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Veröffentlicht am 28.08.2020

Starkes Gedankenexperiment

Der Faschist
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Ich habe bereits zwei Romane von Nikodem Skrobisz gelesen und etwas darüber geschrieben, die allerdings unter seinem Pseudonym Leveret Pale veröffentlicht worden sind. Beide hatten mich begeistert. Da ...

Ich habe bereits zwei Romane von Nikodem Skrobisz gelesen und etwas darüber geschrieben, die allerdings unter seinem Pseudonym Leveret Pale veröffentlicht worden sind. Beide hatten mich begeistert. Da war es klar, dass ich auch sein neuestes Werk "Der Faschist" lesen musste.

Der Roman beschreibt den Weg des im Romantitel genannten Faschisten - aus der Sicht eben dieses Faschisten. Vorangestellt ist dem Roman aber zunächst einmal eine Triggerwarnung, was ich persönlich sehr gut finde. Denn - ja -, das N-Wort wird einmal benutzt und auch Ausdrücke wie "linke Zecken" etc. haben ihren Weg in den Roman gefunden. Auch wenn ich die Verwendung des N-Wortes normalerweise nicht gut heiße, so ergibt die Verwendung in diesem Roman (es wird erfreulicherweise nicht ausufernd verwendet, sondern - wenn ich mich richtig entsinne - "nur" einmal) Sinn. Wie gesagt, es wurde aus Sicht eines Faschisten geschrieben. Ich war und bin aber erfreut, dass Skrobisz das nicht nutzte, um nun ausufernd rassistische Begriffe zu verwenden.

Was Skrobisz wirklich toll herausgearbeitet hat, ist die Verführungskraft, die eine Ideologie wie der Faschismus ausüben kann. Richtig verpackt bietet der Faschismus einfache Antworten auf komplexe Fragen. In einer Welt, die für manche Menschen immer schwieriger zu verstehen ist, kann der Faschismus eine (aus meiner Sicht perverse) Antwort sein.

"Tatsächlich bin ich überzeugt, dass das alles erst durch eine Reihe meiner Entscheidungen möglich wurde. Und diese nahmen zweifelsohne ihren Anfang mit meinem persönlichen Abfall von der Menschlichkeit an einem Samstagabend vor rund zehn Jahren."

Dies schreibt "Der Faschist" Nikolas Schaber bereits auf der ersten Seite. Und meiner Meinung nach trifft das den Kern. Wer sich für den Faschismus entscheidet, entscheidet sich gegen die Menschlichkeit - wie auch immer man Menschlichkeit definiert. Vor allem aber ist es eine ENTSCHEIDUNG, Faschist zu sein.

Wie dem auch sei: Nikolas Schabers Weg zum Faschisten ist faszinierend zu lesen. Skrobisz/Pale hat das Talent, komplexe Themen so in seine Romane einzuarbeiten, dass die Leser:innen zwar durchaus etwas dazulernen können, aber nie das Gefühl haben, belehrt zu werden. In diesem Fall lernen wir mit Nikolas Schaber die Grundlagen des Faschismus - allerdings in der verführerischen Fassung. Das war für mich sehr schwierig und ist innerhalb des Romans eine spürbare Gratwanderung: Da aus der Sicht von Nikolas Schaber geschrieben wird, wird der Faschismus über weite Strecken entsprechend unreflektiert und verführerisch dargestellt.

Ich für meinen Teil habe während des Lesens immer wieder in Gedanken Gegenargumente angeführt, wollte Schaber und Konsorten am liebsten meinen Abscheu entgegen schleudern... Mein Weltbild ist allerdings einigermaßen gefestigt - was meine Abneigung gegen Rechts außen/Faschismus betrifft, nicht nur einigermaßen, um ehrlich zu sein.

"Der Faschist" stellt eine Gratwanderung dar. Dass dies auch Skrobisz bewusst ist, macht sich bereits an seiner Distanzierung innerhalb der vorangestellten Trigger-Warnung bemerkbar. Aber auch kleine Spitzen innerhalb des Romans zeigen immer wieder auch die Unmenschlichkeit des Faschismus auf. Und das Finale ist ohnehin grandios.

Wie dem auch sei: Mit "Der Faschist" ist Nikodem Skrobisz ein tolles, vielschichtiges Gedankenexperiment gelungen, das aktuelle Ereignisse und Entwicklungen aufgreift, verdichtet und zu einem spannenden Roman verknüpft.

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Veröffentlicht am 29.03.2020

Explosive Spannungen in Leipzig

Heißes Pflaster
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Mit „Eisige Tage“ hat Alex Pohl Ende 2018, Anfang 2019 sein Debüt bei einem großen Verlag gegeben. Mich hatte es überzeugt. Nun ist der zweite Fall für das Leipziger Ermittler-Duo Hanna Seiler und Milo ...

Mit „Eisige Tage“ hat Alex Pohl Ende 2018, Anfang 2019 sein Debüt bei einem großen Verlag gegeben. Mich hatte es überzeugt. Nun ist der zweite Fall für das Leipziger Ermittler-Duo Hanna Seiler und Milo Novic veröffentlicht worden. Für mich war die dringende Frage, ob Alex Pohl das Niveau halten kann oder ob der zweite Fall ein Reinfall würde.

Um es kurz zu machen: „Heißes Pflaster“ hat – wie sein Vorgänger – seine Schwächen, aber insgesamt hat mich auch dieser Kriminalroman bestens unterhalten!

Auch hier präsentiert Pohl das Geschehen unaufgeregt und mit sehr angenehmem Tempo. Nennenswerte Längen gibt es nicht und wäre mein Sohn nicht wegen COVID-19 und der Schließung der Kitas ganztägig zu Hause, hätte ich das Buch binnen kürzester Zeit verschlungen. Ja, so gut ist es.

Wieder einmal vermengt Pohl Realität und Fiktion zu einer spannenden und unterhaltsamen Melange: diesmal treffen Linke und Rechte aufeinander und das ergibt – im wahrsten Sinne des Wortes – eine explosive Mischung.

Vor allem aber präsentiert Alex Pohl mit Hanna Seiler und Milo Novic ein tolles Team, mit dem die LeserInnen mitfiebern und miträtseln, weil sie vielschichtige und dabei sympathische Charaktere sind. Aber auch die weiteren Personen, die im Roman auftauchen, sind allesamt interessant. Sie sind so verschieden wie es auch im echten Leben der Fall ist, nicht immer einfach nur „gut“ oder „böse“, auch wie im echten Leben.

Wenn es etwas gibt, was mich an „Heißes Pflaster“ stört, dann sind es eher Kleinigkeiten. Ein innerer Dialog eines im Buch auftauchenden „Rechten“ ist mir persönlich zu infantil-aufdringlich geraten. Es gibt einzelne Szenen, die anscheinend nur geschrieben wurden, damit die LeserInnen lose Enden verbinden können – etwas, was er beim ersten Fall noch weitestgehend vermieden hatte. Trotzdem ist das Gesamtbild insgesamt ein toller Kriminalroman.

Was ich Pohl auch diesmal wieder hoch anrechne: Auch diesmal lässt er wieder lose Enden zu. Vor allem aber endet zwar zweite Fall mit Verhaftungen, aber es gibt einen gut platzierten Cliffhanger, der darauf hoffen lässt, dass im nächsten Fall einige Nebenstränge aus „Heißes Pflaster“ weiter verfolgt werden werden. Insofern gilt nach der Lektüre von „Heißes Pflaster“ das Gleiche wie nach „Eisige Tage“: Wann folgt der nächste Fall für Seiler und Novic?

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Veröffentlicht am 02.03.2020

Die Maus hilft aus - und liefert Stoff für ein schönes Kinderbuch

Ei, Ei, Ei! Die Maus hilft aus
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Ich bin immer wieder auf der Suche nach schönen Kinderbüchern für meinen Sohn. „Ei, Ei, Ei! Die Maus hilft aus“ entstand in Zusammenarbeit mit dem Naturhistorischen Museum Bern zur Eröffnung der Dauerausstellung ...

Ich bin immer wieder auf der Suche nach schönen Kinderbüchern für meinen Sohn. „Ei, Ei, Ei! Die Maus hilft aus“ entstand in Zusammenarbeit mit dem Naturhistorischen Museum Bern zur Eröffnung der Dauerausstellung „Picas Nest“. Lorenz Pauli zeichnet sich für den Text verantwortlich, Kathrin Schärer hat die Bilder gemalt. Das Buch wird für Kinder im Alter von 4 bis 6 Jahren empfohlen.

Und so ist es dann auch: Meinem Sohn, 5 Jahre alt, gefällt das Buch sehr gut. Allabendlich muss ich es ihm nun vorlesen. Und das ist auch kein Wunder, denn der Text ist gut geschrieben und die Bilder sind wunderschön.

Die Geschichte ist schnell geschrieben. Die Maus liegt faul im Gras, als sie von der Amsel in den Schwanz gebissen wird. Die Amsel entschuldigt sich. Der Biss war ein versehen, weil sie den Schwanz der Maus für einen Wurm gehalten hat. Sie ist in Eile, weil sie ihre Eier nicht lange allein lassen kann, und hat deshalb nicht so genau hingeschaut. Die Maus ist eine sehr nette Maus und bietet daher an, sich auf die Eier zu legen, während die Amsel in aller Ruhe nach Futter sucht. Gesagt, getan. Allerdings bleibt es nicht lange nur bei den Amsel-Eiern…

Die Geschichte ist wirklich niedlich. Es tauchen verschiedene Vögel und sogar Eichhörnchen auf, die allesamt die Hilfe der Maus in Anspruch nehmen. So ist die Maus irgendwann gar nicht mehr faul, sondern vielmehr außerordentlich hilfsbereit und fleißig.

Die Sprache ist einerseits kindgerecht, andererseits aber nicht kindisch. Die Bilder sind wunderschön, wie man dank des Buchdeckels schon gut erkennen kann. Sowohl mein Sohn als auch ich genießen die Geschichte sehr, die lang genug ist, um meinen Sohn zu beschäftigen und kurz genug, um auch noch vorgelesen zu werden, wenn Mutter oder Vater abends müde sind.

Nur das sehr abrupte Ende stört uns ein bisschen, aber ansonsten ist das Buch eine runde Sache.

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Veröffentlicht am 29.02.2020

Spannender Roman über ein Schicksal in Stalin-Russland (und danach)

Rote Kreuze
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Stalin-Russland war kein Spaß, das wissen wir alle. Was die Diktatur aber mit den Menschen angerichtet hat, welches Leid es verursacht hat, das erzählt Sasha Filipenko beispielhaft und – insbesondere für ...

Stalin-Russland war kein Spaß, das wissen wir alle. Was die Diktatur aber mit den Menschen angerichtet hat, welches Leid es verursacht hat, das erzählt Sasha Filipenko beispielhaft und – insbesondere für russische Verhältnisse – sehr rasant in seinem Roman „Rote Kreuze“, der gerade in die deutsche Sprache übersetzt im Diogenes-Verlag erschienen ist.

Erzählt wird die Geschichte von Tatjana Alexejewna, die sich ihrem neuen Nachbarn, dem jungen Alexander anvertraut. Tatjana ist 90 Jahre alt und hat Alzheimer „Weil Gott Angst hat vor mir.“ Warum Gott vor ihr Angst hat? Das werden wir im Lauf der Geschichte noch erfahren – wie so vieles anderes, was sie am Anfang des Buches Alexander gegenüber andeutet.

Anfangs wurde ich etwas überrumpelt. Bei russischer Literatur erwarte ich einen eher gemächlichen Einstieg und einen eher langsamen Erzählfluss. Sasha Filipenko dagegen kommt umgehend zur Sache – und legt bis zum Ende seines Romans ein ausgesprochen rasantes Tempo hin. Kein Wunder also, dass er es schafft, Stalin-Russland und die Umbrüche danach, in einem Roman von gerade einmal 288 Seiten unterzubringen – und das auch noch, ohne den LeserInnen allzu große Lücken zuzumuten.

Im Gegenteil: Natürlich versammelt sich in Tatjanas Lebensgeschichte außerordentlich viel Leid. Und doch ist es realistisch genug erzählt, um die LeserInnen zu packen, sie mitleiden zu lassen – obwohl Tatjana gar nicht Mitleid heischend erzählt -, ihnen das Unfassbare näher zu bringen. Vor allem aber schafft es Filipenko, die Grausamkeit des Regimes herauszuarbeiten und gleichzeitig aufzuzeigen, was das Wissen um die Grausamkeit bei der Bevölkerung bewirkte.

Mir gefiel Filipenkos Roman sehr. Ich mochte das Tempo – ich habe das Buch binnen eines Nachmittages gelesen -, das Thema und Tatjana, die ihr Leben auf eine Weise meisterte, die für mich nachvollziehbar erzählt wurde. Tatjana ist eine dieser Figuren, wie es sie wohl nur in Romanen geben kann, die aber gleichzeitig eine ganz reale Faszination auf mich ausüben und eine gewisse Vorbildfunktion übernehmen können.

„Rote Kreuze“ basiert auf ganz realen Ereignissen und insbesondere einige Dokumente, die im Roman zitiert wurden, sind so unfassbar, dass ich anfangs dachte, sie seien vom Autor erdacht worden. Leider ist dem aber nicht so. Die im Roman zitierten Dokumente existieren tatsächlich. Es ist schrecklich! Umso schöner, dass Filipenko es schaffte, sie so in seinen Roman zu integrieren, dass sie ihre Wirkung voll entfalten können, ohne das Filipenko den Moralapostel spielt oder permanent mit erhobenem Zeigefinger erzählt.

„Rote Kreuze“ hat mich mitgerissen, ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen, als ich erst einmal mit der Lektüre begonnen hatte. Keine einzige Stelle, kein einziger Abschnitt ist zäh, die Geschichte spannend, der Schreibstil knapp und doch bildhaft schön.

Das einzige, was mich persönlich ein bisschen gestört hat, ist die mir viel zu schnell entstehende Beziehung zwischen Sascha und Lera, einer weiteren Nachbarin (in Sashas Alter). Da war mir Filipenko dann doch ein bisschen zu rasant. Und auch Sashas Geschichte – so tragisch sie auch sein mag – war mir ein bisschen zu viel des Guten.

Trotzdem: Am Ende bleibt ein fesselnder Roman über die dunkelste Zeit russischer Geschichte, den es sich zu lesen lohnt. Kaufen und lesen!

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Veröffentlicht am 21.09.2019

Anders und besser als erwartet

London Killing
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Dies wird nur eine kurze Rezension werden. Ich hatte aufgrund der Inhaltsangabe ehrlich gesagt etwas völlig anderes erwartet: mehr Humor vor allem. Deshalb war ich anfangs überrascht, einen bierernsten ...

Dies wird nur eine kurze Rezension werden. Ich hatte aufgrund der Inhaltsangabe ehrlich gesagt etwas völlig anderes erwartet: mehr Humor vor allem. Deshalb war ich anfangs überrascht, einen bierernsten Kriminalroman zu lesen. Was das Tempo des Thrillers betrifft, empfinde ich "London Killing" ehrlich gesagt eher als Krimi und weniger als Thriller, obwohl es gerade zum Ende hin sicher einige Thriller-Elemente gibt.

Mir hat "London Killing" letztendlich sehr gefallen. Der Roman ist super geschrieben und hat mich oft an die Romane der so genannten "Schwarzen Serie" erinnert. Londons Finanzdistrikt ist ein Moloch und alle haben Dreck am Stecken - selbst unser Protagonist. Das hat mir sehr gefallen, zumal die Charakterisierung der im Roman auftauchenden Personen passend ist.

Gut gefallen hat mir auch, dass die Leser*innen nicht für dumm verkauft werden und dass sich Harris Mühe mit dem Aufbau des Romans gegeben hat. Die Auflösung am Ende ergibt Sinn und auch, dass Belsey nicht plötzlich eine 180-Grad-Wende hinsichtlich seines Charakters hinlegt, hat mir zugesagt. Am Ende musste ich grinsen.

"London Killing" macht es sicher nicht allen recht: Dazu ist der Roman teilweise zu sperrig und schlicht zu unspektakulär und für viele wegen der Art des Verbrechens auch nicht so einfach nachvollziehbar wie ein simpler Mord aus Leidenschaft. Mir hat das Konstrukt aber sehr zugesagt und ich empfand die Hintergründe des Verbrechens als eine sehr angenehme Abwechslung zum sonstigen Serienmörder-Einerlei, das sonst geboten wird.