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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 11.08.2020

Ein typischer Brunetti

Auf Treu und Glauben
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Es ist Urlaubszeit - brütende Hitze in Venedig und das Verbrechen scheint eine Pause einzulegen. So hat Brunetti Zeit, Vianello bei der Lösung seiner Probleme mit seiner Tante zur Seite zu stehen. Als ...

Es ist Urlaubszeit - brütende Hitze in Venedig und das Verbrechen scheint eine Pause einzulegen. So hat Brunetti Zeit, Vianello bei der Lösung seiner Probleme mit seiner Tante zur Seite zu stehen. Als jedoch beide auf dem Weg in den Urlaub sind, geschieht ein Mord und sie werden zurück beordert. Um beide Fälle zu lösen, geraten sie in einen Sumpf aus Geldgier, Korruption, Sex und Lügen. Mit der tatkräftigen Hilfe von Signorina Elettra gelingt es ihnen jedoch, beide Fälle zu einem guten Ende zu bringen.

Immer wieder gerne lese ich die Krimis von Donna Leon. Die Figur des Commissario Brunetti hebt sich sehr wohltuend von den meisten mir bekannten Roman-Kommissaren ab. Er ist gebildet und bodenständig und hat ein relativ normales Privatleben. Ganz besonders gefallen mir seine fast schon philosophischen Betrachtungen des öffentlichen Lebens in Venedig. Der unaufgeregte, kluge Vianello ist die perfekte Ergänzung dazu. Hätten sie allerdings Signorina Elettra nicht, die ein absolutes Computer-Ass ist, würden sie stellenweise ganz schön alt aussehen.

Donna Leons Schreibstil ist detailliert, bildhaft und sehr emotional. Besonders wenn sie über die drohende Zerstörung Venedigs durch den Massentourismus und die Ignoranz der Venezianer schreibt, kann ich ihren Schmerz förmlich fühlen.

Fazit: Wieder fünf Sterne für Commissario Brunetti. Ich bin froh, dass ich immer noch nicht alle Fälle gelesen habe, so kann ich mich noch auf einige freuen.

  • Cover
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Veröffentlicht am 09.08.2020

Bücherfrevel

Tod zwischen den Zeilen
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Diesen Fall nimmt der gebildete Commissario Brunetti persönlich: Kostbare alte Bücher werden teils geschändet, teils gestohlen. Ein mutmaßlicher Zeuge ist nicht aufzufinden, der Verdächtige ist ebenfalls ...

Diesen Fall nimmt der gebildete Commissario Brunetti persönlich: Kostbare alte Bücher werden teils geschändet, teils gestohlen. Ein mutmaßlicher Zeuge ist nicht aufzufinden, der Verdächtige ist ebenfalls verschwunden. Brunetti ist auf die Aussagen der Wachleute und der Direktorin der Bibliothek angewiesen, dadurch gestalten sich die Ermittlungen sehr schwierig. Erst als im Zusammenhang mit den Diebstählen ein Mord passiert, kommt Bewegung in den Fall und Brunetti kommt zu einem überraschenden Ergebnis.

Auch der dreiundzwanzigste Fall des Commissario Brunetti ist kein von Blut triefender Thriller, sondern eine spannende Kriminalgeschichte während der ich an den Gedanken des Ermittlers teilhaben darf. Trotzdem ist dieser Krimi so spannend, dass ich ihn kaum aus der Hand legen konnte.

Der sympathische, bodenständige Kommissar nutzt alle Ressourcen seines beruflichen und privaten Umfeldes, um seine Fälle zu lösen. Besonders die Gespräche mit seiner Frau Paola geben ihm immer wieder wertvolle Denkanstöße. Auch seine Kollegen Vianello, Griffoni und besonders Signorina Elettra sind ihm immer wieder eine große Hilfe. Leider hat dieses perfekt funktionierende Team einen Chef, der so unnötig ist wie ein Kropf. Vice Questore Patta ist ausschließlich mit sich selbst beschäftigt. Neben den Tätern ist dieser Mensch der unsympathischste in der Geschichte.

Donna Leons Schreibstil ist so detailliert und bildhaft, dass ich wie immer mit Brunetti durch Venedig gegangen bin und die schönen alten Palazzi vor mir gesehen habe. Ich war mit im Cafè und habe mit ihm und Paola im Wohnzimmer gesessen. Auch die Mahlzeiten habe ich geschmeckt. Man merkt jeder Zeile die Liebe der Autorin zu dieser Stadt und den Lebensge-wohnheiten der Menschen dort an.

Fazit: Wieder ein unaufgeregter Krimi aus der Feder von Donna Leon, der mich von Anfang bis Ende überzeugt hat. Es braucht keine drastischen Beschreibungen von unzähligen hingemetzelten Leichen, um einen spannenden Krimi zu schreiben. Deshalb hat dieses Buch ganz klar 5 Sterne verdient.

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Veröffentlicht am 07.08.2020

Kommissar Schielin ermittelt wieder

Heidenmauer
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Über Kommissar Schielin und seine Angewohnheit, die Schwierigkeiten in seinen Ermittlungen beim Wandern mit seinem Esel Ronsard zu besprechen, könnte man lachen. Allerdings ist diese Methode so effektiv, ...

Über Kommissar Schielin und seine Angewohnheit, die Schwierigkeiten in seinen Ermittlungen beim Wandern mit seinem Esel Ronsard zu besprechen, könnte man lachen. Allerdings ist diese Methode so effektiv, dass sie enorm zum Erfolg des Kommissars und seines Teams beiträgt.

Auch der Mord an einem Journalisten der erschlagen an der Heidenmauer aufgefunden wird, gibt den Ermittlern zahlreiche Rätsel auf. Die Ermittlungen führen unter anderem in eine der einflussreichsten Familien Lindaus, zu zwei total zerstrittenen Brüdern, auf die schwäbische Alb und in die Schweiz. Esel Ronsard muss einige Kilometer wandern, bis die Kommissare das Geflecht aus Liebe, Geldgier und Rachsucht entwirrt und außer dem Mord noch eine Erpressung und zahlreiche Kunstdiebstähle aufgeklärt haben.

Ich mag die Romane um Kommissar Schielin sehr gerne. Sie sind in einem sehr flüssigen, anschaulichen Stil geschrieben und bringen genau das richtige Maß Lokalkolorit für einen regionalen Krimi mit. Besonders gut gefällt mir, dass der Kommissar und seine Kollegen als gut funktionierendes, gleichberechtigtes Team dargestellt werden. Jeder trägt auf seine Weise zum Erfolg bei, jeder darf seinen Ansatz verfolgen und der Erfolg ist immer ein gemeinsamer. Die Kollegen sind sehr genau charakterisiert. Schielin braucht zum denken seinen Esel, Gommert spricht ohne vorher zu denken, Lydia geht an die Fälle mit weiblicher Intuition heran und Funk ist der kühle Denker. Zusammen mit Wenzel und Kimmel bilden sie ein Team, das sich gut ergänzt.

Ein weiterer, entscheidender Pluspunkt ist es, dass ich als Leser nicht von Anfang an mit der Nase auf den Täter gestoßen werde. Fast bis zum Schluss darf ich rätseln und spekulieren, wer von den zahlreichen Verdächtigen jetzt der Täter ist, die Lösung ist absolut nicht vorhersehbar.

"Heidenmauer" ist der dritte Roman dieser Reihe, den ich gelesen habe. Gut, dass es noch sechs weitere gibt, auf die ich mich freuen kann. Das Buch bekommt das Prädikat "Sehr empfehlenswert", vergnügliche Lesestunden sind garantiert.













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Veröffentlicht am 06.08.2020

Ein relativ unbekanntes Kapitel Berliner Geschichte

Das Lichtenstein
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Hedi beginnt ihr Berufsleben gegen den Willen ihrer verwitweten Mutter als Ladenmädchen im renommierten Modehaus Lichtenstein. Sie hat ein gutes Gespür für Mode und ein freundliches Wesen, deshalb ...

Hedi beginnt ihr Berufsleben gegen den Willen ihrer verwitweten Mutter als Ladenmädchen im renommierten Modehaus Lichtenstein. Sie hat ein gutes Gespür für Mode und ein freundliches Wesen, deshalb kommt sie sehr gut in dieser besonderen Welt zurecht und schließt schnell Freundschaften. Die Näherin Thea, der Konfektionär Hallmann und der Zwischenmeister Meuser sind nur ein paar davon. Als das Haus in Flammen aufgeht, fürchtet nicht nur die Eigentümerfamilie Lichtenstein um ihre Existenz, sondern auch die Mitarbeiter. Das schweißt zusammen, alle gemeinsam nehmen den Kampf um das Lichtenstein auf, obwohl die Aussichten durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges alles andere als rosig sind.

In sehr flüssigem, bildhaftem Schreibstil erzählt uns Marlene Averbeck ein interessantes Stück Berliner Geschichte, die den Kampf um Frauenrechte im beginnenden 20. Jahrhundert, die Ereignisse um den Beginn des Ersten Weltkrieges und die Lebensgeschichten von Menschen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten mit der Geschichte eines renommierten Warenhauses verknüpft. Ich habe hier einen recht umfassenden Eindruck von den Sorgen aller Menschen, ob arm oder reich, im Berlin dieser Zeit bekommen.

Die Personen sind mir fast alle sehr sympathisch, besonders die zupackende Hedi und die Schauspielerin Ella, die so gar keine Allüren hat. Nur der "Junior" Ludwig Lichtenstein, ein Egozentriker vor dem Herrn und der Versicherungsmensch Dillinger, der ein Schmierlappen ist, tanzen aus der Reihe. Insgesamt sind sie aber alle so gut charakterisiert, dass ich sie förmlich vor mir sehen konnte.

Mein Fazit: Eine klare Leseempfehlung für alle Liebhaber historischer Romane, die im vergangenen Jahrhundert spielen und absolut verdiente fünf Stern.

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Veröffentlicht am 30.07.2020

Die traurige Geschichte zweier zerstörter Familien

Ich will dein Leben
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Tamsyn und Edie sind zwei Teenager, deren Hintergrund nicht unterschiedlicher sein könnte. Tamsyn lebt mit ihrer Mutter Angie, ihrem Bruder Jago und ihrem kranken Großvater in einem schäbigen, engen Reihenhaus ...

Tamsyn und Edie sind zwei Teenager, deren Hintergrund nicht unterschiedlicher sein könnte. Tamsyn lebt mit ihrer Mutter Angie, ihrem Bruder Jago und ihrem kranken Großvater in einem schäbigen, engen Reihenhaus im Dorf, während Edie mit ihren Eltern Eleanor und Max den Sommer im familieneigenen Landhaus auf den Klippen verbringt. Die beiden Teenager lernen sich kennen als Tamsyn in ihr Traumhaus auf den Klippen eindringt und verbringen viel Zeit miteinander. Sehr bald spitzen sich die Ereignisse um die beiden Mädchen so sehr zu, dass es in beiden Familien zu dramatischen Veränderungen kommt.
„Ich will Dein Leben“ ist nicht der erste psychologische Spannungsroman von Amanda Jennings, aber der erste, den ich gelesen habe. Ganz sicher werde ich mir die anderen auch noch zu Gemüte führen, denn dieses Buch hat mich vom ersten bis zum letzten Satz gefesselt. Geschickt wurde der Spannungsbogen nach und nach aufgebaut. Es war immer klar, dass es zu dramatischen Entwicklungen kommen würde. Welche das sein würden, konnte ich aber trotz wilder Spekulationen nicht vorhersehen. Besonders gefallen hat mir, dass die Geschichte aus der Sicht von mehreren der Protagonisten erzählt wird, so dass man als Leser bis in deren tiefsten Abgründe blicken kann.
Beide Mädchen sind durch Konflikte in ihren Familien traumatisiert. Tamsyn hat den geliebten Vater verloren. Ihre Familie, bestehend aus der Mutter Angie, dem älteren Bruder Jago und dem kranken Großvater, schafft es nicht, den Verlust des Vaters gemeinsam zu verarbeiten. Stattdessen flüchtet Tamsyn sich in Tagträume vom Haus auf den Klippen, dass sie regelmäßig aus der Ferne beobachtet und auch unrechtmäßig besucht. Durch ihre gelegentlichen Gewaltphantasien und ihre Besessenheit von dem Haus auf den Klippen ist sie mir manchmal ein wenig unheimlich. Trotzdem ist sie sehr zu bedauern in ihrer Unfähigkeit, sich mitzuteilen und mit ihrer Trauer umzugehen.
Edie dagegen rebelliert offen gegen die Alkoholsucht ihrer Mutter und die Gleichgültigkeit ihres Vaters, was den Eltern aber irgendwie entgeht. Auch sie ist unfähig, ihre wahren Gefühle zu zeigen und zu kommunizieren, was wirklich in ihr vorgeht. Sie ist das sprichwörtliche „arme, reiche Mädchen“, mit allen materiellen Gütern ausgestattet, aber emotional völlig verwahrlost.
Obwohl ich die Aktionen der beiden Teenager manchmal mit ein wenig Abscheu verfolgt habe, habe ich doch auch mit ihnen mitgelitten. Beide wirken so hoffnungs- und orientierungslos, dass mir das Mutterherz blutet. Die Folgen, die diese fragwürdigen Freundschaft hat, sind dann auch gravierend. Während Edie sich dann lösen kann, verharrt Tamsyn in ihrer traurigen Besessenheit.

Mein Fazt:
Auch ohne ausufernde Gewalt und Action ein sehr gelungener Roman über die Trostlosigkeit zweier zerstörter Familien, der das Lesen unbedingt lohnt. Besonders der Blick in die seelischen Abgründe der Protagonisten macht die Geschichte so spannend, denn es ist absolut nicht vorhersehbar, zu welchen Handlungen diese zerstörten Menschen sich hinreißen lassen. Der große Showdown an sich kommt nicht überraschend, sein Verlauf und die Handlungen der Beteiligten aber schon. Für mich ganz klar 5 Sterne!

  • Cover
  • Handlung
  • Spannung
  • Erzählstil
  • Charaktere