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Veröffentlicht am 24.06.2019

Lebendige Geschichte in einer sinnlosen Rahmenhandlung

Hannah und ihre Brüder
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Dieses Buch hat mich mir sehr gemischten Gefühlen hinterlassen. Wir bekommen zwei verschiedene Zeiten präsentiert, einerseits die Vergangenheit, in der die Geschichte von Ben Solomon im Polen während der ...

Dieses Buch hat mich mir sehr gemischten Gefühlen hinterlassen. Wir bekommen zwei verschiedene Zeiten präsentiert, einerseits die Vergangenheit, in der die Geschichte von Ben Solomon im Polen während der NS-Zeit erzählt wird, und andererseits die Gegenwart, das Jahr 2004, in welchem er die Geschichte erzählt und die Ermittlungen gegen Rosenzweig, den Ben für einen NS-Verbrecher hält, laufen. Die Geschichte aus der Vergangenheit ist interessant und macht das Grauen des Nazi-Regimes lebendig. Alles, was im Jahr 2004 spielt, hat mich zunehmenden wütend gemacht. Doch von vorne.



Lebensnahe Schilderung der Judenverfolgung

Ben erzählt der Anwältin Catherine seine Geschichte. Wir erfahren vom Leben im Polen, wie die Menschen, insbesondere die Juden, über das Radio die Nachrichten aus Deutschland verfolgen und schließlich bei Kriegsausbruch mitten in den Terror geraten. Immer wieder können Ben und seine Familie Hoffnung schöpfen, aber mindestens ebenso oft schlägt die Tragödie zu. Es ist spannend zu lesen, wie die Umstände in Polen zunehmend schlechter werden, wie einige mit offenen Augen sehen, was geschieht, während andere die Augen verschließen, weil sie es nicht verkraften, die Wahrheit zu sehen. Das Wissen um Konzentrationslager, die in einigen Fällen auch als Vernichtungslager gedient haben, das Wissen, absolut hilflos zu sein, lässt jeden Menschen anders reagieren. Das ist interessant dargestellt, auch wenn wir als Leser stets ein wenig auf Distanz gehalten werden.

Die Sprache dieser Vergangenheitsabschnitte ist recht kühl und vor allem ein Tatsachenbericht, weniger geprägt von Dialogen oder Emotionen. Dennoch gelingt es dem Autor, dem Leser Stück für Stück die absolute Hoffnungslosigkeit und die allumfassende Angst der Juden näherzubringen. Es ist unmöglich, aus Geschichtsbüchern wirklich zu lernen, wie schlimm die Dinge damals waren. Zahlen, Daten, Fakten, all das verwischt am Ende nur, wie unendlich das Leid war und wie unfassbar grausam das Böse. Obwohl auch dieses Buch nie wirklich emotional wird, kommt man doch viel näher an die Tragödie der Vergangenheit heran. Für diesen Teil der Geschichte würde ich vier Punkte vergeben.



Konstruierter Plot um flache, unglaubwürdige Charaktere

Dem gegenüber stehen die Geschehnisse der Gegenwart. Über Liam, einen Privatdetektiv und nahen Freund von Catherine, wird diese mit Ben bekannt gemacht. Für etwa die erste Hälfte des Buches sträubt sie sich dagegen, den Fall wirklich zu übernehmen. Sie betont immer wieder, dass sie keine Zeit hat, weil ihre Kanzlei sich um solche Fälle nicht kümmert und sie sich vor ihren Arbeitgebern verantworten muss für die Stunden, die sie mit Ben verbringt. Trotzdem hört sie ihm jede Woche für mehrere Stunden zu - der Konflikt ist also ohne jegliche Konsequenz, stört das Vorankommen und wirkt seltsam, da einfach keinerlei Motivation bei Catherine zu finden ist, warum sie überhaupt nach der ersten Sitzung noch weiter macht. Es gibt keine Motivation dafür. Dann, plötzlich, ist sie ergriffen von der Geschichte und will den Fall auf jeden Fall übernehmen, gegen alle Widerstände. Obwohl das Stück für Stück geschieht, ist die Motivation erneut nicht ganz klar. Sie scheint mitgenommen zu sein von der Tragödie, aber dem Autor gelingt es nie, mir als Leser irgendwelche Gefühle zu vermitteln.

Stattdessen wird die Erzählung von Ben regelmäßig für alltägliche Dinge unterbrochen, meistens von der Notwendigkeit, etwas zu essen. Es wird zum Ende hin beinahe lächerlich, wie oft wir erfahren, dass, was und wo sie essen. Zumal auch das keinerlei Konsequenzen für die Handlung hat und nichts zur Charakterentwicklung beiträgt. Diese findet nämlich generell nicht statt. Wir bekommen gesagt, dass Catherine so und so ist, aber wir sehen das nie in Handlungen oder Dialogen. Dass es schließlich Liam ist, der ihre private, intime Vergangenheit an Ben weitererzählt, ohne dass Catherine das weiß, und diese das dann, als sie es erfährt, nicht einmal schlimm findet, setzt dem ganzen die Krone auf. Keine dieser Figuren hat auch nur den Hauch eines Charakters. Sie alle sind nur offensichtliche Werkzeuge, um die Geschichte der Juden in Polen zu erzählen.

Besonders deutlich wird das zum Schluss, wo verschiedene, praktisch irrelevante Personen, die nur für einige Seiten erwähnt werden, die entscheidenden Hinweise für den Gerichtsprozess liefern, ohne dass Liam oder Catherine tatsächlich irgendeine Form von eigener Arbeit getan hätten. Fotos ex machina. Erinnerungen ex machina. Belastende Aussage ex machina. Die Dinge, die Liam für Catherine herausfindet, sind wiederum so offensichtlich und leicht zu bemerken, dass man sich fragen muss, warum nie zuvor jemand das bemerkt hat. Es ist einfach alles viel zu konstruiert. Ich bin zunehmend wütend geworden beim Lesen. Für die Handlung auf der Seite der Gegenwart würde ich am liebsten keine Punkte vergeben. 



Fazit

Der Roman "Hannah und ihre Brüder" von Ronald H. Balson überzeugt mit einer interessanten, authentischen Darstellung der Judenverfolgung in Polen zur NS-Zeit. Die darum herum gewobene Geschichte der Anwältin Catherine und des Prozesses gegen den reichen, einflussreichen Rosenzweig hingegen bleibt bis zum Ende platt, konstruiert und unglaubwürdig. Die Figuren bekommen leider nie eine Chance, einen echten Charakter zu zeigen oder zu entwickeln. Als historischer Roman über das Leiden der Juden in Polen funktioniert dieses Buch gut, doch die Rahmenhandlung enttäuscht massiv.

Veröffentlicht am 17.06.2019

Spannender Thriller mit Marseille als Hauptperson

Zara und Zoë - Rache in Marseille
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Dieses Buch fiel mir durch Zufall in die Hände und hat sofort mein Interesse geweckt, da ich 2017 meine Flitterwochen in Marseille verbracht habe. Diese französische Stadt, die Afrika so nahe ist, hat ...

Dieses Buch fiel mir durch Zufall in die Hände und hat sofort mein Interesse geweckt, da ich 2017 meine Flitterwochen in Marseille verbracht habe. Diese französische Stadt, die Afrika so nahe ist, hat mich in ihren Bann gezogen, gerade weil hier alles anders ist als in Deutschland. Die wilden Calanques, die entspannten, aber lauten Menschen, die südländische Natur - all das konnte mein Herz im Sturm erobern. Als Tourist habe ich von der dunklen Seite der Stadt nichts mitbekommen, entsprechend neugierig war ich auf diese Geschichte.



In kurzen Blitzlichtern erzählt

Der Roman ist beinahe wie ein Film erzählt. In kurzen Kapiteln, die immer nur wie ein Blitzlicht eine Szene abbilden, wird die Geschichte von den Schwestern Zara, der Polizistin, und Zoë, der Mafia-Königin, erzählt. Alles beginnt mit dem im Klappentext erwähnten Mord an einem jungen Mädchen. Zara, die offenbar autistische Züge hat, spürt sofort, dass da mehr als ein Mord hinter steckt, doch ihre Ermittlungen führen in eine Sackgasse. Sie kennt das südliche Frankreich, weil sie dort aufgewachsen ist, und weiß, dass sie mit ihrem Respekt für Regeln nicht durchkommt. Das ist brillant geschrieben, insbesondere weil wir von Zara wenig Emotionen bemerken, egal ob wir in ihrer Perspektive oder in jener ihres Partners stecken. Sie funktioniert anders als die meisten anderen Menschen, aber anstatt das auszuschlachten, wird es einfach so präsentiert, wie es ist, mit allen Vor- und Nachteilen. 

Sobald Zoë zur Hauptperson wird, ändert sich das Tempo. Sie scheut keine Gewalt und so kommen sie und der sehr verwirrte, schwedische Partner schnell dem Komplott auf die Spur. Man kann den Ermittlungen beim Lesen folgen und es macht Spaß zu sehen, wie alle Puzzleteile sich zusammenfügen. Manchmal übertreibt der Autor ein wenig mit dunklen Andeutungen oder der Beschreibung von coolen Aktionen der Figuren, doch das ist verzeihbar. Der Fall selbst ist am Ende recht offensichtlich, doch darum geht es hier auch nicht.



Die Stadt selbst als Hauptperson

Denn im Mittelpunkt dieses Romans steht die Stadt selbst mit all ihrer Schönheit, aber auch all ihren Problemen. Die ganze Mittelmeerküste von Frankreich, sogar in kurzen Augenblicken von Italien, sind ist die eigentliche Hauptperson. Die Stimmung der Jugendlichen, das politisch aufgeheizte Klima, die extreme Armut - all das wird wunderbar eindrücklich geschildert, wirkt authentisch ohne zu dramatisieren. Man merkt, dass der Autor Frankreich kennt und liebt.

Ebenso ist am Ende klar: Obwohl die Täter geschnappt werden konnten und eine Katastrophe verhindert wurde, das eigentliche Problem ist nicht gelöst. Es wurde nur ein Symptom bekämpft. Ein echtes Siegesgefühl bleibt so aus, denn die Korruption der Polizei besteht fort, ebenso wie die Jugendarbeitslosigkeit und Ausländerfeindlichkeit. Doch genau das ist auch die Stärke des Romans - es gibt an der Situation nichts zu beschönigen, also tut er es auch nicht.



Fazit

Der Thriller "Zara & Zoë - Rache in Marseille" von Alexander Oetker besticht durch die schonungslose Darstellung der politischen Probleme in Frankreich. In kurzen, schnellen Szenen lernen wir die Hauptfiguren kennen, vor allem aber Marseille, Nizza und die ganze Mittelmeerküste. Die organisierte Kriminalität erscheint plötzlich greifbar. Obwohl der Autor manchmal zu viel wert darauf legt, eine Szene cool zu beschreiben, liest sich der Roman trotzdem flott und es macht Spaß, den Ermittlungen zuzuschauen. Für jeden Fan von Frankreich ist dieser Roman definitiv empfehlenswert.

Veröffentlicht am 15.06.2019

Spannender Krimi, der Hollywood zum Leben erweckt

Der Mann, der nicht mitspielt
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Zu diesem Buch gibt es eigentlich nicht viel zu sagen, außer: Es ist sehr gut. Eine Perfekte Mischung aus spannendem Kriminalfall und Darstellung historischer Umstände und Kulissen. Für mich als großen ...

Zu diesem Buch gibt es eigentlich nicht viel zu sagen, außer: Es ist sehr gut. Eine Perfekte Mischung aus spannendem Kriminalfall und Darstellung historischer Umstände und Kulissen. Für mich als großen Fan des frühen Kinos war dieses Buch eine tolle Entdeckung, denn es hat mir das Hollywood, von dem noch heute geschwärmt wird, obwohl es nicht mehr in der Form existiert, auf eine Art und Weise näher gebracht, die ich nicht erwartet hatte: Es ist viel glänzender und aufregender, aber auch viel schmutziger und abstoßender als angenommen. Wenn ich versuche, dem Roman gerecht zu werden, muss ich länger ausholen - entsprechend ausführlich fällt diese Rezension aus.



Die Glanzzeit von Hollywood

Die große Stärke dieses Romans liegt darin, dass der Autor sehr genau weiß, worüber er schreibt: Das Hollywood der 20er Jahre erwacht von der ersten Seite an zum Leben. Da ist auf der einen Seite die dreckige Stadt, die oft beinahe selbst wie eine Persönlichkeit wirkt mit all ihren sonderbaren Gegebenheiten. Dann sind da authentische Figuren, die jungen Schauspielerinnen, die alles für den Erfolg tun würden, oder die Bewohner von Chinatown, die anders als die anderen Einwanderer viel stärker unter sich bleiben und dadurch geheimnisvoll wirken. Natürlich sehen wir auch viele bekannte Persönlichkeiten, die es in der Geschichte wirklich gegeben hat: Carl Laemmle zum Beispiel, der Schwabe, der Universal Studios gegründet hat, oder Adolph Zukor, der Ungar, der im Roman "Famous Players" leitet, welches sich später in Paramount Pictures umbenennt. Sie alle bekommen schillernde Persönlichkeiten, ohne jedoch wie stereotype Abziehbilder von klischeehaft-bösen Studio-Bossen zu wirken.

Alles in diesem Roman atmet die Luft der 20er Jahre. Egal, wer man ist, egal, welchen Hintergrund man hat, jeder kann es zu etwas Großem bringen, wenn er nur zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort ist. Dieses Gefühl des amerikanischen Traums, der damals noch so wirklichkeitsnah war, steht auf jeder Seite. Trotzdem fühlt man sich als Leser nie wirklich wohl in dieser Welt. Es ist, als könnte man die Dekadenz und die Korruption unter allem riechen.



Ein schwer greifbarer Ermittler

Die Ermittlerfigur selbst, Hardy Engel, der ebenfalls Deutscher ist, blieb mir hingegen bis zum Schluss ungreifbar. Obwohl der Roman in der Ich-Perspektive geschrieben ist, konnte ich nie wirklich eine Verbindung zu ihm aufbauen. Gerade in der ersten Hälfte des Romans, der in insgesamt vier Abschnitte unterteilt ist, war die Ursache dafür seine erstaunliche Kompetenz: Er scheint nie Fehler zu machen, immer den richtigen Riecher zu haben und eine herausragende Menschenkenntnis zu besitzen. Über weite Strecken wirkte er wie ein bloßes Werkzeug, durch das die Geschichte erzählt werden sollte. Umso angenehmer war ich überrascht, als sich herausstellte, dass der ganze Fall deutlich komplexer ist und Hardy weit, weit entfernt davon, die Wahrheit zu kennen.

Trotzdem fällt es mir auch jetzt noch schwer, ihn wirklich zu greifen. Er ist clever und hart im Nehmen, immerhin war er Soldat im Großen Krieg und zuvor bei der Polizei in Deutschland gewesen. Darüber hinaus ist er nicht bestechbar. In einem Hollywood, das nur aus Korruption und Betrug zu bestehen scheint, fällt er damit natürlich auf. Gleichzeitig behält er bis zum Schluss einen gesunden Selbsterhaltungstrieb: Er versucht alles, um den Fall aufzuklären und an die Öffentlichkeit zu bringen, aber er versteht auch, wann er stumm bleiben muss. 



Überraschungen und Wendungen bis zum Schluss

Was dieser Roman mit Hilfe von Hardy Engel wunderbar schafft, ist, ganz langsam den Fall aufzubauen. Es fängt nicht direkt mit Mord an, sondern erscheint zunächst klein und unbedeutsam. Erst später stirbt die im Klappentext erwähnte Virginia Rappe und damit ist der Skandal da. Augenblicklich scheint ganz Hollywood betroffen zu sein. Doch Hardys Ermittlungen fördern immer neue Wahrheiten zu Tage, manche stellen sich davon später als Lügen heraus, manche erscheinen in neuem Licht. Da wir als Leser in Hardys Perspektive feststecken, bleiben wir genauso wie er bis zum Schluss im Dunkeln, wer es wirklich war und wer aus dem Hintergrund wo die Strippen gezogen hat. Wir sehen ihm bei der Detektivarbeit über die Schulter, können jeden Schritt nachvollziehen, aber wir sind ihm nie Voraus. Weigold spielt wundervoll mit den Eigenschaften des Ich-Erzählers, so dass es bis zum letzten Kapitel spannend bleibt, wie die Geschichte ausgeht.

In diesem Sinne stimmt es mich auch zuversichtlich, dass wir noch mehr von Hardy Engel zu lesen bekommen. Ein zweiter Teil um diesen Privatdetektiv Der blutrote Teppich ist bereits erschienen und ich kann es kaum abwarten, auch diese Geschichte zu lesen.



Fazit

Der Kriminalroman "Der Mann, der nicht mitspielt" von Christof Weigold versteht es meisterhaft, einen spannenden Mordfall vor der Kulisse des frühen Hollywoods zum Leben zu erwecken. Obwohl Hardy Engel bis zum Schluss eine schwer greifbare Figur bleibt, ist der Fall spannend und bis zum Schluss fragt man sich, wer nun wirklich hinter allem steckt. Für jeden Fan von Hollywood, aber auch alle, die sehr kritisch dieser Welt des schönen Scheins gegenüber stehen, ist dieser Krimi definitiv empfehlenswert!

Veröffentlicht am 12.06.2019

Starker Krimi mit schwachen Figuren

Unbarmherzig
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Als Kriminalroman funktioniert dieses Buch wirklich gut. Die Ermittlungen sind nachvollziehbar, als Leser ist man Gina Angelucci zeitweise ein wenig voraus, und trotzdem macht es Spaß zu lesen, wie sie ...

Als Kriminalroman funktioniert dieses Buch wirklich gut. Die Ermittlungen sind nachvollziehbar, als Leser ist man Gina Angelucci zeitweise ein wenig voraus, und trotzdem macht es Spaß zu lesen, wie sie langsam das Puzzle zusammensetzt. Als geschichtsinteressierter Mensch lernt man zudem noch einiges über Zwangsarbeit zur NS-Zeit, ein Thema, das neben all den anderen Gräultaten dieser dunklen Epoche leider oft in Vergessenheit gerät. Gerade in ländlichen Regionen ist oft heute schon in Vergessenheit geraten, was sich vor der Tür abgespielt hat. Dieser Roman erinnert daran.



Spannender Kriminalfall mit tragischem Höhepunkt

Der Fall um den Knochenfund wird schnell hochpolitisch, da offensichtlich verschiedene Interessen die Ermittlungen behindern. Gleichzeitig entführen uns kurze Episoden immer wieder in die Vergangenheit, in das Leben des weiblichen Opfers, und so kennen wir die historischen Umstände der Zeit. Dies erscheint solide recherchiert und ist der lebhafteste Teil der gesamten Geschichte. Wir können mit ihr leiden und lieben und hoffen.

Dass die Ermittlerin in der Gegenwart dem tragischen Fall auf der Spur ist, gibt Hoffnung, dass beide Opfer am Ende vielleicht doch noch Gerechtigkeit erfahren - ebenso wie ihre Familien, die über 70 Jahre nicht wussten, was mit ihren vermissten Liebsten geschehen ist. Viele kleine Puzzleteile in der Gegenwart setzen sich zu dem tragischen Fall zusammen, doch das Ende kommt unerwartet und die wahre Tragik der Geschichte tut sich erst dann auf. Das ein wundervoll gewobener Teppich aus vielen spannenden Fäden.



Eine Schwache Ermittlerfigur und zu viel Fokus auf das Privatleben

Auf der anderen Seite steht das Privatleben der Ermittlerin sowie Einblicke in die Leben der Bewohner des Dorfes, in dem die Knochen gefunden wurden. In einer Reihe um eine Ermittlerfigur macht es Sinn, dass wir auch etwas über sie als Person und ihre Familie erfahren. Dennoch empfand ich den gesamten Erzählstrang um die Stalkerin und Ginas Familie als störend. Einerseits waren diese Einschübe immer so kurz, dass die nötige Emotionalität fehlte, andererseits waren sie aber lang genug, um mich aus dem eigentlichen Kriminalfall rauszureißen.

Generell stehe ich der Ermittlerfigur von Gina Angelucci zwiespältig gegenüber: Dies ist nicht das erste Buch, in dem sie auftaucht, insofern kann es durchaus sein, dass mir Hintergrundwissen fehlt, um sie greifen zu können. In diesem Buch jedenfalls bleibt sie eine flache Figur, der zwar einige Attribute zugeschrieben werden, doch nie so, dass ich als Leser sie fühlen kann. Stattdessen wirkt sie wie ein Werkzeug, um den Kriminalfall zu erzählen. Das wäre an sich in Ordnung, wenn der Fokus auf ihr Privatleben nicht vorhanden wäre, denn damit soll ja emotionale Nähe erlangt werden. Wir erfahren jedoch fast nichts über ihre Gefühle und bekommen immer nur kurze, wertende Gedanken zu lesen, die ebenfalls nicht viel über ihre Wertvorstellungen, Ziele, Wünsche und Bedürfnisse aussagen. Zudem verhält sie sich, zumindest in meinen Augen, ihrem Ehemann und ihrem Kollegen gegenüber unfair.

Dass wir auch Einblicke in das Leben von Ella, welche die Knochen gefunden hat, und Toni, der Tochter des während der NS-Zeit amtierenden Bürgermeisters, erhalten, hat mir durchaus gut gefallen. Leider war auch hier, gerade bei Ella, oft der Fokus auf nebensächlichen Alltagsdetails - wann geht sie duschen, isst sie eine Banane oder einen Apfel? - so dass ich zwischenzeitlich ein wenig ungeduldig und genervt war. Hier hätte ich mir gewünscht, dass das Lektoriat mit rotem Stift "Relevanz?" daneben geschrieben hätte und einiges ein wenig straffer erzählt worden wäre.



Fazit

Der Kriminalroman "Unbarmherzig" von Inge Löhnig ist ein gut recherchierter, spannender Ausflug in die NS-Zeit und die weniger bekannten Teile des Regimes: die Zwangsarbeit. Das Puzzle des uralten Falls wird meisterhaft zusammengesetzt. Leider bleibt die Ermittlerin dabei sehr flach und kalt, während der zweite Erzählstrang um ihr Privatleben gleichzeitig gehetzt und zu kurz sowie zu lang und ablenkend wirkt. Mehr Fokus auf den Krimi und eine größere Emotionalität beim Darstellen der Figur hätte hier ein großartiges Werk entstehen lassen können.


Veröffentlicht am 25.05.2019

Spannende Kirchengeschichte mit leider flachen Charakteren

Der Buchliebhaber
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Der Titel und das Cover dieses Buches können den interessierten Käufer leider sehr leicht in die Irre führen. Denn wenn man erwartet, hier eine süße Liebesgeschichte vor dem Hintergrund einer Suche nach ...

Der Titel und das Cover dieses Buches können den interessierten Käufer leider sehr leicht in die Irre führen. Denn wenn man erwartet, hier eine süße Liebesgeschichte vor dem Hintergrund einer Suche nach alten Dokumenten zu bekommen, wird vermutlich recht schnell enttäuscht. Natürlich gibt es die Romanze, und natürlich lesen wir von spannenden Ermittlungen - doch es ist viel mehr als bloß die Geschichte zweier Menschen, die in der Suche nach verschütteten Geheimnissen vereint sind.

Der englische Originaltitel verrät auch noch etwas, was der Klappentext uns vorenthält: The Lost Book of the Grail Or, A Visitor's Guide to Barchester Cathedral (Das verschwundene Buch des Grals oder Ein Besucherführer für die Barchester-Kathedrale). Denn wie ich zu meinem großen Vergnügen festgestellt habe, ist die Hauptperson, Arthus Prescott, vor allem auf der Suche nach dem Heiligen Gral, welchen er in seiner Heimatgemeinde Barchester vermutet. Gleichzeitig hat er den Auftrag, einen Kirchenführer über die Geschichte der Kathedrale zu schreiben. Diese ist mit der Geschichte der Eiligen Ewolda verbunden, über die jedoch praktisch nichts bekannt ist. Erst, als die Amerikanerin Bethaney Dawis auftaucht und ihn darauf aufmerksam macht, dass ein mittelalterliches Manuskript in der Bibliothek fehlt, findet er eine neue Spur und gemeinsam begeben sie sich auf die Suche nach jenem Manuskript, von dem sie sich erhoffen, dass es die Lebensgeschichte von Ewolda enthält.



Eher flache Charaktere

Im Hintergrund des Romans spielen weitere Figuren eine Rolle, wie Arthurs Freunde Oscar und David, oder die Dekanin der Kathedrale, Gwyneth. Eine wirkliche Charakterisierung erhalten sie jedoch nicht, sondern funktionieren eher als Plot-Instrument, um die Geschichte an den richtigen Stellen vorwärts zu bringen. Vor allem aber sind sie es, die von Anfang an Arthur damit aufziehen, dass er wohl etwas mehr für die Amerikanerin empfindet, welche er nach außen hin aufgrund ihres Digitalisierungsvorhabens verabscheut. Bevor sie die beiden je zusammen gesehen haben, sind alle seine Bekannten bereits überzeugt, dass er in sie verliebt ist. Das ist der eine große Punkt in diesem Roman, der mich gestört hat: Die Liebesgeschichte wirkt von außen aufgezwungen und entwickelt sich wenig natürlich zwischen Arthur und Bethany. Obwohl wir immer wieder mitbekommen, wie fasziniert Arthur von Bethany ist, fehlen doch jegliche Hinweise darauf, was sie an ihm finden könnte. Zusätzlich steuert dieser Subplot nichts zum eigentlichen Thema bei und wirkt damit noch merkwürdiger.

Das Nachfühlen der Emotionen wird auch dadurch erschwert, dass die Geschichte einerseits über weite Strecken ausschließlich aus Dialogen besteht, ohne dass es Einschübe über Gefühle, Gedanken, Mimik oder Gestik der sprechenden Charaktere gibt. Als Leser muss man all das aus dem gesprochenen Wort ablesen - doch was gesagt wird, erscheint oft eher wie ein wissenschaftlicher Aufsatz, frei von jeglichen Emotionen. Wenn Charaktere gerade nicht sprechen, bekommen wir entweder ausführlich Arthurs Gedanken präsentiert, oder beschreibende Ausführungen über vergangene Geschehnisse. Auch hier werden Charaktere nicht komplexer gestaltet und treten hinter der Information, die vermittelt werden soll, zurück. Somit bleiben alle Figuren bis auf Arthur, dessen Gedanken wir lesen, eher flach.

Arthur ist ein spannender Charakter, der gefangen ist in seinem Elfenbeinturm der Wissenschaft. Seine Liebe zu gebundenen Büchern und die Angst, dass Digitalisierung den Untergang der kulturellen Errungenschaften der Vergangenheit bedeuten wird, macht ihn streckenweise arrogant und schwer erträglich, doch man kann ihm leicht verzeihen, gerade wenn man seine Liebe teilt. Im Verlauf des Buches lernt er die Vorzüge von Internet und digitalen Medien zu schätzen und wächst an daran.



Eine spannende Suche nach verschollenen Schätzen

Doch in diesem Roman geht es nicht um die Figuren. Es geht um Kirchengeschichte und eine Schnitzeljagd auf der Suche nach einem verschwundenen Manuskript, das vielleicht auch den Schlüssel zum Heiligen Gral enthalten könnte. Jedes Kapitel wird eingeleitet mit einer Szene, die viele Jahrhunderte früher stattgefunden hat: Von Generation zu Generation wird das Geheimnis der Ewolda und ihrem Schatz von einem Hüter zum nächsten weitergegeben und wir als Leser sind Zeuge davon. Wir wissen damit etwas mehr als die Suchenden, doch bis zum Schluss bleiben wir über wesentliche Punkte im Dunkeln.

Hier liegt auch die große Stärke des Romans: Eine erfundene Geschichte über eine nichtexistente Heilige wird so spannend und informativ aufbereitet, dass man das Gefühl bekommt, dies hätte sich in der realen Welt zutragen können. Sorgfältig werden echte Geschehnisse wie die Verfolgung aufgrund von Glauben und Religion unter Cromwell verstrickt mit der ausgedachten Geschichte über die Hüter von Ewoldas Schatz. Oft liest sich dies eher wie ein wissenschaftlicher Aufsatz, der mit den Stilmitteln eines Romans geschrieben wurde, doch mich persönlich hat das nie gestört. Ich fand es mehr als spannend und authentisch dargestellt. Auf 500 Seiten wurde ich mitgenommen und konnte eintauchen in die Welt von Religion und Kirchengeschichte.



Fazit

Der Roman "Der Buchliebhaber" von Charlie Lovett verbindet eine oberflächliche Liebesgeschichte mit einer gut recherchierten Suche nach verschollenen kirchengeschichtlichen Manuskripten. Gut recherchiert, spannend erzählt und zu einem konsequenten Ende geführt, verfolgen wir eine Schnitzeljagd erwachsener Personen, die an den Heiligen Gral glauben, aber bis zum Schluss nicht wissen, welcher unglaublichen Entdeckung sie wirklich auf der Spur sind. Die Charaktere dieser Geschichte sind nebensächlich und so bleiben sie leider sehr flach. Wer sich für die Sage um König Artus, den Heiligen Gral und Religionsgeschichte in England interessiert, kommt hier definitiv auf seine Kosten. Die Liebesgeschichte hingegen bleibt stets im Hintergrund.