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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 25.07.2017

Wenn Momo erwachsen wäre

Was man von hier aus sehen kann
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Ich bin noch immer sprachlos nach der Lektüre dieses Buches. Ich glaube, wenn man einen Text von Mariana Leky gelesen hat, einen Roman, in dem jeder Satz sorgfältig konstruiert ist und trotzdem zauberhaft ...

Ich bin noch immer sprachlos nach der Lektüre dieses Buches. Ich glaube, wenn man einen Text von Mariana Leky gelesen hat, einen Roman, in dem jeder Satz sorgfältig konstruiert ist und trotzdem zauberhaft simpel bleibt, kann man gar nicht in Worte fassen, was man empfindet, denn jedes Wort verblasst. Dennoch – oder vielleicht auch gerade deswegen – muss ich euch von diesem Buch erzählen.

Ich habe dieses Buch gelesen, weil die Idee, dass nach einem Okapi-Traum jemand stirbt, so derart abstrus und anders ist, dass ich unwillkürlich neugierig geworden bin. Das Buch ist in drei Abschnitte geteilt und der gesamte erste Teil dreht sich nur um das Traum.Okapi und die Folgen, die das Wissen um den baldigen Tod hat. Die Geschichte spielt in einem kleinen Dorf irgendwann am Ende des 20. Jahrhunderts, die Menschen kennen sich, sind alle auf ihre Weise verschroben, doch eines eint sie: der Glaube an die prophetische Kraft von Selmas Traum. Selbst jene, die es vehement abstreiten, glauben daran.

Aus der Sicht der zehnjährigen Luise, Selmas Enkelin, geschrieben, erleben wir mit, wie die verschiedensten Charaktere mit der Angst vor dem Tod umgehen. Es ist ein faszinierendes Spektakel, das durch die simple Naivität, welche mit der Perspektive eines jungen Menschen einhergeht, eine erstaunliche Authentizität erhält. Leky berichtet, wie die Dorfbewohner viel von „immer“ und „niemals“ schreiben, ausführlicher muss sie nicht werden, jeder Leser versteht intuitiv, was gemeint ist. Genau darin liegt auch ihre Stärke: Sie verspürt nicht den Drang, uns die Details unter die Nase zu halten, uns auf dem Silbertablett die Erkenntnis zu präsentieren. Sie deutet an und der Rest wird gefüllt von den Erfahrungen, die der Leser selbst im Leben gemacht hat.

Dass am Ende jemand stirbt, ist nicht verwunderlich, doch geschockt war ich davon, wen es traf. Mein Herz tat tatsächlich weh. Es ist ein simpler Satz, den Leky für diesen Todesfall verwendet, und umso mächtiger hallt er wider. Auf einige der Personen hat dieser spezielle Tod eine nachhaltige Wirkung, auch das ist realistisch, so nebensächlich es anfangs auch erwähnt wird.

Lakonisch, beinahe neutral wird die Reise von Luise fortgesetzt. Um sie herum geht das Leben weiter seinen Gang, selbst dann, als eine Begegnung mit dem japanischen Mönch Frederik sie selbst völlig aus der Bahn wirft. Sie weiß, dass er ihre große Liebe sein wird und zeigt sich für wenige Augenblicke ungewöhnlich mutig, nur um sich dann doch dem gewohnten Gang des Lebens unterzuordnen. Nichts in diesem Roman scheint stärker zu sein als der gewohnte Gang des Lebens. In diesem Dorf verändert man sich nicht. Immerhin ist es auch Selmas Maxime, dass man gerade denn, wenn man Angst hat und das Morgen nicht kennt, genau das tut, was man immer tut. Gewohnheit gibt Halt.

Doch genauso ist Gewohnheit für großes Leid verantwortlich. Selbst dann, wenn die Gewohnheit darin besteht, ständig etwas Ungewöhnliches zu tun – wie beispielsweise immer neue Orte auf dem Globus zu besuchen -, kann diese Gewohnheit einem am Ende um einen kostbaren, nie nachzuholenden Moment bringen. Die Unfähigkeit, rechtzeitig mit seinen gewohnten Handlungen zu brechen, hat mir in diesem Buch gegen Ende hin erneut mein Herz gebrochen. Ebenso führt die Gewohnheit dazu, dass Luise nicht gegen ihre Verstocktheit ankämpft und nicht ihrer großen Liebe nachjagt. Es ist einfacher, in gewohnter Umgebung und mit gewohntem Alltag unglücklich zu sein, als für ein eventuelles Glück einen Sprung ins Ungewisse zu wagen.

Die Dorfmenschen sind ehrliche Leute. Sie sind einfach, teilweise kann man sie tatsächlich schlicht nennen, doch gerade darin besteht ihre Stärke. Sie sehen die Welt, wie sie ist, sie sehen die Welt, wie ihr eigenes Leben sie geformt hat. Und egal, wie groß die Macke des Nachbarn ist, es ist und bleibt der Nachbar und man sorgt und kümmert sich. Selbst, wenn man mit einer Flinte bedroht wird. Jeder ist seltsam und anders, aber zusammen ergeben alle ein gewohntes Bild, das es zu erhalten gibt.

Während des Lesens dieses Romans fühlte ich mich mehr und mehr an ein Buch aus meiner Kindheit erinnert. Ich wusste, das Gefühl, das mir dieses Buch vermittelt, war bekannt. Und am Ende wusste ich, woran ich mich erinnert fühlte: Michael Endes „Momo“. Die Geschichte von Momo ist ein wenig stringenter erzählt, immerhin ist es eine Kindergeschichte, doch das Prinzip bleibt dasselbe: Wir erhalten Einblicke in Menschen, präsentiert mit einem sehr simplen, selbstverständlichen Tonfall. So ist es eben, sagen diese beiden Bücher, und weil es eben so ist, ist es gut. Wenn Momo erwachsen wäre, wäre sie wohl Selma.


FAZIT:

Der Roman „Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky lässt sich schwer in Worte fassen. Die außergewöhnliche Sprache, die gerade in ihrer Schlichtheit so intensiv wirkt, ermöglicht uns einen intimen Blick in das Leben einiger weniger Dorfmenschen, wie selbst das empathischste Erzählen, die größte Anhäufung von Adjektiven es nicht gekonnt hätte. Das Schicksal der Protagonistin Luise, ihrer Großmutter Selma und aller anderer Dorfbewohner wird schlagartig interessant, es ist unmöglich, der Erzählerin nicht zuzuhören, gerade weil alles in seiner Andersartigkeit doch so normal und authentisch wirkt. Ich kann für dieses Buch unumwunden eine wärmste Kaufempfehlung aussprechen.

Veröffentlicht am 17.05.2019

Leider weder heiß noch mitreißend

Lotus House - Lustvolles Erwachen
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Das Cover hat mich sofort angesprochen und der Klappentext klang zunächst nach einer nicht unbedingt originellen, aber süßen Liebesgeschichte mit einer guten Portion Erotik. Leider hat der Inhalt dieses ...

Das Cover hat mich sofort angesprochen und der Klappentext klang zunächst nach einer nicht unbedingt originellen, aber süßen Liebesgeschichte mit einer guten Portion Erotik. Leider hat der Inhalt dieses Versprechen aber nicht eingelöst.


Die Geschichte ist abwechselnd aus der Sicht von Trent, dem Star-Baseballspieler, und Genevieve, der Yoga-Lehrerin geschrieben. Jedes Kapitel beginnt mit einer Yoga-Position, was gut gemacht und originell ist. Gerade am Anfang bekommen wir auch generell viel Einblick in die Yoga-Welt. Positionen und Bewegungen werden beschrieben, man fühlt sich wirklich anwesend im Lotus House. Das ist gut gemacht,

Leider, leider jedoch ist die Perspektive von Trent so abschreckend, dass das Lesen zur Qual wurde. Seine Gedanken lesen sich wie die eines pubertierenden Teenagers, der an nichts anderes als Sex denken kann, und der darüber hinaus Frauen ausschließlich nach dem Äußeren beurteilt und wie scharf er sie findet. Während das generell gut zu dem klassischen Badboy-Player passen mag, bekommen wir praktisch von der ersten Sekunde an auch jene Gedanken, die sagen, dass Genevieve nicht wie die anderen Frauen ist - ebenfalls ein Klischee, das aber, wenn gut umgesetzt, nicht schlimm sein muss. Was genau Trent jedoch so anders an ihr findet, erfahren wir jedoch nie, da wir lediglich seine Gedanken über ihr Äußeres bekommen.

Ich lese Erotik-Romane wirklich gerne. Für mich ist es völlig in Ordnung, wenn zwei Charaktere Sex miteinander haben, weil sie sich gegenseitig gutaussehend finden. Aber für Knistern in der Luft muss da einfach mehr kommen.

Darüber hinaus sind die Sexszenen hier im Stile "Ikea-Erotik" geschrieben: Sehr viel Mühe wird darauf verwendet, die verschiedenen Positionen clever zu erläutern, dass völlig verloren geht, was die beiden dabei eigentlich fühlen oder denken. Geschriebener Sex lebt davon, dass man mitfühlen kann. Es braucht keine blumigen Umschreibungen, aber schlichte vulgäre Beschreibung von Sex-Positionen reduziert Sex auf eine mechanische Ebene, die eben nicht erotisch ist.

Für mich hat diese Geschichte leider sowohl auf der Ebene der Erotik als auch der Charaktere versagt. Genevieves Welt und Gedanken sind durchaus interessant, aus der Familienproblematik hätte man viel herausholen können. Leider wird das jedoch durch einen mangelhaften männlichen Charakter und sehr schlecht geschriebenen Sexszenen zunichte gemacht.

Schade. Ich hatte gehofft, hier eine neue Reihe für mich entdeckt zu haben. Doch nach Band 1 ist auch direkt wieder Schluss für mich.

Veröffentlicht am 19.01.2018

Leider zu seicht und zu hölzern

Der kleine Teeladen zum Glück
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Ich bin auf dieses Buch aufmerksam geworden, da am 15. Januar der zweite Teil der Reihe um die Valerie Lane erschienen ist. Da die Reihe vielversprechend klang, wollte ich unbedingt am Anfang beginnen. ...

Ich bin auf dieses Buch aufmerksam geworden, da am 15. Januar der zweite Teil der Reihe um die Valerie Lane erschienen ist. Da die Reihe vielversprechend klang, wollte ich unbedingt am Anfang beginnen. Leider wurden meine Erwartungen enttäuscht und ich werde die Reihe wohl nicht fortsetzen. Insgesamt sind mindestens vier Teile geplant.


Flache, ausschließlich sympathische Charaktere

Doch von Anfang: Laurie und ihre Freundinnen aus der Valerie Lane führen alle ihre ganz eigenen, gemütlichen, nostalgischen Lädchen. Als großer Fan von Tee war ich darauf vorbereitet, mich in Lauries Laden sofort wohlzufühlen. Offensichtlich war das auch das Ziel der Autorin, denn von Anfang an wird uns gesagt, wie toll und einladend der Laden ist, wie rührend sich Laurie darum kümmert und wie schön sie mit ihren Freundinnen die Tradition fortsetzt, jeden Mittwochabend die Türen zu öffnen, um über die schönen und schlechten Seiten des Lebens zu reden. Sie alle sind herzensgute Frauen, durchaus mit unterschiedlichen Charakteren, die sich aber meist auf ein oder zwei Adjektive beschränken. Etwa alle zwei Seiten wird erwähnt, dass sie sich seit fünf Jahren kennen und seitdem alle die besten Freundinnen sind. Mit Hilfe einer armen, älteren Dame und eines Obdachlosen wird zudem ihre wohltätige Seite mehrfach zur Schau gestellt.

Auch der Love-Interest Barry ist rundum ein Goldstück. Er ist der Tee-Lieferant, was ihn zu einem Experten auf den Gebiet und damit sofort sympathisch macht. Er ist aufmerksam, interessiert, höflich und sieht sehr gut aus. Dass Laurie in seiner Gegenwart zu einer stotternden Jugendlichen wird, obwohl sie schon jenseits der dreißig Jahre ist, ist ein charmanter Charakterzug, der jedoch wieder mit dem Holzhammer dargestellt wird. Ihre Freundinnen sind daher überzeugt, dass die beiden Nachhilfe in Sachen Flirten brauchen und mischen sich auf die wohl plumpeste Art und Weise ein.


Keine Konflikte, keine Handlung

Was wäre ein guter Liebesroman ohne ein wenig Drama? Natürlich taucht auch der Ex von Laurie auf, der unbedingt wieder mit ihr zusammen sein will – weil er den Sex vermisst – und natürlich weist die gute Laurie ihn sofort ab. Der Konflikt, der daraus entsteht, wird nach etwa zehn Seiten gelöst, so dass kein Leser wirklich zutiefst mitleiden muss. Generell wird es dem Leser erspart, zu sehr mit den Figuren zu fühlen. Die Dialoge sind hölzern und belanglos, von jeder eingeführten Person wird und exakt gesagt, was wir über sie oder ihn denken sollen, und niemand der wichtigen Menschen ist wirklich unsympathisch, nicht einmal der störende Ex.

Das Buch ist auf Wohlfühlromantik ausgelegt, genau das habe ich auch erwartet. Die hölzerne, belanglose Art der Umsetzung ist jedoch wirklich störend. Die Idee ist charmant, doch die Autorin gibt sich zu viel Mühe, uns ein schönes Gefühl zu geben, und am Ende fühle ich als Leserin gar nichts, weil mir an jeder Stelle vorgeschrieben wird, was ich fühlen soll. Keiner der Konflikte hat Konsequenzen, keines der Gespräche scheint etwas mit dem Fortgang der Geschichte zu tun zu haben, die liebevolle Darstellung der Läden ist ebenfalls nur schmückendes Beiwerk ohne Bedeutung für den Plot. Ich bin sehr enttäuscht, denn ich wollte dieses Buch lieben, ich wollte mich wohlfühlen, ich wollte die Reihe komplett lesen. Sehr schade.


Fazit:

Der Liebesroman „Der kleine Teeladen zum Glück“ von Manuela Inusa ist eine seichte, belanglose Romanze um die Teeladen-Besitzerin Laurie und ihren Tee-Lieferanten Barry. So viel Liebe auch in der Ausgestaltung der Valerie Lane und den Läden dort steckt, so hölzern und oberflächlich erscheinen alle Charaktere. Konflikte sind beinahe nicht vorhanden, ebenso wenig haben die Charaktere Ecken und Kanten. In der Valerie Lane ist alles schön und harmonisch. Für Fans von seichter Wohlfühlromantik ist dieser Roman definitiv zu empfehlen, mich hat das Buch leider enttäuscht.

Veröffentlicht am 08.01.2018

Träumerisch, aber nicht befriedigend

Herrn Haiduks Laden der Wünsche
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Dieses Buch verspricht schon vom Klappentext her, eine gemütliche Reise durch das Leben verschiedener Menschen zu werden. Vor dem Hintergrund der Suche nach dem glücklichen Lottogewinner erhalten wir kleine ...

Dieses Buch verspricht schon vom Klappentext her, eine gemütliche Reise durch das Leben verschiedener Menschen zu werden. Vor dem Hintergrund der Suche nach dem glücklichen Lottogewinner erhalten wir kleine Einblicke in den Alltag und die Seelen einiger Menschen aus der Umgebung von Herrn Haiduks Laden. Das Buch ist nachdenklich und regt zum Denken an, richtige Tiefgründigkeit vermisste ich am Ende aber doch.

Der Stil des Buches gefiel mir vom ersten Moment an: Aus der Ich-Perspektive schildert ein Autor, der inzwischen keiner mehr ist, seine Rückkehr zu Herr Haiduks Laden, wo er früher öfter gewesen ist. Der Besitzer, Herr Haiduk, erkennt ihn, freut sich und will ihm unbedingt eine besondere Geschichte erzählen. Ein großer Teil des Buches ist dann in der erzählenden Perspektive des Autors geschrieben, der die Erzählungen von Herrn Haiduk und seinem Gehilfen Adamo wiedergibt. Die Mischung ist gelungen und macht für mich einen wesentlichen Teil des Lesegenusses aus. Immer wieder kehren wir von Herrn Haiduks Erzählung ins Hier und Jetzt zurück, um ein wenig mehr über den Alltag des Autors zu erfahren.



Liebenswürdige Figuren

Die Figuren selbst sind größtenteils glaubwürdig und in sich stimmig gestaltet. Der Autor ist ein rundum normaler Mensch, während Herr Haiduk definitiv verschroben ist, aber auf eine liebenswürdige Art. Alma wird auf eine typische Weise als gleichzeitig naiv und sehr stark beschrieben. In ihrer Naivität, die der eines Kindes gleicht, liegt ihre Stärke, da sie so fest an ihre Wahrnehmung der Welt glaubt, dass sich sich fast nie beirren lässt. Obwohl das ein Charakterkonzept ist, das mir gefällt, musste ich bei Alma doch manchmal die Stirn runzeln, da es beinahe zu übertrieben wirkte. Immer wieder wird uns Lesern erzählt, wie sonderlich sie ist, irgendwann wird es zu viel.

Andererseits ist es gerade ihre Art, die an die Kindheitsheldin Momo erinnert, die es uns erlaubt, diverse andere Menschen, die nur kurze Auftritte haben, sehr plastisch wahrzunehmen. Der Mittelteil des Buches besteht hauptsächlich aus den Gesprächen, die Alma mit Lottogewinner-Kandidaten führt, und obwohl diese Gespräche teils kurz sind, zeichnen sie doch stets ein rundes Bild eines Charakters. Alma hört zu, lässt keine Lüge gelten und zwingt mit ihren sehr schlichten Fragen, jeden Menschen dazu, ehrlich zu sich selbst zu sein. Manche lügen und wollen das nicht zugeben, andere versuchen nicht einmal zu lügen, wieder andere schämen sich für ihr Verhalten. Jedem zwingt Alma einen Spiegel auf. Das ist in diesem Buch ein deutlicher Höhepunkt.



Am Ende war ich ratlos

Insgesamt jedoch hat mich die Geschichte ratlos hinterlassen. Zwischenzeitlich äußerte der Autor Ungeduld darüber, wie langsam Herr Haiduk die Erzählung vorantrieb, wie sehr er ihn auf die Folter spannte und offensichtlich das Interesse genoss. Als Leserin ging es mir genauso, ich wurde irgendwann sehr ungeduldig. Einerseits geschah zwar eine Menge, und sicherlich dienten gerade die Unterbrechungen der Geschichte mit Einblicken in die Gegenwart dazu, das Erzählte sacken zu lassen und Langsamkeit generell zu feiern. Auch wird deutlich, wie bedeutend das Glück eines einfachen Augenblicks sein kann, wie er beispielsweise in dem Grillabend im Hinterhof bei leichter Sommerbrise sein kann. All das verstehe ich durchaus. Dennoch wurde ich zunehmend ungeduldig und am Ende gab es in meinen Augen keine befriedigende Auflösung, welche diese Langsamkeit wirklich gerechtfertigt hätte. Dass auch der Autor sich empört zeigte über Herrn Haiduk, rettet für mich das Ende leider dennoch nicht.

Das Buch will über Glück nachdenken und stellt die Frage, ob nicht eigentlich die Idee von Glück sehr viel wichtiger ist. Das ist spannend und zwischendurch gibt es da wirklich spannende Ansatzpunkte, doch am Ende verlief es für mich zu sehr im Sand. Es war ein Genuss, diese Geschichte zu lesen, aber sie hinterlässt entgegen meiner Erwartungen nichts. Das ist schade. Die Offenheit, die zum Nachdenken einladen könnte, tut es, zumindest in meine Fall, leider nicht.


Fazit:

Der Roman "Herrn Haiduks Laden der Wünsche" von Florian Beckerhoff ist ein wundervoller Lesegenuss, der die Einfachheit des Augenblicks und das Glück in kleinen Dingen feiert. Liebevoll gestaltete Figuren liefern vor der Kulisse des kleinen Ladens ein hübsches Kammerspiel ab, während die große Frage des Glücks erörtert wird. Leider bleibt das Ende auf unbefriedigende Weise offen, so dass die teilweise langatmige Art des Erzählens nachträglich keine Rechtfertigung erfährt. So schön sich das Buch auch lesen lässt, so interessant die Charaktere auch sind, am Ende bleibt wenig übrig. Trotzdem kann ich das Buch empfehlen, alleine schon weil der Mittelteil ein wunderschön nachdenklicher Höhepunkt war.

Veröffentlicht am 02.10.2017

Ich will noch mehr über Alessa lesen!

Das blaue Medaillon
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Martha Sophie Marcus versteht ihr Handwerk. Obwohl dies der erste historische Roman ist, den ich von ihr lese, haben wenige Zeilen ausgereicht, um mich von ihrem Schreibstil zu überzeugen. Sie benutzt ...

Martha Sophie Marcus versteht ihr Handwerk. Obwohl dies der erste historische Roman ist, den ich von ihr lese, haben wenige Zeilen ausgereicht, um mich von ihrem Schreibstil zu überzeugen. Sie benutzt der Zeit angemessenes Vokabular, ohne dass es einem an die heutige Zeit gewöhnten Leser negativ auffällt, im Gegenteil, es trägt zum Charme ihrer Bücher bei.



Ein realistisches, farbenfrohes Gemälde der Zeit

Nach einem turbulenten Auftakt begleiten wir die Hauptfigur Alessa auf einer Reise nach Celle, dich mich persönlich lebhaft an eines meiner ersten großen Rollenspiel-Abenteuer erinnert hat, in welchem ich undercover mit der Gauklertruppe Saltatio Mortis in die Dunkellande gereist bin, um dort heimlich am Hofe Nachforschungen anzustellen. Die Auftritte der Schauspieltruppe sind lebhaft beschrieben, man sieht die Harlekins förmlich vor sich durch die Luft wirbeln. Immer wieder wird das Schauspiel zum Mittelpunkt der Handlung, und immer wieder unterhält uns die Autorin damit auf fantastische Weise.

Auch am Hofe selbst, wo man vielleicht höherwertiges Theater kennt, kommt die Truppe gut an. Es ist schon zu sehen, wie erwachsene, adelige Menschen sich im Angesicht von heiterer, alberner Unterhaltung gehen lassen können. Die Anziehungskraft von einfachen Schauspielern ist mit den Händen zu greifen. Generell ist die Darstellung der höfischen Personen ebenso gelungen wie die von Alessa und ihrer Truppe. Dass wir es hier mit echten historischen Persönlichkeiten zu tun haben, deren Ränkespiele in der Realität ganz ähnlich abgelaufen sind, trägt dazu bei, dass der Roman authentisch und realistisch wirkt.



Spannende, lebensnah wirkende Charaktere

Alessa ist eine sympathische Heldin, auch wenn sie manchmal ein wenig zu überlegen wirkt. Sie spricht mehrere Sprachen, ist eine Meisterdiebin und klug genug, in den codierten Konversationen der Adeligen nicht unterzugehen. Ein klein wenig mehr Schwäche hätte ihr vielleicht gut getan, dennoch ist sie gerade so nicht zu einer Mary Sue geworden und man sorgt sich bisweilen doch um ihr Wohlergehen.

Dass sie einen Love-Interest bekommt, hat mich persönlich überrascht, doch es passte zu der Geschichte und die Romanze hat glücklicherweise den eigentlichen Plot nicht überschattet. Stattdessen hat die Liebe für beide Seiten eine angenehme Komplikation hinzugefügt, und den großen Gegenspieler von Alessa menschlich wirken lassen. Auch dieser Mann ist nahe an der Perfektion, er ist von einfacher Geburt, aber dennoch gebildet und im höchsten Maße loyal gegenüber dem Herzog. In Rollenspielterminologie wäre er wohl rechtschaffend-gut, doch glücklicherweise hat er das Herz am rechten Fleck, so dass er kein blinder Gesetzesdiener ist.

Eine der interessantesten Figuren ist der Auftragsmörder, vor dem Alessa flieht. Einige Szenen werden aus seiner Sicht geschildert und hier lernen wir einen Menschen kennen, der generell eiskalt, kalkulierend und intelligent ist, aber genauso schnell auch von heißem, loderndem Hass verschlungen werden kann. Es ist wirklich schade, dass wir nicht mehr von diesem Mann erfahren. Generell habe ich mir am Ende des Buches gewünscht, dass es sich um den Auftakt einer Reihe handelt, denn so viele Charaktere haben das Potential, ihre eigene Geschichte erzählen zu können. Gerne würde ich lesen, wie aus dem Mann Mezzanotte der berüchtigte Auftragsmörder wurde.



Fazit:

Der historische Roman "Das blaue Medaillon" von Martha Sophie Marcus überzeugt mit einem angenehmen Schreibstil und spannenden Charakteren. Die Geschichte um Alessa, die alles versucht, um ihr Medaillon zu beschützen, ist rasant und in den bunten Bildern einer Schauspieler-Truppe erzählt. Die historischen Umstände werden realitätsnah erzählt, ohne den Leser zu langweilen. Ein wenig übertrieben wirkt manchmal das Können der Hauptperson, doch abgesehen davon ist dieser Roman eine runde Sache.