir die geforderte Leistung nicht mehr erbringen können. Weil wir krank, Elternteil oder einfach nur älter werden.

Bei Dröschers Erzählerin kommen an diesem Punkt in ihrem Leben neben den gesundheitlichen Aspekten noch andere erschwerende Faktoren hinzu: sie ist die erste aus ihrer Familie, die eine akademische Laufbahn einschlägt, und wird hart mit dem Klassensystem konfrontiert. Die Beziehung zu ihren Eltern, vor allem zu ihrer Mutter ist komplex und sie muss sich mit ihrem eigenen Standpunkt erst emanzipieren. Dazu kommen verschiedene Glaubenssätze zum Thema Körper, Gesundheit und Beziehungen.

Ich kann mich nicht mit allen Punkte, die Ela beschäftigen, identifizieren, aber es ist eben die Dröschers Kunst, diese Punkte trotzdem nachvollziehbar und vor allem nachfühlbar zu erzählen. Es ist klar, dass diese beiden Romane, viele und starke autofiktionale Elemente enthalten, und ich bewundere Dröschers Arbeit und ihren Umgang damit sehr.
Wie in „Lügen über meine Mutter“ stellt sie zwischen die Kapitel ihre Beobachtungen und Analysen aus der heutigen Perspektive der Erzählerin, was mir sehr gefällt. Allerdings hatte ich sie als deutlicher und expliziter feministisch in Erinnerung, was aber vielleicht auch mit dem Thema verbunden war.

Wenn du bis hier gelesen hast, sollte dir eigentlich klar sein, dass es von mir für Dröschers neuen Roman natürlich eine Leseempfehlung gibt! Ich freue mich schon sehr auf weitere Romane der Berliner Schriftstellerin.

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