Zwischen Herkunft und Zuhause: Ein Roman voller Herz und Hoffnung
Wohin ihre Flügel sie tragenDer Titel des Buches erweist sich als äußerst treffend und gewinnt durch das Nachwort der Autorin eine besondere Tiefe. Dort heißt es, dass „Lob und Dank unserem Vater gebühren, der uns sieht, wenn wir ...
Der Titel des Buches erweist sich als äußerst treffend und gewinnt durch das Nachwort der Autorin eine besondere Tiefe. Dort heißt es, dass „Lob und Dank unserem Vater gebühren, der uns sieht, wenn wir fliegen, der sich um uns sorgt, wenn wir fallen und der jederzeit seine Hand über uns hält“. Dieser Gedanke zieht sich spürbar durch den gesamten Roman und prägt seine warmherzige, hoffnungsvolle Atmosphäre.
Die Geschichte wird aus drei Perspektiven und klar voneinander abgegrenzten Zeitebenen erzählt. Linda berichtet aus der Sicht als Mutter im Jahr 1975, als die Familie durch die Adoption der kleinen Vietnamesin Minh – liebevoll Mindy genannt – im Rahmen der Operation Babylift wächst. Kinder wurden damals aus der Gefahrenzone des Vietnamkriegs in die USA gebracht, um dort ein neues Zuhause zu finden.
Sonny, die Tochter von Bruce und Linda, erzählt aus der Perspektive ihrer Jugend im Jahr 1988. Ihre Kapitel spiegeln das Aufwachsen der Halbschwestern wider: erste Verliebtheit, familiäre Veränderungen, Unsicherheiten und Reibungen, aber auch Zusammenhalt und Ehrlichkeit. Vater Bruce ergänzt die Geschichte aus der Gegenwart, verbunden mit Rückblicken, die das Erlebte einordnen und vertiefen.
Anfangs erfordern die zeitlichen Sprünge etwas Aufmerksamkeit, bis man sich in die familiären Abläufe, Sorgen, Ängste und auch die Vorurteile von außen eingelesen hat. Ist dieser Überblick jedoch gewonnen, entfaltet die Geschichte ihre volle emotionale Wirkung.
Durch die persönliche Erzählweise wirken die beschriebenen Emotionen besonders intensiv. Vor allem Vater Bruce schließt man schnell ins Herz: Seine liebevolle, offene Art, seine Bereitschaft, Gefühle zu zeigen, und sein aufrichtiges Bemühen, für jedes Familienmitglied da zu sein, verleihen der Geschichte große Authentizität.
Beeindruckend ist zudem der Umgang der Familie mit Mindy. Ob Sonnys direkte, manchmal dickköpfige Ehrlichkeit oder die Eltern, die sich ihren eigenen Ängsten stellen und ihre Adoptivtochter nicht nur beim Aufwachsen, sondern auch bei ihrem späteren Wunsch, nach ihrer Herkunftsfamilie zu suchen, unterstützen – stets stehen Annahme, Offenheit und Zuhören im Mittelpunkt.
Die Geschichte entwickelt sich anders als erwartet: emotional, stellenweise sehr berührend, zugleich aber auch mit leichten und humorvollen Momenten. Einige im Klappentext angekündigte Aspekte bleiben vergleichsweise knapp, sodass das Ende offen wirkt und Raum für eigene Gedanken oder eine mögliche Fortsetzung lässt.
Der christliche Glaube ist dezent, aber bewusst in die Handlung eingeflochten. Besonders die Hinweise auf Gottes Güte, seine Liebe zu allen Menschen und die Botschaft, dass Herkunft keinen Unterschied im Wert eines Menschen macht, fügen sich stimmig ein.
Insgesamt ist es ein lesenswertes Buch, auch wenn stellenweise mehr Tiefe oder Spannung möglich gewesen wäre und bekannte familiäre Entwicklungen teilweise vorweggenommen werden. Zurück bleibt jedoch eine berührende Geschichte über Familie, Vertrauen und das Wissen, gesehen und gehalten zu sein.