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Veröffentlicht am 31.08.2017

Wundervoll bestürzend geschrieben

Die Tänzerin von Paris
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Dieser Roman hat aufgrund des Covers und des Titels mein Interesse geweckt. Da ich selbst Tänzerin bin und vor kurzem erst in Paris war, habe ich ohne zu zögern zugegriffen. James Joyce steht zwar in meinem ...

Dieser Roman hat aufgrund des Covers und des Titels mein Interesse geweckt. Da ich selbst Tänzerin bin und vor kurzem erst in Paris war, habe ich ohne zu zögern zugegriffen. James Joyce steht zwar in meinem Regal, doch gelesen habe ich ihn nie, entsprechend wusste ich nicht, worauf ich mich bei einem biografischen Roman über seine Tochter einlassen würde. Nach der Lektüre ihres tragischen Schicksals blieb ich mehr als verstört und betroffen zurück. Ich empfehle euch also, eine Decke und eine Tasse heißen Tees zu nehmen, denn auch eine Besprechung dieses Romans wird nicht leicht.



Segen und Fluch der Psychoanalyse

Die Geschichte eröffnet mit einer Szene im Jahr 1934 in Zürich, also nach den Ereignissen, um die es im Buch größtenteils gehen wird. Wir sehen Lucia Joyce in einer Therapiesitzung bei C. G. Jung, einem ehemaligen Wegbegleiter von Sigmund Freud, der sich jedoch zum Zeitpunkt dieser Therapie bereits von ihm abgewandt hatte. Hier erscheint Lucia verwirrt und merkwürdig fixiert auf Kleinigkeiten, die für den Leser noch rätselhaft bleiben. Dieser Epilog führt auf gelungene Weise dazu, dass man sich während der gesamten Erzählung bewusst ist, dass die junge Frau an tiefgreifenden psychischen Problemen leidet oder leiden wird. Das Lesen geschieht also von Anfang an unter besonderen Vorzeichen.

Jung ist von Beginn an darauf fokussiert, Lucia von ihrem Vater James Joyce zu lösen. Er nimmt in einer Szene, die es mir kalt den Rücken runter laufen ließ, das Wort der Übertragung in den Mund und erklärte ihr, nur wenn ihr Vater Zürich (und damit sie) verlässt, kann eine Übertragung ihrer Gefühle für den Vater auf ihn, den Therapeuten stattfinden. Aus meinem Verständnis der Psychologie heraus ist eine Übertragung, insbesondere auf den Therapeuten, genau das Gegenteil dessen, was man erreichen will. Die Methoden der frühen Psychoanalyse scheinen mir mehr als ungeeignet für eine Heilung, entsprechend unwohl fühlte ich mich bei jeder Szene zwischen Lucia und Doktor Jung. Sie begleiten das Buch, da die eigentliche Geschichte die Erzählungen Lucias für Jung sind, und sie liefern auch wichtige Einblicke in das, was die tragischen Ereignisse ausgelöst hat. Dennoch wurde mir zunehmend übel, körperlich übel, wann immer eine Therapiesitzung eingebaut wurde.



Der lange Schatten des Vaters

Die eigentliche Geschichte spielt im Paris Anfang der 1920er Jahre, erzählt aus der Ich-Perspektive von Lucia Joyce. Sie ist eine talentierte Tänzerin, hat ein stabiles, soziales Umfeld und hilft zu Hause aus, wo sie nur kann. Ihr berühmter Vater, James Joyce, hat ein Augenleiden, dass ihn zunehmenden erblinden lässt, so dass er auf die Hilfe seiner Tochter und einiger williger Schmeichler, wie Lucia sie nennt, angewiesen ist. Einer davon ist Samuel Beckett, ein ebenfalls aus Irland stammender Schriftsteller, der auf den ersten Blick ihre Liebe auf sich zieht.

Obwohl das Paris der zwanziger Jahre eine freie, zügellose Stadt ist, wächst Lucia in einem strengen, irisch-katholischen Elternhaus auf, so dass sie emotional und sexuell völlig unerfahren ist. Während sie im Tanzen immer erfolgreicher wird, steigert sie sich zunehmend in ihre Liebe zu Beckett hinein, der ihr auch das ein oder andere Mal körperlich Nahe kommt. Hier zeigt sich die Macht eines unzuverlässigen Ich-Erzählers: Beinahe mühelos gelingt es Annabel Abbs, dem Leser vorzugaukeln, dass Beckett die Gefühle erwidert, während gleichzeitig stets unterschwellige Zweifel vorhanden sind, da man spürt, wie einseitig die Beobachtungen Lucias sind.

Gleichzeitig kämpft sie mit ihrem berühmten Vater und der Mutter, die das ganze Leben nur auf das Wohlergehen des Vaters ausrichtet. Wo Lucia tanzen will, schlagen die Eltern vor, sie könnte das Bücherbinden lernen, um dem Vater zu helfen. Wenn sie tanzt, dann wünscht sich ihr Vater, dass sie es nur für ihn tut, nicht öffentlich, damit er von ihr inspiriert werden kann. Wann immer sie eigenständige Entscheidungen treffen will oder unabhängig von der Familie leben möchte, redet insbesondere ihre Mutter ihr ins Gewissen, dass sie den Vater nicht im Stich lassen kann, dass er sie braucht, sowohl pragmatisch als auch als Muse. Verzweifelt sieht man zu, wie sich darüber in Lucia ein immer größerer Hass auf die Mutter aufbaut, wie sie aber gleichzeitig immer wieder nachgibt und den Wünschen des Vaters nachkommt. Sie sieht sich selbst als Sprössling im Schatten einer uralten, mächtigen Platane.



Vergiftete Familienbeziehungen

Familienbande sind Segen und Fluch zugleich. Nichts kann einem mehr Halt geben als das Wissen, dass die Eltern und die Geschwister immer und vorbehaltlos da sind, wann immer man sie braucht. Sie spenden Geborgenheit, sie kennen die tiefsten seelischen Leiden, sie lieben ohne Vorurteil. Genauso leicht kann die Beziehung zur Familie jedoch umkippen. Das Beispiel von Lucia zeigt tragisch und verstörend, wie diese eigentlich durch Liebe geprägte Beziehung vollkommen vergiftet wird. Wenn die Familienmitglieder nicht ebenbürtig sind, wenn die Wünsche der Kinder den Ambitionen der Eltern geopfert werden, wenn die Kinder ihren Wert beweisen müssen, statt bedingungslose Liebe zu erfahren, dann wird die Familie zum Gefängnis.

Der Gegensatz zwischen Pariser Bohème und dem strengen Leben der Familie Joyce sind drastisch. Immer wieder muss sich Lucia beispielsweise von ihrer Mutter anhören, dass in Irland nur Schlampen und Huren tanzen. Das Thema der Scham wird subtil immer wieder im Roman aufgegriffen, denn auch wenn Lucia es selbst selten so nennt, entspringt viel ihrer Wut aus einem für sie nicht fassbaren Schamgefühl heraus. Während ihre Eltern sehr daran interessiert sind, die öffentlichen Gesangsauftritte ihres Bruders Giorgio zu besuchen, schämen sie sich beinahe für die Tanzauftritte der Tochter. Es ist Lucia von Beginn an unmöglich, ein gesundes Selbstbewusstsein aufzubauen. Die unterdrückten Kindheitserinnerungen, die Jung auszugraben versucht, tun ihr Übriges, um Lucias Erwachsenenleben ins Dunkel zu werfen.

Es ist bemerkenswert, wie eindringlich Abbs diesen problematischen Komplex beschreibt, ohne dass man sich von der Psychoanalyse-Keule erschlagen fühlt. Ihr Schreibstil – und die grandiose Übersetzung durch Ulrike Seeberger – sind angemessen glamourös und bildgewaltig, aber auch einfühlsam und leise, wenn es sein muss. Zunächst unbemerkt schleicht sich immer mehr das in Lucias Betrachtungen ein, was in der damaligen Zeit gerne als Neurose bei Frauen beschrieben wurde. Abbs Schreibstil erlaubt es, dass wir uns das lebendige Paris ebenso wie die beklemmende Enge der Joyce’schen Wohnung plastisch vorstellen können.



Ein paar Kritikpunkte zum Schluss

Das Buch ist mir über 500 Seiten sehr lang, dennoch bekam ich zum Ende hin das Gefühl, dass die Autorin zu schnell vorging. Neue Personen tauchten auf und ehe ich sie einordnen konnte, waren sie schon wieder verschwunden. Das steht in einem deutlichen Kontrast zum Anfang, wo manche Passagen beinahe zu ausführlich wirkten. Zudem wirkte insbesondere eine Figur auf merkwürdige Weise unbeteiligt, obwohl der Charakter zentral war. Hier hätte ich mir zumindest Andeutungen einer Beteiligung gewünscht, damit die Aufklärung, was das Kindheitstrauma war, ein wenig schlüssiger gewirkt hätte. Die Autorin hat gekonnt eine falsche Spur gelegt, doch dabei scheint es beinahe, dass sie sämtliche Beziehungen gekappt hat, auch jene, die notwendig gewesen wären.

Darüber hinaus finden sich einige kleinere Logikfehler, die leicht vermeidbar gewesen wären oder, falls sie absichtlich vorhanden waren, ein wenig besser erklärt hätten werden sollen. So erfahren wir beispielsweise auf der einen Seite, dass die Mutter kaum Lesen und Schreiben kann, während sie aber andererseits sehr wohl Briefe geschrieben hat – und zwar Briefe, die sie definitiv nicht von einem Schreiber hätte anfertigen lassen. Der Roman ist faszinierend tiefgründig recherchiert, da fallen solche Fehler leider besonders auf. Aber für den Genuss der Geschichte selbst ist es glücklicherweise nicht erheblich.



FAZIT:

Der Roman „Die Tänzerin von Paris“ von Annabel Abbs ist die verstörende, tragische Lebensgeschichte von Lucia, der Tochter des großen James Joyce. Mit ihrer bildgewaltigen Sprache schafft die Autorin es, uns das wilde Leben im Paris der zwanziger Jahre, aber auch das strenge Leben in dem irisch-katholischen Haushalt der Joyce-Familie näherzubringen. Emotional aufwühlend und eindringlich erleben wir den seelischen Niedergang von Lucia mit. Am Ende dieses Buches war ich völlig verstört, aber auch nachdenklich und interessiert daran, mehr über alle auftretenden Personen zu erfahren. Man muss sich auf dieses Buch einlassen, um es genießen zu können, doch wer offen und interessiert ist, wird definitiv belohnt.

Veröffentlicht am 25.07.2017

Wenn Momo erwachsen wäre

Was man von hier aus sehen kann
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Ich bin noch immer sprachlos nach der Lektüre dieses Buches. Ich glaube, wenn man einen Text von Mariana Leky gelesen hat, einen Roman, in dem jeder Satz sorgfältig konstruiert ist und trotzdem zauberhaft ...

Ich bin noch immer sprachlos nach der Lektüre dieses Buches. Ich glaube, wenn man einen Text von Mariana Leky gelesen hat, einen Roman, in dem jeder Satz sorgfältig konstruiert ist und trotzdem zauberhaft simpel bleibt, kann man gar nicht in Worte fassen, was man empfindet, denn jedes Wort verblasst. Dennoch – oder vielleicht auch gerade deswegen – muss ich euch von diesem Buch erzählen.

Ich habe dieses Buch gelesen, weil die Idee, dass nach einem Okapi-Traum jemand stirbt, so derart abstrus und anders ist, dass ich unwillkürlich neugierig geworden bin. Das Buch ist in drei Abschnitte geteilt und der gesamte erste Teil dreht sich nur um das Traum.Okapi und die Folgen, die das Wissen um den baldigen Tod hat. Die Geschichte spielt in einem kleinen Dorf irgendwann am Ende des 20. Jahrhunderts, die Menschen kennen sich, sind alle auf ihre Weise verschroben, doch eines eint sie: der Glaube an die prophetische Kraft von Selmas Traum. Selbst jene, die es vehement abstreiten, glauben daran.

Aus der Sicht der zehnjährigen Luise, Selmas Enkelin, geschrieben, erleben wir mit, wie die verschiedensten Charaktere mit der Angst vor dem Tod umgehen. Es ist ein faszinierendes Spektakel, das durch die simple Naivität, welche mit der Perspektive eines jungen Menschen einhergeht, eine erstaunliche Authentizität erhält. Leky berichtet, wie die Dorfbewohner viel von „immer“ und „niemals“ schreiben, ausführlicher muss sie nicht werden, jeder Leser versteht intuitiv, was gemeint ist. Genau darin liegt auch ihre Stärke: Sie verspürt nicht den Drang, uns die Details unter die Nase zu halten, uns auf dem Silbertablett die Erkenntnis zu präsentieren. Sie deutet an und der Rest wird gefüllt von den Erfahrungen, die der Leser selbst im Leben gemacht hat.

Dass am Ende jemand stirbt, ist nicht verwunderlich, doch geschockt war ich davon, wen es traf. Mein Herz tat tatsächlich weh. Es ist ein simpler Satz, den Leky für diesen Todesfall verwendet, und umso mächtiger hallt er wider. Auf einige der Personen hat dieser spezielle Tod eine nachhaltige Wirkung, auch das ist realistisch, so nebensächlich es anfangs auch erwähnt wird.

Lakonisch, beinahe neutral wird die Reise von Luise fortgesetzt. Um sie herum geht das Leben weiter seinen Gang, selbst dann, als eine Begegnung mit dem japanischen Mönch Frederik sie selbst völlig aus der Bahn wirft. Sie weiß, dass er ihre große Liebe sein wird und zeigt sich für wenige Augenblicke ungewöhnlich mutig, nur um sich dann doch dem gewohnten Gang des Lebens unterzuordnen. Nichts in diesem Roman scheint stärker zu sein als der gewohnte Gang des Lebens. In diesem Dorf verändert man sich nicht. Immerhin ist es auch Selmas Maxime, dass man gerade denn, wenn man Angst hat und das Morgen nicht kennt, genau das tut, was man immer tut. Gewohnheit gibt Halt.

Doch genauso ist Gewohnheit für großes Leid verantwortlich. Selbst dann, wenn die Gewohnheit darin besteht, ständig etwas Ungewöhnliches zu tun – wie beispielsweise immer neue Orte auf dem Globus zu besuchen -, kann diese Gewohnheit einem am Ende um einen kostbaren, nie nachzuholenden Moment bringen. Die Unfähigkeit, rechtzeitig mit seinen gewohnten Handlungen zu brechen, hat mir in diesem Buch gegen Ende hin erneut mein Herz gebrochen. Ebenso führt die Gewohnheit dazu, dass Luise nicht gegen ihre Verstocktheit ankämpft und nicht ihrer großen Liebe nachjagt. Es ist einfacher, in gewohnter Umgebung und mit gewohntem Alltag unglücklich zu sein, als für ein eventuelles Glück einen Sprung ins Ungewisse zu wagen.

Die Dorfmenschen sind ehrliche Leute. Sie sind einfach, teilweise kann man sie tatsächlich schlicht nennen, doch gerade darin besteht ihre Stärke. Sie sehen die Welt, wie sie ist, sie sehen die Welt, wie ihr eigenes Leben sie geformt hat. Und egal, wie groß die Macke des Nachbarn ist, es ist und bleibt der Nachbar und man sorgt und kümmert sich. Selbst, wenn man mit einer Flinte bedroht wird. Jeder ist seltsam und anders, aber zusammen ergeben alle ein gewohntes Bild, das es zu erhalten gibt.

Während des Lesens dieses Romans fühlte ich mich mehr und mehr an ein Buch aus meiner Kindheit erinnert. Ich wusste, das Gefühl, das mir dieses Buch vermittelt, war bekannt. Und am Ende wusste ich, woran ich mich erinnert fühlte: Michael Endes „Momo“. Die Geschichte von Momo ist ein wenig stringenter erzählt, immerhin ist es eine Kindergeschichte, doch das Prinzip bleibt dasselbe: Wir erhalten Einblicke in Menschen, präsentiert mit einem sehr simplen, selbstverständlichen Tonfall. So ist es eben, sagen diese beiden Bücher, und weil es eben so ist, ist es gut. Wenn Momo erwachsen wäre, wäre sie wohl Selma.


FAZIT:

Der Roman „Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky lässt sich schwer in Worte fassen. Die außergewöhnliche Sprache, die gerade in ihrer Schlichtheit so intensiv wirkt, ermöglicht uns einen intimen Blick in das Leben einiger weniger Dorfmenschen, wie selbst das empathischste Erzählen, die größte Anhäufung von Adjektiven es nicht gekonnt hätte. Das Schicksal der Protagonistin Luise, ihrer Großmutter Selma und aller anderer Dorfbewohner wird schlagartig interessant, es ist unmöglich, der Erzählerin nicht zuzuhören, gerade weil alles in seiner Andersartigkeit doch so normal und authentisch wirkt. Ich kann für dieses Buch unumwunden eine wärmste Kaufempfehlung aussprechen.

Veröffentlicht am 07.09.2017

Die Faszination des Bösen

Targa - Der Moment, bevor du stirbst
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Barbara und Christian Schiller versprechen mit Targa, eine neue Reihe um eine etwas andere Ermittlerin aufzubauen – und in meinen Augen ist das tatsächlich gelungen. Ich liebe Bücher, die sich mit dem ...

Barbara und Christian Schiller versprechen mit Targa, eine neue Reihe um eine etwas andere Ermittlerin aufzubauen – und in meinen Augen ist das tatsächlich gelungen. Ich liebe Bücher, die sich mit dem Abgründigen und Abseitigen der menschlichen Psyche beschäftigen, so dass die Prämisse dieses neuen Thrillers mich sofort angesprochen hat.



> Stimmige Charaktere mit spannender Dynamik

Sowohl Falk Sandmann als auch die titelgebende Targa Hendricks werden schnell eingeführt und es ist von Beginn an klar, dass beide besondere Menschen sind. Bei Targa ist es offensichtlicher, sie hat Zwangsstörungen und gibt unumwunden zu, dass sie wenig Emotionen verspürt, insbesondere Liebe ist ihr fremd. In vielen Büchern sind es männliche Charaktere, die diesen speziellen psychischen Defekt erhalten, hier aber haben sich die Autoren eine Frau ausgesucht und es funktioniert wunderbar. Besonders gefällt mir, wie mühelos die Autoren ihre Emotionslosigkeit darstellen, während man gleichzeitig aus dem Subtext heraus liest, dass Targa sehr wohl Gefühle hat und menschlich reagiert. Das macht sie nur noch interessanter, da man ahnt, dass sie früher oder später einen Zusammenbruch erleiden wird. Als Hauptfigur war sie mir von Beginn an sympathisch, auch wenn sie nicht zur Identifikation taugt. Sie ist cool, ohne übermenschlich gut in ihrem Job zu sein. Ich bin mir sicher, dass auch weitere Romane über sie Anklang finden werden.

Auf der anderen Seite steht Sandmann, ein gutaussehender und charismatischer Mann, der genau weiß, wie man Frauen verführt und hörig macht. Seine Faszination mit jenem Moment, in dem ein Mensch stirbt, ist genau jene Art von psychischem Abgrund, die ich bei Serienmördern in Thrillern liebe. Er lebt seine Bösartigkeit aus, ohne sich zu verstellen. Der Tod durch Ersticken ist extrem grausam, gleichzeitig ist Strangulation ein recht klassischen Element von Fetisch-Sex, das zumindest mir schon öfter über den Weg gelaufen ist. Das Gefühl, dem Tod nahe zu kommen, kann in sonst eher apathischen Menschen ungekannte Lebendigkeit auslösen – weswegen sich Targa augenblicklich von ihm angezogen fühlt. Die Dynamik stimmt. Er lässt sie fühlen. Er sieht in ihr eine verwandte Seele. Sie ist interessant, das wichtigste Merkmal an Frauen, wenn es nach Sandmann geht. Ich war beim Lesen begeistert, nicht nur zwei stimmige Charaktere zu haben, sondern auch eine passende Dynamik in ihrer Beziehung vorzufinden.



> Handwerkliche Schwierigkeiten im Schreibstil

Der Plot selbst ist stringent aufgebaut und temporeich erzählt. Ehe man es merkt, sind die 400 Seiten auch schon wieder vorbei. Einige Szenen mit Figuren, die man nicht einordnen kann, sind trotzdem spannend und am Ende versteht man, was man da über wen gelesen hat. Das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Sandmann und Targa macht Spaß, auch wenn die Auflösung am Ende vergleichsweise zu actionlastig war und ich nicht in jedem Absatz verstanden habe, was genau gerade geschieht.

Was mich auch zu meinem Kritikpunkt führt: So flüssig der Schreibstil sich auch liest, handwerklich ist hier nicht alles im Reinen. Wir haben verschiedene Charaktere, aus deren Perspektive wir die Geschichte verfolgen. In manchen Szenen ist aber überhaupt nicht klar, wessen Perspektive wir gerade verfolgen, was aber gerade bei diesem Thriller wichtig ist, da die Einschätzung kleiner Details je nach Figur verschieden ist und Spannung erzeugen kann. Oft genug dachte ich, dass ich gerade etwas durch die Augen von Sandmann verfolge, weil die Autoren Formulierungen wie „die Frau“ benutzen, wenn sie über Targa sprechen. So würde aber Targa auch in der dritten Person nicht über sich sprechen. Es sind Kleinigkeiten, die anderen Lesern vielleicht gar nicht auffallen, mich aber doch immer wieder massiv gestört haben. Wenn ich von Absatz zu Absatz verwirrt bin, wessen Perspektive ich gerade verfolge und ob ich nervös sein sollte, dass Sandmann gerade intime Einblicke in Targas Leben erhält, reißt mich das aus dem Fluss heraus. Gleichzeitig macht es besonders die Actionszenen unübersichtlich, weil kein richtiger Fokus herrscht und man zwischen Wasser und Blut verloren geht.



> Ein Cliffhanger, der es spannend macht

Trotz der Schwierigkeiten im Schreibstil gerade zum Ende hin hat mir der Abschluss gefallen. Die Geschichte um Sandmann findet ein Ende, insofern ist der Roman abgeschlossen, doch die Hintergrundgeschichte um Targa geht weiter, in der Hinsicht ist das Ende offen. Ich war davon zunächst ein wenig überrascht, weil ich beim Lesen tatsächlich vergessen hatte, dass es nur der Auftakt zu einer Reihe ist, doch wenn man daran denkt, ergibt dieses Ende sehr viel Sinn und ist ein guter Cliffhanger.

Vor dem Hintergrund hoffe ich auch, dass einige der anderen Figuren, die wir hier kennengelernt haben, auch in den künftigen Bänden wieder auftreten werden. Auch, wenn einige davon nur kurze Auftritte hatten, sind sie doch spannend genug, dass ich mehr von ihnen lesen will. Auch das spricht für die Kunst der Autoren, gute Charaktere zu erschaffen.


FAZIT:

Der Thriller „Targa – Der Moment, bevor du stirbst“ von B. C. Schiller ist ein sehr gelungener Auftakt zu einer Reihe rund um die titelgebende Heldin Targa Hendricks. Sowohl sie als auch der Serienmörder Falk Sandmann, um den es in diesem Band geht, sind spannende Charaktere, die in ihrer Andersartigkeit faszinierend zu beobachten sind. Der Schreibstil lässt sich flüssig lesen, auch wenn handwerkliche Schwächen manchmal zu Unübersichtlichkeit führen. Plastische Darstellungen des Erstickens und die funktionierende Dynamik zwischen Ermittlerin und Mörder machen diesen Thriller trotzdem zu einem großen Lesevergnügen.

Veröffentlicht am 29.08.2017

Heiß und sexy, aber leider zu flach

Eine Prise Liebe
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Bei diesem Buch handelt es sich um den zweiten von bisher drei Romanen rund um das Restaurant Seduction. Dieses Mal stehen Camille, genannt Cami, und Landon im Mittelpunkt. Es ist ein erotischer Liebesroman ...

Bei diesem Buch handelt es sich um den zweiten von bisher drei Romanen rund um das Restaurant Seduction. Dieses Mal stehen Camille, genannt Cami, und Landon im Mittelpunkt. Es ist ein erotischer Liebesroman und eine entsprechende Geschichte darf man erwarten.



Eine starke erste Hälfte

Die Rückkehr von Landon nach seinem unfreiwilligen Ausstieg bei der Navy und die Arbeit von Cami im Seduction sind der Hintergrund für eine sehr heiße Liebesbeziehung. Obwohl beide anfangs unsicher sind, knistert es ziemlich schnell und die Autorin versteht es, heiße und abwechslungsreiche Sexszenen zu schreiben. Die erste Hälfte des Buches hat entsprechend meine Erwartungen voll erfüllt und ich war mehr als glücklich beim Lesen. Da konnte ich durchaus darüber hinwegsehen, dass sowohl Landon als auch Cami offenbar utopisch schöne Menschen sind.

In jedem Roman dieser Art gibt es irgendwann einen Wendepunkt, an dem sich ein Problem auftut, welches die beiden Liebenden erst einmal verdauen müssen. Meistens führt es zu einer kurzfristigen Trennung, die jedoch schnell genug überwunden wird. Auch hier habe ich mit einer Wendung gerechnet, sie kam tatsächlich auch und fiel wesentlich weniger dramatisch aus als befürchtet. Doch das angesprochenen Thema – näheres sage ich nicht, da ich nicht spoilern will – interessiert mich leider überhaupt nicht. Es ist durchaus üblich in Liebesromanen, doch für mich tatsächlich fast schon genug, um ein Buch aus der Hand zu legen. Das ist ein sehr eigenes Geschmacksurteil, entsprechend sollte man sich von meiner Enttäuschung in diesem Punkt nicht abschrecken lassen.



Zu schnelle emotionale Wechsel

Wesentlich stärker fällt für mich ins Gewicht, dass die Autorin sich in der zweiten Hälfte des Buches anscheinend keine Zeit mehr nehmen konnte. Die Wendung kommt plötzlich, wie es sich gehört, doch die beiden liebenswerten, rationalen Charaktere lösen das Problem umstandslos. Generell tauchen entlang des Weges immer wieder kleinere Hindernisse auf, die einfach viel zu schnell gelöst werden.

Beispielsweise stellt Cami zwischendurch fest, dass regelmäßig Geld in der Kasse des Restaurants fehlt. Zwischen Feststellung des Problems, Information an die Kolleginnen und schließlich der harmlosen Aufklärung vergehen ganze zwei Seiten. Die Szene hätte gut weggelassen werden können, ohne dass die Geschichte oder die Länge des Buches gelitten hätten. Uns wird zwar gesagt, dass Cami über das Fehlen des Geldes verwirrt ist und sie es auf ihre merkwürdige Müdigkeit der letzten Tage schiebt, doch da wirklich Geld fehlt, ist es eben doch keine Verwirrung und der ganze Sinn der Szene ist dahin. Problem wird aufgetan und sofort gelöst. Eine Sache, die leider immer und immer wieder auftaucht.

Allzu häufig kommt in Cami oder Landon ein Gefühl hoch, welches jeweils erst als merkwürdig und irrational empfunden wird, dann jedoch erkennen sie die tiefere Bedeutung und zwei Seiten später sind sie mit sich im Reinen und sprechen offen darüber. Das mag zwar insbesondere aus Landon einen einfühlsamen, erwachsenen Charakter machen, doch häufiger bleibe ich als Leserin zurück und frage mich, warum das Problem überhaupt erst erwähnt wurde.



Solide, aber unentwickelte Charaktere

Ein Liebesroman lebt davon, dass seine Heldinnen und Helden interessante Menschen sind und wir uns für ihr Glück interessieren. Cami hat mich relativ schnell von sich überzeugen können, Landon hat länger gebraucht, doch auch ihn habe ich ins Herz geschlossen. Das Problem ist nur: Cami hat offenbar tiefe Verletzungen erfahren, die es ihr unmöglich machen, Landon wirklich zu vertrauen. Dass er fortging nach Portland hat sie nie verarbeitet. Entsprechend emotional reagiert sie manchmal auf Landons Handlungen. Doch obwohl ich als Leser weiß, woher ihre Gefühle kommen, wirken sie doch zu oft zu extrem. Es bleibt flach.

Ebenso findet keine Charakterentwicklung bei den beiden statt. Gewiss, Landon lernt, dass er sich auch in seiner Heimat wohlfühlen kann, selbst wenn er die Navy vermisst, doch das ist nur bedingt eine Charakterentwicklung. Sie gehen als dieselben Menschen aus dieser Liebesgeschichte hinaus, wie sie hereingekommen sind. Das ist schade, denn gerade die Entwicklung ist es, die ich in Liebesromanen – ja, auch in den erotischen – gerne lese. Hier jedoch geschieht wenig.



FAZIT:

Der Liebesroman „Eine Prise Liebe“ von Kristen Proby erzählt die sehr vielversprechende Geschichte von Landon und Cami. Die Sexszenen sind heiß, die Liebe der beiden füreinander plastisch beschrieben. Darüber hinaus enttäuscht mich der Roman leider in mehrfacher Hinsicht, da sowohl die Hauptfiguren flach bleiben und viele Entwicklungen zu schnell geschehen und daher fragwürdig erscheinen. Insbesondere in der zweiten Hälfte hätte die Autorin sich mehr Zeit lassen können. Dennoch ist es ein solider Genre-Roman, der Fans der erotischen Literatur gewiss begeistern kann.

Veröffentlicht am 28.08.2017

Düster, verstörend, aber genau deswegen brillant

... und morgen werde ich dich vermissen
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Für mich war der Roman „… und morgen werde ich dich vermissen“ der erste, richtige Krimi seit langer Zeit. Gerade bei skandinavischen Krimis erwarte ich zudem immer spannende Charaktere und seine sehr ...

Für mich war der Roman „… und morgen werde ich dich vermissen“ der erste, richtige Krimi seit langer Zeit. Gerade bei skandinavischen Krimis erwarte ich zudem immer spannende Charaktere und seine sehr düstere Atmosphäre. Da Heine Bakkeid bisher eher für Jugendbücher bekannt war, habe ich mich gespannt auf die Lektüre eingelassen – und ich wurde belohnt!



Unverstellte Nordmänner

Thorkild Aske ist ein vollständig gebrochener Mann. Als ehemaliger Polizist, der sich auf Verhöre bei internen Ermittlungen spezialisiert hat, weiß er eine Menge über Psychologie, doch natürlich hilft das einem Menschen nie bei eigenen Problemen. Ein Vorfall bei seinem letzten Fall hat ihn nicht nur hinter Gittern gebracht, sondern auch tiefe seelische Wunden hinterlassen. Davon erfahren wir schon zu Beginn sehr viel und über den ganzen Roman hinweg spielen seine Pillen und sein psychologischer Aufpasser eine große Rolle. Seine Schmerzen, seine Halluzinationen und seine gesamte Einstellung dem Leben gegenüber machen Thorkild zu einem spannenden Mann. Das Buch ist aus der Ich-Perspektive von ihm geschrieben, vollständig, auch in den kurzen Rückblenden, die uns mehr Aufschluss darüber geben, was damals geschehen ist. Interessanterweise sind seine inneren Reflexionen durchaus tiefgründig, aber gleichzeitig haben sie bei mir manchmal das Gefühl hinterlassen, es nicht mit einem älteren, erfahrenen Mann, sondern mit einem Jugendlichen zu tun zu haben. Das fiel mir bereits auf, bevor ich von den Jugendbüchern des Autors wusste, doch ich führe das darauf zurück: Er ist ihm noch nicht vollständig gelungen, einen erwachsenen Protagonisten zu kreieren. Glücklicherweise ist es kein ernstzunehmender Störfaktor.

Die übrigen Gestalten sind ebenso grob wie glaubwürdig gezeichnet. Hakkeid verschwendet keine Zeit darauf, Nebencharaktere tiefgründig zu gestalten, dennoch erhalten alle genug Charakter, um ernstgenommen werden zu können. Es gibt deutlich mehr Männer als Frauen in diesem Roman, doch daran habe ich mich nicht gestört. Die Beamten, die wir kennenlernen, ebenso wie die einfachen Bewohner des Küstendorfes sind schlichte Leute, die ihre eigenen, nicht unbedingt weltoffenen Meinungen haben, und obwohl sie Fremden gegenüber nicht allzu offen sind, äußern sie ihre Gedanken bereitwillig und ungefiltert. Das macht sie nicht unbedingt sympathischer, aber genau davon lebt der Roman.



Ein unerklärliches Verschwinden

Eigentlich ist Thorkild in den Norden gefahren, um den verschollenen Rasmus zu finden, doch in der stürmischen Nacht auf der Leuchtturminsel findet er stattdessen eine Frauenleiche. Seine Ermittlungen dazu gehen nur schleppend voran, da diverse hindernde Umstände ihn ablenken. Einerseits ist der Schatten seiner Vergangenheit noch immer groß und düster, andererseits ist die örtliche Polizei auch mehr als feindselig. Als Leser hat man unwillkürlich das Gefühl, dass die Dorfbewohner alle mehr wissen, als sie zugeben, jeder von ihnen wirkt verdächtig. Wirklich vorwärts gehen die Ermittlungen erst auf den letzten hundert Seiten, nachdem Thorkild sich daran erinnert, dass er einst ein ernstzunehmender Ermittler, der unerbittlich und scharfsinnig einer Spur folgen kann, war. Ihn dann jedoch bei der Arbeit zu beobachten, macht sehr, sehr viel Spaß. Nichts anderes zählt mehr, als die Aufklärung des Falls. Warum Rasmus verschwunden ist und wer die Leichte ist, scheint sich niemand erklären zu können, doch Thorkild lässt nicht locker.

Mir gefallen Krimis, in denen man tatsächlich Polizeiarbeit beobachten kann. Seien es Verhöre, seien es pathologische Befunde, als Laie bin ich davon fasziniert. Und auch, wenn dieser Roman als Auftakt einer längeren Reihe vor allem den Ermittler etablieren muss, bekommen wir doch genug von diesen Dingen präsentiert, um mich zu unterhalten und bei der Stange zu halten. Ein klein wenig konstruiert waren manche Erklärungen zu Verhören oder der Pathologie schon, als wollte der Autor beweisen, wie viel er zu dem Thema recherchiert hat, doch da es amüsant verpackt war, kann ich das verzeihen.



Ein wenig Wasser im Wein

Um die Worte meines Professors zu benutzen, muss ich am Ende dennoch ein wenig Wasser in den Wein gießen. Nicht alles in diesem Buch ist gelungen. Ich kann akzeptieren, dass es kein reiner Kriminalroman ist, sondern auch ein Thriller mit Mystery-Elementen. Trotzdem hatte ich erwartet, dass alles eine realistische Erklärung erhalten würde. Was Thorkild manchmal sieht und wahrnimmt, lässt sich bspw. problemlos auf seine Psychopharmaka zurückführen. Doch dann gibt es diese eine Episode, die tatsächlich übernatürlich wird, ohne dass es dafür realweltliche Erklärungen geben kann. Ich vermutete kurzfristig, dass es eventuell konstruiertes Theater ist, doch dem war nicht so. Es war wirklich übernatürlich. So gut das auch geschrieben war, ich war vollkommen aus dem Fluss des Lesens rausgerissen. Es wirkte wie ein Fremdkörper. Ich hoffe sehr, dass in weiteren Romanen der Reihe keine weiteren solcher Episoden stattfinden werden.

Ebenso sind einige Ereignisse zu verwirrend beschrieben. Ich kann verstehen, dass Thorkild verwirrt ist und seine Umwelt zwischenzeitlich nicht mehr korrekt wahrnehmen kann, doch ich als Leserin bin tatsächlich manchmal verloren gegangen und habe gar nicht mehr verstanden, wo wir sind und was passiert. Das hat mich doch sehr frustriert.


FAZIT:

Der Kriminalroman „… und morgen werde ich dich vermissen“ von Heine Bakkeid ist ein düsterer, aber auch unterhaltsamer Trip durch die Abgründe der menschlichen Seele. Während der Ermittler Thorkild Aske mit seiner Vergangenheit beschäftigt ist, löst er Stück für Stück das Rätsel um die Vorfälle auf einer abgelegenen Leuchtturminsel. Auf typische Weise bedrückend und zynisch, ist die Lektüre ebenso interessant wie unterhaltsam. Obwohl es einige unpassende Elemente gab, ist die Figur des Ermittlers doch spannend genug und die Fähigkeit des Autors, Atmosphäre zu schaffen, so gut, dass ich schon jetzt weiß, dass diese Krimi-Reihe erfolgreich sein wird. Wer Skandinavien-Krimis mag, wird hier definitiv glücklich.