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Veröffentlicht am 22.10.2025

virtuos konstruierte Mischung aus Beziehungsroman, Krimi und Psychothriller

Die Deutschlehrerin
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Die Deutschlehrerin Mathilda und der Schriftsteller Xaver waren 16 Jahre lang ein Paar, bis Xaver eines Tages einfach seine Sachen packt und verschwindet, während Mathilda in der Arbeit ist. Mathilda fällt ...

Die Deutschlehrerin Mathilda und der Schriftsteller Xaver waren 16 Jahre lang ein Paar, bis Xaver eines Tages einfach seine Sachen packt und verschwindet, während Mathilda in der Arbeit ist. Mathilda fällt in ein tiefes Loch und braucht lange, um darüber hinwegzukommen. Viele Jahre später kreuzen sich ihre Wege durch einen Schreibworkshop an Mathildas Schule, für den ihr Xaver als Gastautor zugeteilt wird.

Mathildas und Xaver schreiben sich im Vorfeld des Workshops Emails, die im Wesentlichen die Grundlage des Buches bilden – quasi die moderne Form eines klassischen Briefromans.

Stück für Stück nähern sich die beiden per Mail an die schwierigen, bisher unausgesprochenen Themen ihrer Vergangenheit heran, und es wird klar, dass beide Geheimnisse mit sich tragen. Wortgewandt belauern und umtänzeln sie sich und versuchen, sich wechselseitig aus der Deckung zu locken, ohne selbst zu viel preiszugeben. Fiktive Geschichten, die sie sich erzählen, und Realität werden zu einem kunstvollen Reigen aus Beziehungsdrama, Krimi und Psychothriller verwoben, der einem beim Lesen den Atem anhalten lässt.

Mit jeder Mail bekommen die Charaktere mehr Kontur, und ich hatte Mathilda und Xaver beim Lesen lebendig vor Augen. Mathilda ist eine pragmatische, lebenstüchtige Frau, die in ihrem bürgerlichen Dasein als Lehrerin aufgeht und sich damals sehnlichst ein Kind von Xaver gewünscht hätte, während Xaver jegliche Verantwortung scheute und sich in der Rolle des freien, intellektuellen Künstlers gefiel, der sich in der Bewunderung seines Publikums sonnt. Auf eine bürgerliche Existenz blickt er mit Herablassung, auch wenn er sich von Mathilda während ihrer Beziehung finanziell aushalten ließ.

Bereits 2014 habe ich „Die Deutschlehrerin“ erstmals gelesen und auch 10 Jahre später zieht mich Judith Taschlers literarisch virtuos konstruierter Roman wieder in seinen Bann. Für mich ist dies das beste Werk der Autorin und ich kann es nur wärmstens weiterempfehlen!

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Veröffentlicht am 22.10.2025

sehr unterhaltsam und informativ

Die Weltgeschichte in zwölf Bohnen
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Kurz und knackig wirft Joël Broekaert auf 176 Seiten einen höchst ungewöhnlichen Blick auf die Weltgeschichte: In dreizehn Kapiteln erzählt er anhand von zwölf Bohnen (die Ackerbohne hat zwei Auftritte) ...

Kurz und knackig wirft Joël Broekaert auf 176 Seiten einen höchst ungewöhnlichen Blick auf die Weltgeschichte: In dreizehn Kapiteln erzählt er anhand von zwölf Bohnen (die Ackerbohne hat zwei Auftritte) und deren Einfluss kurzweilige, lehrreiche, oft ungewöhnliche historische Episoden und zeigt, wie eng verwoben Geschichte, Politik, Kultur und Ernährungsgewohnheiten sind.

Besonders gut gefiel mir das Kapitel über die Antike und die Ackerbohne, in dem der Autor etwa darüber sinniert, warum Pythagoras ein strikter Bohnen-Verweigerer war und ganz nebenbei die Wortverwandtschaft der Bohne in verschiedenen Sprachen erläutert. Diese Gedanken lesen sich höchst vergnüglich, und die Vorstellung des geräuschvoll Bohnen verdauenden Diogenes in seiner Regentonne brachte mich zum Lachen.

Für geschichtsinteressierte Leserinnen und Leser eine informative und äußerst unterhaltsame Lektüre; auch ein sehr schönes Geschenk!

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Veröffentlicht am 22.10.2025

eher gewaltvolles Familienepos als Thriller

Adama
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Adama ist ein epischer Familienroman, der über mehrere Generationen hinweg erzählt wird, in meinen Augen jedoch weder ein Kriminalroman noch ein Thriller. Die Erzählweise mag stellenweise Thrillerelemente ...

Adama ist ein epischer Familienroman, der über mehrere Generationen hinweg erzählt wird, in meinen Augen jedoch weder ein Kriminalroman noch ein Thriller. Die Erzählweise mag stellenweise Thrillerelemente aufweisen, auch das Gewaltpotential im Buch ist hoch, wer Spannung oder Suspense erwartet, wird jedoch enttäuscht werden.

Stattdessen erzählt Lavie Tidhar achronologisch die Geschichte von Ruths Familie zwischen 1945 und 2009, die eng verwoben mit der gewaltvollen Gründungsgeschichte Israels ist. Der Autor deutet hier mehr an, als dass er erklärt und auserzählt, ein beträchtliches historisches Vorwissen wird also vorausgesetzt. Das war kein Problem für mich, jedoch bleiben auch bestimmte kriminelle Machenschaften und deren Auftraggeber im Dunkeln, so dass es teilweise bis zum Schluss nicht klar wird, wer auf welcher Seite für wen arbeitet. Das mag symptomatisch für die turbulente Anfangszeit des Staates Israels sein, ich empfand es jedoch als sehr unbefriedigend.

Die Charaktere sind klar gezeichnet, ambivalent und meist knallhart. Als Identifikationsfiguren eignen sie sich nicht, ich blieb zu allen auf Distanz und merkte beim Lesen, dass mir ihr Schicksal im Grunde egal war und dadurch für mich weder Spannung noch Emotionen aufkamen. Hierbei sticht besonders die sehr unerbittlich wirkende ungarischstämmige Zionistin Ruth heraus, die für das höhere Ziel eines Staates Israel buchstäblich über Leichen geht, auf brutale Rache sinnt und niemals vergeben kann. Als eine der ersten Siedlerinnen hat sie den Kibbuz Trashim mit aufgebaut und ordnet der Gemeinschaft alles unter. Das hier beschriebene Leben im sozialistischen Kibbuz fand ich sehr interessant (wenn auch für mich als Individualistin im höchsten Maße abschreckend), und machte für mich den besonderen Reiz des Buches aus. Der Blickwinkel ist stark zionistisch geprägt, da Leid der arabischen Bevölkerung durch die Nakba klingt nur schwach am Rande an.

Alles in allem ein durchaus gut geschriebenes und lesenswertes Buch, aber leider nicht mein Geschmack.

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Veröffentlicht am 22.10.2025

Ein Highlight!

Birk
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Birk ist sechzehn Jahre alt und auf den ersten Blick ein typischer Teenie: Er zockt gerne, skatet mit seinen Kumpels, geht ins Fitnessstudio und ist heimlich in das hübscheste Mädchen seiner Klasse verliebt. ...

Birk ist sechzehn Jahre alt und auf den ersten Blick ein typischer Teenie: Er zockt gerne, skatet mit seinen Kumpels, geht ins Fitnessstudio und ist heimlich in das hübscheste Mädchen seiner Klasse verliebt. Doch er hat ein Problem, das ihn massiv belastet und von dem niemand erfahren darf. In seiner Not eröffnet er einen anonymen Blog, um sich seine Sorgen von der Seele zu schreiben. Doch dann geschieht etwas, das sein komplettes Leben auf den Kopf stellt…
Die Autorin Liv K. Schlett hat sich ein weitgehend unbeachtetes, aber hochsensibles Thema für dieses Buch ausgesucht, das für die Betreffenden extrem belastend ist. Aber auch Jugendliche, die mit anderen, ähnlich tabuisierten Problemen zu kämpfen haben, dürften sich in Birks Gefühlsleben wiederfinden. Birk erzählt seine Geschichte in Form von tagebuchartigen Blogeinträgen, die sich über ca. ein halbes Jahr erstrecken. Hierbei gelingt es der Autorin hervorragend, sehr einfühlsam Birks Gefühlsachterbahn zwischen Hoffnung und Zuversicht, Ängsten, Verzweiflung und Einsamkeit zu schildern. Das Buch hat auch mich einen regelrechten Sog entwickelt und ich habe es binnen eineinhalb Tagen gelesen. Die dezent eingesetzte lockere Umgangssprache trifft genau den richtigen Ton und dürfte Jugendliche ansprechen, ohne anbiedernd zu wirken. Die Figuren, allen voran Birk, wirken sehr authentisch und lebendig.
Das Buch zeigt, dass Blogs und soziale Medien ein durchaus zweischneidiges Schwert sein können: Sich Probleme anonym von der Seele zu schreiben und sich mit anderen online auszutauschen, kann ein Weg oder ein Ventil sein, um mit einer Situation besser klarzukommen. Auf der anderen Seite bergen diese natürlich auch Risiken wie Cyber-Mobbing, die ebenfalls hier thematisiert werden.
Mit „Birk“ ist Liv K. Schlett ein außergewöhnlich einfühlsames, starkes Jugendbuch gelungen, das sich an Jugendliche ab ca. 14 Jahren richtet und viel Stoff zum Nachdenken bietet. Eine ganz klare Leseempfehlung und volle 5 Sterne!

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Veröffentlicht am 10.10.2025

Kampf für Freiheit und Selbstbestimmung in Iran

Im Herzen der Katze
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Jina Khayyers Roman „Im Herzen der Katze“ ist autofiktional. Den äußeren Rahmen bilden die „Frau, Leben, Freiheit“-Proteste in Iran nach dem Tod der 23-jährigen Jina Mahsa Amini. Diese wurde wegen eines ...

Jina Khayyers Roman „Im Herzen der Katze“ ist autofiktional. Den äußeren Rahmen bilden die „Frau, Leben, Freiheit“-Proteste in Iran nach dem Tod der 23-jährigen Jina Mahsa Amini. Diese wurde wegen eines angeblichen Verstoßes gegen die strengen Kleidervorschriften durch die Sittenpolizei gefangengenommen und geschlagen, woraufhin sie ins Koma fiel und wenige Tage später verstarb. Die Ich-Erzählerin, die denselben Vornamen wie das getötete Mädchen und die Autorin trägt, sitzt in Frankreich und verfolgt über Instagram die Vorgänge in dem Land, in dem ihre Familie verwurzelt ist. Sie selbst wurde in Deutschland geboren, doch viele Familienmitglieder, u.a. ihre Schwester Roya mit Mann und Tochter Nika, leben in Iran. Jina bangt um das Leben ihrer Schwester und Nichte, die sich mutig den Protesten angeschlossen haben und unter Lebensgefahr auf die Straße gehen, um für Freiheit und Selbstbestimmung zu demonstrieren.

In Rückblenden erinnert sich Jina an ihre Reisen in den Iran: Im Jahr 2000 besucht sie zum ersten Mal das Geburtsland ihrer Eltern und ist hin- und hergerissen zwischen einer tiefen Liebe und Verbundenheit zu Land, Leuten, Sprache und jahrtausendealter Kultur einerseits und dem Schrecken über die Unterdrückung der Frauen, den drakonischen Strafen für Homosexualität, für Verstöße gegen die Hidschab-Regeln oder für kleinste Zuneigungsbekundungen zwischen nicht verheirateten Paaren andererseits. Die eklatanten Gegensätze und die emotionale Zerrissenheit Jinas sind ergreifend geschildert. 2009 gerät Jina selbst mitten in die Protestkundgebungen der Grünen Bewegung.

Interessant fand ich ganz besonders die wörtliche Übersetzung bestimmter Wendungen von Farsi ins Deutsche. Diese vermitteln einen kleinen Eindruck des Persischen, das in seiner Bildhaftigkeit so völlig anders ist als die pragmatische, sehr direkte deutsche Sprache.
Der Mut und die Entschlossenheit der Frauen, die 2022 für ihre Rechte kämpften, haben mich tief beeindruckt. Es war erschütternd zu lesen, wie friedlich demonstrierende junge Menschen misshandelt, vergewaltigt und zu Tode geprügelt wurden, in kurzen Schauprozessen Todesstrafen verhängt wurden. Khayyer zeichnet ein vielfältiges, buntes Bild der iranischen Gesellschaft, deren Wunsch nach Freiheit und Offenheit brutal vom Regime unterdrückt wird. Beim Lesen sitzt man gleichsam mit Jina hilflos am Smartphone und bangt mit Roya und Nika um deren Sicherheit. Rückblickend weiß man, dass die Proteste zu keiner Verbesserung der Menschenrechtslage führten; diese ist heute noch schlechter als damals.

Mich hat „Im Herzen der Katze“ sehr bewegt und auch noch mehrere Tage beschäftigt, nachdem ich es beendet hatte. Da ich über vieles zuvor nicht im Bilde war, habe ich im Anschluss noch weitere Informationen zu den realen Ereignissen im Buch recherchiert, und ich habe größten Respekt vor den Frauen, die sich unter höchster Gefahr für Selbstbestimmung und Freiheit einsetzen. Jina Khayyer setzt ihnen mit ihrem Roman ein Denkmal und rückt die Situation der Frauen im Iran wieder in unser Bewusstsein. Ein großartiges, tief bewegendes Buch, dem ich von Herzen den Deutschen Buchpreis gewünscht hätte.


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