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Veröffentlicht am 28.01.2025

In der Vergangenheit graben

Diese brennende Leere
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Eine junge Physikerin begibt sich auf die Suche nach der Wahrheit über ihre verstorbenen Eltern und deckt dabei ein Geheimnis auf, das über Jahre hinweg vor ihr verborgen wurde. Diese Ausgangslage bildet ...

Eine junge Physikerin begibt sich auf die Suche nach der Wahrheit über ihre verstorbenen Eltern und deckt dabei ein Geheimnis auf, das über Jahre hinweg vor ihr verborgen wurde. Diese Ausgangslage bildet das zentrale Thema des zweiten Romans „Diese brennende Leere“ des mexikanischen Autors Jorge Comensal, der Ende Januar im Rowohlt Verlag erschienen ist.
Die Geschichte wird aus den Perspektiven zweier Protagonisten erzählt: Karina, einer ehrgeizigen Doktorandin der Quantenphysik, und Silvio, einem orientierungslosen Friedhofswärter. Diese beiden Erzählstränge kreuzen sich relativ früh in der Handlung, was Potenzial für eine spannende Beziehung zwischen den Charakteren bietet. Doch obwohl ihr Zusammenspiel interessante Momente erzeugt, sind es die individuellen Entwicklungen der beiden Figuren, die den Roman vorantreiben.
Karina ist eine strebsame, selbstbewusste Protagonistin, die seit Jahren ihre Großmutter Rebeca pflegt. Rebecas Verhalten gibt Karina jedoch immer mehr Rätsel auf, vor allem in Bezug auf den angeblichen Unfalltod ihrer Eltern. Getrieben von Zweifeln beginnt Karina, in der Vergangenheit zu graben – sowohl im metaphorischen als auch im wörtlichen Sinne. Ihre Obsession führt sie dazu, Silvio um Hilfe zu bitten, das Grab ihrer Eltern zu öffnen, um neue Hinweise zu finden. Dieser Moment markiert eine entscheidende Wendung in ihrer Entwicklung: Aus der rational denkenden Wissenschaftlerin wird eine von ihrer Suche nach der Wahrheit besessene Frau, die bereit ist, gesellschaftliche Normen zu überschreiten. Ihre Methoden werden zunehmend unkonventioneller, bis hin zu fragwürdigen Entscheidungen wie das Vortäuschen einer falschen Identität, um Informationen zu erhalten. Trotz ihrer Handlungen bleibt Karina eine Figur, mit der sich Leserinnen und Leser identifizieren können – ihr innerer Konflikt ist authentisch und nachvollziehbar.
Silvio hingegen ist Karinas Gegenpol. Sein Leben scheint von einem Mangel an Richtung geprägt zu sein. Nach einem verheerenden Brand an seinem Arbeitsplatz, der nicht nur den Friedhof, sondern auch den benachbarten Zoo zerstört, gerät Silvios Leben aus den Fugen. Er beginnt, sich illegal mit dem Öffnen von Gräbern zu verdingen, ein grotesker Beruf, der ihn in Konflikt mit seiner eigenen Vergangenheit bringt. Silvios Beziehung zu seiner Tochter, die er jahrelang vernachlässigt hat, gewinnt im Verlauf der Handlung an Bedeutung. Seine Tochter, eine entschlossene Aktivistin, wird zu einem Symbol für die junge Generation, die gegen die drohenden Gefahren der Zukunft ankämpft. Silvio, dessen Leben bislang von Passivität geprägt war, findet durch diese Beziehung neue Impulse, sich mit größeren Fragen auseinanderzusetzen.
Comensal verlegt die Handlung leicht in die Zukunft, um aktuelle gesellschaftliche Probleme in einem weiter fortgeschrittenen Kontext zu betrachten. Themen wie das Artensterben und Tierrechte, was unter anderem durch den Brand im Zoo metaphorisch dargestellt wird, und neue Entwicklungen in der Klontechnologie werden angerissen. Dabei bleibt der Roman jedoch nur unterschwellig dystopisch und verzichtet auf überzogene Zukunftsszenarien. Stattdessen setzt der Autor auf eine realistische Erzählweise, die den Fokus auf die zwischenmenschlichen Beziehungen und inneren Konflikte der Figuren legt. Besonders Silvios Erzählstrang rechtfertigt diese zeitliche Verlagerung, da er sich zunehmend in einer Welt wiederfindet, in der die Konsequenzen des menschlichen Handelns sichtbarer werden.
Trotz dieser interessanten Ansätze bleibt der Roman in vielerlei Hinsicht oberflächlich. Die zentrale Thematik – Karinas Suche nach Ungereimtheiten in ihrer Familiengeschichte – bietet nur wenig Substanz für einen wirklich mitreißenden Plot. Die Handlung verläuft weitgehend geradlinig und birgt kaum Überraschungen. Der Versuch, Spannung durch Karinas obsessives Verhalten und ihre Ermittlungen zu erzeugen, scheitert daran, dass die aufgedeckte Wahrheit letztlich wenig Relevanz hat. Es fehlt an einem dichter gesponnenen Netz von Intrigen oder Enthüllungen, das den Leser bis zum Schluss fesselt.
Was den Roman jedoch vor dem Mittelmaß rettet, sind die vielen kleinen Nebengeschichten und skurrilen Details. Silvios grotesker Beruf als Grabschänder ist eine originelle Idee, die sowohl morbide Faszination als auch tragische Tiefe birgt. Auch seine ambivalente Beziehung zur Nähe des Todes und seine wachsende Verbindung zu seiner Tochter verleihen seiner Figur Komplexität. Diese Elemente sind es, die den Leser dazu bringen, am Ball zu bleiben, selbst wenn die Hauptgeschichte zu schwächeln beginnt.
Ein weiterer Pluspunkt ist die Erzählstruktur: Der ständige Perspektivwechsel zwischen Karina und Silvio sorgt für ein abwechslungsreiches Tempo und erlaubt es dem Leser, beide Figuren und ihre Weltsichten besser kennenzulernen. Dieser Wechsel verhindert, dass die Geschichte trotz ihrer inhaltlichen Schwächen langweilig wird. Allerdings wird auch hier das Potenzial nicht voll ausgeschöpft. Die Verbindung zwischen den beiden Erzählsträngen bleibt lose und wirkt oftmals konstruiert, anstatt organisch zu wachsen.
Der Brand im Zoo, der symbolisch für den Verlust von Artenvielfalt steht, und die Erwähnung von Aktivismus und Klimafragen verleihen dem Roman zwar eine gewisse Aktualität, doch gelingt es Comensal nicht, diesen Themen neue Perspektiven abzugewinnen. Die dystopischen Ansätze bleiben oberflächlich und dienen mehr als Hintergrundrauschen denn als zentrale Konflikte. Auch die wissenschaftlichen Aspekte von Karinas Arbeit hätten deutlich mehr Gewicht erhalten können, um die gesellschaftliche Brisanz der Geschichte zu erhöhen.
Unterm Strich ist „Diese brennende Leere“ ein akzeptabler Unterhaltungsroman, der mit einigen interessanten Ideen und Figuren punkten kann, jedoch nicht das Potenzial seiner Prämisse ausschöpft. Jorge Comensal gelingt es zwar, einzelne Momente und Nebengeschichten in Szene zu setzen, doch bleibt die Hauptgeschichte zu blass und die thematische Tiefe zu gering, um nachhaltig Eindruck zu hinterlassen. Wer eine kurzweilige Lektüre sucht, die einen Hauch von Dystopie und Familiengeheimnissen vereint, wird hier fündig. Ein herausragendes Zeugnis mexikanischer Gegenwartsliteratur ist der Roman jedoch nicht.

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Veröffentlicht am 28.01.2025

Kammerspielartige Studie einer Dreiecksbeziehung

Die Verdorbenen
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Michael Köhlmeier beweist mit seinem neuen Roman „Die Verdorbenen“ erneut, dass er die Kunst der kurzen Form beherrscht. Bekannt unter anderem auch für umfangreiche Werke, widmet er sich hier einer kompakten ...

Michael Köhlmeier beweist mit seinem neuen Roman „Die Verdorbenen“ erneut, dass er die Kunst der kurzen Form beherrscht. Bekannt unter anderem auch für umfangreiche Werke, widmet er sich hier einer kompakten Erzählung, die das Leben von Johann und insbesondere seine turbulente Zeit als junger Erwachsener beleuchtet. Auf nur wenigen Seiten schafft Köhlmeier ein vielschichtiges Psychodrama, das von Spannungen zwischen den Figuren und wechselhaften Beziehungen geprägt ist.
Der Roman beginnt mit einem prägnanten Dialog zwischen Johann und seinem Vater. Als dieser ihn fragt, was er sich vorgenommen habe, zumindest einmal im Leben zu tun, bleibt Johann die Antwort schuldig. Doch innerlich formuliert er eine düstere Vision: Eines Tages möchte er einen Mann töten. Diese verstörende Offenbarung legt den Grundstein für die Erzählung und deutet darauf hin, worauf die Geschichte unausweichlich zusteuert. Ob Johann seinen Wunsch tatsächlich erfüllt, bleibt jedoch lange unklar, denn Köhlmeier konzentriert sich zunächst auf die Schilderung von Johanns Werdegang.
Als Student zieht Johann in eine fremde Stadt und knüpft dort enge Kontakte zu Christiane und Tommi. Die drei entwickeln eine ungewöhnliche Dreiecksbeziehung, die von schwankenden Gefühlen und durchaus auch gegenseitiger Apathie geprägt ist. Köhlmeier illustriert diese Beziehung mit Präzision und feinem Gespür für die zwischenmenschlichen Untertönen der Figuren. Mal scheint Tommi die Kontrolle zu haben und Christianes Aufmerksamkeit zu gewinnen, mal rückt Johann in den Vordergrund, nur um sich plötzlich wieder zurückzuziehen. Immer wieder entsteht der Verdacht, dass die Charaktere sich gegenseitig ausnutzen und ein falsches Spiel miteinander treiben. Dieser ständige Wechsel der Machtverhältnisse sorgt für eine unterschwellige Spannung, die den Leser fesselt und die Handlung vorantreibt.
Johann selbst ist eine ambivalente Figur. Er erscheint als kluger und zielstrebiger junger Mann, gleichzeitig aber auch als egozentrisch und manipulativ. Seine Fixierung auf sich selbst durchzieht den gesamten Roman und lässt ihn selten sympathisch wirken. Auch sein Interesse an Christiane scheint weniger aus echter Zuneigung, sondern vielmehr aus eigennützigen Motiven zu entspringen. Köhlmeier zeichnet Johann mit einer Schärfe, die den Leser zugleich fasziniert und abstößt. Außerdem gelingt es dem Autor, die inneren Konflikte und psychologischen Feinheiten der Figuren auf kleinem Raum zu schildern. Dabei bleibt die Handlung selbst überschaubar, was dem Roman eine fast kammerspielartige Intensität verleiht.
Trotz der gelungenen Figurenzeichnung und der atmosphärischen Dichte erreicht „Die Verdorbenen“ zwar nicht die erzählerische Tiefe von Köhlmeiers größeren Werken, stellt aber gleichwohl eine kurze, prägnante Studie über junge Menschen dar, die auf der Suche nach sich selbst und ihren Träumen alles riskieren, ohne die Konsequenzen zu bedenken. Für einen Roman, den man „nebenbei“ lesen kann, ist „Die Verdorbenen“ eine exzellente Wahl. Köhlmeier liefert eine kleine, feine Erzählung, die durch ihre ungewöhnliche Figurenkonstellation und die psychologische Spannung überzeugt.

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Veröffentlicht am 23.01.2025

Majas Tagebuch über den Krieg

Nachtgäste
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In Nenad Veličkovićs Roman „Nachtgäste“ tritt die Erzählerin Maja, eine fiktive achtzehnjährige Protagonistin, im Stil eines Tagebuchs mit den Lesern in direkten Dialog. Als angehende Autorin schreibt ...

In Nenad Veličkovićs Roman „Nachtgäste“ tritt die Erzählerin Maja, eine fiktive achtzehnjährige Protagonistin, im Stil eines Tagebuchs mit den Lesern in direkten Dialog. Als angehende Autorin schreibt sie während des Bosnienkrieges über ihr Erleben, während sie sich mit ihrer Familie und anderen Schutzsuchenden im Untergeschoss eines Museums versteckt. Dabei gelingt es ihr auf bemerkenswerte Weise, sowohl die Schrecken des Kriegs als auch die zwischenmenschlichen Dynamiken in ihrem Versteck aufzugreifen. Nach 30 Jahren seit seiner Entstehung ist der Roman noch immer von Relevanz.
Schon in ihrer direkten Ansprache schätzt Maja ihre Leserschaft gut ein: Sie geht davon aus, dass viele europäische Leser kaum Berührungspunkte mit dem Krieg in Sarajevo hatten. Diese Annahme ist zutreffend, denn trotz der zeitgeschichtlichen Nähe wird der Bosnienkrieg selten in der europäischen Gegenwartsliteratur thematisiert. Hier setzt Veličkovićs Roman an: Er bietet nicht nur einen Zugang für Interessierte, sondern auch für weniger kundige Leser, die durch Majas Perspektive an die Hand genommen werden. Die Erzählung im Tagebuchformat ermöglicht eine intime Sicht auf die Ereignisse, die von einer jugendlichen Offenheit und Ehrlichkeit geprägt ist.
Maja schildert ihr Leben während des Kriegs aus der Isolation eines Kellers heraus. Während draußen Granaten explodieren, hält sie in ihrem Tagebuch die Geschehnisse fest – eine berührende Mischung aus Poesie und schonungsloser Klarheit. Doch „Nachtgäste“ ist nicht nur ein Roman über Krieg; er handelt ebenso von den Eigenheiten der Menschen, mit denen Maja ihr Schicksal teilt. Das menschliche Miteinander, die Konflikte und skurrilen Eigenarten der Schutzsuchenden, verleiht dem Roman eine unerwartete Leichtigkeit, die mit dem ernsten Hintergrund des Krieges kontrastiert.
Die Frische und Leichtigkeit der Erzählung verdankt sich vor allem Majas Perspektive. Ihr Blick auf die Dinge wirkt oft kindlich und naiv, ohne dabei unreflektiert zu sein. Trotz der grausamen Realität um sie herum bewahrt sie eine optimistische Grundhaltung. Das Schreiben ist für Maja mehr als ein Mittel zur Dokumentation – es ist ihre Lebenslinie. Durch das Tagebuch strukturiert sie ihre Gedanken, ordnet ihre Gefühle und verleiht ihrem Leben in der Isolation einen Sinn.
Bemerkenswert ist, wie Maja in ihrem Tagebuch mit den Erwachsenen umgeht. Sie beschreibt diese mit einer Unverblümtheit, die nur eine Jugendliche in ihrer Lage aufbringen kann. Dadurch wird die Dynamik innerhalb des Verstecks noch intensiver greifbar. Der Roman lebt von dieser subjektiven Sichtweise: Alles wird aus Majas eingeschränktem Blickwinkel erzählt. Politische Verwicklungen oder die Beweggründe der helfenden Staaten werden nur gestreift und aus Majas Perspektive interpretiert. Diese Begrenzung ist keine Schwäche, sondern eine der Stärken des Romans. Sie macht die Gedankenwelt einer jungen Frau in einer Ausnahmesituation zutiefst nachvollziehbar und authentisch.
Die Sprache des Romans ist ebenso bemerkenswert. Sie ist einfach, direkt und bleibt stets der Protagonistin verbunden. Veličković verzichtet bewusst auf intellektuelle Phrasen oder komplizierte Strukturen. Stattdessen ist die Sprache ungeschliffen und ehrlich – angepasst an Majas jugendliches Wesen. Hier sei auch die Übersetzerin Barbara Antkowiak gelobt, die Majas Stimme auf gelungene Weise ins Deutsche überträgt. Ihre Arbeit bringt die Authentizität und den Stil des Originals hervorragend zur Geltung.
„Nachtgäste“ ist kein Roman, der den Anspruch erhebt, den Bosnienkrieg umfassend zu erklären. Er konzentriert sich auf ein Einzelschicksal und zeigt den Alltag einer jungen Frau, die zwischen Angst und Hoffnung pendelt. Der Fokus liegt auf dem individuellen Erleben und dem Versuch, dem Leben trotz widrigster Umstände Bedeutung zu verleihen.

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Veröffentlicht am 13.01.2025

Ein leiser und sanfter Dorfroman, der auch die Härte nicht verschweigt

Im Schnee
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Mit „Im Schnee“ liefert der Autor Tommie Goerz im Piper Verlag einen schmalen Prosaband, der gleich zu Jahresbeginn einen kleinen, leisen und in vielerlei Hinsicht entschleunigten Lesegenuss bereitet. ...

Mit „Im Schnee“ liefert der Autor Tommie Goerz im Piper Verlag einen schmalen Prosaband, der gleich zu Jahresbeginn einen kleinen, leisen und in vielerlei Hinsicht entschleunigten Lesegenuss bereitet. Auf gerade einmal 134 Seiten gelingt Goerz ein Werk, das durch seine Schlichtheit und Authentizität besticht und den Leser in eine vermeintliche Idylle entführt – eine Welt abseits des Trubels und der Hektik unserer Zeit. Doch wie trügerisch dieser Eindruck ist, darüber sinniert nicht nur der Protagonist Max am Ende des Romans, sondern diese Frage drängt sich dem Leser während der Lektüre immer wieder auf.
Die Geschichte spielt in einem kleinen Dorf, dessen Name und genaue Verortung bewusst unbestimmt bleiben. Diese Anonymität verleiht dem Setting eine universelle Gültigkeit, sodass es als Symbol für viele ähnliche Orte stehen kann, die im Laufe der Zeit immer weiter in Vergessenheit geraten. Max, der Protagonist, ist ein in die Jahre gekommener Mann, der allein lebt und seine Tage meist verträumt und verschlafen verbringt. Als sein langjähriger Freund Schorsch unerwartet stirbt, wird Max aus seiner Routine gerissen. Die beiden Männer verband eine tiefe Freundschaft, geprägt von ihrer zurückgezogenen, eigenbrödlerischen Art. Schorschs Tod löst bei Max eine Flut von Erinnerungen an gemeinsame Zeiten und Erlebnisse aus, die sich mit einer gewissen Wehmut und Melancholie in sein Bewusstsein drängen.
Doch nicht nur Max, auch die anderen Dorfbewohner verbinden Erinnerungen mit Schorsch. Sein Tod wird zum Anlass, bei einer gemeinsamen Totenwache Anekdoten auszutauschen und sich der eigenen Vergangenheit zu stellen. Dabei wird die enge Verbindung zwischen der Geschichte des Dorfes und den Biografien der Bewohner offenbar. Gleichzeitig wird deutlich, wie sehr sich die Gegenwart von dieser Vergangenheit unterscheidet. Die alten Zeiten, die von den Anwesenden oft mit Wehmut betrachtet werden, waren nicht immer glücklich. Die Erlebnisse, die während der Totenwache erzählt werden, zeugen sowohl von Zusammenhalt und Gemeinschaft als auch von harten Lebensbedingungen und Grausamkeiten.
Als moderner Leser wird man unweigerlich mit der Frage konfrontiert, ob man in dieser Zeit hätte leben wollen. Die Antwort ist oft ein klares Nein, trotz des romantischen Bildes, das manchmal mit ländlichen Gemeinschaften verbunden wird. Die Dorfbewohner selbst scheinen unterschwellig zu spüren, dass ihre Vergangenheit ebenso von Schmerz und Entbehrung geprägt war wie von gemeinschaftlichem Zusammenhalt. Dennoch bleibt ihnen nichts anderes, als der verlorenen Zeit nachzutrauern und sich allmählich mit ihrem eigenen Sterben auseinanderzusetzen. Schorschs Tod wird so zu einem Symbol für den unaufhaltsamen Verfall der alten Lebensweise und den nahenden Abschied der übriggebliebenen Generation.
Max ist dabei ein vielschichtiger Charakter, dessen Tiefe erst nach und nach offenbar wird. Als einfacher Mann, der sich mit Geschick im Umgang mit Motoren durchs Leben geschlagen hat, scheint er auf den ersten Blick unspektakulär. Doch seine Genügsamkeit und seine natürliche Art zu leben – ohne Fernseher oder Radio, mit selbstgesammeltem Tee und einer gewissen Gleichgültigkeit gegenüber Besitz und Habgier – machen ihn zu einem faszinierenden Protagonisten. Diese Bescheidenheit teilt er mit den anderen Dorfbewohnern, die sich in ihrer Einfachheit deutlich von der modernen Welt unterscheiden.
Besonders raffiniert sind die wenigen Szenen, in denen die Dorfgemeinschaft durch außenstehende Figuren ergänzt wird. Ein Beispiel ist der Fotograf, der als Wanderer in die Gegend kommt. Seine Weltanschauung und Gewohnheiten unterscheiden sich stark von denen der Dorfbewohner, doch er nimmt die Welt von Max und den anderen als idyllisch wahr. Max selbst kann sich dieser Auffassung nicht anschließen – warum das so ist, erschließt sich dem Leser aus den Geschichten und Erinnerungen, die während der Totenwache geteilt werden.
Goerz gelingt es, mit wenigen, nicht einmal sonderlich brisanten Anekdoten eine sterbende Epoche zu zeichnen, die in der modernen Welt kaum noch Platz hat. Seine ruhige, entschleunigte Erzählweise und der wunderbar langsame Schreibstil laden den Leser dazu ein, in die Welt der Dorfbewohner einzutauchen. Beinahe wirkt es, als wäre man selbst Teil der Totenwache, wo mit leiser und respektvoller Stimme gesprochen wird. Die winterliche Atmosphäre des Romans – unterstrichen durch den Schnee und die Abgeschiedenheit des Dorfes – verleiht der Geschichte eine besondere Tiefe und einen melancholischen Charme, ohne jemals kitschig zu werden.
Und auch der Sprecher Thomas Loibl verleiht „Im Schnee“ mit seiner angenehm ruhigen Stimme eine besondere Note. Seine Vortragsweise bleibt durchgehend auf einem gleichmäßigen Stimmniveau, ohne viele Höhen und Tiefen, und unterstreicht so die entschleunigte Atmosphäre des Romans. Anstatt durch den Text zu eilen, gibt er den Worten und Pausen Raum, wodurch er den Hörer einlädt, sich Zeit zu nehmen und die subtilen Nuancen der Geschichte auf sich wirken zu lassen.
Auch wenn seine Lesung insgesamt gelungen ist, bleibt sie für mich persönlich hinter der Lesung von Max von Pufendorf zurück, der mit seiner Interpretation von „Der andere Name“ von Jon Fosse Maßstäbe für leise und unterschwellige Romane gesetzt hat. Allerdings bewegt sich Fosse mit seinem Werk auf einem ganz anderen literarischen Niveau, das sich nur bedingt mit „Im Schnee“ vergleichen lässt.
In seiner Gesamtheit ist „Im Schnee“ vielleicht einer der bemerkenswertesten Dorfromane der letzten Zeit. Mit ordentlicher handwerklicher Präzision und ohne viel Aufhebens erzählt Goerz von einfachen Menschen, einfachen Gemeinschaften und einfachen Themen. Gerade diese Schlichtheit macht den Roman so eindringlich und wahrhaftig.

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Veröffentlicht am 12.01.2025

Japanische Mythologie für junge Leser

Der Fuchs und der kleine Tanuki 1
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Mit der Veröffentlichung von „Der Fuchs und der kleine Tanuki“ beweist der Carlsen Verlag einmal mehr seinen Mut, indem er einem jungen Publikum eine Erzählung mit Elementen der japanischen Mythologie ...

Mit der Veröffentlichung von „Der Fuchs und der kleine Tanuki“ beweist der Carlsen Verlag einmal mehr seinen Mut, indem er einem jungen Publikum eine Erzählung mit Elementen der japanischen Mythologie präsentiert – ein mutiger Schritt, da Heranwachsende hierzulande mit dieser fremden Welt nur selten in Berührung kommen. Doch gerade dieser Ansatz macht Mi Tagawas Manga zu einem spannenden Exemplar im Kindercomic-Genre, das seine Leser nicht nur unterhält, sondern ihnen zugleich einen Zugang zu einem faszinierenden kulturellen Kontext eröffnet.
Die Handlung um den schwarzen Fuchs Senzou und den kleinen Tanuki Manpachi zeigt sich in ihrer Konstruktion durchaus raffiniert. Senzou, einst ein mächtiges, aber zerstörerisches Wesen, wurde von der Sonnengöttin für 300 Jahre weggesperrt, um seine destruktiven Kräfte zu bändigen. Doch die gleiche Göttin erweckt ihn schließlich wieder – nicht, um ihn zu belohnen, sondern um ihn mit der Betreuung des unerfahrenen Tanuki Manpachi zu beauftragen. Dieses ungleiche Duo bildet den Kern der Erzählung, deren Dynamik zwischen anfänglicher Gegnerschaft und zaghaften Annäherungen gekonnt ausbalanciert wird.
Manpachi, der von seinen Eltern verstoßen wurde, weil er seine Kräfte nicht kontrollieren kann, bietet mit seinen tollpatschigen, aber liebenswerten Versuchen, die Welt und seine eigenen Kräfte zu begreifen, eine starke Identifikationsfigur für junge Leser. Seine ungewollten Missgeschicke, wie das skurrile Verwandeln von Senzou in einen Fuchs mit Froschschenkeln, lockern die Geschichte durch humorvolle Episoden auf. Doch zugleich schwebt über Manpachis Zukunft die düstere Frage, wie seine enorme Macht, die andere Waldbewohner bereits erahnen, letztlich eingesetzt werden könnten.
Ein weiterer Pluspunkt des Mangas ist der gelungene Umgang mit der japanischen Mythologie. Mi Tagawa integriert diese nicht nur organisch in die Handlung, sondern erleichtert den Einstieg für unkundige Leser durch erklärende Infokästen und Fußnoten, die wichtige Figuren und Konzepte der Mythologie verständlich machen. Dieser didaktische Ansatz sorgt dafür, dass Kinder wie Erwachsene in die Geschichte eintauchen können, ohne sich überfordert zu fühlen. Zugleich bleibt die überschaubare Anzahl an Figuren angenehm, sodass der Überblick jederzeit gewahrt bleibt.
Visuell ist der Manga solide, wenn auch nicht außergewöhnlich. Während die kantigen Darstellungen der Füchse und Wölfe fast westlich wirken – etwa im Stil klassischer Disney-Filme – bleiben die Zeichnungen von Menschen und Göttern eindeutig im japanischen Manga-Stil verwurzelt. Der Kontrasteinsatz variiert, was einigen Szenen Dramatik verleiht, andere jedoch flach wirken lässt. Besonders enttäuschend ist die skizzenhafte Gestaltung der Hintergründe. Der Wald als zentraler Schauplatz wirkt oft atmosphärisch blass, wodurch viel Potenzial für Stimmung und Tiefe ungenutzt bleibt.
Trotz dieser Schwächen überzeugt „Der Fuchs und der kleine Tanuki“ als Einstieg in eine ungewöhnliche, mythologisch geprägte Erzählung. Allerdings eignet sich der Manga weniger für Leser, die erstmalig in die Welt des japanischen Comics eintauchen, sondern vielmehr für jene, die bereits ein wenig Leseerfahrung mit Mangas gesammelt haben. Die charmante Beziehung zwischen Senzou und Manpachi, die sich im Verlauf der Geschichte entfaltet, macht neugierig auf die weiteren Bände und darauf, wie die Figuren ihre Unterschiede überwinden, um gemeinsam zu wachsen.

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