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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 17.05.2019

Leider weder heiß noch mitreißend

Lotus House - Lustvolles Erwachen
1

Das Cover hat mich sofort angesprochen und der Klappentext klang zunächst nach einer nicht unbedingt originellen, aber süßen Liebesgeschichte mit einer guten Portion Erotik. Leider hat der Inhalt dieses ...

Das Cover hat mich sofort angesprochen und der Klappentext klang zunächst nach einer nicht unbedingt originellen, aber süßen Liebesgeschichte mit einer guten Portion Erotik. Leider hat der Inhalt dieses Versprechen aber nicht eingelöst.


Die Geschichte ist abwechselnd aus der Sicht von Trent, dem Star-Baseballspieler, und Genevieve, der Yoga-Lehrerin geschrieben. Jedes Kapitel beginnt mit einer Yoga-Position, was gut gemacht und originell ist. Gerade am Anfang bekommen wir auch generell viel Einblick in die Yoga-Welt. Positionen und Bewegungen werden beschrieben, man fühlt sich wirklich anwesend im Lotus House. Das ist gut gemacht,

Leider, leider jedoch ist die Perspektive von Trent so abschreckend, dass das Lesen zur Qual wurde. Seine Gedanken lesen sich wie die eines pubertierenden Teenagers, der an nichts anderes als Sex denken kann, und der darüber hinaus Frauen ausschließlich nach dem Äußeren beurteilt und wie scharf er sie findet. Während das generell gut zu dem klassischen Badboy-Player passen mag, bekommen wir praktisch von der ersten Sekunde an auch jene Gedanken, die sagen, dass Genevieve nicht wie die anderen Frauen ist - ebenfalls ein Klischee, das aber, wenn gut umgesetzt, nicht schlimm sein muss. Was genau Trent jedoch so anders an ihr findet, erfahren wir jedoch nie, da wir lediglich seine Gedanken über ihr Äußeres bekommen.

Ich lese Erotik-Romane wirklich gerne. Für mich ist es völlig in Ordnung, wenn zwei Charaktere Sex miteinander haben, weil sie sich gegenseitig gutaussehend finden. Aber für Knistern in der Luft muss da einfach mehr kommen.

Darüber hinaus sind die Sexszenen hier im Stile "Ikea-Erotik" geschrieben: Sehr viel Mühe wird darauf verwendet, die verschiedenen Positionen clever zu erläutern, dass völlig verloren geht, was die beiden dabei eigentlich fühlen oder denken. Geschriebener Sex lebt davon, dass man mitfühlen kann. Es braucht keine blumigen Umschreibungen, aber schlichte vulgäre Beschreibung von Sex-Positionen reduziert Sex auf eine mechanische Ebene, die eben nicht erotisch ist.

Für mich hat diese Geschichte leider sowohl auf der Ebene der Erotik als auch der Charaktere versagt. Genevieves Welt und Gedanken sind durchaus interessant, aus der Familienproblematik hätte man viel herausholen können. Leider wird das jedoch durch einen mangelhaften männlichen Charakter und sehr schlecht geschriebenen Sexszenen zunichte gemacht.

Schade. Ich hatte gehofft, hier eine neue Reihe für mich entdeckt zu haben. Doch nach Band 1 ist auch direkt wieder Schluss für mich.

Veröffentlicht am 19.01.2018

Leider zu seicht und zu hölzern

Der kleine Teeladen zum Glück
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Ich bin auf dieses Buch aufmerksam geworden, da am 15. Januar der zweite Teil der Reihe um die Valerie Lane erschienen ist. Da die Reihe vielversprechend klang, wollte ich unbedingt am Anfang beginnen. ...

Ich bin auf dieses Buch aufmerksam geworden, da am 15. Januar der zweite Teil der Reihe um die Valerie Lane erschienen ist. Da die Reihe vielversprechend klang, wollte ich unbedingt am Anfang beginnen. Leider wurden meine Erwartungen enttäuscht und ich werde die Reihe wohl nicht fortsetzen. Insgesamt sind mindestens vier Teile geplant.


Flache, ausschließlich sympathische Charaktere

Doch von Anfang: Laurie und ihre Freundinnen aus der Valerie Lane führen alle ihre ganz eigenen, gemütlichen, nostalgischen Lädchen. Als großer Fan von Tee war ich darauf vorbereitet, mich in Lauries Laden sofort wohlzufühlen. Offensichtlich war das auch das Ziel der Autorin, denn von Anfang an wird uns gesagt, wie toll und einladend der Laden ist, wie rührend sich Laurie darum kümmert und wie schön sie mit ihren Freundinnen die Tradition fortsetzt, jeden Mittwochabend die Türen zu öffnen, um über die schönen und schlechten Seiten des Lebens zu reden. Sie alle sind herzensgute Frauen, durchaus mit unterschiedlichen Charakteren, die sich aber meist auf ein oder zwei Adjektive beschränken. Etwa alle zwei Seiten wird erwähnt, dass sie sich seit fünf Jahren kennen und seitdem alle die besten Freundinnen sind. Mit Hilfe einer armen, älteren Dame und eines Obdachlosen wird zudem ihre wohltätige Seite mehrfach zur Schau gestellt.

Auch der Love-Interest Barry ist rundum ein Goldstück. Er ist der Tee-Lieferant, was ihn zu einem Experten auf den Gebiet und damit sofort sympathisch macht. Er ist aufmerksam, interessiert, höflich und sieht sehr gut aus. Dass Laurie in seiner Gegenwart zu einer stotternden Jugendlichen wird, obwohl sie schon jenseits der dreißig Jahre ist, ist ein charmanter Charakterzug, der jedoch wieder mit dem Holzhammer dargestellt wird. Ihre Freundinnen sind daher überzeugt, dass die beiden Nachhilfe in Sachen Flirten brauchen und mischen sich auf die wohl plumpeste Art und Weise ein.


Keine Konflikte, keine Handlung

Was wäre ein guter Liebesroman ohne ein wenig Drama? Natürlich taucht auch der Ex von Laurie auf, der unbedingt wieder mit ihr zusammen sein will – weil er den Sex vermisst – und natürlich weist die gute Laurie ihn sofort ab. Der Konflikt, der daraus entsteht, wird nach etwa zehn Seiten gelöst, so dass kein Leser wirklich zutiefst mitleiden muss. Generell wird es dem Leser erspart, zu sehr mit den Figuren zu fühlen. Die Dialoge sind hölzern und belanglos, von jeder eingeführten Person wird und exakt gesagt, was wir über sie oder ihn denken sollen, und niemand der wichtigen Menschen ist wirklich unsympathisch, nicht einmal der störende Ex.

Das Buch ist auf Wohlfühlromantik ausgelegt, genau das habe ich auch erwartet. Die hölzerne, belanglose Art der Umsetzung ist jedoch wirklich störend. Die Idee ist charmant, doch die Autorin gibt sich zu viel Mühe, uns ein schönes Gefühl zu geben, und am Ende fühle ich als Leserin gar nichts, weil mir an jeder Stelle vorgeschrieben wird, was ich fühlen soll. Keiner der Konflikte hat Konsequenzen, keines der Gespräche scheint etwas mit dem Fortgang der Geschichte zu tun zu haben, die liebevolle Darstellung der Läden ist ebenfalls nur schmückendes Beiwerk ohne Bedeutung für den Plot. Ich bin sehr enttäuscht, denn ich wollte dieses Buch lieben, ich wollte mich wohlfühlen, ich wollte die Reihe komplett lesen. Sehr schade.


Fazit:

Der Liebesroman „Der kleine Teeladen zum Glück“ von Manuela Inusa ist eine seichte, belanglose Romanze um die Teeladen-Besitzerin Laurie und ihren Tee-Lieferanten Barry. So viel Liebe auch in der Ausgestaltung der Valerie Lane und den Läden dort steckt, so hölzern und oberflächlich erscheinen alle Charaktere. Konflikte sind beinahe nicht vorhanden, ebenso wenig haben die Charaktere Ecken und Kanten. In der Valerie Lane ist alles schön und harmonisch. Für Fans von seichter Wohlfühlromantik ist dieser Roman definitiv zu empfehlen, mich hat das Buch leider enttäuscht.

Veröffentlicht am 08.01.2018

Träumerisch, aber nicht befriedigend

Herrn Haiduks Laden der Wünsche
1

Dieses Buch verspricht schon vom Klappentext her, eine gemütliche Reise durch das Leben verschiedener Menschen zu werden. Vor dem Hintergrund der Suche nach dem glücklichen Lottogewinner erhalten wir kleine ...

Dieses Buch verspricht schon vom Klappentext her, eine gemütliche Reise durch das Leben verschiedener Menschen zu werden. Vor dem Hintergrund der Suche nach dem glücklichen Lottogewinner erhalten wir kleine Einblicke in den Alltag und die Seelen einiger Menschen aus der Umgebung von Herrn Haiduks Laden. Das Buch ist nachdenklich und regt zum Denken an, richtige Tiefgründigkeit vermisste ich am Ende aber doch.

Der Stil des Buches gefiel mir vom ersten Moment an: Aus der Ich-Perspektive schildert ein Autor, der inzwischen keiner mehr ist, seine Rückkehr zu Herr Haiduks Laden, wo er früher öfter gewesen ist. Der Besitzer, Herr Haiduk, erkennt ihn, freut sich und will ihm unbedingt eine besondere Geschichte erzählen. Ein großer Teil des Buches ist dann in der erzählenden Perspektive des Autors geschrieben, der die Erzählungen von Herrn Haiduk und seinem Gehilfen Adamo wiedergibt. Die Mischung ist gelungen und macht für mich einen wesentlichen Teil des Lesegenusses aus. Immer wieder kehren wir von Herrn Haiduks Erzählung ins Hier und Jetzt zurück, um ein wenig mehr über den Alltag des Autors zu erfahren.



Liebenswürdige Figuren

Die Figuren selbst sind größtenteils glaubwürdig und in sich stimmig gestaltet. Der Autor ist ein rundum normaler Mensch, während Herr Haiduk definitiv verschroben ist, aber auf eine liebenswürdige Art. Alma wird auf eine typische Weise als gleichzeitig naiv und sehr stark beschrieben. In ihrer Naivität, die der eines Kindes gleicht, liegt ihre Stärke, da sie so fest an ihre Wahrnehmung der Welt glaubt, dass sich sich fast nie beirren lässt. Obwohl das ein Charakterkonzept ist, das mir gefällt, musste ich bei Alma doch manchmal die Stirn runzeln, da es beinahe zu übertrieben wirkte. Immer wieder wird uns Lesern erzählt, wie sonderlich sie ist, irgendwann wird es zu viel.

Andererseits ist es gerade ihre Art, die an die Kindheitsheldin Momo erinnert, die es uns erlaubt, diverse andere Menschen, die nur kurze Auftritte haben, sehr plastisch wahrzunehmen. Der Mittelteil des Buches besteht hauptsächlich aus den Gesprächen, die Alma mit Lottogewinner-Kandidaten führt, und obwohl diese Gespräche teils kurz sind, zeichnen sie doch stets ein rundes Bild eines Charakters. Alma hört zu, lässt keine Lüge gelten und zwingt mit ihren sehr schlichten Fragen, jeden Menschen dazu, ehrlich zu sich selbst zu sein. Manche lügen und wollen das nicht zugeben, andere versuchen nicht einmal zu lügen, wieder andere schämen sich für ihr Verhalten. Jedem zwingt Alma einen Spiegel auf. Das ist in diesem Buch ein deutlicher Höhepunkt.



Am Ende war ich ratlos

Insgesamt jedoch hat mich die Geschichte ratlos hinterlassen. Zwischenzeitlich äußerte der Autor Ungeduld darüber, wie langsam Herr Haiduk die Erzählung vorantrieb, wie sehr er ihn auf die Folter spannte und offensichtlich das Interesse genoss. Als Leserin ging es mir genauso, ich wurde irgendwann sehr ungeduldig. Einerseits geschah zwar eine Menge, und sicherlich dienten gerade die Unterbrechungen der Geschichte mit Einblicken in die Gegenwart dazu, das Erzählte sacken zu lassen und Langsamkeit generell zu feiern. Auch wird deutlich, wie bedeutend das Glück eines einfachen Augenblicks sein kann, wie er beispielsweise in dem Grillabend im Hinterhof bei leichter Sommerbrise sein kann. All das verstehe ich durchaus. Dennoch wurde ich zunehmend ungeduldig und am Ende gab es in meinen Augen keine befriedigende Auflösung, welche diese Langsamkeit wirklich gerechtfertigt hätte. Dass auch der Autor sich empört zeigte über Herrn Haiduk, rettet für mich das Ende leider dennoch nicht.

Das Buch will über Glück nachdenken und stellt die Frage, ob nicht eigentlich die Idee von Glück sehr viel wichtiger ist. Das ist spannend und zwischendurch gibt es da wirklich spannende Ansatzpunkte, doch am Ende verlief es für mich zu sehr im Sand. Es war ein Genuss, diese Geschichte zu lesen, aber sie hinterlässt entgegen meiner Erwartungen nichts. Das ist schade. Die Offenheit, die zum Nachdenken einladen könnte, tut es, zumindest in meine Fall, leider nicht.


Fazit:

Der Roman "Herrn Haiduks Laden der Wünsche" von Florian Beckerhoff ist ein wundervoller Lesegenuss, der die Einfachheit des Augenblicks und das Glück in kleinen Dingen feiert. Liebevoll gestaltete Figuren liefern vor der Kulisse des kleinen Ladens ein hübsches Kammerspiel ab, während die große Frage des Glücks erörtert wird. Leider bleibt das Ende auf unbefriedigende Weise offen, so dass die teilweise langatmige Art des Erzählens nachträglich keine Rechtfertigung erfährt. So schön sich das Buch auch lesen lässt, so interessant die Charaktere auch sind, am Ende bleibt wenig übrig. Trotzdem kann ich das Buch empfehlen, alleine schon weil der Mittelteil ein wunderschön nachdenklicher Höhepunkt war.

Veröffentlicht am 02.10.2017

Ich will noch mehr über Alessa lesen!

Das blaue Medaillon
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Martha Sophie Marcus versteht ihr Handwerk. Obwohl dies der erste historische Roman ist, den ich von ihr lese, haben wenige Zeilen ausgereicht, um mich von ihrem Schreibstil zu überzeugen. Sie benutzt ...

Martha Sophie Marcus versteht ihr Handwerk. Obwohl dies der erste historische Roman ist, den ich von ihr lese, haben wenige Zeilen ausgereicht, um mich von ihrem Schreibstil zu überzeugen. Sie benutzt der Zeit angemessenes Vokabular, ohne dass es einem an die heutige Zeit gewöhnten Leser negativ auffällt, im Gegenteil, es trägt zum Charme ihrer Bücher bei.



Ein realistisches, farbenfrohes Gemälde der Zeit

Nach einem turbulenten Auftakt begleiten wir die Hauptfigur Alessa auf einer Reise nach Celle, dich mich persönlich lebhaft an eines meiner ersten großen Rollenspiel-Abenteuer erinnert hat, in welchem ich undercover mit der Gauklertruppe Saltatio Mortis in die Dunkellande gereist bin, um dort heimlich am Hofe Nachforschungen anzustellen. Die Auftritte der Schauspieltruppe sind lebhaft beschrieben, man sieht die Harlekins förmlich vor sich durch die Luft wirbeln. Immer wieder wird das Schauspiel zum Mittelpunkt der Handlung, und immer wieder unterhält uns die Autorin damit auf fantastische Weise.

Auch am Hofe selbst, wo man vielleicht höherwertiges Theater kennt, kommt die Truppe gut an. Es ist schon zu sehen, wie erwachsene, adelige Menschen sich im Angesicht von heiterer, alberner Unterhaltung gehen lassen können. Die Anziehungskraft von einfachen Schauspielern ist mit den Händen zu greifen. Generell ist die Darstellung der höfischen Personen ebenso gelungen wie die von Alessa und ihrer Truppe. Dass wir es hier mit echten historischen Persönlichkeiten zu tun haben, deren Ränkespiele in der Realität ganz ähnlich abgelaufen sind, trägt dazu bei, dass der Roman authentisch und realistisch wirkt.



Spannende, lebensnah wirkende Charaktere

Alessa ist eine sympathische Heldin, auch wenn sie manchmal ein wenig zu überlegen wirkt. Sie spricht mehrere Sprachen, ist eine Meisterdiebin und klug genug, in den codierten Konversationen der Adeligen nicht unterzugehen. Ein klein wenig mehr Schwäche hätte ihr vielleicht gut getan, dennoch ist sie gerade so nicht zu einer Mary Sue geworden und man sorgt sich bisweilen doch um ihr Wohlergehen.

Dass sie einen Love-Interest bekommt, hat mich persönlich überrascht, doch es passte zu der Geschichte und die Romanze hat glücklicherweise den eigentlichen Plot nicht überschattet. Stattdessen hat die Liebe für beide Seiten eine angenehme Komplikation hinzugefügt, und den großen Gegenspieler von Alessa menschlich wirken lassen. Auch dieser Mann ist nahe an der Perfektion, er ist von einfacher Geburt, aber dennoch gebildet und im höchsten Maße loyal gegenüber dem Herzog. In Rollenspielterminologie wäre er wohl rechtschaffend-gut, doch glücklicherweise hat er das Herz am rechten Fleck, so dass er kein blinder Gesetzesdiener ist.

Eine der interessantesten Figuren ist der Auftragsmörder, vor dem Alessa flieht. Einige Szenen werden aus seiner Sicht geschildert und hier lernen wir einen Menschen kennen, der generell eiskalt, kalkulierend und intelligent ist, aber genauso schnell auch von heißem, loderndem Hass verschlungen werden kann. Es ist wirklich schade, dass wir nicht mehr von diesem Mann erfahren. Generell habe ich mir am Ende des Buches gewünscht, dass es sich um den Auftakt einer Reihe handelt, denn so viele Charaktere haben das Potential, ihre eigene Geschichte erzählen zu können. Gerne würde ich lesen, wie aus dem Mann Mezzanotte der berüchtigte Auftragsmörder wurde.



Fazit:

Der historische Roman "Das blaue Medaillon" von Martha Sophie Marcus überzeugt mit einem angenehmen Schreibstil und spannenden Charakteren. Die Geschichte um Alessa, die alles versucht, um ihr Medaillon zu beschützen, ist rasant und in den bunten Bildern einer Schauspieler-Truppe erzählt. Die historischen Umstände werden realitätsnah erzählt, ohne den Leser zu langweilen. Ein wenig übertrieben wirkt manchmal das Können der Hauptperson, doch abgesehen davon ist dieser Roman eine runde Sache.

Veröffentlicht am 29.09.2017

So viel mehr als nur eine Liebesgeschichte!

Die Schlange von Essex
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Dieser Roman wir beworben als eine Liebesgeschichte vor einem historischen Hintergrund im viktorianischen England. Das alleine reicht aus, um mein Interesse zu wecken, auch wenn ich eher noch ein Stück ...

Dieser Roman wir beworben als eine Liebesgeschichte vor einem historischen Hintergrund im viktorianischen England. Das alleine reicht aus, um mein Interesse zu wecken, auch wenn ich eher noch ein Stück weiter zurück in der Geschichte gehen würde, eher an den Anfang des 19. Jahrhunderts, um rundum glücklich zu sein. Doch auch der Beginn der Industrialisierung hat seinen Reiz. Und für eine Liebesgeschichte ist der historische Rahmen eh meist eher nebensächlich.



Schräge, aber genau deswegen liebenswerte Charaktere

So zumindest dachte ich, als ich dieses Buch das erste Mal in die Hand genommen habe. Mit gerunzelter Stirn las ich die ersten Seiten und war mir noch nicht sicher, was ich von der Fülle an Figuren, die dem Leser direkt präsentiert werden, halten soll, zumal sie alle auf den ersten Blick mehr als unsympathisch wirken. Doch irgendwie hatte das auch seinen Charme, es war erfrischend anders, der ganze Schreibstil war spannend. Also habe ich weitergelesen.

Mit jeder Seite, die wir sowohl Cora als auch Will besser kennenlernen, werden die beiden sympathischer. Sie sind umgeben von einer Reihe weiterer Personen, die ebenfalls in ihren Eigenarten schwer zu lieben sind: Da ist der zukunftsgewandte Arzt Luke, der eine schwierige äußerliche Erscheinung hat und im Umgang eher spröde wirkt. Die Ehefrau Stella, die so perfekt und gutaussehend ist, dass sie kaum menschlich wirkt. Das Kindermädchen Martha, das zur besten Freundin von Cora geworden ist, die immer nur grummelig, unzufrieden und auf Provokation ausscheint. Sogar die Kinder, zum Beispiel Coras Sohn Francis, sind so seltsam, dass man nur schwer mit ihnen warm wird.

Doch genau darin liegt die Stärke dieses Buches. Wir lernen echte Charaktere kennen. Wir lernen, dass der erste Eindruck täuscht. Allesamt sind sie schnell mit ihren Urteilen über die anderen, allesamt kommen zu einem derart negativen Eindruck der anderen Figuren, noch ehe sie ein Wort mit ihnen gewechselt haben, dass man sich fragt, warum all diese Menschen so negativ und misstrauisch sind. Dann, langsam, lernen sie einander kennen. Sie sind gezwungen, die guten Seiten in den anderen zu sehen, oder auch nur, dass die anderen in ihnen selbst ihre guten Seiten hervorbringen. Und so geht es uns auch als Leser: Unweigerlich verliebt man sich in jede einzelne der Figuren. Ihre seltsamen Macken werden liebenswert und machen sie zu echten Menschen mit Ecken und Kanten. Man wünscht ihnen alles Glück im Leben, während man gleichzeitig spürt, dass es unmöglich ist, dass am Ende alle glücklich werden.



Packende Geschichten vor historischer Kulisse

Zeitgleich fällt ein Schatten über das kleine Städtchen, in dem diese Geschichte spielt. Man erzählt sich Legenden von der Schlange von Essex, einem Monster, das wohl Ähnlichkeiten mit dem Monster von Loch Ness hat. Es kommt im Nebel aus dem Fluss und bringt Tod und verderben. Mehrere Menschen sterben, andere werden krank oder verschwinden. Die einfachen Leute fangen an, an ihrem Hirten zu zweifeln und der Pastor Will hat alle Hände voll damit zu tun, ihren Glauben zu wahren. Immer wieder kehrt die Handlung zu dieser Schlange zurück. So, wie Cora und Will darum streiten, ob im Glauben an Gott oder in der Befolgung der Theorien Darwins die Vernunft liegt, so kämpft die Bevölkerung gegen den Aberglauben an, dem sie schließlich doch verfällt. Immer wieder wird der Kampf zwischen rationaler Vernunft und irrationalem Glauben, aber auch zwischen rationalem Glauben und irrationaler Vernunft zum Thema.

Währenddessen tobt in London in den Armenvierteln der Kampf um Arbeiterbefreiung. Die Thesen von Marx sind in der Welt, der Sozialismus ist bekannt, das Leid der Industriearbeiter ist unermesslich. Obwohl nur wenige Szenen hier spielen, schildert Perry diesen Aspekt des Fortschritts doch sehr eindringlich. Dass sie auch ihre Hauptpersonen in diesen Konflikt eintreten lässt, einige mit ehrenwerten Ansichten, einige eher weniger, gibt der Geschichte eine weitere spannende Dimension.



Eine komplexe Schau auf das Leben

Vor dem historischen Hintergrund und seinen ganz besonderen Herausforderungen ist eine Liebesgeschichte zwischen einer Witwe und einem verheirateten Pastor keine leichte Angelegenheit. Doch es ist nicht einfach nur romantische Liebe, von der wir hier lesen. Es entwickeln sich Freundschaften, die beinahe noch tiefer gehen, als jede Liebe es jemals könnte. Wir sehen Familien, Beziehungen zwischen Eltern und ihren Kindern, die so problematisch und so voller ungewollter Verletzungen sind, dass man unwillkürlich mit allen Beteiligten mitleidet. Die ganze Facette menschlicher Emotionen, menschlicher Beleidigungen und Zerwürfnisse spielt sich in diesem beinahe 500 Seiten langen Buch ab – und am Ende musste ich wirklich mit den Tränen kämpfen.




Fazit:

Der Roman „Die Schlange von Essex“ von Sarah Perry ist die berührende Geschichte eines ausgewählten Ensembles von Menschen, die füreinander da sein wollen, aber es am Ende doch kaum können. Vor dem Hintergrund der Industrialisierung, des Siegeszuges der Naturwissenschaften über die Kirche, aber auch im Angesicht von beharrlichem Aberglauben kämpfen die Hauptfiguren darum, Liebe und Freundschaft zu finden, ihre Stolz zu behalten und einen Sinn im Leben zu finden. Die tief berührende Geschichte von Cora, Will, Luke, Martha und all den anderen ist ein Meisterwerk, das uns gekonnt Einblicke in die Empfindsamkeit der menschlichen Seele gibt.