Reliquien, Macht und Politik mit dem Künstler Nicolaus von Verdun im Mittelpunkt der historischen Zeitreise
Der Schrein der KönigeDer historische Roman „Der Schrein der Könige“ von Sabine Weiß entführt seine Leser in das ausgehende 12. und beginnende 13. Jahrhundert und verbindet reale historische Ereignisse mit einer umfangreichen ...
Der historische Roman „Der Schrein der Könige“ von Sabine Weiß entführt seine Leser in das ausgehende 12. und beginnende 13. Jahrhundert und verbindet reale historische Ereignisse mit einer umfangreichen fiktiven Handlung. Die Autorin hat sich neben ihren bekannten Kriminalgeschichten auch im Genre des historischen Romans vor allem mit ihren Werken „Krone der Welt“, „Gold und Ehre“ und „Blüte der Zeit“ zu ihrer Holland-Preußen-Trilogie einen hervorragenden Ruf erarbeitet und gilt seitdem als feste Größe der deutschsprachigen historischen Unterhaltungsliteratur. Im Zentrum des aktuellen Romans steht die Entstehung des berühmten Dreikönigenschreins sowie das Leben des Goldschmieds Nicolaus von Verdun, der als Schöpfer dieses Meisterwerks der mittelalterlichen Kunst gilt.
Der Roman beginnt mit einem starken historischen Auftakt. Wir begegnen dem Kölner Erzbischof Reinald von Dassel, einem engen Vertrauten von Friedrich I. Barbarossa. Während der Konflikte mit der norditalienischen Stadt Mailand entdeckt Reinald in der Kirche San Giorgio al Palazzo die Gebeine der Heiligen Drei Könige. Er beschließt, diese Reliquien nach Köln zu bringen. Dahinter steckt nicht nur religiöse Verehrung, sondern auch politisches Kalkül: Die Reliquien sollen Köln zu einem bedeutenden Pilgerzentrum und Machtfaktor im Heiliges Römisches Reich machen. Parallel dazu erzählt der Roman die Geschichte von Nicolaus von Verdun. Nach dem Tod seiner Frau und zweier Kinder befindet sich der Goldschmied in einer tiefen persönlichen Krise. Als er den Auftrag erhält, einen prächtigen Schrein für die Reliquien zu schaffen, steht er vor einer entscheidenden Lebensfrage. Schließlich nimmt er den Auftrag an und zieht mit seiner Familie nach Köln – in der Hoffnung auf einen Neuanfang.
Ein großer Teil der Handlung konzentriert sich auf das Leben des Künstlers und seiner Familie. Besonders die Beziehungen zwischen den Figuren prägen den Roman. Sein Sohn Louis sorgt immer wieder für Konflikte, während Tochter Anne schnell zu einer der sympathischsten Figuren der Geschichte wird. Auch Nicolaus’ Bruder Charles sorgt als Betrüger und Abenteurer regelmäßig für Probleme und bringt Unruhe in die Familie. Neben diesen Figuren treten zahlreiche weitere, in erster Linie fiktive Charaktere auf, die das Leben im mittelalterlichen Köln lebendig werden lassen. Gerade die Darstellung der Stadt gehört zu den großen Stärken des Romans. Straßen, Märkte und Werkstätten werden anschaulich beschrieben, ebenso die Welt der Handwerker und das Entstehen von Zünften. Besonders eindrucksvoll sind die Schilderungen der Goldschmiedekunst und der aufwendigen Arbeit an dem Dreikönigenschrein. Hier zeigt sich deutlich die intensive Recherche der Autorin. Der Leser erhält dabei einen faszinierenden Einblick in mittelalterliche Handwerkstechniken und in die Bedeutung religiöser Kunstwerke.
Im Verlauf der Geschichte treten immer wieder historische Persönlichkeiten kurz auf, etwa deutsche Kaiser von Friedrich I. Barbarossa, Heinrich VI., Philipp von Schwaben, Otto IV. bis Friedrich II., der englische König Richard Löwenherz oder der welfische Herzog Heinrich der Löwe sowie eine große Anzahl von Kölner Erzbischöfen. Dennoch bleiben viele der großen politischen Ereignisse und Personen dieser bewegten Epoche eher im Hintergrund. Konflikte zwischen Kaiser und Papst, dynastische Machtkämpfe oder der Tod Barbarossas während des Dritter Kreuzzug werden nur am Rande erwähnt, auf eine Vielzahl an Ereignissen des 12. und 13. Jahrhunderts wird nicht weiter eingegangen. Der Fokus liegt eindeutig auf der persönlichen Geschichte der größtenteils fiktiven Figuren und der Entstehung des Schreins. Gerade hierin liegt eine kleine Schwäche des Romans. Das 12. und das 13. Jahrhundert gehören zu einer der ereignisreichsten Perioden der mittelalterlichen Geschichte, und manches davon hätte durchaus ausführlicher in die Handlung eingebunden werden können. Stattdessen bleibt die große Politik meist nur eine Kulisse für die fiktive Handlung.
Die fiktive Geschichte ist jedoch überaus unterhaltsam erzählt. Sabine Weiß versteht es, Spannung aufzubauen und ihre Figuren emotional greifbar zu machen. Intrigen, familiäre Konflikte und persönliche Schicksale sorgen dafür, dass der Roman durchgehend fesselnd bleibt. Der Schreibstil ist klar, lebendig und sehr gut lesbar. Insgesamt bewegt sich „Der Schrein der Könige“ zwischen zwei Arten historischer Romane: Einerseits erzählt er eine emotionale, von der Autorin ausgedachten Familiengeschichte, andererseits basiert er auf realen historischen Ereignissen. Wer vor allem eine spannende Geschichte vor historischer Kulisse sucht, wird hier bestens unterhalten. Leser, die sich eine besonders intensive Darstellung der politischen Geschichte jener Zeit wünschen, könnten gelegentlich etwas mehr historischen Hintergrund vermissen.
Auch das äußere Erscheinungsbild des Romans verdient Erwähnung. Das Cover zeigt den prachtvollen Dreikönigenschrein vor einem tiefroten Hintergrund. Diese Gestaltung ist als Eyecatcher äußerst passend gewählt: Der Schrein selbst ist ein Meisterwerk mittelalterlicher Kunst und gleichzeitig das zentrale Symbol der gesamten Geschichte. Das Cover weckt sofort Interesse und vermittelt bereits visuell den Charakter des Romans. Ein ausführliches Personenverzeichnis und ein Nachwort zum Einordnen des Romans in seinen historischen Hintergrund runden das Leseerlebnis ab.
Fazit: „Der Schrein der Könige“ ist ein atmosphärisch dichter und in Bezug auf den Goldschmied Nicolaus von Verdun und den Dreikönigenschrein sehr gut recherchierter Roman, der vor allem durch seine lebendige Darstellung mittelalterlicher Kunst und des Lebens in Köln überzeugt. Die überwiegend fiktive Geschichte rund um den Künstler und die Entstehung des Schreins machen den Roman zu einer interessanten und über weite Strecken sehr fesselnden Lektüre ohne dabei auf die geschichtlichen Ereignisse jener Epoche allzu intensiv einzugehen.