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Nilchen

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 19.08.2018

Verlogenes 80er Jahre Vorstadt-Idyll

Kampfsterne
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Dieser Roman hat mich umgehauen. WOW fällt mir da spontan ein. Warum ist er so überzeugend gut?
Zum einen diese grandiose Erzählweise. Man hat das Gefühl man begleitet eine/n Therapeut/in, der allen Figuren ...

Dieser Roman hat mich umgehauen. WOW fällt mir da spontan ein. Warum ist er so überzeugend gut?
Zum einen diese grandiose Erzählweise. Man hat das Gefühl man begleitet eine/n Therapeut/in, der allen Figuren abwechselnd folg, je nachdem wo die Handlung ihn hin verschlägt. Geschrieben als würde die handelnden Personen diesem imaginären überall anwesenden Therapeuten alles erzählen und keine Geheimnisse haben müssen. Wie ein reinigender Prozess bei dem alle ihr innersten nach außen kehren. Jeder ist mal dran, mal kürzer mal länger, auch handlungsgetrieben. Sehr innovativ und par excellence umgesetzt. Chapau.
Zum anderen überzeugt Alexa Henning von Lange mit der atmosphärischen Wiedergabe dieses spießigen kleinen Kosmos einer Vorstadtsiedlung der 80er Jahre. Wo alte Traditionen einer patriarchalen Erziehung mit neue feministische Idee, eine Generation Freiheitlicher Liebe und neue Denkansätze zusammenprallen. Ein Ort an dem die Menschen unglücklich an ihren eigenen Lebensvorstellungen scheitern, nach Anerkennung gieren und Anderen ihr Glück missgönnen. Eine gelungene Rückblende in die ach-so sorglose Zeit der 80er Jahre Reihenhaus-Idylle mit ihren schon damals verlogenen Perfektionen. Und wer sitzt mittendrin in diesem Tornado aus Gefühlen, Sich-finden und Leben vortäuschen? Die Kinder!
Und das ist der dritte überzeugende Faktor bei diesem Roman. Alexa Henning von Lange spiegelt uns selbst in der Gegenwart mit all unseren Erwartungen in dem Treiben der 80er Jahre. Dort nahm die ganze Selbstoptimierung, der Kinder-Förderwahn seine Anfänge. Es werden Mütter hier angeklagt, die emanzipiert sein wollen, es aber nicht schaffen und ihre Töchter mit all dem Ballast alleine lassen. Wie ein paar Zeilen auf Seite 97 belegen: „Meine Kinder zerbrechen an dieser Welt. Und niemand kann uns beschützen. Nur wir uns selbst.“
Hier werden auch andere große Themen indirekt verarbeitet: Wo ist die westdeutsche durchschnittliche Gesellschaftsschicht falsch abgebogen? Hier wird portraitiert wo der Selbstoptimierungs- und Ego-Trip seinen Anfang nahm.
Ein sehr vielschichtiger Roman, den es zu lesen lohnt. Aufklärend & augenöffnend, auch wenn der Spaß hier eher literarischer als inhaltlicher Natur ist.
Fazit: Für mehr echtes Leben ohne Fassade und mehr Menschlichkeit im Umgang miteinander.

Veröffentlicht am 19.08.2018

Gute Prose mit echtem Leben für kleine großartige Menschen!

Lasse feiert Geburtstag
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Lasse hat uns mit neuen Geschichten beglückt!
Der rote Faden der sich diesmal in Band 2 durchzieht ist Lasses 7. Geburtstag so wie der Titel vermuten lässt: 'Lasse feiert Geburtstag'!
Wieder sind es die ...

Lasse hat uns mit neuen Geschichten beglückt!
Der rote Faden der sich diesmal in Band 2 durchzieht ist Lasses 7. Geburtstag so wie der Titel vermuten lässt: 'Lasse feiert Geburtstag'!
Wieder sind es die alltäglichen Wichtigkeiten im Leben eines Erstklässlers, die uns Sarah Welk geschickt und sehr liebevoll erzählt!
Er überlegt wer einzuladen ist. Dann kommt noch kurz ein Wackelzahn dazwischen der auch seien Aufmerksamkeit fordert. Und, natürlich wie sollte es anders sein: DER Tag der Tage: sein Geburtstag ist natürlich auch seitenfüllend und sehr gelungen. Wirklich kurzweilig und wunderbar vorzulesen (Vorschüler) sowie super geeignet für Erstleser.

Sehr niedlich illustriert von Anne-Kathrin Behl. Wir freuen uns immer, wenn es wieder ein Bild zu entdecken gibt nach dem Umblättern!

Wer Band 1 noch nicht kennt (Lasse in der ersten Klasse) sollte mit diesem starte, denn auch hier wird sehr sensibel berichtet wie Lasse zur Schule kommt mit allen Vorbereitungen.

Wie schon in Band 1, hat auch im Band 2 Sarah Welk ein unheimliches Feingefühl an den Tag gelegt was so einen 7jährigen wirklich umtreibt und wie die dazugehörige Gefühlslage sein könnte. Sehr lebensnahe ohne zu cool zu sein sind diese simplen, aber so treffenden Geschichten! Ganz ehrlich, solche sind mir viel lieber als die 100 Superschurken-Story oder der 8 Dinosaurier-Mischmasch.

Und nun? Wir hoffen auf einen dritten Band! Wie Lasse vielleicht einen Sport für sich entdeckt? Oder in den Ferien wegfährt? Oder zu den Pfadfindern geht? Wir sind voller freudiger Erwartung!

Veröffentlicht am 17.08.2018

Interessant & gut recherchierter historischer Roman

Bühlerhöhe
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Wir befinden uns Anfang der 1950er Jahre in Deutschland. Adenauer ist Kanzler und die junge Republik fängt an sich zu verändern, ein Zustand der Verdrängung der Kriegsereignisse. Adenauer will ein Wiedergutmachungsgesetzt ...

Wir befinden uns Anfang der 1950er Jahre in Deutschland. Adenauer ist Kanzler und die junge Republik fängt an sich zu verändern, ein Zustand der Verdrängung der Kriegsereignisse. Adenauer will ein Wiedergutmachungsgesetzt verabschieden um eine monetäre Entschädigung der ermordeten Juden zu ermöglichen.
Nun macht Adenauer Urlaub auf der Bühlerhöhe wie jedes Jahr und es ist ein Anschlag einer jüdischen Extremistengruppe geplant um ihn zu töten und damit das Gesetzt zu verhindern. Die Gruppe ist davon überzeugt, dass Israel kein Blutgeld von den Deutschen annehmen sollte. Zur Gründung Israels ist es allerdings wichtig, dass dieses Geld fließt um den Staat aufbauen zu können.
Israel schickt einen Mossad-Agenten und eine junge Frau namens Rosa Silbermann um dieses Attentat zu verhindern und arbeitet vor Ort mit dem deutschen BND zusammen.

Das ist im Groben die grundlegende Handlung des Romans ‚Bühlerhöhe‘ von Brigitte Glaser. Neben diesem Hauptstrang passiert noch viele vieles mehr! Ein wunderbares Figurenkabinett zeigt uns verschiedene Standpunkte, gibt uns Verständnis für Handlungen, die aus einem Erlebnis in der Vergangenheit rühren und einen guten Einblick in die 50er Jahre!
Zum einen lebt dieser Roman von den falschen Fährten die hier für den Hauptdrang gelegt werden um zu klären wer den Kanzler ermorden will. Hier merkt man, dass die Autorin des Romans, Brigitte Glaser bisher Kriminalromane schrieb. Zum anderen ist der Roman im Kern eine Reflektion des Nachkriegsdeutschlands. Die Zeit zwischen Kriegsende und Aufarbeitung, die erst Anfang der 60er Jahre begann mit den Auschwitzprozessen. Und zu guter Letzt scheint dieser Roman auch (für mein Verständnis) eine kleine literarische Erinnerung an die Bühlerhöhe zu sein.

Die Charaktere sind vielschichtig beschrieben und zeigen uns wie unterschiedlich die Wahrnehmungen je nach Erfahrungsschatz sind. Allesamt sehr eigen und differenziert beschrieben.

Ich habe diesen Roman sehr gerne gelesen und kann ihn wärmstens empfehlen. Wer sich für Romane interessiert, die eine gut recherchierte historische Grundlage haben, ist hier bestens aufgehoben!

Veröffentlicht am 17.08.2018

Lesenswert für alle klassischen Krimifreunde!

Wintertod
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Ein alter Friedhof irgendwo im Norden Berlins auf dem zufällig Anfang November eine Leiche gefunden wird. Eine Frau, die man zunächst nicht identifizieren kann. Zugleich taucht man in den nicht allzu schönen ...

Ein alter Friedhof irgendwo im Norden Berlins auf dem zufällig Anfang November eine Leiche gefunden wird. Eine Frau, die man zunächst nicht identifizieren kann. Zugleich taucht man in den nicht allzu schönen Alltag einer Berliner Grundschule ab und wundert sich sehr über die Gewalt an dieser Schule. So beginnt der Krimi Wintertod von Thomas Nommensen.
Für alle Reihenfreunde gleich vorab, dies ist bereits der 2. Fall für Arne Larsen, der erste Fall spielt in Norddeutschland und heißt „Ein dunkler Sommer" (mir selbst noch unbekannt). Wer keinen gesteigerten Wert auf Reihenfolgen legt, kann diesen Krimi auch gut alleinstehen lesen und braucht kein Vorwissen. Mir erschien es beim Lesen so als ob die Entscheidung eine Reihe aus Arne Larsen fortzuspinnen sich erst nach dem 1. Fall ergeben hat, aber hier kann ich natürlich auch falsch liegen.
Arne Larsen, der Protagonist und neuer Kommissar im LKA Berlin wird der türkischstämmigen Kollegin Mayla Aslan zugeteilt und sofort startet der neue Alltag für ihn in Berlin mit dieser gefunden Leiche in Berlin Buch. Das Kommissaren-Duo hat Ecken und Kanten und war mir sehr sympathisch, natürlich kommt auch das Privatleben der beiden ins Spiel. Es macht sie menschlich und auch interessant.
Dieser Krimi ist wenig blutig und verschreibt sich eher dem klassischen whodunit. Es gibt eine Leiche und die beiden Kommissare beginnen die Ermittlungen. Man erfährt alle neuen Informationen mit ihnen und kann so wunderbar „mit raten". Wie schon erwähnt nicht blutig, aber nicht minder grausam. Die Geschichte hat mich gepackt und mitgenommen, denn psychologisch geht es in Tiefe ohne „laut und blutig" zu werden. Eine sehr interessante Art und definitiv unterhaltsam. Ich lag übrigens während des Lesens nicht richtig mit meinem Raten, ein echter Pluspunkt! Mir persönlich war das Ende zu offen, da man im Grunde genommen nur die vage Idee zum Schluss erfährt. Mindert aber meine Empfehlung nicht!
Ich werde Thomas Nommensen im Auge behalten und sicherlich den 3. Fall lesen, sobald er erscheint!
Fazit: Lesenswert für alle klassischen Krimifreunde! Ein unterhaltsamer Krimi der sich super für die dunkle Jahreszeit eignet.

Veröffentlicht am 17.08.2018

Horizonterweiternd

Weil wir längst woanders sind
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Wieder mal eine wunderbare Romanentdeckung in diesem Frühsommer! Rasha Khayat schrieb ihren ersten Roman ‚Weil wir längst woanders sind‘ und hat den Zeitgeist getroffen! Der Roman wurde zum Teil hochgelobt, ...

Wieder mal eine wunderbare Romanentdeckung in diesem Frühsommer! Rasha Khayat schrieb ihren ersten Roman ‚Weil wir längst woanders sind‘ und hat den Zeitgeist getroffen! Der Roman wurde zum Teil hochgelobt, zum Teil stark angegriffen. Mich hat das Sujet interessiert und ich habe es gewagt und habe gewonnen! Ich finde den Roman gut.
Die Geschichte handelt von zwei Geschwistern, Layla und Basil. Sie haben einen saudischen Vater und eine deutsche Mutter, sind in Saudi-Arabien geboren und auch dort in die Grundschule gegangen bevor sie nach Deutschland kamen. Dieses Fundament in beiden doch sehr unterschiedlichen „Welten“ aufgewachsen zu sein, macht die beiden aus und genau das ist auch der Kern dieses Romans. Die Zerrissenheit weder so recht in die eine Welt zu gehören noch in die andere. Die beiden sind von außen betrachtet einzigartig und „Reich“ an Kulturen, aber im Grunde sehnen sie sich nach Zugehörigkeit und Halt. Die Autorin schöpft sicherlich stark aus ihrem eigenen Erfahrungsschatz für diesen Roman, was es so wahnsinnig authentisch macht. Klar, es geht nicht sonderlich weit in die Tiefe, aber es öffnet einem doch die Augen.
Der Plot in dem diese Meta-Eben eingebaut ist, ist die anstehende Hochzeit von Layla in Saudia-Arabien zu der Basil reist. Hört sich nach wenig Handlung an, hat aber Gehalt. Da meine Erfahrung auf persönlicher Ebene mit Saudi-Arabien gering ist, fand ich auch die Beschreibungen wie die Familie beieinander ist, wie dort ein „Junggesellenabschied“ gefeiert wird sehr interessant.
Empfehlenswert zu diesem Roman ist auch das Interview mit der Autorin auf dem blauen Sofa (ZDF) von der diesjährigen Leipziger Buchmesse (2016):
http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2661208/Rasha-Khayat-auf-dem-blauen-Sofa#/beitrag/video/2661208/Rasha-Khayat-auf-dem-blauen-Sofa
Ich muss auch sagen, dass ich die Autorin wahnsinnig charmant finde, eine echte Powerfrau! :0)
Fazit: Ich fand den Roman horizonterweiternd, dabei unterhaltsam und gut geschrienen. Was will man mehr?