Ein Leben in Co-Abhängigkeit
Vergiss michIn „Vergiss mich“ schreibt Alex Schulman über die Alkoholsucht seiner Mutter Lisette Schulman, die seine Kindheit und Jugend geprägt hat und ihn auch als Erwachsenen nicht loslässt. Über 30 Jahre hat es ...
In „Vergiss mich“ schreibt Alex Schulman über die Alkoholsucht seiner Mutter Lisette Schulman, die seine Kindheit und Jugend geprägt hat und ihn auch als Erwachsenen nicht loslässt. Über 30 Jahre hat es gedauert, bis Alex Schulman seine Mutter auf ihren Alkoholismus anspricht. Lisette blockt daraufhin komplett ab und die Mutter-Sohn-Beziehung droht daran zu zerbrechen. Sehr einfühlsam beschreibt Alex Schulman seine Gefühlswelt, seine Ängste, Sorgen, Trauer und auch Wut. Trotz allem, was seine Brüder und er durch die Sucht seiner Mutter mitgemacht haben, ist im Text eine tiefe Liebe zu seiner Mutter spürbar, verbunden mit dem Wunsch nach Verständnis und Versöhnung.
Immer wieder blickt Schulman zurück in seine Kindheit: Gesten, Blicke und typische Verhaltensweisen seiner Mutter rufen Erinnerungen an oft schmerzliche Begebenheiten hervor. Sehr klar zeigen sich hier die klassischen Zeichen der Co-Abhängigkeit: Alex übernimmt schon früh viel Verantwortung, kompensiert die Ausfälle seiner Mutter, hilft seiner Mutter, die Sucht nach außen hin zu vertuschen. Immer wieder fördern die Brüder und auch der Vater durch ihr Verhalten die Sucht geradezu. Besonders berührt hat mich hierbei, wie sehr Alex sich als Kind nach der Anerkennung seiner Mutter sehnt und darunter leidet, dass sie ihn immer wieder mit Missachtung straft. Generell handelt Lisette gegenüber Alex immer wieder hoch manipulativ, und in diesen Momenten fiel es mir tatsächlich sehr schwer, Mitgefühl für Lisette aufzubringen, und ich hätte Alex am liebsten wachgerüttelt, damit er hier eine klare Grenze zieht.
Noch immer wird Alkohol in unserer Gesellschaft mehrheitlich nicht als gefährliche Droge und Zellgift wahrgenommen, sondern gehört leider bei Feiern und häufig auch im Alltag ganz selbstverständlich dazu. „Vergiß mich“ zeigt, wie Alkohol das Leben des Süchtigen, aber auch seiner Familienangehörigen massiv beeinträchtigt und prägt, und das oft für den Rest des Lebens. Unbedingt lesenwert!