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Veröffentlicht am 15.08.2017

Erschreckend nah an der Realität

Der Präsident
1

Die Silhouette auf dem Cover sieht verdächtig vertraut aus, und auch die Beschreibung des Präsidenten im Klappentext lässt wenig Zweifel daran, worin (oder besser gesagt in wessen Person) der angepriesene ...

Die Silhouette auf dem Cover sieht verdächtig vertraut aus, und auch die Beschreibung des Präsidenten im Klappentext lässt wenig Zweifel daran, worin (oder besser gesagt in wessen Person) der angepriesene Bezug zur politischen Lage in Amerika besteht.

'Stell dir vor, der mächtigste Mann der Welt wäre ein gefährlicher Egomane' fordert mich der Klappentext auf, und ehrlich gesagt kommt mir das in Anbetracht der jüngsten Ereignisse in etwa so sinnig vor wie 'Stell dir vor, der Himmel wäre blau'.

Was ich mit absoluter Sicherheit über diesen Thriller sagen kann: es ist sehr, sehr schwer, Fiktion von Realität zu trennen, denn so absurd sich der fiktive Präsident auch verhält, man kann sich leider nur zu gut vorstellen, dass sich die Dinge genau so entwickeln könnten. (In vielem mag man sogar den Eindruck gewinnen, Sam Bourne habe hellseherischer Fähigkeiten.) Deswegen hätte dieses Buch wohl nicht vor zehn Jahren geschrieben werden können – oder zumindest hätte man es damals wahrscheinlich als unrealistisch abgetan –, aber jetzt ist es glaubhaft, topaktuell und auf bestürzende Weise hochspannend.

Um es ganz unverblümt beim Namen zu nennen: der Präsident im Buch ist ein sexistischer, rassistischer Narzisst mit der Aufmerksamkeitsspanne einer Fruchtfliege. Der Geniestreich dabei? Sam Bourne lässt diesen überlebensgroßen Machtmenschen niemals selber zu Wort kommen, sein Verhalten wird in keiner Szene direkt gezeigt. Der Leser verfolgt die Geschehnisse sozusagen aus den Kulissen heraus, wenn sowohl Anhänger als auch Gegner sich verzweifelt um Schadensminimierung bemühen. Die einen, damit die eigene Macht nicht ins Wanken gerät, die anderen, damit die Welt nicht im nuklearen Armageddon untergeht. Wobei Letztere sehr unterschiedliche Ansichten darüber haben, was eine akzeptable Lösung wäre... Amtsenthebungsverfahren oder Attentat?

In meinen Augen verhindert der Autor damit zum einen, dass der Präsident doch zu sehr als überzogene Parodie wirkt, und zum anderen gibt er dem Leser in Gestalt der politischen Gegner auch eine Reihe von Charakteren an die Hand, deren Verhalten er tatsächlich nachvollziehen kann – und stellt ihn damit vor ein moralisches Dilemma. Er zwingt ihn dazu, sich unbehaglich zu fragen, was er selber als entschuldbar erachten würde. Kann Mord gerechtfertigt sein, wenn es sonst keine Optionen mehr zu geben scheint? Das ist für mich das Interessanteste an diesem Buch: das Ausloten der eigenen Prinzipien.

Sympathieträgerin und personifiziertes Gewissen des Lesers ist Maggie Costello, die versucht, im Herzen der Macht gegen den Strom zu schwimmen und einen positiven Einfluss auszuüben. Sie war mir sehr sympathisch, nur gelegentlich fand ich sie etwas arg naiv für jemanden, der schon seit Jahren einen hohen Posten im Weißen Haus einnimmt... Ihr direkter Gegenpart ist Crawford 'Mac' McNamara, und er war der einzige Charaktere, der mir dann doch manchmal ein bisschen 'too much' war – mir kam es so vor, als hätte der Autor eine Art Checkliste abgearbeitet, damit 'Mac' in möglichst vielen Aspekten ein absoluter Widerling ist, und das schmälert paradoxerweise die Wirkung.

Das Buch kann die Spannung meines Erachtens konstant auf einem hohen Level halten, und die Handlung ist geschickt konstruiert, mit der ein oder anderen unerwarteten Wendung. Das Ende hat mich jedoch etwas enttäuscht, denn die Auflösung beruht auf etwas, das ich nicht plausibel fand und in meinen Augen auch der bisherigen Darstellung der Persönlichkeit eines Charakters zuwider läuft.

Dennoch habe ich das Buch sehr gerne gelesen und es konnte mich trotz dem schwächelnden Ende insgesamt überzeugen.

So brisant der Inhalt auch ist, und so beklemmend die Frage, wo man persönlich die Grenze ziehen würde zwischen gewaltfreiem und gewaltsamem Widerstand – der Schreibstil ist locker und unterhaltsam und verhindert damit, dass das Buch sich liest wie eine ermüdende, deprimierende Übersteigerung unserer Wirklichkeit.

Fazit:
Der Leser braucht gefühlte 5 Sekunden, um sich sicher zu sein, dass der fiktive Präsident in diesem Buch nicht nur zufällig eine gewisse Ähnlichkeit mit dem aktuellen Amtsinhaber aufweist. (Tatsächlich hätte es etwas weniger Holzhammer auch getan.) Dementsprechend spart der Autor nicht mit Kritik und wird dabei interessante ethische Fragen auf, allen voran die, ob ein Attentat jemals eine vertretbare Lösung darstellen kann. Bis fast zum Ende gelingt ihm der Balanceakt zwischen Thriller und Politsatire, dann wirkte die Auflösung auf mich eher halbherzig und konstruiert.

Dennoch fand ich das Buch sehr spannend und unterhaltsam, und gerade, wenn man sich mit der aktuellen Politik beschäftigt, ist es eine umso bedrohlichere Vision von "Was wäre wenn...?"

  • Cover
  • Atmosphäre
  • Charaktere
  • Recherche
  • Spannung
Veröffentlicht am 08.06.2017

Rettung via Wildschwein

Das Joshua-Profil
1

Am 14. Oktober 2016 erschien "Die Blutschule" von Max Rhode, einem bis dato gänzlich unbekannten Autor. Zwölf Tage später erschien "Das Joshua-Profil" von Sebastian Fitzek, - in dem es um den erfolglosen ...

Am 14. Oktober 2016 erschien "Die Blutschule" von Max Rhode, einem bis dato gänzlich unbekannten Autor. Zwölf Tage später erschien "Das Joshua-Profil" von Sebastian Fitzek, - in dem es um den erfolglosen Autor Max Rhode geht, dessen einziger großer Erfolg sein Debütroman war: "Die Blutschule".

Ja, Max Rhode gibt es gar nicht, beziehungsweise: Max Rhode und Sebastian Fitzek sind ein und dieselbe Person.

Genial, dachte ich damals. Was für eine großartige Idee, eine fiktive Figur ein Buch schreiben zu lassen und das dann auch zu veröffentlichen! Fasziniert beschloss ich, beide Bücher zu lesen - doch leider erwartete mich eine große Ernüchterung, denn "Die Blutschule" fand ich, ehrlich gesagt, bemüht schockierend und banal. (Kurz fragte ich mich sogar, ob das so beabsichtigt sein könnte, um zu zeigen, warum Max Rhode so ein erfolgloser Autor ist!) Aber gut, dachte ich, vielleicht lohnt es sich dann, wenn ich "Das Joshua-Profil" lese.

Tja, was soll ich sagen.

Vor zwei Tagen war ich etwa zur Hälfte durch und erwog ernsthaft, das Buch einfach abzubrechen. Das habe ich dann zwar nicht getan, überzeugen konnte es mich aber keineswegs.

Um erstmal mit etwas Positivem anzufangen: Sebastian Fitzek spricht hier wichtige und interessante Themen an. Im Mittelpunkt steht etwas, das man aus zum Beispiel aus dem Film "Minority Report" kennt, was aber beileibe keine Science Fiction mehr ist: die Auswertung über eine Person gesammelter Daten, um vorauszuberechnen, welche Straftaten sie in der Zukunft begehen wird. Da ist es bis zur Vorverurteilung nur ein kleiner Schritt, und heute, wo die meisten Menschen ihre Daten freiwillig auf sozialen Medien preisgeben und es ein Klacks ist, ihre Einkäufe über Kundenkarten zurückzuverfolgen, ist das Sammeln einfacher denn je! Außerdem spricht der Autor Themen wie Kindesmissbrauch, Pädophilie und Rehabilitierung an.

Leider fand ich die Umsetzung dieser Themen nur wenig gelungen.

Die meisten Szenen sind sehr kurz, und allzu viele davon enden mit einem künstlichen "Cliffhanger": dem Leser wird suggeriert, es sei etwas Schreckliches geschehen - dann Schnitt, nächste Szene, und später erfährt man, übertragen gesprochen, dass die Blutlache doch nur Ketchup war. Wenn dieses Stilmittel gezielt und sparsam eingesetzt wird, kann es durchaus Spannung erzeugen! Wenn es allerdings in gefühlt jeder zweiten Szene vorkommt, bewirkt es bei mir das Gegenteil und es fällt mir schwer, das Buch noch ernstzunehmen.

Auch das Stilmittel des "deus ex machina" wird überstrapaziert: die Rettung durch ein vollkommen unmotiviert eintretendes Ereignis. Wenn sonst gar nichts mehr geht, prescht eben ein wütendes Wildschwein durch die Szene und rettet den Tag. (Ohne Scherz.)

Obwohl das Buch jede Menge Action bietet, kam bei mir daher schnell überhaupt keine Spannung mehr auf.

Die Charaktere könnten von ihren Anlagen her eigentlich interessant sein, aber sie kranken in meinen Augen daran, dass sie sich nicht natürlich anhand ihrer Erlebnisse weiterentwickeln, sondern anhand dessen, wie es gerade in die Geschichte passt, oft sehr sprunghaft und auf größtmöglichsten Überraschungseffekt angelegt. Manchmal kam es mir dann vor, als würde ich über zwei ganz verschiedene Personen lesen!

Max Tochter Jola ist zehn, wirkt aber oft wie eine taffe Erwachsene und kann auch dann noch erstaunlich klar denken, wenn jemand eine Pistole auf sie gerichtet hat und sie damit rechnen muss, jeden Moment erschossen zu werden. (Außerdem müsste sie gegen Ende eigentlich komplett traumatisiert sein, denn ihr stößt eine unsägliche Anzahl schlimmer Dinge zu.)

Die Gefühle der Protagonisten kamen bei mir oft nicht an. Mir wird zum Beispiel gesagt, dass Jola Panik empfindet, aber es wird mir nicht so gezeigt, dass ich es mitempfinden könnte.

Die Glaubwürdigkeit geriet für mich schnell ins Wanken. Vieles erschien mir viel zu überzogen, viel zu extrem, viel zu wenig plausibel. Die Menschen, die im Hintergrund die Strippen ziehen, wirken fast schon allmächtig.

Der Schreibstil wirkte auf mich... Durchwachsen. Oft einfach und eher flach, dann wieder mit übertrieben dramatischen, für mich nicht stimmigen Metaphern, und nur manchmal so packend und dicht-atmosphärisch, wie ich es aus seinen anderen Büchern in Erinnerung hatte.

Fazit:
Viele der angesprochenen Themen sind wichtig und interessant, vom gläsernen Menschen und "predictive policing" bis hin zu Pädophilie und Rehabilitation. Eine actionreiche Szene jagt die nächste, wobei jede zweite mit einem erzwungen dramatischen Höhepunkt endet: Tod! Verderben! Und dann zwei Szenen später meist die Entwarnung: oh, doch nicht... Auf Dauer raubte mir das jede Spannung, und auch die Glaubwürdigkeit nahm für mich im Laufe des Buches immer mehr ab. Auch die Charaktere erschienen mir nicht in sich stimmig.

Nach "Die Blutschule" ist nun leider auch "Das Joshua-Profil" für mich eine große Enttäuschung.

Veröffentlicht am 12.09.2019

Originell, frech, abgründig

Hinterhaus
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Im zarten Alter von 18 Jahren geht die hübsche Caro wegen ihrer chronischen Rückenschmerzen zum Orthopäden. Sie hat sich mit ihrer hässlichsten Unterwäsche gewappnet, dem fiesen alten Mann mal wieder begegnen ...

Im zarten Alter von 18 Jahren geht die hübsche Caro wegen ihrer chronischen Rückenschmerzen zum Orthopäden. Sie hat sich mit ihrer hässlichsten Unterwäsche gewappnet, dem fiesen alten Mann mal wieder begegnen zu müssen – stattdessen sieht sie sich Jens gegenüber, seinem attraktiven jungen Nachfolger. Kurze Zeit später sind sie zusammen. Caro schmeißt die Schule und richtet sich bequem in einem Luxusleben als Prämie am Arm von Jens ein.

Sie hat keinen Schulabschluss. Sie hat keine Bildung. Sie hat keine Ambitionen. Sie fällt aus allen Wolken, als sie 16 Jahre später vom Yoga nachhause kommt und feststellen muss, dass Jens die Wohnung in ihrer Abwesenheit komplett ausgeräumt und sich aus dem Staub gemacht hat. Kurze Zeit später ist sie auch noch ihren Minijob los.

In ihrer Verzweiflung kommt Caro bei einer Nachbarin unter, die sie eigentlich gar nicht kennt: Mandy aus dem Hinterhaus. Wenige Tage später verwüstet jemand Mandys Bad – und Caro findet in den Trümmern den Schädel eines Jugendlichen, der seit 20 Jahren vermisst wird.

Caro ist eine echte Antiheldin.

Als Leser kann man manchmal nur den Kopf schütteln. Es ist allzu offensichtlich, dass Caros Gehirn nach vielen Jahren der Stagnation in einem bequemen Leben geradezu eingerostet ist. Wie sie spricht, wie sie handelt, wie sie andere Menschen betrachtet – das ist oft so primitiv, dass man schmerzlich berührt zusammenzucken will.

Kacke (wird 19 Mal erwähnt) und Kotze (47 Mal!) und Pisse (5 Mal). Für mich hätte man die unappetitlichen Verdauungsvorgänge gerne auch mal verschweigen können.

Eigentlich ist Caro ganz und gar nicht bewundernswert. Eigentlich wehrt sich sich nach Kräften dagegen, sich zu ändern. Dennoch funktioniert sie als Protagonistin, irgendwie – ich wollte unbedingt wissen, wie es weitergeht mit ihr. Und irgendwann erreicht sie endlich den Punkt, an dem sie anfängt, nachzudenken.

„Ich bin es satt, nichts zu wissen. Nichts zu verstehen von dem, was um mich herum geschieht.“
(Zitat)

Dabei behilflich ist ihr Adrian, der während ihrer abrupt beendeten Karriere als Radiostimmchen ihr Recherche-Assistent war – allerdings nur widerwillig und keineswegs ohne Hintergedanken. Er hat Ambitionen, sich mit einem Bericht über diesen rätselhaften Mordfall als Journalist zu etablieren.

Caro und er können sich gegenseitig nicht ausstehen, aber beide wollen den Mordfall aufklären und raufen sich daher zusammen. Adrian ist ein großartiger Charakter, gerade weil er das genaue Gegenteil von Caro ist: nicht sonderlich gutaussehend, aber intelligent und ehrgeizig.

Und nein, das läuft erfreulicherweise nicht auf eine Liebesgeschichte zwischen den beiden hinaus.

Nach und nach begegnet man den anderen Bewohnern des Hauses und stellt fest: wirklich normal ist da keiner, und mehr als einer hat Geheimnisse. Henry zum Beispiel, Caros beste Freundin, die mit einem selbsternannten Guru zusammenlebt und sehr unerfreuliche Dinge verschweigt.

Es gibt immer mehr Handlungsstränge, von einer geordneten Ermittlung kann keine Rede sein. Manchmal verheddert sich der rote Faden irgendwo. Kein Krimi, wie man ihn gewohnt ist – und ist es überhaupt ein Krimi, oder eher eine Milieustudie? Merkwürdig faszinierend ist es so oder so.

Es wird immer schräger, und das schreibt die Autorin in einem großartigen, einmaligen Stil. (Obwohl ich, wie gesagt, auf die Fäkalsprache hätte verzichten können.)

Aufgrund von Caros mangelnder Bildung und ihrer rüden Art ist natürlich auch der Schreibstil nicht hochliterarisch. Aber genauso, wie Caro für mich als Protagonistin funktioniert, funktioniert auch ihre Art und Weise, alles ungefiltert von sich zu geben. Das zieht den Leser mitten hinein in ihre Welt und man merkt: so dumm, wie sie manchmal wirkt, ist sie gar nicht. Sie spricht durchaus mit Witz und Selbstironie, auch wenn sie das oft wieder zunichte macht mit einer sehr unbedachten Aussage.

Manchmal haben ihre Gedanken lichte Momente, in denen die Sätze eine starke Prägnanz entwickeln:

„Und während ich noch wach werde, auf der Luftmatratze in Henrys kleiner Küche, während das Morgengrau durch das vergitterte Fenster kriecht und der Kühlschrank brummt, während ich noch versuche, zu verstehen, wo ich bin, was geschehen ist, während ich eigentlich noch ganz leicht schwebe zwischen Schlaf und Erwachen, kommt die Erinnerung. Sie ist eine Keule, die mich niederschlägt. Ein einziger Rumms, und der Schmerz ist da. So groß.“
(Zitat)

Sehr interessant fand ich, dass auch ernste Themen angesprochen werden, wie Wochenheime in der DDR oder Alkoholismus und zerüttete Familien.

FAZIT

Caro hat sich bequem eingerichtet in ihrem Leben als Freundin eines heißen jungen Orthopäden. Sonst hat sie nichts: keine Ausbildung, nicht mal einen Schulabschluss – und nicht die geringste Absicht, das zu ändern. Dann ist sie jedoch Freund, Wohnung und Luxusleben mit einem Schlag los, kommt bei der geheimnisvollen Mandy im Hinterhaus unter und findet in deren Badezimmer einen mumifizierten Schädel.

Das ist unglaublich schräg, und Caro ist eine Antiheldin, wie sie mehr Anti kaum sein könnte. Auch die Sprache ist derb und spart nicht mit Fäkalsprache. Aber das Buch entwickelt auf mich trotz allem eine ungeheure Sogwirkung, und über eine Fortsetzung als Reihe würde ich mich sehr freuen.

Veröffentlicht am 12.09.2019

Das ganz normale Grauen

Harz
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Genre:

Meines Erachtens ist dies ist kein klassischer Krimi oder Thriller, sondern eher ein zutiefst verstörendes Familiendrama, das sich gekonnt über Genregrenzen hinwegsetzt.

Spannungsbogen:

Das Buch ...

Genre:

Meines Erachtens ist dies ist kein klassischer Krimi oder Thriller, sondern eher ein zutiefst verstörendes Familiendrama, das sich gekonnt über Genregrenzen hinwegsetzt.

Spannungsbogen:

Das Buch entwickelt jedoch eine ungemeine Spannung – eine düstere Sogwirkung, der man sich nur schwer entziehen kann. Man schaudert, man ekelt sich, man wird geschüttelt von Grauen und Mitleid, aber man kann das Buch kaum einmal weglegen. Das erklärt wohl, warum Ane Riel für diesen Nicht-Krimi den dänischen, norwegischen und schwedischen Krimipreis erhielt, sowie den Preis für den besten Kriminalroman Skandinaviens insgesamt.

Charaktere:

Der Familienvater fällt durchs Raster und reißt Frau und Tochter mit sich in den Abgrund. Da blutete mir das Herz, nicht nur für die unschuldige kleine Liv, sondern auch für ihn selbst. Er ist nicht hassenswert, obwohl er furchtbare Dinge tut, denn er ist nicht böse, sondern motiviert von Angst und Leid – und fehlgeleiteter Liebe, die dennoch tief und wahrhaftig ist. Seine Obsession entsteht aus dem verzweifelten Versuch, das zu beschützen und festzuhalten, was ihm wichtig ist.

Überhaupt ist Liebe der treibende Faktor für alle wichtigen Charaktere, und so kann man nicht umhin, mit ihnen mitzufühlen und mitzuleiden.

Einen Großteil der Geschichte erlebt man aus Sicht von Liv, für die ihr alles andere als normales Leben eben doch die Normalität ist. Alles ganz logisch und richtig. Von ihrem Vater lernt sie, Tiere zu töten, in fremde Häuser einzubrechen und zu stehlen, ohne das geringste Unrechtsbewusstsein. Kleine Kinder akzeptieren die Welt noch, die ihnen ihre Eltern vorgeben, ohne dies zu hinterfragen. Da beschleicht den Leser schon ein mehr als ungutes Gefühl, aber das wahre Grauen bricht erst über einen herein, sobald Außenstehende den Mikrokosmos der Familie betreten.

Schlüssigkeit und Wirkung:

Es ist ein geschickter Schachzug der Autorin, sie zu Wort kommen zu lassen: Den neugierigen Postbote, der nur deshalb die Grenzen austestet, um etwas zum Tratschen zu haben. Den Wirt der Dorfkneipe, der aus ehrlicher Besorgnis um das Kind handelt, das er dabei beobachtet hat, wie es des Nachts Lebensmittel und andere Dinge stiehlt.

Auf einmal sieht und hört und riecht und schmeckt man schonungslos, was bisher nur zu erahnen war, weichgezeichnet durch den Filter der vermeintlichen Normalität.

Weg mit dem Filter, weg mit der Normalität, da rascheln die Ratten, stinkt es nach Blut und Urin, wimmert die Mutter, da stürzt man in ein ganz tiefes Loch, wie Alice in den Kaninchenbau… Nur das unten kein Wunderland wartet. Das ist entsetzlich, grauenhaft, ekelhaft, schauderhaft, da schüttelt es einen geradezu. Und das, ohne dass die Autorin auf billige Effekthascherei zurückgreift.

Schreibstil:

Die Autorin setzt den Schreibstil meisterhaft ein. Die klare und oft schlichte, fast nüchterne Sprache lässt umso deutlicher hervortreten, was in dieser Familie alles schiefläuft. In anderen Szenen baut sie mit prägnanten Bildern eine dichte Atmosphäre auf – besonders in den Passagen des Buches, in denen man die Geschehnisse aus den Außen der Außenstehenden sieht.

FAZIT

Ein kleines Mädchen ertrinkt – angeblich. Tatsächlich hat ihr Vater das nur vorgetäuscht, um sie für tot erklären zu lassen und nicht in die Schule schicken zu müssen. Er handelt aus Liebe, aber was er erschafft, ist ein familiärer Albtraum, eine verkehrte Welt, die für seine Tochter ganz normal ist.

Obwohl das Buch meines Erachtens kein Psychothriller ist, sondern ein düsteres Familiendrama, fand ich es nervenzerfetzend hochspannend und werde noch lange darüber nachdenken. Die Autorin zieht alle Register, um unglaublich viel Atmosphäre zu erzeugen und Charaktere zu erschaffen, die sich einer einfachen Einteilung in gut oder böse entziehen.

Veröffentlicht am 05.08.2018

Letztendlich eine Enttäuschung

Das Böse in deinen Augen
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Im Umfeld eines kleinen Mädchens passieren merkwürdige, zum Teil schlimme Dinge. Wird sie zunächst nur von Gleichaltrigen ausgegrenzt, breitet sich bald auch unter den Erwachsenen eine absurde Angst vor ...

Im Umfeld eines kleinen Mädchens passieren merkwürdige, zum Teil schlimme Dinge. Wird sie zunächst nur von Gleichaltrigen ausgegrenzt, breitet sich bald auch unter den Erwachsenen eine absurde Angst vor der 11-jährigen Ellie aus, ihr werden sogar übernatürliche Fähigkeiten unterstellt. Als Leser beginnt man schnell, sich zu fragen: geht der Thriller tatsächlich in eine paranormale Richtung, oder steckt etwas ganz Anderes dahinter?

In diesem Zwiespalt liegt für mich der grundlegende Konflikt des Buches.
Ich fand die Grundidee durchaus originell und spannend, in den ersten Kapiteln habe ich beim Lesen ständig gegrübelt, was für eine rationale Erklärung es für dieses oder jenes geben könnte. Aber meines Erachtens reicht das dann doch nicht, um die Spannung 432 Seiten lang aufrecht zu erhalten – im Mittelteil zog sich das Buch für mich sehr. Der Zyklus wiederholt sich einfach zu oft: Ellie wird ungerecht oder gemein behandelt, es geschieht etwas scheinbar Unerklärliches.

Manchmal fand ich die Andeutungen einfach zu plump, mir erschien der Versuch, eine gruselige Atmosphäre aufzubauen, zu bemüht.

Dazu kam, dass ich mit den Charakteren so meine Probleme hatte. Am Anfang war ich noch recht angetan von den Protagonisten. Im Mittelpunkt stehen neben Ellie vor allem Ellies Pflegeschwester Mary und die Kinderpsychologin Imogen. Beide verteidigen Ellie vehement gegen alle Anschuldigungen, koste es, was es wolle.

Imogen trägt selber eine große Last mit sich herum: sie ist gerade erst zurückgekehrt an den Ort ihrer zutiefst unglücklichen Kindheit, und dazu kommt noch, dass ihr Mann sich ein Kind wünscht, was ihr eine Heidenangst einjagt. Ich konnte viele ihrer Gefühle und Ängste zuerst gut nachvollziehen.

Aber ich fand ihr Verhalten in ihrer Rolle als Psychologin zunehmend unglaubwürdig.
Sie hält sich nicht an Regeln und überschreitet Grenzen, und anscheinend ist sie vollkommen unfähig, eine professionelle Distanz zu ihren kleinen Patienten aufrecht zu erhalten. Sie kauft Ellie Kleidung, geht mit ihr Eis essen, umarmt sie… Dass Ellie sich daraufhin sehr auf sie fixiert und schon davon träumt, von Imogen adopitert zu werden, ist nachvollziehbar – und für Ellie nicht gut.

Nach und nach bekommt man Einblicke in Imogens letzten Fall, wo genau dieser Mangel an Distanz zu einer Katastrophe führte. Sie erschien mir unglaublich unprofessionell.

Ellie selber wird in meinen Augen unstimmig und widersprüchlich beschrieben.
Natürlich soll man bis zum Schluss daran zweifeln, ob Ellie ein unschuldiges Opfer ist oder eine kleine mörderische Intrigantin. In Szenen, die aus der Sicht anderer Charaktere geschildert werden, ist es daher vollkommen nachvollziehbar, wenn Ellie drastisch unterschiedlich wirkt.

Aber in Szenen, die aus Ellies eigener Sicht geschildert werden, fand ich das nicht schlüssig.

Noch ein paar Worte zum Schreibstil:
Jenny Blackhurst schreibt flüssig und anschaulich, nur das Tempo fand ich für einen Thriller manchmal zu schleppend.

Das Ende habe ich tatsächlich kommen sehen – teilweise.
Eigentlich finde ich die Auflösung gelungen, auch wenn ich sie relativ offensichtlich fand. Aber dann wird im Epilog noch etwas angehangen, was das gelungen Ende in meinen Augen fast schon ruiniert… Zu viel, zu aufgesetzt.

FAZIT
Die 11-jährige Ellie, einzige Überlebende des Wohnungsbrandes, der ihre ganze Familie getötet hat, wird von den Menschen in ihrem Ort misstrauisch beäugt – es wird getuschelt, sie habe paranormale Fähigkeiten und sei gefährlich. Ist sie eine kleine Mörderin oder einfach ein zutiefst traumatisiertes, missverstandenes Kind?

Obwohl ich diese Grundidee sehr interessant und spannend fand, ließ meine Begeisterung schnell nach. Im Mittelteil verläuft die Handlung schleppend, die Charaktere konnten mich immer weniger überzeugen, und das Ende wird in meiner Sicht vom Epilog ruiniert.