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Veröffentlicht am 08.04.2021

Immoblienhaie und Spekulanten

Kreuzberg Blues
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Der Kriminalroman "Kreuzberg Blues" von Wolfgang Schorlau ist bereits der zehnte Band um seinen nicht zuletzt durch die ZDF-Verfilmungen bekannten Stuttgarter Privatdetektiv und ehemaligen BKA-Ermittler ...

Der Kriminalroman "Kreuzberg Blues" von Wolfgang Schorlau ist bereits der zehnte Band um seinen nicht zuletzt durch die ZDF-Verfilmungen bekannten Stuttgarter Privatdetektiv und ehemaligen BKA-Ermittler Georg Dengler und spielt während der aktuellen Covid-19-Pandemie. Davon sollte man sich jedoch nicht abschrecken lassen, denn auch wenn man die vorangegangenen Romane nicht kennt, kann man der Handlung problemlos folgen.

Worum es geht
Trotz der laufenden Corona-Pandemie lässt sich Georg Dengler überreden, eine Fall in Berlin zu übernehmen, nachdem eine Bekannte von Denglers Freundin Olga um Hilfe gebeten hat: Im heiß umkämpften Wohnungsmarkt der Hauptstadt scheint dem Immobilenhai und Bauunternehmer Kröger jedes Mittel recht zu sein, um unliebsame Mieter loszuwerden und greift dabei auch zu illegalen Entmietungen. So will er zwei Wohnhäuser und einen Kindergarten abreißen lassen, um dort ein modernes Townhouse für zahlungskräftige Kunden entstehen zu lassen. Dengler und seine Partnerin finden sich plötzlich im Großstadtdschungel zwischen den Fronten eines modernen Häuserkampfes um das Recht zu wohnen wieder und müssen feststellen, dass die Sache viel größer ist als erwartet, denn im Hintergrund agieren Großkonzerne, die mit der Kröger Immoblien AG teils konkurieren. Zwischen heruntergekommenen Kreuzberger Plattenbauten, luxuriösen Neubauten, Schwarzem Block und türkischer Community muss sich Dengler erst einmal zurecht finden. Die Lage eskaliert, als ein Spekulant vom Dach eines umkämpften Hauses stürzt.

Kritik
Den politischen Rahmen des Romans bildet bildet der Mietenvolksentscheid Berlin, und die Einführung eines Mietendeckels. Schorlau nimmt sich Zeit, dem die Hintergründe und Biografien seiner Figuren detailliert zu erzählen. Wenn der Autor die Unternehmensstruktur der Deutsche Eigentum AG (klar erkennbar angelehnt an die Deutsche Wohnen) und deren Strategie schildert, ist das akribisch recherchiert. Auch seine fiktive Fondsgesellschaft Blackhill hat mit dem weltgrößten Vermögensverwalter BlackRock ein reales Vorbild. Nebenbei flechtet er noch die Proteste von Querdenken 711 in Stuttgart in den Roman mit ein. Doch diese − fast schon journalistischen − Informationen tun der Spannung keinen Abbruch. Schon immer schreibt Wolfgang Schornau eigentlich als Krimis getarnte Sachbücher.

"Kreuzberg Blues" lebt von kurzen Kapiteln, die meist mit einem Cliffhanger enden, und schnellen Szenenwechseln. Man spürt, dass die Verfilmung nicht weit weg ist. Tatsächlich erklärt Schorlau im Nachwort, auch, dass er das Corona-Geschehen quasi live in den Roman eingebaut hat, während er in Berlin mit Lars Kraume eigentlich an der cineastischen Umsetzung gearbeitet hat, die ursprünglich parallel zum neuen Roman gesendet werden sollte, dann aber verschoben werden musste.

Fazit
Insgesamt ist der Roman vielleicht thematisch etwas zu überladen, die Welt, die der Autor zeichnet etwas zu sehr schwarz-weiß und der erhobene Zeigefinger etwas zu deutlich. Trotzdem ergibt sich ein recht treffendes Bild der momentanen Lage unseres Landes, und die Spannung der Kriminalgeschichte hilft einem über diese Schwächen leicht hinweg.

Mein Dank geht an den Verlag Kiepenheuer & Witsch und NetGalley für das digitale Rezensionsexemplar.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 07.04.2021

Nicht nur für Hundefreunde

Bonnie Propeller
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Große Romane mit vielen Seiten oder sogar Zyklen sind en vogue, aber manchmal sind kleine Bücher wie "Warten auf Bojangles" von Olivier Bourdeaut besondere Perlen. In diese Kategorie zählt für mich auch ...

Große Romane mit vielen Seiten oder sogar Zyklen sind en vogue, aber manchmal sind kleine Bücher wie "Warten auf Bojangles" von Olivier Bourdeaut besondere Perlen. In diese Kategorie zählt für mich auch die während der aktuellen Corona-Pandemie spielenden, autofiktionale Novelle "Bonnie Propeller" von Monika Maron, in der es um eine alte Frau geht, die sich nach dem Tod ihres Hundes einen neuen anschafft, und die nur 64 Seiten umfasst.

Worum es geht
Die mittlerweile fast 80jährige Ich-Erzählerin hat in den letzten Jahren schon zwei Hunde besessen: Bruno und nach dessen Tod Momo. Die beiden stattlichen Rüden halfen ihr oft über das Gefühl der Einsamkeit hinweg. Daher möchte sie, nachdem auch das zweite Tier gestorben ist, einen neuen Hund. Auf Umwegen kommt sie an die Mischlingshündin Propeller, die aus einem Tierheim in Ungarn stammt. Der merkwürdige Name erschließt sich zuerst niemandem und so bekommt sie den Beinamen Bonnie. Bonnie Propeller erfüllt jedoch die Erwartung ihrer Besitzerin in keiner Weise, zumal sie das Tier hässlich findet. Das Tier ist ihr peinlich, sie sagt Freunden und Passanten, sie werde es wieder abgegeben. Nur langsam kann die freundliche Hündin ihre Sympathie gewinnen.

Kritik
Die unaufgeregte Erzählung hat irgendwie einen vorweihnachtlichen, besinnlichen Touch. Und auch wenn das Ende − das vermeintlich Abstoßende entpuppt sich als besonderer Schatz − vorhersehbar ist, trifft das Thema der inneren Einkehr, die Beschäftigung mit sich sich selbst in einer Situation, in der man gezwungen ist, weitgehend zu Hause zu bleiben, den Zeitgeist.

Glücklicherweise vermeidet es Monika Maron, in eine kitschige Mensch-Tier-Liebesgeschichte abzurutschen. Ihr Stil ist lakonisch, manchmal zynisch und wirkt authentisch. Ihre Hauptfigur ist einem auf den ersten Blick eher unsympathisch; sie ist eine Pragmatikerin, die den Leser an ihren Macken und Sturheiten teilhaben lässt. Nur wenige Tage nach dem Verlust ihres Haustiers, wenn das tägliche Füttern und Spazierengehen nicht mehr erforderlich sind, entgleitet ihr jegliche Alltags-Struktur und sie schlurft antriebslos bis mittags unangezogen durch ihre Wohnung. Daher ist ihr ganz unromantisch schnell klar, dass ein Ersatz her muss. Leider ist der neue Hund, den sie über das Internet gefunden hat, nicht so perfekt, wie es es gewohnt ist.

Schonungslos hält die Autorin uns einen Spiegel vor: Die Protagonistin ist zunächst oberflächlich nur auf Äußerlichkeiten bedacht, der Hund ein Statussymbol. Was danach geschildert wird, ist die langsame Annäherung zwischen Mensch und Tier. Bonnie zeigt ihre sensible Intelligenz und entwickel Stück für Stück eine eigene Identität, mit der sie sich gegen die emotionalen Erinnerungen an ihre Vorgänger etabliert.

Fazit
Die Grundaussage, nicht nur nach dem Äußeren sondern nach dem Charakter und den Handlungen eines Wesens zu urteilen, ist nicht neu. Doch die herzerwärmende, aber trotzdem unsentimentale und humorvolle Geschichte wird nicht nur Hundefreunden gefallen. Störend ist allenfalls der hohe Preis für ein so dünnes Buch.

Mein Dank gilt NetGalley für das Rezensionsexemplar.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 30.11.2020

Gelungene Fortsetzung in einer bizarren Tour de force

Ich bin Harrow
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Der Science-Fantasy-Roman "Ich bin Harrow" (Harrow the Ninth) von Tamsyn Muir ist die Fortsetzung von "Ich bin Gideon" (Gideon the Ninth) und Band 2 der Locked-Tomb-Trilogie.

Worum es geht

Harrowhark ...

Der Science-Fantasy-Roman "Ich bin Harrow" (Harrow the Ninth) von Tamsyn Muir ist die Fortsetzung von "Ich bin Gideon" (Gideon the Ninth) und Band 2 der Locked-Tomb-Trilogie.

Worum es geht

Harrowhark "Harrow" Nonagesimus ist nach den dramatischen Ereignissen in Canaan-Haus zum Lyctor aufgestiegen und findet sich an Bord des imperialen Flaggschiffs wieder. Doch anders als Ianthe hat sie keinen vollen Zugriff auf ihre Fähigkeiten und wird von Erinnerungen verfolgt, in denen Ortus Nigenad ihr Erster Kavalier ist. Außerdem hat sie scheinbar, ohne es zu wissen, eine Reihe von Briefen geschrieben, die an sie selbst adressiert sind und in denen sie sich für alle Eventualitäten Handlungsanweisungen gibt und sich verbietet, nach der Lösung des Rätsels zu forschen. Nach und nach erfährt sie mehr über einen Krieg, den der Imperator/Gott, den seine alten Kampfgefährten nur John nennen, seit Jahrtausenden gegen sogenannte Resurrection Beasts führt. Die drei verbliebenen alten Lyctoren sollen nun die beiden neuen auf einer von den Neun Häusern weit entfernten Raumstation für die kommende Auseinandersetzung ausbilden. Dabei zeigt sich, dass einer der drei, Ortus the First, Harrow nach dem Leben trachtet, und Cytheria möglicherweise doch nicht so tot ist wie angenommen. Alle außer Gott scheinen Harrow zu hassen. Es wird deutlich, dass die verschlossene Grabkammer, die das Neunte Haus bewacht, eine besondere Bedeutung hat.

Kritik

Wer geglaubt hat, Gideon Nav sei mit ihrem beschränkten Wissen über ihre Welt eine unzuverlässige Erzählerin gewesen, der muss lernen, dass Harrow noch um Längen unzuverlässiger ist. In ihren Erinnerungen an die vorangegangenen Geschehnisse, die in der dritten Person erzählt werden, taucht Gideon nicht auf und die Abläufe sind anders als wir sie gelesen haben. Parallel dazu wird die gegenwärtige Geschichte in der zweiten Person geschildert (so gesehen müsste der Roman eigentlich "Du bist Harrow" heißen), was per se schon einmal ungewöhnlich und gewöhnungsbedürftig ist. Gleichzeitig nährt die Autorin aber die Zweifel, ob die Dinge tatsächlich so sind, wie sie erscheinen, oder ob Harrow einfach den Verstand verloren hat. Der Wechsel der Erzählperspektiven stellt sich letztlich als eleganter Kunstgriff heraus, der am Ende perfekten Sinn ergibt. Aber bis dahin fragt man sich, ob man vielleicht in einem Paralleluniversum gelandet ist.

Tamsyn Muirs Sprache ist gewohnt eloquent und witzig, wenn auch Gideons schnoddriger Tonfall weitgehend fehlt. Dabei ist das Setting mindestens genauso düster wie im ersten Band. Der Roman taucht tief in die Seele seiner Titelfigur ein. Harrow ist etwas Besonderes: eine Getriebene, begabt, ehrgeizig, intelligent, sensibel und paranoid. Wo Gideon für Abenteuerlust, Lockerheit und Spaß stand, ist Harrow ein wandelndes seelisches Trauma voller Schuldgefühle. Die Wandlung zum quasi unsterblichen Lyctor hat sie geschwächt und verletzlich zurückgelassen. Aber auch komplett wahnsinnig?

Die Beziehungen zwischen Imperator/Gott John und seinen Weggefährten untereinander gleichen denen einer dysfunktionalen Familie, geprägt durch ein seit zehntausend Jahren währendes Zusammensein. Unter der Oberfläche brodeln alte Konflikte, Eifersüchteleien und Animositäten. Harrow betrachten sie im Grunde als Kind.

Der Tonfall der Romane unterscheidet sich grundlegend. War Gideons Humor das Resultat ihrer großspurigen Respektlosigkeit, Unbedarftheit und eines zur Schau getragenen Zynismus, so stammt Harrows Humor eher aus dem Umstand, dass sie ein genialer, nerdiger, aber zickiger Teenager ist. Es fällt leichter, die offene, polternde Gideon zu mögen als die verschlossene, grübelnde Harrowhark. Abgesehen davon darf man nicht vergessen, dass sie nicht nur ein begabter Necromancer, sondern letztlich auch eine Nonne ist. Doch auch wenn Harrow witzig sein kann, ist ihre Geschichte nicht so warmherzig wie Gideons, sondern ungleich trauriger, geht es doch vorrangig um Kummer und Verlust.

Muir verwendet unzählige Tricks, um den Leser zu verwirren: durcheinander gebrachte Zeitebenen, Perspektivwechsel, Geschichtsrevisionismus, Halluzinationen, untersützt durch die klaustrophobische Erzählweise in der zweite Person für Harrows Zeit nach der Transformation, während sie angeblich trainiert, um Gott und das Universum vor super bösen Weltraumgeistern zu schützen. Erst zum Schluss kommt eine offenbarende erste Person, sobald Harrows Wahnsinn sich aufzulösen beginnt. Gleichzeitig liefert Muir wiederum eine überraschende Wendung in Form einer unerwarteten Enthüllung. Einige Fragen werden beantwortet, aber längst nicht alle.

Ich mochte Harrow trotz ihrer spröden und manchmal grausamen Art bereits im ersten Band. Diese Sympathie hat sich nur verstärkt.

Fazit

"Ich bin Harrow" ist ein fesselndes und gleichzeitig verwirrendes Leseabenteuer. Das Buch ist ein unterhaltsames Durcheinander und ich habe es sehr genossen. Es ist eine Geschichte über ein Überlebensschuld-Syndrom. Aber es ist trotzdem auch ein Chaos, und ich bin mir nicht sicher, ob der Abschlussband "Ich bin Alecto" (Alecto the Ninth) weniger chaotisch wird. Die Frage, ob Gideons Tod am Ende von "Ich bin Gideon" endgültig ist, bleibt offen.

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Veröffentlicht am 25.11.2020

Unterhaltsam und verwirrend

Die große Fälschung
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"Tuckstett" ist der erste Band des im Mittelalter spielenden, zehnteiligen Fortsetzungsromans "Die große Fälschung" von P.M., dessen zweiter Band "Der Flächenbrand" bereits im Hirnkost-Verlag erschienen ...

"Tuckstett" ist der erste Band des im Mittelalter spielenden, zehnteiligen Fortsetzungsromans "Die große Fälschung" von P.M., dessen zweiter Band "Der Flächenbrand" bereits im Hirnkost-Verlag erschienen ist. Die weiteren Teile sollen jeweils im Abstand von zwei Monaten veröffentlicht werden, so dass sich, gemessen am Auftaktband ein gewaltiges Werk von rund 1.500 Seiten ergeben sollte.

Wurum es geht
Im Jahr 998 n. Chr. begehrt der fränkische Ritter Rodulf von Gardau gegen die herrschenden Verhältnisse auf. Seine Rebellion findet schnell Anhänger und breitet sich aus, so dass ein weltumspannender Konzern, dessen Agent von Gardau eigentlich ist, seine Macht bedroht sieht. Für den Ritter beginnt damit eine abenteuerliche Odyssee, die ihn quer durch die bekannte Welt führen wird. Die Ereignisse könnten dabei weitreichende Folgen für die jetzige Zeit haben.

Kritik
"Die große Fälschung: Tuckstett" ist schwer einzuordnen: Ist es ein Ritter- oder Abenteuerroman, ein Schelmenroman, eine Alternativweltgeschichte, eine Reiseerzählung, ein utopischer Roman, Fantasy? Ein wenig von allem? Das Buch lässt mich diesbezüglich etwas ratlos zurück. Die Geschichte wird mit großer Freude am Fabulieren aus der Perspektive des Ritters von Gardau erzählt. Als Zeitform hat der Autor das Präsens gewählt, ein Stilmittel mit dem ich persönlich mich schwer tue, da ich Prosaerzählungen eindeutig im Präteritum bevorzuge. Dabei ist die Sprache eher modern, obwohl die Geschichte im frühen Mittelalter spielt. Sie ist gespickt mit gesellschaftskritischen Beobachtungen und Anspielungen auf unsere moderne Zeit, welche teils wie Versatzstücken aus der Moderne wirken, so dass man sich fragt, ob die Hauptfigur nicht ein Zeitreisender sein könnte. Nach dem ersten Band kann ich jedenfalls noch nicht sagen, wie sich der Roman insgesamt entwickeln wird. Es ist auf jeden Fall unterhaltsam.

Fazit
P.M. (die häufigsten Initialen in schweizer Telefonbüchern) ist das Pseudonym des schweizer Autors Hans Widmer, der vor allem durch seine 1983 erschienene anarchistische und antikapitalistische soziale Utopie "bolo’bolo" bekannt wurde. Man darf, glaube ich, erwarten, dass sich auch "Die große Fälschung" vergleichbare Wege einschlagen wird.

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Veröffentlicht am 04.11.2020

Terror im Odenwald

Lügenpfad
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Der Roman "Lügenpfad" von Brigitte Pons ist ein im Odenwald spielender Regionalkrimi und der fünfte Band um den Dorfpolizisten Frank Liebknecht.

Worum es geht
In der Nähe des Örtchens Vielbrunn im südhessischen ...

Der Roman "Lügenpfad" von Brigitte Pons ist ein im Odenwald spielender Regionalkrimi und der fünfte Band um den Dorfpolizisten Frank Liebknecht.

Worum es geht
In der Nähe des Örtchens Vielbrunn im südhessischen Odenwaldkreis gibt es einen ehemaligen amerikanischen Munitionsbunker, welcher bis zu seiner Aufgabe vor über 20 Jahren im Zentrum von Demonstrationen der Friedensbewegung stand. Als Dorfpolizist Frank Liebknecht mehr aus persönlicher Neugier als aus beruflichem Interesse Fragen zu den damaligen Vorgängen stellt, stößt er zufällig auf einen ungeklärten alten Fall und sticht damit ungewollt in ein Wespennest. Eine Frau wird vermisst, doch nicht jeder möchte, dass er an längst vergessenen geglaubten Wunden rührt. Ohne es zu wollen, bringt er durch seine Erkundigungen sogar seinen besten Freund Marcel in Lebensgefahr. Da es offiziell aber keinen Fall gibt, muss Liebknecht auf eigene Faust ermitteln und gerät dabei selbst in brenzliche Situationen und sogar unter Tatverdacht. Lange tappt er mit seinen Nachforschungen im Dunklen, bis sich eine mögliche Verbindung zur RAF herausstellt.

Kritik
Keine Frage, Frank Liebknecht ist ein sympathischer Ermittler, und "Lügenpfad" ist wie seine Vorgänger ein waschechter Regionalkrimi, bei dem der Odenwald mehr ist als reine Kulisse. Brigitte Pons liefer dem Leser eine gehörige Portion Lokalkolorit (einschließlich einiger im Dialekt geschriebener Dialoge, die dem Nicht-Hessen etwas Aufmerksamkeit abverlangen), ohne dass die Handlung nur noch für Einheimische verständlich wäre. Stammtischklüngel, der manchmal raue Umgangston, die allgegenwärtige Gerüchteküche, aber auch die starke Hilfsbereitschaft innerhalb der Dorfgemeinschaft wirken ebenso authentisch wie die Beschreibung der Lokalitäten.

In diesem von Traditionen geprägten Setting eines kleines Ortes im hessischen Odenwald ist die sich andeutende homoerotische Beziehung zwischen der Hauptfigur und ihrem besten Freund Marcel ein gelungener Plottwist, der im Rahmen der Serie zukünftig durchaus Konfliktpotential verspricht.

Die Hintergründe der Story sind gut recherchiert, nicht zuletzt in Bezug auf die geschilderten Ereignisse im Jahr 1983, auch wenn der Zusammenhang zwischen der Roten Armee-Fraktion und den neuen Roten Zellen eher wage ist. Leider entfaltet sich die Handlung nach einem interessanten Einstieg sehr gemächlich, so dass man nach einem Drittel des Buches noch keine rechte Vorstellung hat, in welche Richtung sich der Roman entwickeln wird; richtige Spannung kommt erst in der zweiten Hälfte auf. Dadurch ist "Lügenpfad" etwas langatmig, was in gewissem Maße auch der Behäbigkeit des Ermittlers geschuldet ist. Nur der flüssige, gut zu lesende Schreibstil der Autorin und die vielschichtige Erzählung lassen einen die rund 380 Seiten der Printausgabe (auf meinem E-Book-Reader waren es sogar deutlich mehr) durchhalten. Dem Spannungsbogen hätte es gut getan, wenn Brigitte Pons ihr Manuskript an ein paar Stellen gerafft und beispielsweise das eine oder andere Fettnäpfchen ausgelassen hätte, in die Frank Liebknecht im Verlauf tritt. Die nicht immer klar gekennzeichneten Zeitsprünge sind gelegentlich etwas verwirrend und führen dazu, dass man den roten Faden kurzfristig verlieren kann.

Am Ende bleiben einige Fragen offen, auch im Hinblick auf Frank Liebknechts Privatleben. Man darf erwarten, dass die Autorin diese losen Handlungsfäden im Folgeband aufnehmen wird.

Fazit
"Lügenpfad" ist ein echter Regionalkrimi, der leider ein paar Längen aufweist und daher nicht unbedingt neugierig auf die Reihe macht, was bedauerlich ist, da der Roman durchaus Potential hat. Ein typisches Buch, das man lesen kann, aber nicht muss.

  • Handlung
  • Charaktere
  • Erzählstil
  • Cover
  • Spannung