Fesselnde und vielschichtige Handlung
Aspergers SchülerDer Roman „Aspergers Schüler“ entfaltet eine beklemmende, aber ergreifende Atmosphäre. Er spielt auf verschiedenen Zeitebenen und spannt so den Bogen von der Zwischenkriegszeit bis in die 1980er Jahre. ...
Der Roman „Aspergers Schüler“ entfaltet eine beklemmende, aber ergreifende Atmosphäre. Er spielt auf verschiedenen Zeitebenen und spannt so den Bogen von der Zwischenkriegszeit bis in die 1980er Jahre. Durch diesen Aufbau wird Schritt für Schritt sichtbar, wie sehr wissenschaftlicher Ruhm und persönliche Schuld miteinander verknüpft sein können.
Im historischen Erzählstrang begleiten wir den hochbegabten, als „schwierig“ geltenden Jungen, der an die Wiener Kinderklinik kommt und dort auf Hans Asperger und engagiertes Pflegepersonal trifft. Sein Anderssein, seine Begabung und seine Verletzlichkeit machen sehr konkret erfahrbar, was es in dieser Zeit bedeutete, nicht in die Norm zu passen.
Parallel dazu folgt ein zweiter Strang einer jungen Forscherin (bzw. einer Figur der Gegenwart), die Jahrzehnte später zu Asperger und der Geschichte der Klinik recherchiert und dabei in Archiven, Akten und Krankenunterlagen immer tiefer in die Vergangenheit eintaucht. Aus ihren Funden entsteht für die Lesenden nach und nach ein bedrückendes Bild der Verstrickungen zwischen heilender Medizin und dem mörderischen System der NS „Euthanasie“.
Die Geschichte wird aus der Sicht verschiedener Figuren erzählt – des Kindes, von Menschen im Pflege und Ärztebereich sowie der späteren Forscherin –, was die Handlung besonders vielschichtig und emotional nachvollziehbar macht. Man erlebt sowohl die Versuche einzelner, Kinder zu schützen, als auch die stillschweigende Anpassung oder aktive Beteiligung an Selektion und Auslieferung an Tötungsanstalten.
Gerade im Spannungsfeld zwischen Anpassung und Widerstand zeigt der Roman, wie Grauzonen aussehen: Menschen, die sich als Helfende verstehen, aber zugleich Grenzen überschreiten oder wegschauen, wenn das System es verlangt. Dadurch wird die Figur Asperger nicht als eindimensionale „Monsterfigur“, sondern als moralisch höchst ambivalent gezeichnet, was die Lektüre umso verstörender macht.
Am Ende bleibt der Eindruck, dass sich der Name Asperger nach dieser Lektüre kaum mehr unbefangen verwenden lässt, weil hinter dem Begriff eine konkrete Geschichte von Leid, Aussonderung und Tötung von Kindern sichtbar wird. Die beklemmende und zugleich ergreifende Erzählweise macht den Roman zu einer emotional fordernden, aber wichtigen Lektüre für alle, die sich mit Medizin und NS Geschichte, Autismus und moralischer Verantwortung auseinandersetzen wollen.
Mich hat dieser Roman wie kaum ein anderes Buch in seinen Bann gezogen und mich zum Nachdenken und zur Weiterbeschäftigung mit der Thematik angeregt.