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Veröffentlicht am 18.05.2025

Der Funke sprang leider nicht über

Magic of Moon and Sea. Die Diebin der vielen Gesichter
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Shelwich ist eine düstere Stadt an einem Gezeitenfluss, dessen Tiden magische Fähigkeiten bei den Bewohnern hervorrufen. Nahezu jeder von ihnen hat eine besondere Gabe, deren Stärke mit Ebbe und Flut ab- ...

Shelwich ist eine düstere Stadt an einem Gezeitenfluss, dessen Tiden magische Fähigkeiten bei den Bewohnern hervorrufen. Nahezu jeder von ihnen hat eine besondere Gabe, deren Stärke mit Ebbe und Flut ab- bzw. zunimmt. Das Mädchen Ista Flit ist hierdurch in der Lage, sich bei Flut in eine beliebige andere Person zu verwandeln. Ista ist vor einigen Monaten alleine nach Shelwich gekommen, um ihrem Vater zu suchen. Dieser ist kurz zuvor in Shelwich auf mysteriöse Weise verschwunden, genau wie einige andere Bewohner dieser Stadt. Es heißt, dass bei Nacht und Nebel unheimliche Wesen, die sogenannten Grilks, ihr Unwesen treiben. Auch Ista ist den Grilks gleich an ihrem ersten Abend nur auf Haaresbreite entkommen. Sie wurde von einem jungen Mann namens Alexo Rokis gerettet, der im Gegenzug von ihr fordert, 20 Aufträge für ihn auszuführen. Während eines Auftrags lernt sie Nathaniel „Nat“ Shah kennen und beide geraten in eine gefährliche und zugleich höchst merkwürdige Situation. Als sie weitere Nachforschungen anstellen, kommen sie zusammen mit dem Mädchen Ruby einem Geheimnis auf die Spur, das alle drei in höchste Gefahr bringt…

Ich habe das Buch gemeinsam mit meinem elfjährigen Sohn gelesen. Wir haben beide etwas gebraucht, bis wir in die Geschichte reingekommen sind. Das Gesamtkonzept der Fantasywelt wirkte auf mich an einigen Stellen etwas unausgegoren. So blieb unklar, in welchem zeitlichen Kontext die Geschichte spielt. Einerseits machte alles einen etwas heruntergekommenen und altertümlichen Eindruck, andererseits wurden Solarmobile und eine sogenannte Rollbahn als Transportmittel erwähnt, die allerdings beide nicht näher beschrieben oder gar genutzt wurden. Auch ist unklar, ob die Gezeitengabe auf die Bewohner von Shelwich beschränkt ist bzw. falls dem so ist, warum Ista, die von außerhalb stammt, über eine solche verfügt. Hier hätte ich gerne noch mehr Hintergrundinformationen gehabt, um eine schlüssige Vorstellung von der Welt entwickeln zu können. Insgesamt erschienen die vorkommenden Fantasy-Elemente – Gezeitengabe und magische Urtiere – eher wie Stückwerk.

Die handelnden Charaktere blieben blass und es fehlte ihnen an Tiefe. Wir wurden daher mit Ista, Nat und Ruby nicht wirklich warm, und so richtig konnten wir nicht mit ihnen mitfiebern. Die politische Ebene der Handlung, bei der zwei rivalisierende Politiker:innen um das Gouverneursamt konkurrieren, wirkten überzogen und arg aufgesetzt. Bei Kinderbüchern ist erfahrungsgemäß auch eine Portion Humor hilfreich, um eine Geschichte aufzulockern, diesen haben wir hier über weite Strecken auch vermisst.

Kurios finde ich, dass dieses Buch, das im englischen Original „Tidemagic. The many faces of Ista Flit“ heißt, in der deutschen Ausgabe den englischen Titel „Magic of moon and sea“ verpasst bekam. Was soll diese Unsitte, deutsche Ausgabe mit – in diesem Fall sogar neuen! – englischen Titeln zu versehen? „Gezeitenmagie“ hätte ich als wesentlich schöner empfunden.

Bei diesem Buch handelt es sich um den ersten Band einer Reihe, und auch wenn diese Geschichte eine im Wesentlichen abgeschlossene Kernhandlung hat, bleiben noch viele Fragen offen. Das Buch endet mit einem kleinen Cliffhanger, der bereits auf das Abenteuer in nächsten Band verweist. Mein Sohn und ich werden die Reihe allerdings nicht weiter verfolgen.

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Veröffentlicht am 17.05.2025

leider über weite Strecken sehr platt und peinlich

Horror-Date
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Sebastian Fitzeks letzten „Kein Thriller“- Roman „Elternabend“ fand ich unterhaltsam und witzig, so dass ich mich sehr auf „Horror-Date“ gefreut hatte. Die Grundidee klang interessant: Auf dem Dating-Portal ...

Sebastian Fitzeks letzten „Kein Thriller“- Roman „Elternabend“ fand ich unterhaltsam und witzig, so dass ich mich sehr auf „Horror-Date“ gefreut hatte. Die Grundidee klang interessant: Auf dem Dating-Portal „The Walking Date“ können sich Singles kennenlernen, die nicht mehr lange zu leben haben. Die Paartherapeutin Nala (35), der wegen eines Glioblastoms nur noch wenige Monate bleiben, trifft hier auf den Anwalt Raphael (34), der mit Borreliose im Sterben liegt. Beide beginnen eine Brieffreundschaft, sind sofort auf einer Wellenlänge. Doch als es zu einem ersten realen Treffen kommen soll, verschlechtert sich Raphaels Zustand, und er bittet seinen besten Freund Julius, an seiner Stelle zu der Verabredung zu gehen, da er nicht absagen und Nala enttäuschen will. Pech nur, dass Julius keine Zeit zur Vorbereitung bleibt, und er ein ganz anderer Typ Mensch als Raphael ist. Und so tritt Julius von einem Fettnäpfchen ins nächste, und das Date entwickelt sich für ihn zu einem Horror-Trip…
Fitzek wagt sich hier an ein schwieriges Thema heran: Junge Menschen, die mit ihrem baldigen Tod konfrontiert sind und den einen Wunsch haben: Sich noch einmal verlieben. Das mit Humor und flotten Dialogen zu verknüpfen ist eine Gratwanderung, die Fitzek leider nur gelegentlich gelingt. Das Buch beginnt zunächst vielversprechend, die Szenen sind witzig geschrieben, man kann sich das erste Aufeinandertreffen von Julius und Nala lebhaft vorstellen. Leider driftet die Handlung dann immer mehr ins Absurde ab, ist über weite Strecken einfach nur peinlich und völlig überdreht, der Humor platt. Erst kurz vor Ende wechselt der Tonfall, die Geschichte bekommt noch etwas an Tiefgang und lässt erahnen, was möglich gewesen wäre, wenn die Figuren weniger eindimensional und der Humor subtiler ausgearbeitet gewesen wären. Insbesondere von Oma Henriette hätte ich gerne mehr erfahren, während die unsäglich peinliche Story um Dr. Vierlaken und seine wesentlich jüngere Gespielin Rosie viel zu viel Raum einnimmt und das Niveau des Buches arg runterzieht.
Insgesamt hatte ich mir deutlich mehr erwartet. Das Buch ist für mich leider Mittelmaß und wirkt routiniert heruntergeschrieben.
Zum Sprecher: Das Hörbuch wurde wie immer von Simon Jäger eingesprochen. Simon Jäger gehört zu meinen Lieblingssprechern und verstimmlicht auch diese Geschichte wieder ganz hervorragend. Vor allem Julius, aus dessen Perspektive erzählt wird, hatte ich durch die Vertonung sehr lebhaft in sämtlichen absurden Situationen vor Augen.

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Veröffentlicht am 17.05.2025

leider über weite Strecken sehr platt und peinlich

Horror-Date
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Sebastian Fitzeks letzten „Kein Thriller“- Roman „Elternabend“ fand ich unterhaltsam und witzig, so dass ich mich sehr auf „Horror-Date“ gefreut hatte. Die Grundidee klang interessant: Auf dem Dating-Portal ...

Sebastian Fitzeks letzten „Kein Thriller“- Roman „Elternabend“ fand ich unterhaltsam und witzig, so dass ich mich sehr auf „Horror-Date“ gefreut hatte. Die Grundidee klang interessant: Auf dem Dating-Portal „The Walking Date“ können sich Singles kennenlernen, die nicht mehr lange zu leben haben. Die Paartherapeutin Nala (35), der wegen eines Glioblastoms nur noch wenige Monate bleiben, trifft hier auf den Anwalt Raphael (34), der mit Borreliose im Sterben liegt. Beide beginnen eine Brieffreundschaft, sind sofort auf einer Wellenlänge. Doch als es zu einem ersten realen Treffen kommen soll, verschlechtert sich Raphaels Zustand, und er bittet seinen besten Freund Julius, an seiner Stelle zu der Verabredung zu gehen, da er nicht absagen und Nala enttäuschen will. Pech nur, dass Julius keine Zeit zur Vorbereitung bleibt, und er ein ganz anderer Typ Mensch als Raphael ist. Und so tritt Julius von einem Fettnäpfchen ins nächste, und das Date entwickelt sich für ihn zu einem Horror-Trip…

Fitzek wagt sich hier an ein schwieriges Thema heran: Junge Menschen, die mit ihrem baldigen Tod konfrontiert sind und den einen Wunsch haben: Sich noch einmal verlieben. Das mit Humor und flotten Dialogen zu verknüpfen ist eine Gratwanderung, die Fitzek leider nur gelegentlich gelingt. Das Buch beginnt zunächst vielversprechend, die Szenen sind witzig geschrieben, man kann sich beim Lesen das erste Aufeinandertreffen von Julius und Nala lebhaft vorstellen. Leider driftet die Handlung dann immer mehr ins Absurde ab, ist über weite Strecken einfach nur peinlich und völlig überdreht, der Humor platt. Erst kurz vor Ende wechselt der Tonfall, die Geschichte bekommt noch etwas an Tiefgang und lässt erahnen, was möglich gewesen wäre, wenn die Figuren weniger eindimensional und der Humor subtiler ausgearbeitet gewesen wären. Insbesondere von Oma Henriette hätte ich gerne mehr gelesen, während die unsäglich peinliche Story um Dr. Vierlaken und seine wesentlich jüngere Gespielin Rosie viel zu viel Raum einnimmt und das Niveau des Buches arg runterzieht.

Insgesamt hatte ich mir deutlich mehr erwartet. Das Buch ist für mich leider Mittelmaß und wirkt routiniert heruntergeschrieben.

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Veröffentlicht am 12.05.2025

sehr sprunghaft erzählter Briefroman

Auf Erden sind wir kurz grandios
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Da Ocean Vuongs Debütroman „Auf Erden sind wir kurz grandios“ von vielen Kritikern sehr gelobt wurde, war ich neugierig auf das Hörbuch.

„Little Dog“, der als kleines Kind mit Mutter und Großmutter von ...

Da Ocean Vuongs Debütroman „Auf Erden sind wir kurz grandios“ von vielen Kritikern sehr gelobt wurde, war ich neugierig auf das Hörbuch.

„Little Dog“, der als kleines Kind mit Mutter und Großmutter von Vietnam in die USA kam, schreibt diesen Roman als Brief an seine Mutter, die ihn nie lesen wird, da sie weder des Lesens noch Schreiben mächtig ist. Hierbei erzählt der Sohn nicht stringent, sondern mäandert ständig hin und her zwischen der Geschichte seiner Großmutter, die während des Vietnamkrieges ein Kind von einem amerikanischen Soldaten bekam, dem Leben seiner Mutter, die sich in einem Nagelstudio abarbeitet, die ihren Sohn liebt und dennoch immer wieder schlägt, und seinem eigenen Aufwachsen in Amerika.

Gewalt ist in diesem Roman immer wieder ein großes Thema, ebenso die ersten gleichgeschlechtlichen Erfahrungen, die der junge Mann mit Trevor macht. Vieles ist so explizit und direkt beschrieben, dass ich das nicht unbedingt hätte lesen müssen. Andere Szenen wiederum sind in wunderschöner, poetischer Sprache verfasst, und man spürt den Lyriker Vuong hinter diesem Roman. Manchmal allerdings wirkt der Sprachstil auf mich zu gekünstelt und verhindert zusammen mit der sprunghaften Erzählweise, dass ich mich richtig auf die Geschichte und die Charaktere einlassen kann und von ihnen berührt werde. So bleiben sie mir leider bis zum Schluss fremd.

Da der Roman keinem roten Handlungsfaden folgt, empfand ich es als sehr anstrengend, dem Hörbuch zu folgen, und ich glaube, dass es mir wesentlich leichter gefallen wäre, das Buch selbst zu lesen. Ich würde das Hörbuch daher vor allem denjenigen empfehlen, die mit Vuongs Schreibstil schon vertraut sind oder das Buch bereits kennen und es gerne noch einmal hören würden. Der Sprecher Julian Horeyseck macht seine Sache jedenfalls hervorragend, er trifft genau den richtigen Ton und liest mit angenehmer und dennoch eindringlicher Stimme.

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Veröffentlicht am 08.05.2025

Gestohlene Leben

Beeren pflücken
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Die Geschichte spielt in der Grenzregion zwischen den USA und Kanada. In den frühen 60er Jahren kommt eine indigene siebenköpfige Familie wie jedes Jahr nach Maine, um Beeren zu pflücken. Eines Tages verschwindet ...

Die Geschichte spielt in der Grenzregion zwischen den USA und Kanada. In den frühen 60er Jahren kommt eine indigene siebenköpfige Familie wie jedes Jahr nach Maine, um Beeren zu pflücken. Eines Tages verschwindet in der Mittagspause die vierjährige Ruthie. Die intensive Suche der Familie nach ihr bleibt vergebens, und ihr Fehlen verursacht Wunden, die niemals heilen. Insbesondere ihr Bruder Joe, zwei Jahre älter, der sie als Letzter sah, kommt nie darüber hinweg.

Das Buch erzählt die Geschichte aus zwei Perspektiven, die sich kapitelweise abwechseln. Joe blickt am Ende seines Lebens zurück, und anhand seiner Erinnerungen wird nachvollziehbar, wie einzelne Ereignisse die Weichen stellen können für ein ganzes Leben. Sie zeigen aber auch, dass seine Geschwister und Eltern ihre eigenen Wege gefunden haben, um mit Trauer und Verlust umzugehen.
Die andere Perspektive ist die von Norma, einer Frau, die zeitlebens spürt, dass irgendetwas nicht stimmt. Ihre wiederkehrenden Träume fühlen sich real an wie Erinnerungen, und das Verhalten ihrer Eltern ist mehr als seltsam.

Durch die gewählte Erzählweise und den Inhalt des Prologs ist bereits von Anfang an relativ klar, was mit Ruthie passiert ist, und auch, wie die Geschichte wohl ausgehen wird. Spannung kommt daher beim Lesen keine auf. Der sehr ruhig und einfühlsam erzählte Roman legt den Fokus eher auf andere Aspekte: Was macht der Verlust eines Familienmitgliedes mit dem Leben der anderen, wie stark sind familiäre Bande, selbst wenn man nichts von dieser Familie weiß? Und wie geht eine andere Familie mit einem ungeheuerlichen Geheimnis um? Auch die Diskriminierung, der Indigene ausgesetzt waren klingt immer wieder an, wenn auch eher am Rande. So zeigt die US-Polizei im Maine kein Interesse, nach Ruthie zu suchen, und auch die kanadischen Residential Schools, in denen die Kinder der First Nations zwangsweise untergebracht wurden, werden erwähnt.

Insbesondere der Erzählstrang um Joe hat mich sehr berührt, und ich konnte seine Verlorenheit, seine Rastlosigkeit und seine Wut beim Lesen spüren. Bei Norma war ich hin- und hergerissen. Es gab bereits früh Hinweise, die sie hätten stutzig machen können, denen sie aber nicht weiter nachgegangen ist. Das ist auf den ersten Blick seltsam, aber aus eigener Erfahrung im familiären Umfeld weiß ich, dass diese Reaktion durchaus nicht ungewöhnlich ist. Weniger greifbar war für mich die Gleichmut, mit der Norma später alles hinnimmt. Ich hätte mit Wut, mit Verzweiflung, mit massiven Vorwürfen gerechnet. Normas Reaktion erschien mir wenig glaubhaft.

Angesichts des enormen Erfolgs ins Kanada, mit dem auch hier das Buch beworben wurde, hatte ich mir noch etwas mehr erwartet. Dennoch habe ich „Beeren pflücken“ sehr gerne gelesen.

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