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Veröffentlicht am 25.05.2021

Sogartige Wirkung

Die Leuchtturmwärter
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Wir schreiben das Jahr 1972. Drei Männer übernehmen die Wache auf dem sich im Meer befindenden Leuchtturm MAIDEN ROCK. Als ihre Ablösung kommt, sind sie plötzlich wie vom Erdboden verschwunden und lassen ...

Wir schreiben das Jahr 1972. Drei Männer übernehmen die Wache auf dem sich im Meer befindenden Leuchtturm MAIDEN ROCK. Als ihre Ablösung kommt, sind sie plötzlich wie vom Erdboden verschwunden und lassen insbesondere ihre Familien in Ungewissheit zurück. Niemand versteht, was vorgefallen ist.

Der Autor Dan Sharp beschließt 20 Jahre später, das Thema für seinen neuen Roman aufzugreifen, und löst damit eine Kettenreaktion an Ereignissen aus.

Emma Stonex webt gekonnt eine Geschichte, die geheimnisvoll und rätselhaft den Leser immer tiefer in die Abgründe der Wahrheit hineinzerrt. Zwischen den dramatischen Monologen und gut konstruierten Schlüsselszenen werden immer wieder Fragen aufgeworfen, die dazu animieren, weiterzulesen und mitzufiebern. Somit wird die Spannung stets hoch gehalten.

Jeder der Protagonisten kommt ausreichend zu Wort und man erfährt über ihre Ängste, ihre Beziehungen zu ihren Frauen und wie das Leben auf engsten Raum abläuft. Parallel dazu erzählen die Ehefrauen, wie sie 20 Jahre danach über die vergangenen Erlebnisse denken. Es kommt eine sehr beklemmende und unheimliche Atmosphäre auf, denn irgendwas scheint nach wie vor nicht zu stimmen. Und während der Leser mit Themen wie Einsamkeit, Schuld und Wahnsinn konfrontiert wird, leitet die Autorin ihn vorsichtig durch den verwirrenden Plot, damit er nicht den Anschluss verpasst. Dabei lässt sie genug Raum für eigene Spekulationen und ermöglicht es, dem Rätselfreund ein paar logische Spielereien durchzuführen.

Interessant an der Story ist, dass sie auf wahren Begebenheiten beruht: Im jahr 1900 verschwanden drei Wärter spurlos von einem abgelegenen Leuchtturm auf der Insel Eilean Mòr in den Äußeren Hebriden.

Persönliches Fazit: Ein ruhiger Roman mit unterschwelliger Spannung, dessen sogartige Wirkung sich erst nach und nach entfaltet, einen dann aber nicht mehr loslässt.

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Veröffentlicht am 23.05.2021

Gelungener Kriminalroman

Tod in Weißen Nächten
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Ich lese Prologe sehr selten bzw. überfliege ich sie häufig nur. Denn für mich sind sie meistens nicht sinnig und verwirren mich nur noch mehr. Teilweise weiß ich auch nicht, wieso es jetzt unbedingt dieser ...

Ich lese Prologe sehr selten bzw. überfliege ich sie häufig nur. Denn für mich sind sie meistens nicht sinnig und verwirren mich nur noch mehr. Teilweise weiß ich auch nicht, wieso es jetzt unbedingt dieser Prolog sein musste. Doch hier wurde ich tatsächlich überrascht. Der erste Prolog, der mich endlich mal wieder überzeugen konnte. Er ist wichtig für die Hauptgeschichte, welche sich um den Prolog herum aufbaut. Das fand ich persönlich sehr gut gemacht.

Der Schreibstil konnte mich direkt fesseln. Kurze Sätze und ein toller Spannungsaufbau waren vorhanden. Verwirrend jedoch fand ich die ganzen russischen Begriffe. Hier hätte ich mir gern mehr Erklärungen gewünscht. Auch die Namen waren ein wenig schwer und gewöhnungsbedürftig. Ein Glossar wäre toll gewesen, vielleicht auch ein kleines Wörterbuch, damit man die Namen richtig aussprechen kann.

Die Hauptcharaktere in dem Buch fand ich sehr sympathisch, besonders unseren „Hauptmann“ Natalja. Sie ist eine der wenigen Polizistinnen, die weder korrupt noch bestechlich sind. Sie folgt ihrem Job mit Leidenschaft und hat es häufig in der Männer dominierenden Welt nicht leicht. Dennoch kämpft sie sich durch und hat schon zu dem ein oder anderen Trick gegriffen, um aufzusteigen. Sie hat sich den Respekt ihrer männlichen Kollegen erkämpft.

Russland ist nicht wie Deutschland: andere Regeln, andere Sitten. Dem sollte man sich bewusst sein, bevor man das Buch liest, denn hier wird das wahre Russland gezeigt. Allgemein fand ich es schwer, die russische Polizeihierarchie zu durchblicken. Es gab einige Beschreibungen, die ich selbst nachschauen musste. Es wird leider sehr wenig erklärt. Dennoch tut es der Spannung keinen Abbruch. Ich habe häufig mitgerätselt, dachte, ich sei auf die Lösung gekommen, und wurde dann wieder überrascht, da es sich doch in eine andere Richtung entwickelte. Bis zum Ende habe ich im Dunkeln getappt.

Persönliches Fazit: Ich hatte etwas anderes erwartet, mehr einen Politthriller als Kriminalroman. Bekommen habe ich eine starke Protagonistin, einen genialen Spannungsaufbau und einen super Schreibstil. Ich empfehle dieses Buch gern für alle Krimi- und Thriller-Fans. Hilfreich ist es, wenn man ein wenig russisch beherrscht oder vielleicht schon einmal in Russland war.

PS: Jetzt würde ich gerne einmal persönlich Sankt Petersburg besuchen.

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Veröffentlicht am 22.05.2021

Gelungene Adaption!

1984 (Graphic Novel)
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George Orwells 1948 erschienener Roman »1984« schildert als Dystopie die düstere Vision eines totalitären Überwachungs- und Präventionsstaates. Ort der Handlung ist London, die wichtigste Stadt von Landefeld ...

George Orwells 1948 erschienener Roman »1984« schildert als Dystopie die düstere Vision eines totalitären Überwachungs- und Präventionsstaates. Ort der Handlung ist London, die wichtigste Stadt von Landefeld Eins, dem früheren England, das jetzt ein Teil von Ozeanien ist. Eine beängstigende Welt, die von Paranoia dominiert wird. Dort begegnen wir dem Angestellten Winston Smith, der der äußeren Partei angehört und für das Ministerium für Wahrheit arbeitet. Seine Aufgabe ist es, Nachrichten und Informationen rückwirkend so zu verändern, wie es sein Arbeitgeber verlangt. So schreibt er beispielsweise ältere Zeitungsartikel um, damit sie der Gegenwart bzw. der vorgegebenen Wahrheit angepasst werden. Das, was die Partei gegenwärtig sagt, muss sie de facto auch schon in der Vergangenheit gesagt haben.

Doch Winston ist nicht wie andere, nicht wie die Parteiführer und erst recht nicht wie jene, die sich diesem totalitären System nur allzu gern beugen. Er will etwas dagegen unternehmen. Rebellieren. Doch jeder Schritt, jeder Gedanke und jede Gesichtsregung wird von »Big Brother« mittels Telebildschirmen überwacht. Sogar in ihren Wohnungen sind die Menschen nicht allein. Und so muss Winston sich vorerst bedeckt halten, darf zumindest äußerlich nicht auffallen, während in seinem Inneren ein größer werdendes Feuer lodert. Mich haben seine Willenskraft und insbesondere die rebellischen Züge auf eine Weise beeindruckt, die ich kaum in Worte fassen kann. Mir war bisher nur als Zuschauerin von einer RTL Show bekannt, was hinter der Aussage »Big Brother is watching you« steckt, aber versetze ich mich in Winstons Lage, finde ich diese allumfassende Kontrolle und Überwachung überhaupt nicht mehr spannend und unterhaltsam. Ganz im Gegenteil. Sie ist erschreckend, einnehmend und absolut nicht mit den Grundrechten, wie wir sie heute kennen, vertretbar. Der springende Punkt allerdings ist, dass uns niemand garantieren kann, wie unsere Zukunft aussehen wird. Keiner kann voraussagen, dass es diese Grundrechte auch in 30 Jahren noch geben wird. Oder in 300. Dass wir nicht eines Tages in einem System feststecken, das uns jede Form von Privatsphäre und Meinungsbildung untersagt.

Das Buch ist in drei Kapitel eingeteilt, von denen mir das letzte am besten gefiel. In diesem geht es u.a. darum, wie viel Einfluss etwas oder jemand auf einen haben kann, wenn Zeit keine Rolle mehr spielt. Wenn man oft genug hört, man soll etwas glauben, dann glaubt man es irgendwann. Mich hat das sehr berührt und nachdenklich gestimmt. Wer die Geschichte bereits kennt, wird wissen, warum mir folgende Gleichung daher nicht mehr aus dem Kopf geht: 2 + 2 = 5.

»Freiheit bedeutet die Freiheit, zu sagen, dass zwei und zwei vier ist.«

Die Graphic Novel vom Splitter Verlag greift die ursprüngliche Storyline auf und verpasst ihr einen düsteren Touch, der passend gewählt wurde. Ob man bei den Illustrationen bewusst auf eine minimalistische Form- und Farbgebung gesetzt hat, vermag ich nicht zu beurteilen. Für mich wirkte es allerdings so, als hätte man das Wesentliche fokussieren und widerspiegeln wollen. Und das hat meiner Meinung nach hervorragend funktioniert.

Persönliches Fazit: Mit »1984« schuf Orwell einen zeitlosen Klassiker und eines der einflussreichsten, meistgelesenen Bücher des 20. Jahrhunderts. Die Graphic Novel aus dem Splitter Verlag hat Literatur und Kunst auf großartige Weise miteinander verbunden.

»Wenn Sie ein Bild von der Zukunft haben wollen, so stellen Sie sich einen Stiefel vor, der auf ein Gesicht tritt. Unaufhörlich.« George Orwell

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Veröffentlicht am 20.05.2021

Wie viel Sex darf in einem Thriller sein?

Das Herz des Serienmörders
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Die Geschichte handelt vom Auftragskiller "Boise", welcher auch privat ganz gerne mordet, und einer Spezialeinheit, die ebenfalls im Auftrag tötet. Dieses Team - bestehend aus Noir, William, Ellis, Cooper, ...

Die Geschichte handelt vom Auftragskiller "Boise", welcher auch privat ganz gerne mordet, und einer Spezialeinheit, die ebenfalls im Auftrag tötet. Dieses Team - bestehend aus Noir, William, Ellis, Cooper, Tajo und Matthew - agiert verdeckt und funktioniert wie ein Uhrwerk. Jeder dieser Agenten hat seine Funktion und ist unschlagbar in dem, was er oder sie tut. Doch plötzlich ist Boise tot. Offenbar wurde er ermordet, denn er befand sich im Besitz brisanter Informationen, die es jetzt zu finden gilt. Die Suche nach seinem Mörder und eben jener Daten scheucht das Team durch ganz Amerika und kommt einer Schnitzeljagd gleich.

Die Charaktere sind, bis auf wenige Ausnahmen, zu detailliert dargestellt. Man erfährt einiges Unwichtiges aus ihrem Leben außerhalb der Agency und der Story und verfolgt das eigentliche Geschehen von Nebensträngen aus.

Das Hauptthema des Buches ist im Kern gut erarbeitet, doch leider hatte ich ständig das Gefühl, es sei nicht ausgereift genug. Um dies zu überbrücken scheint die Autorin eine Affäre zwischen zwei Agenten konstruiert zu haben, auf die für meinen Geschmack zu sehr eingegangen wurde. So entstanden einige Kapitel, die sich bis ins kleinste Detail mit dem Liebesakt der beiden beschäftigen. Als sei dies nicht schon genug Sex, lesen wir dann auch noch über das heimliche Verlangen eines Kollegen und seinen erotischen Fantasien. Ich habe absolut nichts gegen ein wenig Romanik oder Erotik in einem Thriller wenn es der Story dienlich ist und sie auflockert, aber hier war es eindeutig zu viel. Weniger hätte genügt, um die Konsequenz, welche sich aus dieser Affäre ergibt, glaubhaft einarbeiten zu können.

Die Kapitelansagen werden durch Orts- und Zeitangaben ergänzt. Der Schreibstil ist lässig - und trotzdem hat mich das Ganze nicht abholen können. Was vielleicht auch daran gelegen haben könnte, dass echt häufig einfach Worte im Satz gefehlt haben oder sogar doppelt vorkamen. Das irritiert mich als Leser, und mir war kein flüssiges Lesen möglich.

Persönliches Fazit: Es ist mir wirklich nicht leicht gefallen, eine Rezension zu schreiben, die nicht allzu vernichtend ist. Auch tat ich mich schwer damit, das Buch zu Ende zu lesen. Was ich echt schade finde, denn die Story hat Potenzial. Wer gerne viel Erotik in diesem Genre mag, der kommt hier definitiv auf seine Kosten.

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Veröffentlicht am 18.05.2021

Wahnsinnig berührend

Die Telefonzelle am Ende der Welt
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Eines Tages erfährt Radiomoderatorin Yui von einem Zuhörer, dass es eine ganz besondere Telefonzelle am Hang des Kujirayama in Ôtsuchi, an der Küste Nordostjapans, gibt. Seit dem Tsunami im März 2011, ...

Eines Tages erfährt Radiomoderatorin Yui von einem Zuhörer, dass es eine ganz besondere Telefonzelle am Hang des Kujirayama in Ôtsuchi, an der Küste Nordostjapans, gibt. Seit dem Tsunami im März 2011, durch den auch Yui selbst schwere Verluste erlitt, reisen viele Trauernde hin, um den Stimmen der Vergangenheit zu lauschen. Und genau in diesem Moment, während ich verzweifelt überlege, welche Worte dem gerecht werden, was ich gelesen habe, kommen mir Tränen.

Yui ist mir sofort ans Herz gewachsen. Was ihr widerfahren ist, wünsche ich wirklich niemandem. Ihre tragische Geschichte hat mich so manche Emotion durchleben lassen, sodass Yui mir nach alldem wie eine gute Freundin vorkommt. Eine, die ich beschützen möchte und der ich alles erdenklich Gute dieser Welt wünsche. Denn das hat sie verdient.

Auch die andere Figur in diesem wundervollen Roman konnte sich in mein Herz schleichen: Takeshi. Ein Arzt, den Yui in Bell Gardia kennenlernt. Dem magischen Ort, der die Telefonzelle beherbergt. Dort treffen sie aufeinander und finden den Halt, den sie so lange und dringend gesucht haben.

Die Autorin hat einen wahnsinnig bildgewaltigen, fesselnden Stil, dass man ihren Worten nicht entkommt. Man wird sogartig hinfortgetrieben, von Welle zu Welle gespült, in die Unendlichkeit der Tiefe gezerrt und zurück an die Oberfläche geschubst, wo warme Sonnenstrahlen tröstend auf einen warten. Manchmal jedoch verliert sie sich in ihren Erzählungen und Beschreibungen, sodass diese besondere Anziehungskraft etwas nachlässt.

Und immer wieder habe ich mich gefragt, was ich tun würde, wenn solch ein Ort für mich erreichbar wäre. Würde ich mit jenen sprechen wollen, die mich verlassen mussten? Wäre ein "Ich vermisse dich" zu wenig der Worte? Und wie würde ich damit klarkommen, wenn ich aufgrund vieler anderer Trauernden nicht dazu käme, den Stimmen der Vergangenheit zu lauschen?

Persönliches Fazit: Selten habe ich so viel nach Beenden eines Buches über dieses nachgedacht wie es hier der Fall war. Es hat mich enorm berührt, mir Licht gegeben, wo Dunkelheit war, mich träumen und wünschen lassen und wird mich womöglich nie mehr loslassen. Eine poetische Geschichte über einen magischen Ort, den es tatsächlich gibt. Bitte lesen!

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