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Lust_auf_literatur

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 26.09.2025

Intensive und kraftvolle Literatur!

Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt
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Ich gebe gerne zu, dass mein Interesse an diesem Roman als erstes durch das wunderschöne Cover geweckt wurde und erst danach durch die Kurzbeschreibung.
Aber was mich hinter dem fein ziseliert gemusterten ...

Ich gebe gerne zu, dass mein Interesse an diesem Roman als erstes durch das wunderschöne Cover geweckt wurde und erst danach durch die Kurzbeschreibung.
Aber was mich hinter dem fein ziseliert gemusterten Cover erwartete, überraschte und traf mich sehr.

Die Dichterin, Essayistin und Wissenschaftlerin zeigt mir in ihrem ersten Roman eine mir unbekannte Welt, deren misogyne Mechanismen mir gar nicht so unbekannt sind.
Dschabbarowa wurde in Russland in einer aserbaidschanischen Familie geboren und wuchs dort in der streng konservativen aserbaidswchanischen Community auf, die dort in der Diaspora lebt.
In dieser Community lebt auch die Ich-Erzählerin des Romans und sie beschreibt eine massive patriarchale Kultur, in der Frauen nur als Objekt existieren und deren Rechte stark eingeschränkt sind.
Die Lebensbereiche der Geschlechter sind streng voneinander getrennt und umfassen bei den Frauen nur soviel, wie ihnen von ihren Männern und Vätern zugestanden wird. Wenn eine Frau eines der geschriebenen oder ungeschriebenen Gesetze bricht, wird sie geschlagen.

“Taten wir etwas, das Vater missfiel, bedeutete es unweigerlich, dass auch Mutter bestraft wurde, weil sie schlechte Töchter herangezogen hatte.”


Der weibliche Körper und damit auch der Körper der Erzählerin steht ganz im Zentrum des Romans. Entlang der einzelnen Körperteile erzählt Dschabbarowa wie stark der Körper, das Leben und das Denken einer Frau dem Willen von Männern unterworfen sind.

“Es war nicht leicht, sich einzugestehen, dass sie nie über ihre Körper verfügen konnten, dass sie nie aufgehört hatten, Objekte fremder Begierde, gesellschaftlichen Drucks und männlicher Macht zu sein.”

Und doch ist es auch der Körper der Erzählerin, der sich den Unterdrückungsmechanismen verweigert und entzieht. Er wird krank, zerstört sich selbst und kann die an ihn gestellten Erwartungen von Heirat, Kinder und Fortpflanzung nicht mehr erfüllen.

“Der alte Körper wurde von der Krankheit zerstört, das konnte ich jede Sekunde, jede Minute jeden Tages fühlen.”


Eine Befreiung, die ihr den Schmerz und die Unfreiheit einer Ehe erspart, aber gleichzeitig Schmerz und Unfreiheit mit sich bringt.

“Mein Körper hatte mich von der Erfüllung dieser Pflicht befreit, aber er war nicht frei vom Schmerz.”

Mich begeistert sehr, in welcher poetischen und lakonisch-verletzlichen Sprache der Roman verfasst ist und wie wenig Dschabbarowa davor zurückschreckt, die Ungerechtigkeit und die Unterdrückung von Frauen zu benennen und anzuprangern.

“Was heißt es in unserer Familie, eine Frau zu sein? Bin ich keine Frau mehr, wenn ich mich gegen die Rolle der Mutter und Ehefrau entscheide, bin ich kein Teil der Kultur, Geschichte, Diaspora mehr, wenn sich Teile meines Körpers an ihre Herkunft erinnern? Ist es denn zwingend notwendig, sich fortzupflanzen, um eine Herkunft zu haben?”

Der Roman ist kurz (138 Seiten) und doch gehaltvoll und intensiv und war für mich ein ziemliches starkes und kraftvolles Stück Literatur!

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Veröffentlicht am 26.09.2025

Moderner und innovativer Trennungsroman

Frau Fünf
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Martin Mustermann verlässt Mirjam Hirsch. Obwohl sie verlobt sind, zieht er nach 10 Jahren Beziehung so einfach aus der gemeinsamen Wohnung aus.

Und Mirjam dreht dann ein bisschen durch. Fühlt sich komplett ...

Martin Mustermann verlässt Mirjam Hirsch. Obwohl sie verlobt sind, zieht er nach 10 Jahren Beziehung so einfach aus der gemeinsamen Wohnung aus.

Und Mirjam dreht dann ein bisschen durch. Fühlt sich komplett verarscht von diesem Arschloch. 10 Jahre Lebenszeit! Sogar das Rauchen hatte sie für ihn aufgegeben. Mirjam vermutet, dass Martin längst eine andere hat.

„Nie im Leben würde er seinen faulen breitgesessenen Arsch freiwillig aus dieser Bude bewegen, wenn nicht eine andere auf ihn warten würde. Der wird sich noch umgucken, was passiert, wenn die ihn beim Pornoglotzen erwischt, elender Bock! Er wird sich noch zurücksehnen. Arschloch.“

Mirjam beschließt, Martin zu stalken, um mehr über seine neue Freundin herauszufinden. Und noch etwas beschließt sie: Sie wird sich nie mehr für andere Menschen verbiegen, sondern sich nur noch um sich selbst kümmern.

„Viel zu viele Stunden, Tage, ach, JAHRE hat sie damit vergeudet, anderen Leuten zuzuhören und Verständnis und Mitgefühl vorzuheucheln. Ab jetzt wird es nur noch um sie gehen.“

Das ruft Frau Fünf auf dem Plan, Mirjams Alter Ego, eigentlich ein Pseudonym, das sie erfunden hat, um auf gigolo.com einen Callboy zu engagieren. Frau Fünf übernimmt immer dann das Steuer, wenn Mirjam sich klein fühlt oder einfach Lust hat, ihren Willen durchzusetzten. Dann sagt Frau Fünf wo es langgeht und zwar laut.

Dabei werden zwangsläufig ein paar Grenzen überschritten, denn bedingungslose Selfcare geht manchmal nahtlos in Rücksichtslosigkeit über.
Ist das endlich der Weg zur weiblichen Selbstbestimmung?

Der Roman ist ein echter Ritt und hat mir ultra viel Spaß gemacht und mir richtig gut gefallen. Ich liebe es wenn Frauenfiguren komplett frei drehen und sich aus Rollenbilder emanzipieren. Baldy verwendet in ihrem zweiten Roman slapstickartige und surreale Überzeichnungen, die großes Tempo in den Roman bringen.
Aber Baldy zeigt in ihrer liebenswerten und der Rationalität enthobenen Protagonistin auch eine Verletztlichkeit, die mit der in GROSSBUCHSTABEN schreienden Übertreibung und Action kontrastiert. Sie zeigt, dass auch laute und selbstbewusste Frauen* verletzt werden können und Stärke alleine manchmal nicht ausreicht, um sich zu schützen. In dem vordergründig lustigen Roman, der Trennungsklischees sowohl karikiert als auch konterkariert, steckt jede Menge feministische Gesellschaftskritik.

Ich könnte vielleicht eine leichte fehlende Stringenz in der Plotentwicklung und dem Spannungsbogen kritisieren, aber dafür gefällt mir Baldy mit großen Sprachwitz („Mrenate“ und „Melsbeth“) und ihrem sehr zeitgenössischen und innovativen Erzählstil!

Nach der vielen sehr schweren und sehr selbstironiefreien Literatur, die ich sonst gerne lese, war „Frau Fünf“ definitiv eine sehr willkommene und sehr erfrischende Abwechslung.

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Veröffentlicht am 26.09.2025

Zeitgenössische und feministische Neuerzählung eines Märchenklassikers

Die Kröte
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Vor ungefähr zwei Jahren erschien der Roman „Malus“ von Simone Hirth, der für mich ein aufregendes, feministisches Highlight war und in mir den dringenden Wunsch geweckt hatte, mehr Literatur der wahlösterreichischen ...

Vor ungefähr zwei Jahren erschien der Roman „Malus“ von Simone Hirth, der für mich ein aufregendes, feministisches Highlight war und in mir den dringenden Wunsch geweckt hatte, mehr Literatur der wahlösterreichischen Schriftstellerin zu lesen.
Jetzt ist mit „Die Kröte“ ihr neuer und fünfter Roman erschienen und gleich bei mir eingezogen.

Und auch in „Die Kröte“ bewegt sich Hirth weit im Reich der Metaebene und verwandelt ein bekanntes Märchen in eine zeitgenössische und feministische Geschichte.

Ich bin jetzt literaturgeschichtlich nicht ganz so sattelfest, aber die Grundzüge des Grimmschen Märchens „Der Froschkönig“ sind mir noch vage aus meiner Kindheit bekannt, was für die Lektüre von „Die Kröte“ von Vorteil, aber vielleicht nicht unbedingt notwendig ist.

Hirth Erzählerin Milena teilt ihr Leben ganz plötzlich mit einer Kröte. Naja, so ganz plötzlich ist die Kröte nicht erschienen. Du kennst es vielleicht: Dein Smartphone fällt ins Wasser und da gehst du auf das Angebot einer Random Kröte ein, es dir wieder zu besorgen. Natürlich nicht so ganz ohne Gegenleistung. Und so ist die Kröte jetzt eben da und verbreitet mit ihren ungebetenen Untertiteln eine immense Unsicherheit im Leben der Erzählerin.

“Seit die Kröte in mein Leben getreten ist, haben Verlust und Verlassen, Halt und Sicherheit eine andere Bedeutung, eine andere Dimension und Dringlichkeit für mich bekommen.”

Schnell merkt Milena, dass die Kröte nicht unbedingt ihr Bestes will, sondern Unwahrheiten verbreitet, sie manipulieren und Kontrolle ausüben will.
Außerdem greift die Kröte ihre unbewusste Gedanken und Wünsche auf, vereinfacht und verzerrt sie, bis Milena selbst nicht mehr weiß, was sie eigentlich gedacht hat.

Und jetzt verschwindet die Kröte nicht mehr so einfach, sie hat sich in Milenas Leben eingenistet.

Wie schon erwähnt, funktioniert Hirths parabelartiger Roman hauptsächlich über die Metaebene und ermöglicht so einen unendlichen Interpretationsspielraum.
Für mich symbolisiert die Kröte eine individuelle und gesellschaftliche Stimme, die scheinbar Hilfe und Orientierung anbietet und zunächst wie ein Mittel gegen Einsamkeit aussieht, dabei aber verunsichert und manipuliert.
Dabei denke ich konkret an rechte und populistische Strömungen, die komplexe Probleme bewusst vereinfachen und auf falsche Zusammenhänge reduzieren und so eine vermeintlich einfache Lösung anbieten.


“Im Märchen hat Komplexes, Vielseitiges, haben Nuancen keinen Platz. In der Wirklichkeit übrigens viel zu oft auch nicht.”

Die Kröte verhält sich zudem übergriffig und ihr Verhalten gegenüber Milena lässt sich als toxisch bezeichnen.

Der wirklich spannende Schluss auf den letzten Seiten unterstreicht diese Lesart. Es würden sich aber auch ganz andere Interpretationsansätze anbieten, wie das so oft bei Märchen der Fall ist.

Grundsätzlich ist „Die Kröte“, genauso wie es auch „Malus“ bereits thematisiert hatte, ein Roman, der die emanzipatorische Kraft des Erzählens und der Literatur betont. Und so stehen Milena auch wieder ein weiblicher Kanon aus literarischen Stimmen zur Seite.

“Es ist doch das Privileg und die Stärke der Literatur, dass sie Dinge beschreiben kann, die jenseits von wahr und unwahr liegen. Jenseits von real und irreal oder surreal.”

„Die Kröte“ war für mich jetzt vielleicht nicht so ganz das Highlight wie es „Malus“ für mich war, aber gerade der aufregende Schluss hatte mich jetzt auf den letzten Seiten wieder ganz gut aus dem etwas langwierig geratenen Metauniversum zurück auf die Erde geholt.

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Veröffentlicht am 24.09.2025

Super interessanter, inhaltlich und formal spannender Roman

Medulla
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Nach „Power“ ist „Medulla“ mein zweiter Roman, den ich von Verena Güntner lese. Und genau wie bei „Power“ hat sich Güntner wieder für einen aussagekräftigen Romantitel entschieden, der auf verschiedene ...

Nach „Power“ ist „Medulla“ mein zweiter Roman, den ich von Verena Güntner lese. Und genau wie bei „Power“ hat sich Güntner wieder für einen aussagekräftigen Romantitel entschieden, der auf verschiedene Weise auf sein Thema anspielt.
Denn die Medulla ist als wichtiger Teil des Gehirns überwiegend für Funktionen verantwortlich, die nicht willkürlich gesteuert werden, also für alles, was körperlich automatisch abläuft.

Was scheinbar gesellschaftlich automatisch abläuft ist, dass bei Frauen irgendwie immer davon ausgegangen wird, dass sie vor Ablauf des Verfallsdatums ihrer Fortpflanzungsfähigkeit einen Kinderwunsch entwickeln und auch umsetzen.

Einen krassen und komplexen Kontrapunkt dazu setzt Güntner in „Medulla“. So besonders wie sein Inhalt ist sein formaler Aufbau: nach einer anteasernden Einleitung ist der Roman in drei Abschnitte unterteilt, in denen jeweils die Geschichte dreier Paare erzählt wird, die auf unterschiedliche Weise mit dem Thema Schwangerschaft konfrontiert werden. Geplant und ungeplant.
Die Paare sind nicht mehr ganz jung und bewegen sich in einem städtischen, wohlstandsgesättigten Milieu.

Liv, Jan, Leyla, David, Esther und Jakob geht es gut, sie haben genug Sex miteinander und mit anderen, interessante Jobs, in denen sie sich verwirklichen können und sind von den Krankheiten und Einschränkungen des Alters noch weit entfernt.

Die Partnerschaften scheinen stabil, fehlt jetzt nur noch ein gemeinsames Kind zum perfekten Glück? Liv weiß im Gegensatz zu Leyla und Esther schon länger, dass sie nie Mutter werden möchte. Leyla möchte mit ihrem Partner David seit längerer Zeit schwanger werden und Esther ist bereits schwanger.

Ihre Männer- und Frauenfiguren sind modernen und individuelle Skizzen von Lebensentwürfen, wie ich sie in meinem persönlichen, sehr ländlich geprägten Umfeld eher seltener vorfinde, mir aber in Großstädten gut vorstellen kann.
Umso überraschter bin ich, dass in Güntners Roman das unreflektierte Verfolgen von gesellschaftlichen Konventionen in Bezug auf das Kinderkriegen ein großes Thema ist.

“Draußen will er wissen, warum sie das Kind bekommen wollte, und sie zuckt mit den Schultern.
Sie ist überrascht von der Frage, die sie sich selbst nie wirklich gestellt hat. […]Und war es nicht das, was alle machten? Kinder kriegen?”

Nicht nur die Frauen stehen bei Güntner im Fokus, die Perspektiven der Männer nehmen genausoviel Raum ein. Dabei verweigert Güntner den in feministischen Bücher oft üblichen Topos vom bequemen, männlichen Macho, der weiblicher Selbstverwirklichung entgegensteht und jegliche Übernahme von emotionaler Arbeit verweigert. Im Gegenteil, Güntner bricht Rollenklischees, besonders in Bezug auf Kinderwunsch und Schwangerschaft, weit auf und zeigt Männer und Frauen jenseits ihrer gesellschaftlichen Zuschreibungen.

Ebenfalls überrascht bin ich von den dysfunktionalen Hetero Beziehungen, die Güntners Roman dominieren und von der großen Sprachlosigkeit und der Lieblosigkeit in den Paarbeziehungen. Sind eine Beziehung, Partner
innen oder gar ein Kind nur Häkchen auf der Bucket List des Lebens?

“Sie versteht nur nicht, wie es so weit gekommen ist. Sie wird Mutter werden. Aus diesem Umstand werden sich Aufgaben ergeben, die an Erwartungen geknüpft sind, denen sie sich kaum entziehen können wird. Ihr Leben im Dienst einer Sache, die sich nicht umkehren lässt, die immer nur nach vorne wächst, unablässig braucht und fordert. Es ist eine Falle. Eine, in die sie sich vielleicht nicht willentlich hineinbegeben hat, aber doch eine, der sie nicht ausgewichen ist, als die Möglichkeit dazu noch da war.”

Für mich macht der große Reiz an Güntners Roman aus, dass er sich jeder Eindeutigkeit verweigert und mir als Leserin keine Antworten oder eine klare Deutungslinie vorgibt. So wie der Titel „Medulla“ bereits viele Interprationsebenen öffnet, tun es auch die Geschichten von Güntners Figuren. Mir gefällt es auch, dass Güntner sich nicht scheut, ihre Figuren hässlich und widersprüchlich zu zeigen, machmal slapstickartig und surreal überzeichnet. Auch die von ihr öfter verwendete schamlosen Körperlichkeit in manchen Szenen lese ich gerne.

„Medulla“ war für mich ein super interessanter, inhaltlich und formal spannender Roman, der auch einiges an Reibung mit sich bringt und nicht auf lesetechnische Befriedigung sondern auf Anregung zum Selberdenken setzt.

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Veröffentlicht am 22.09.2025

Amerikanischer Klassiker aus weiblicher Perspektive

Das Erwachen
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„Das Erwachen“, der bekannteste Roman der amerikanischen Schriftstellerin Kate Chopin erschien erstmals 1899 und ist nach einer späten Wiederentdeckung in den 1960er-Jahren heute einer der Romane, die ...

„Das Erwachen“, der bekannteste Roman der amerikanischen Schriftstellerin Kate Chopin erschien erstmals 1899 und ist nach einer späten Wiederentdeckung in den 1960er-Jahren heute einer der Romane, die in den USA am häufigsten im Englischunterricht gelesen und besprochen werden.
Im deutschsprachigen Raum sind die Autorin und der Roman eher weniger bekannt. Umso schöner, dass „Das Erwachen“ jetzt in einer „furiosen Neuübersetzung von Melanie Walz“ vorliegt, wie es auf dem Klappentext heißt.

Ich lese wirklich sehr selten einen Klassiker, aber ein Roman, der vom Streben einer Frau nach Unabhängigkeit und von emotionaler, sexueller und spiritueller Erweckung erzählt, weckt natürlich immer mein Interesse.

Chopins Protagonstin Edna ist eine junge verheiratete Frau mit zwei kleinen Kindern. Man ist reich und schön, und die Society entflieht im Sommer der Hitze der Südstaaten an die Küste für einen sehr ausgedehnten Badeurlaub.
Ednas Ehe ist nicht unglücklich, aber ihr Mann behandelt seine Frau oft unempathisch und rüde oder wie Barbara Kingsolver in ihrem Nachwort schreibt:

„Sie hat einen Ehemann, der lächelt und sie ignoriert oder sie unvermittelt für ihre imaginären Fehltritte niedermacht, manchmal auf grausame Weise. Frauen brauchen das, scheint er zu glauben.“

Und obwohl Edna romantisches Verliebtsein aus ihren Jugendjahren kennt, kommt sie gar nicht auf die Idee, von ihrer Vernunftehe und ihrem Leben mehr zu erwarten als einen fremdbestimmten und vorgegebenen, lauwarmen Ablauf bis zum Tod.

Eine Ahnung, dass das Leben und die Liebe vielleicht mehr bereit hält, bekommt sie, als sie während der Sommerfrische Robert Lebrun kennenlernt, einen attraktiven, jungen…Gesellschafter.
Die beiden verbringen viel Zeit miteinander und verlieben sich.
Auch nach dem Sommeraufenthalt wirken diese Gefühle in Edna nach

„Sie hatte versucht, ihn zu vergessen, begriffen, wie sinnlos es war, sich zu erinnern. Aber der Gedanke an ihn war wie eine Besessenheit, die sie nicht losließ.“

Edna hinterfragt immer mehr ihre Ehe und hat immer weniger Lust, die ihr zugedachte Rolle in der Gesellschaft und in der Öffentlichkeit zu übernehmen.

Obwohl der weitere Verlauf von Ednas Geschichte und die Konsequenzen ihres Erwachens bei einem bekannten Klassiker jetzt vielleicht kein Geheimnis sind, möchte ich nicht weiter spoilern.

Den Roman zu lesen war für mich, wie so oft bei Klassikern, eine besondere, wenn auch vielleicht nicht ganz barrierefreie Erfahrung. Ich mag es besonders gerne, in eine ganz andere Zeit, Denk- und Schreibweise einzutauchen. Mich hat der krasse Gegensatz aus einer modernen, feministischen Emanzipationsgeschichte und dem Aussparen und Umschreiben gewisser Vorgänge, wie Schwangerschaft, Geburt und Sex überrascht, die heute gewiss keine schriftstellerischen Tabus mehr darstellen.

Aber auch, wie konsequent Chopin letztendlich „Das Erwachen“ zu Ende führt.

„es ist vielleicht besser, letzten Endes zu erwachen, selbst wenn man leiden muss, als sich sein Leben lang von Illusionen narren zu lassen.«“


Dass Chopins Roman auch heute (leider?) noch aktuell und zeitlos ist, zeigt die zeitgenössische Schriftstellerin Barbara Kingsolver in ihrem sehr bereichernden Nachwort. Dort überträgt sie Ednas Geschichte in die Moderne und kritisiert den mangelnden Veränderungswillen und langsamen Fortschritt bei der gesellschaftlichen Gleichstellung von Frauen.

Gerade bei Romanen, die weiter von meiner eigenen Zeit und meinem eigenen Erleben entfernt sind, freue ich mich immer sehr über ein einordnendes Nachwort und finde hier mit Kingsolvers Worten einen besonderen Glücksgriff.

Wenn du Lust auf einen amerikanischen Klassiker hast, der sich auf die weibliche Perspektive fokussiert, dann ist „Das Erwachen“ auf jeden Fall ein Buch für dich!

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