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Veröffentlicht am 25.08.2023

Im Fadenkreuz der Justiz

In den Augen der anderen
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Jacob Hunt ist ein 18 jähriger Teenager, bei dem schon früh das Asperger Syndrom diagnostiziert wurde. Seine Mutter bemüht sich nach Kräften seine besonderen Bedürfnisse im Alltag zu berücksichtigen, ...

Jacob Hunt ist ein 18 jähriger Teenager, bei dem schon früh das Asperger Syndrom diagnostiziert wurde. Seine Mutter bemüht sich nach Kräften seine besonderen Bedürfnisse im Alltag zu berücksichtigen, auch wenn das als Alleinerziehende alles andere als einfach ist. Jacob hat einen besonderen Faible für forensische Polizeiarbeit entwickelt, verpasst keine Folge seiner Lieblings-Polizeiserie, stellt Tatorte nach und hört sogar heimlich den Polizeifunk ab. Er hat der Polizei sogar schon Hinweise bei Straftaten gegeben, die sich als korrekt herausstellten.

Da sein großes Manko menschliche Interaktion ist, hat seine Mutter jemanden engagiert, um sein Sozialverhalten zu üben.

Unglücklicherweise wird ausgerechnet Jacob‘s Sozialtrainerin, die junge Studentin Jess tot aufgefunden, und Jacob gerät unter Mordverdacht. Doch hat er Jess wirklich getötet und wenn ja, war ihm bewusst, dass er sich schuldig gemacht hat?



Ich mochte sehr, dass es in diesem Roman so viele unterschiedliche Perspektiven gab. So kam Jacob selbst zu Wort, sein Bruder Theo, seine Mutter aber auch der Detektiv und Jacob‘s Anwalt.

Jodi Picoult hat zu dem Thema Autismus und Asperger Syndrom wirklich sehr gut recherchiert. Sie klärt die Leser ganz genau darüber auf, welche Einschränkungen Jacob in seinem Leben hat, wie wichtig klare Strukturen für ihn sind und was passiert, wenn er einen Anfall bekommt. Jacob‘s Mutter Emma versorgt ihren Sohn mit Medikamenten und Nahrungsergänzungsmitteln , damit es ihm besser geht. Jeden Wochentag gibt es Lebensmittel mit einer anderen Farbe. Sie schafft Rückzugsorte für ihren Sohn, wenn er unter Reizüberflutung leidet und sie versucht wirklich alles, damit er ein weitestgehend normales und glückliches Leben führen kann. Ich fand sie war bewundernswert, vorbildlich und für beide Söhne eine tolle Mutter.

Es war wirklich furchtbar mitzuerleben, wie ihre jahrelangen Bemühungen für Jacob in einer einzigen Nacht in Untersuchungshaft zunichte gemacht wurden.



Ich fand den Roman sehr berührend. Natürlich steht die ganze Zeit die Frage im Raum, ob Jacob schuldig ist, und ganz am Ende wird man es erfahren. Aber neben dem Kriminalfall fand ich es auch unglaublich spannend Näheres über das Asperger Syndrom zu erfahren.

Beim Hörbuch hat mich allerdings massiv gestört, dass zum Kapitelende oft Musik eingespielt wurde, während eine Person noch einen Gedanken zu Ende brachte. Grausig! Schade, dass es auch noch eine Liebesgeschichte geben musste. Das hätte es meiner Meinung nach nicht gebraucht und lässt die Geschichte weniger authentisch wirken. Auch das sehr abrupte Ende fand ich schade. Ich hätte mir in diesem Roman auch noch einen Epilog gewünscht, ein paar Jahre später….

Für mich war es nicht das beste Buch der Autorin, aber trotzdem ein sehr unterhaltsames und spannendes Leseerlebnis.

3,5 Sterne

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Veröffentlicht am 22.08.2023

Bewegende Familiengeschichte

Die Postkarte
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Die Postkarte, die die Mutter der Autorin 2003 in der Neujahrspost hatte, bildet den Aufhänger für Anne Berest ausgiebig über ihre Vorfahren zu recherchieren. Es stehen nur 4 Namen auf der Karte, alles ...

Die Postkarte, die die Mutter der Autorin 2003 in der Neujahrspost hatte, bildet den Aufhänger für Anne Berest ausgiebig über ihre Vorfahren zu recherchieren. Es stehen nur 4 Namen auf der Karte, alles Angehörige, die in Auschwitz ermordet wurden.



Das Schicksal der Familie Rabinowicz ist furchtbar und sehr schmerzhaft zu lesen. Nur Anne‘s Großmutter Myriam hat überlebt. Anne‘s Mutter Lilia hat nach dem Erhalt der verstörenden Postkarte schon selbst zur Familiengeschichte recherchiert und kann im Gespräch mit ihrer Tochter bereits viele Leerstellen füllen. Zum Glück bleiben den Lesern zu ausführliche Beschreibungen in den Kz‘s erspart. Trotzdem ist das Grauen auf jeder Seite spürbar und bedrückend. Die Logistik der Massenvernichtung ist einfach unfassbar und unerträglich.



Im 2. Teil des Buches springen wir in die Gegenwart nach Frankreich, wo Anne‘s Tochter in der Schule Antisemitismus erlebt. Dabei ist die Familie gar nicht gläubig. Mit Anne die sich jetzt mit ihrem „Jüdischsein“ auseinandersetzt, habe ich viel Neues gelernt und fand Anne‘s Auseinandersetzung mit der eigenen Identität sehr spannend. Wie in einer Kriminalgeschichte verläuft die Spurensuche nach dem Verfasser der Postkarte.

Die Auflösung dazu liefert der 3. Teil des Buches.

Es war sehr interessant in diesem Buch einmal die französischer Perspektive zu lesen. Der Roman hat mich sehr bewegt und ist absolut empfehlenswert.

Sicherlich wäre der Roman auch eine tolle Schullektüre.

Mir lag das Buch als Hörbuch vor. Es wurde wunderbar eingesprochen von Simone Kabst.

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Veröffentlicht am 21.08.2023

Kampf gegen Dämonen

Liebewesen
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Dieses Debüt ist wirklich besonders, modern mit Witz, schlagfertigen Dialogen und einer sehr direkten aber nicht vulgären Sprache, dreht Protagonistin Lio ihr Innerstes nach außen.
Ihre Kindheit in einer ...

Dieses Debüt ist wirklich besonders, modern mit Witz, schlagfertigen Dialogen und einer sehr direkten aber nicht vulgären Sprache, dreht Protagonistin Lio ihr Innerstes nach außen.
Ihre Kindheit in einer dysfunktionalen Familie mit einem schwachen, alkoholkranken Vater und einer lieblosen, gewalttätigen Mutter, die die Geburt ihrer Tochter Tag für Tag verflucht, hat deutliche Narben hinterlassen. Lio ist ihrem Körper fremd, tut sich schwer mit Berührungen.
Dennoch findet sie mit Hilfe ihrer Freundin und der Tinder App ihren Freund Max, der allerdings selbst große Probleme hat. Für ihn gibt es immer wieder dunkle Zeiten, in denen Depressionen sein Leben bestimmen.
Als Lio ungewollt schwanger wird, will sie das Kind auf keinen Fall bekommen.

Seite 124
„ ich war immer davon ausgegangen, dass ich gar nicht schwanger werden konnte. Mein Körper war kein richtiger Frauenkörper, allenfalls ein ausrangierter Prototyp. Außerdem musst die Natur doch ein Interesse daran haben, dass so jemand, wie ich sich nicht fortpflanzte.“

Mit ihrer Vorgeschichte, so ist sie sich sicher, sollte sie nicht die Verantwortung für ein anderes Lebewesen übernehmen. Max dagegen, dem sie nichts von ihrer Schwangerschaft erzählt hat, hält die Gründung einer Familie für die Lösung all ihrer Probleme.

Caroline Schmitt hat eine sehr reflektierte Protagonistin geschaffen, in deren Gefühlswelt man sich sehr gut einfühlen konnte.
Schade fand ich, dass die Probleme von Max und deren Ursache nicht noch tiefer beleuchtet wurden.

Das Buch ist mit seinen knapp über 200 Seiten sehr intensiv, trotzdem sehr flüssig zu lesen und bietet eine Menge Stoff zum Nachdenken. Ich mochte den Roman, der aber nicht für jeden etwas ist.
Eine Triggerwarnung hätte ich mir für sensible Leser:innen noch gewünscht.

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Veröffentlicht am 15.08.2023

Ein Sommerbuch par excellence

Adas Fest
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Ada‘s Fest ist ein Buch mit ganz viel Sommerflair, dass wirklich toll ein Frankreich- Urlaubsfeeling und die französische Lebensart transportiert ohne seicht oder kitschig zu sein.



Hauptfigur ist die ...

Ada‘s Fest ist ein Buch mit ganz viel Sommerflair, dass wirklich toll ein Frankreich- Urlaubsfeeling und die französische Lebensart transportiert ohne seicht oder kitschig zu sein.



Hauptfigur ist die 74 jährige Ada , die mit ihrem verstorbenen Mann ein Sommerhaus an der französischen Atlantikküste besitzt. Zu Lebzeiten ihres Mannes Leo, der ein berühmter Maler war, wurden in dem Haus mit dem Namen „Les Vagues“ (Die Wellen) regelmäßig rauschende Parties mit Familie und Freunden, Nachbarn und Geschäftspartnern gefeiert. Dieser Tradition folgend möchte Ada jetzt ein letztes Mal ein großes Fest feiern, denn sie wird dieses Haus in Kürze aufgeben müssen. Die heftigen Stürme der letzten Jahre haben an der Küste genagt, und um wirkungsvollen Küstenschutz betreiben zu können, wird ihr Haus abgerissen werden müssen, um das dahinterliegende Dorf zu retten.

Dieses Fest soll sowohl ein Abschied als auch eine Hommage an ihren Mann sein und wird für ihre Kinder eine Überraschung werden, denn diese ahnen nicht, dass das geliebte Strandhaus aufgrund des Klimawandels derart bedroht ist.

Ada‘s Töchter Esther, Imme und Kiki reisen an, jede von ihnen mit den eigenen Problemen ihres Erwachsenenlebens im Gepäck. Nachdem sie alle Sommer ihrer Kindheit an diesem Ort verbracht haben, sind sie nicht nur tief verbunden mit dem Haus, sondern auch mit Vincent und seinem Sohn Joèl , die ein Restaurant im Nachbarort betreiben und sich auch wie Familie anfühlen. Wie werden sie den Verlust ihres Paradieses aus Kindertagen aufnehmen?



Katrin Burseg erzählt eine atmosphärisch dichte Familiengeschichte, und natürlich gibt es auch noch dunkle Familiengeheimnissen , die im Laufe der Geschichte noch aufgedeckt werden. Die Charaktere dieses Roman‘s habe ich als sehr authentisch empfunden, sie waren vielschichtig und hatten alle ihre besonderen Eigenarten. Auch der Schreibstil der Autorin war wunderbar, und man flog förmlich durch die Seiten.

Am Ende überschlagen sich dann die Ereignisse. Es gibt noch einen sehr überraschenden Twist, und ich hadere noch ein bisschen mit mir, aber der war mir dann doch zuviel.



Trotzdem habe ich das Buch sehr genossen. Es eignet sich hervorragend zur Urlaubslektüre ,ein Fast-Highlight Buch, dass ich gerne weiter empfehle.

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Veröffentlicht am 15.08.2023

Ein großer Genuss

Der Markisenmann
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Das Cover dieser Geschichte taugt auf jeden Fall zum hässlichsten Bucheinband des Jahres und ist wirklich abschreckend. Ein Wunder fast, dass die Marketingabteilung des Verlags es trotzdem gewagt hat, ...

Das Cover dieser Geschichte taugt auf jeden Fall zum hässlichsten Bucheinband des Jahres und ist wirklich abschreckend. Ein Wunder fast, dass die Marketingabteilung des Verlags es trotzdem gewagt hat, damit auf den Markt zu gehen. Aber… es passt zu dem Roman, wie die Faust aufs Auge.

Worum geht es?

In diesem wirklich herzerwärmenden Coming of Age Roman mit ganz viel Ruhrpottcharme lernen wir Ich-Erzählerin Kim und ihre Familie kennen. Sie ist eine aufmüpfige 15Jährige , die mit ihrer Mutter, ihrem Stiefvater und dem kleinen Bruder in einer Schicki - Micki Gegend im Speckgürtel von Köln wohnen und wie das bei Pubertierenden so ist, fühlt sie sich übersehen, ungeliebt und unverstanden. Nachdem sie es mit ihren Aktionen auf die Spitze getrieben hat und ihren kleinen Bruder ernsthaft verletzt hat, beschließt die Familie, dass Kim die Sommerferien besser bei ihrem leiblichen Vater verbringen solle, damit wieder Ruhe in das Familienleben einkehren könne. Kim soll obwohl sie ihren Vater überhaupt nicht kennt, die Ferien bei diesem Fremden verbringen. Ihr Vater, optisch schon mal enttäuschend, holt sie am Duisburger Bahnhof ab und nimmt sie mit in eine völlig neue Welt. Hat Kim in der 1. Nacht noch Fluchtgedanken, so macht sie doch eine tolle Entwicklung durch und kehrt nach 6 Wochen Duisburg Meiderich mit Tränen in den Augen in ihr Elternhaus zurück, weil es der beste Sommer ihres Lebens war.

Während ihr Stiefvater reich und arrogant ist, ist der „Unscharfe“ wie sie ihren Vater insgeheim nennt, weil er auf dem einzigen Foto was sie von ihm hat nur verschwommen zu erkennen ist, ein armer Schlucker. Er lebt in einer heruntergekommenen Halle im Industriegebiet und versucht mehr schlecht als recht Markisen im Direktvertrieb an der Haustür zu verkaufen. Sein Verkaufstalent ist unterirdisch, die Markisen, die aus DDR Restbeständen stammen grauenhaft hässlich. Da braucht es schon eine pfiffige Teenagertochter die seine Verkaufsgespräche mit ein paar Tricks ein bisschen pusht.

Kim hat endlich das Gefühl ,dass man ihr zuhört. Sie ist auch bei Papa Ronald Papen‘s Kumpels voll akzeptiert wenn die beiden abends in Rosie‘s Pilstreff etwas Geselligkeit suchen.

Und auch wenn ihr Papa eigentlich nichts zu bieten hat, gibt er seiner Tochter in diesen Ferien doch eine ganze Menge mit für ihr weiteres Leben, vor allem Liebe.

Ich hätte nie gedacht, dass mich dieses Buch so begeistern würde, aber Jan Weiler hat die Geschichte mit einem tollen Humor und trotzdem ganz viel Tiefe sehr einfühlsam erzählt. Es sind immer wieder ganz tolle Bilder, die der Autor , mit seiner Erzählweise hervorruft.

„Der Markisenmann“ ist ein tolles Sommerbuch, eine klasse Urlaubslektüre, ein Buch, dass immer passt und ja tatsächlich ein Überraschungshighlight.



Unbedingt lesen!

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