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Veröffentlicht am 24.02.2026

Messerscharfe Parabel in einzigartiger Form

Die Elefanten
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Alexander ist Schriftsteller und lebt in einer großen Villa. Seine Frau Sofija himmelt ihn an, lobt jede seiner Ideen. Die erwachsene Tochter, eine erfolglose Schauspielerin, wohnt in einer eigenen Villa ...

Alexander ist Schriftsteller und lebt in einer großen Villa. Seine Frau Sofija himmelt ihn an, lobt jede seiner Ideen. Die erwachsene Tochter, eine erfolglose Schauspielerin, wohnt in einer eigenen Villa nebenan, kommt aber jeden Morgen zum gemeinsamen Frühstück und löst Kreuzworträtsel. Eines Morgens steht plötzlich ein Elefant im Zimmer. Und bei den Nachbarn auch. In der ganzen Stadt tauchen sie plötzlich wie aus dem Nichts auf. Doch die Menschen leben einfach weiter und ignorieren die Tiere. Manchen ist etwas unwohl dabei, aber sie arrangieren sich damit, füttern die Elefanten und räumen ihre Hinterlassenschaften weg. Der Staat gibt Anweisung, wie sich die Menschen zu verhalten haben, manipuliert sie. Niemand widersetzt sich, bis auf den Stand-Up-Comedian Pawel, dessen große Liebe Anna ist. Pawel ruft bei seinen Vorstellungen dazu auf, die Elefanten aus der Stadt zu vertreiben, und zieht damit den Unmut des Staates auf sich.

Der Elefant im Raum, den niemand sehen will – offensichtlicher könnte Sasha Filipenkos Metapher kaum sein. Der belarussische Schriftsteller, der im Schweizer Exil lebt, hat mit „Die Elefanten“ eine großartige Parabel auf autokratische Systeme geschrieben, die zu zivilem Ungehorsam aufruft und die große Masse kritisiert, die ihre Augen vor dem Offensichtlichen verschließt und ihr Leben möglichst unbehelligt weiterlebt. Natürlich hat man beim Lesen sofort Russland und den Krieg gegen die Ukraine im Sinn, die Geschichte passt als Warnung jedoch ebenso gut auf die USA unter Donald Trump oder die deutsche Gesellschaft, die zusieht, wie rechte Kräfte wieder an Einfluss gewinnen.

Pawel, der Stand-Up-Comedian, leistet auf der Bühne Widerstand, nennt die Dinge als einiziger beim Namen – hier musste ich sofort an die amerikanische Late-Night-Szene mit Jimmy Kimmel, Jimmy Fallon und Stephen Colbert denken. Hier hat Trump ja bereits Versuche unternommen, diese absetzen zu lassen, bei Colbert vermutlich mit Erfolg. Pawel ist der tragische Held des Romans, dessen Schicksal mich stellenweise an Orwells „1984“ erinnert hat.

Was Filipenkos Roman so einzigartig macht, ist die ungewöhnliche Form: Alexander ist gleichzeitig Autor sowie Figur der Geschichte, die stark mit Metafiktion und Selbstreferenzialität spielt. Der Text wird immer wieder unterbrochen durch Social-Media-Beiträge von Usern aus Literaturforen zu eben diesem Buch, sowie durch interne Dienstanweisungen aus dem Innenministerium. Darüber hinaus sind einzelne Schlüsselworte im Text durch Umschreibungen ersetzt, die am Schluss ein vollständiges Kreuzworträtsel bilden. Je weiter man liest, desto stärker wird klar, wie all diese Formelemente miteinander in Zusammenhang stehen, und es ergibt sich ein geradezu absurdes, groteskes Gesamtbild, das gespickt ist mit scharfzüngigem, hintergründigem Humor und beißender Gesellschaftskritik.

Trotz der komplexen Konstruktion ist der Roman erstaunlich gut zu lesen. Wie schon „Der Schatten einer offenen Tür“ hat mich auch „Die Elefanten“ vollends begeistert, und ich werde das Buch in einigen Tagen sicher noch einmal lesen, da ich den Eindruck habe, dass es noch einige Details und Anspielungen zu entdecken gibt, die sich erst auf den zweiten Blick offenbaren.

Ich empfehle „Die Elefanten“ allen, die bereit sind, sich auf einen anspruchsvollen Roman mit komplexer Form einzulassen.

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Veröffentlicht am 24.02.2026

kurzweiliger Krimi für zwischendurch

Heaven's Gate
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Caruso ist ein etwas abgehalfterter Ex-Profisurfer, der nach einem persönlichen Trauma die Zeit auf der philippinischen Insel Surogao totschlägt und sich als Privatdetektiv gerade so viel dazuverdient, ...

Caruso ist ein etwas abgehalfterter Ex-Profisurfer, der nach einem persönlichen Trauma die Zeit auf der philippinischen Insel Surogao totschlägt und sich als Privatdetektiv gerade so viel dazuverdient, dass er einigermaßen über die Runden kommt. Wenn er nicht gerade auf dem Board steht, spricht er vor allem den Alkohol zu und verbringt seine Zeit in Bars, Clubs und mit leichten Mädchen. Eines Tages bittet ihn eine bildschöne, reiche Spanierin ihren Sohn zu finden, der als Surfer auf die Insel kam und seit zwei Wochen spurlos verschwunden ist. Sie verspricht eine üppige Bezahlung, und so lässt sich Caruso auf den Auftrag ein, der ihn in äußerste Gefahr bringt und einen Sumpf aus Korruption, Drogenhandel und Gewalt offenbart.

Wirklich sympathisch wurde mir Caruso, der ewig betrunkene, leichtlebige Surferboy, nicht. Die ausführlichen Beschreibungen diverser Surfgänge samt zugehörigem Fachvokabular hätte ich nicht gebraucht, und da mir die Begriffe nicht geläufig sind, habe ich hier auch nicht alles verstanden und irgendwann eher drüber hinweggelesen. Eine schillernde Figur ist der nach 20 Jahren in Deutschland frisch aus dem Knast entlassene Drogenhändler Diego, der für teils unfreiwillige Komik sorgt. Der Fall entwickelt sich unterhaltsam und wendungsreich, vor allem im Mittelteil. Gegen Ende fand ich die Geschichte dann leider etwas konstruiert und unglaubwürdig. In „Heaven’s Gate“ geht es hart zu, Blut und Gewalt gibt es reichlich. Da die Figuren allerdings allesamt keine Sympatheträger sind und eher eindimensional bleiben, ließ mich das eher unberührt.

Fazit: Für mich ein kurzweiliger, flott erzählter Krimi ohne viel Tiefgang für zwischendurch, zB als Urlaubslektüre am Strand.

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Veröffentlicht am 24.02.2026

Genremix mit Schwächen in der Umsetzung

Kala
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Im Jahr 2003 verschwand die 15-jährige Kala spurlos in dem kleinen irischen Dorf Kinlough. 15 Jahre später treffen sich dort ihre Jugendfreunde Helen, Joe und Mush anlässlich einer Hochzeit wieder. Zusammen ...

Im Jahr 2003 verschwand die 15-jährige Kala spurlos in dem kleinen irischen Dorf Kinlough. 15 Jahre später treffen sich dort ihre Jugendfreunde Helen, Joe und Mush anlässlich einer Hochzeit wieder. Zusammen mit Aidan und Aoife bildeten die vier damals eine unzertrennliche Clique. Helen reist aus Kanada an, Joe ist mittlerweile ein gefeierter Musiker in LA und Mush hat Kinlough nie verlassen. Wenige Tage vor ihrem Wiedersehen werden sterbliche Überreste in einem nahen Wald gefunden. Handelt es sich dabei um die vermisste Kala? Die drei werden von der Vergangenheit, die sie alle auf ihre eigene Weise verdrängt haben, eingeholt…

Autor Colin Walsh erzählt kapitelweise abwechselnd aus den Perspektiven von Helen, Mush und Joe und verleiht hierbei jeder Figur einen charakteristischen sprachlichen Duktus. Dieser ist insbesondere bei Mush sehr einfach gehalten, mit vielen Slang-Ausdrücken und teilweise recht ungeordneten Gedanken. Bei Joe wiederum wirken die Kapitel wie eine ständige Zwiesprache mit sich selbst, da sie in der zweiten Person Singular verfasst sind. Die Handlung spielt sich binnen vier Tagen im Jahr 2018 ab, wobei längere Rückblenden ins Jahr 2003 nach und nach den Sommer vor 15 Jahren lebendig werden lassen.

„Kala“ ist eine Mischung aus Coming-of-Age-Geschichte, Thriller und irischer Gesellschaftsstudie zum Dorfleben. Dieser Mix ist einerseits reizvoll, führt aber auch dazu, dass das Ergebnis in keinem der Genres so richtig überzeugt. Das Aufwachsen auf dem Dorf kommt nicht ohne Stereotype aus: man langweilt sich, hängt zusammen ab, betrinkt sich. Die Atmosphäre ist stickig, jeder kennt jeden, man ist irgendwie miteinander verwandt. Es gibt Seilschaften, krumme Geschäfte und Hierarchien, und wer keinen Ärger will, sieht besser nicht so genau hin. Für einen packenden Thriller ziehen sich die Jugenderinnerungen und die Handlung zu sehr in die Länge, manches wiederholt sich, und nach einem zähen Mittelteil gerät die Auflösung, deren Grundzüge erfahrene Thrillerleser:innen bereits relativ früh erahnen dürften, überraschend knapp, beinahe überhastet, und lässt manches sogar offen (insbesondere bez. Aidan und Aiofe). Insgesamt hätte ich mir eine deutliche Straffung im Mittelteil gewünscht und stattdessen ausführlichere Schlusskapitel.

Sehr gut gefiel mir jedoch, wie eindrücklich im Roman das Spannungsfeld dargestellt wird, in dem sich die jugendliche Suche nach der eigenen Identität abspielt: Hin- und hergerissen zwischen dem Streben nach Coolness und Anerkennung, großer Unsicherheit und der Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Nähe, überlagert von der gesellschaftlichen Stellung der Herkunftsfamilie.

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Veröffentlicht am 24.02.2026

zu klischeehaft und holzschnittartig

Grüne Welle
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Die Ausgangslage von „Grüne Welle“ hat mich sofort neugierig gemacht – vielleicht, weil ich mich selbst recht häufig verfahre und ich dadurch schon an den abstrusesten Orten gelandet bin. Wie wäre es, ...

Die Ausgangslage von „Grüne Welle“ hat mich sofort neugierig gemacht – vielleicht, weil ich mich selbst recht häufig verfahre und ich dadurch schon an den abstrusesten Orten gelandet bin. Wie wäre es, einfach weiterzufahren, aus dem eigenen Leben spontan auszubrechen, ob für ein paar Tage oder für immer? Nach einem Kinoabend mit ihrer besten Freundin verfährt sich die namenlose Protagonistin an einer Umleitung und entfernt sich immer weiter von zu Hause und ihrem Ehemann. Je weiter sie fährt, desto geringer wird ihr Drang umzukehren oder ihrem Mann Bescheid zu geben, und desto mehr denkt sie über ihr Leben nach. Wie hat sie dieses entwickelt, was ist aus ihren Träumen geworden? Wer ist sie und wie will sie gesehen werden?

Frau, Freundin und Mann bleiben namenlos, auch die Landschaft, durch die die Frau fährt, ist ohne Kontur, beliebig. So könnte jede und jeder überall gemeint sein und die Geschichte stellvertretend für viele Frauen an allen Orten stehen. Leider funktionieren die Figuren in diesem Roman für mich nicht. Zu klischeehaft werden die empfindsamen und verpeilten Künstlerinnen und der gewalttätige, Kunst nur nach dem materiellen Wert beurteilende, schon äußerlich abstoßende Ehemann gezeichnet, der natürlich Anwalt ist. Die Freundin der Frau, die sich als eine urbane Künstlerin sieht, blickt abfällig auf das Leben in einer Kleinstadt und ihre Bewohner. Die Karriere der Frau, einst ein aufstrebendes, vielversprechendes künstlerisches Talent, geriet vor Jahren ins Stocken, latent ist auch daran der Mann Schuld. Das ist mir zu einfach und zu holzschnittartig, es fehlt jegliche Ambivalenz. Dies hat zur Folge, dass mir alle drei fremd bleiben und immer unsympathischer werden, bis mir am Ende nahezu gleichgültig ist, was mit ihnen passiert. Die Gedanken und Emotionen der Frau, die über ihr Leben reflektiert, empfand ich auch nicht als besonders überraschend oder tiefgründig. So bleibt für mich am Ende vor allem Ernüchterung, da das Thema so viel Potential geboten hätte, das in meinen Augen leider nicht genutzt wurde.

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Veröffentlicht am 24.02.2026

Auf der Suche nach den eigenen Wurzeln

Pepper
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Pepper wohnt zusammen mit ihrer Mutter in der Hamburger Hafencity. Seit Jahren hat sie nur einen Wunsch: Sie möchte wissen, wer ihr Vater ist. Doch ihre Mutter schweigt, und so bleibt Pepper nichts anderes ...

Pepper wohnt zusammen mit ihrer Mutter in der Hamburger Hafencity. Seit Jahren hat sie nur einen Wunsch: Sie möchte wissen, wer ihr Vater ist. Doch ihre Mutter schweigt, und so bleibt Pepper nichts anderes übrig, als all ihre Fragen an ihren Vater in einem Notizbuch festzuhalten. Mit 17 Jahren erfährt sie endlich seinen Namen. Als sie Adresse herausfindet und ihn kurzerhand besuchen will, stellt sie fest, dass in seiner Männer-WG gerade ein Zimmer frei wird. Sie packt die Gelegenheit beim Schopf und zieht bei ihm ein – ohne ihm zu verraten, wer sie wirklich ist.
Schon beim Durchblättern fällt die sorgfältige Gestaltung des Romans auf: Jedes Kapitel beginnt mit einer grauen Seite, die Gedanken aus Peppers Tagebuch oder einen Songtext der fiktiven 80er-Jahre Band Kimme & Popkorn enthält. Im Anhang findet sich sogar eine Diskographie der Band.

Der Schreibstil gefiel mir von Anfang an sehr: Man spürt sofort, dass es sich um anspruchsvolle Jugendliteratur handelt, die ihre Leser:innen ernst nimmt, ihnen etwas zutraut und keine einfachen Antworten liefert. Hier sticht der Roman auf jeden Fall aus der Masse an Jugendbüchern heraus. Die Dialoge sind lebensnah und glaubwürdig, zuweilen provokant, und die Figuren haben Ecken und Kanten.

Trotz dieser positiven Aspekte ist es mir schwer gefallen, mit dem Buch warm zu werden. Das lag zum einem sicher daran, dass mir die Hauptfigur Pepper fremd blieb. So ganz nachvollziehen konnte ich ihren enormen Drang, den leiblichen Vater kennenzulernen, nicht. Die Beziehung zu ihrer Mutter blieb recht blass und wirkte seltsam distanziert, aber nicht lieblos. Die schwierigste Figur im Buch ist für mich der (relativ alte) Vater, der viel Reibungsfläche bietet, nicht zuletzt durch seinen Altherren-Humor aus den 80ern. Überhaupt spielt in diesem Roman die ältere Generation für eine Coming-of-Age-Geschichte eine überdurchschnittlich große Rolle, weswegen ich mir nicht sicher bin, wie dies bei der Zielgruppe ab 14 Jahren ankommen wird. Zumindest meinen Sohn könnte man damit nicht erreichen. Einen Kritikpunkt habe ich als Mutter: Der allgegenwärtige Alkoholkonsum im Roman stört mich bei einem Jugendbuch sehr, vor allem, wenn er nicht kritisch hinterfragt, sondern als gesellschaftlich ganz normal vermittelt wird.

Die schönsten Momente hat das Buch für mich durch die Nebencharaktere wie ein lebenskluges und fideles Trio aus der Seniorenresidenz, das Pepper zur Seite steht.

Insgesamt fällt mein Fazit zwiespältig aus: Sprache und Erzählstil gefallen mir sehr und ich könnte mir gut vorstellen, ein anderes Buch des Autors zu lesen. Die konkrete Geschichte hier hat mich allerdings nicht erreicht.

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