Profilbild von Thoronris

Thoronris

Lesejury Profi
online

Thoronris ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Thoronris über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 14.06.2021

Zu wenig Spannung und Tiefe

Die Ingenieurin von Brooklyn
1

Ich habe mich auf dieses Buch gefreut, da ich Romane über echte historische Figuren sehr gerne lese, insbesondere wenn es dabei um Frauen geht, die entgegen ihrer Zeit für sich und ihre Träume gekämpft ...

Ich habe mich auf dieses Buch gefreut, da ich Romane über echte historische Figuren sehr gerne lese, insbesondere wenn es dabei um Frauen geht, die entgegen ihrer Zeit für sich und ihre Träume gekämpft haben. Leider konnte mich dieser Roman aber nicht überzeugen.

Von Beginn an hatte ich das Gefühl, eher eine Zusammenfassung von Ereignissen zu lesen als eine richtige Geschichte. Während ich zunächst dachte, dass dies nur so ist, weil der Roman den eigentlichen Plot mit Hintergrundwissen vorbereiten muss, wurde ich mit jeder Seite mehr enttäuscht. Der Stil blieb gleich – beschreibend und flach, ohne Gefühle und damit auch ohne Spannung. Einzelne Elemente, wie Rückblenden, um Trauma zu erklären, wurden abgehandelt, als wären sie eine Pflichtübung für die Autorin.

So blieben auch die Charaktere blass. Die Romanze zwischen Walsh und Emily beginnt sehr plötzlich und so sehr sie auch für ihn schwärmt, blieb mir bis zum Schluss unklar, woher die echte Liebe kam. Während durchaus Ansätze da sind, Emily zu einem komplexen Charakter zu machen – hin- und hergerissen zwischen ihrer Liebe zu ihrem Ehemann, den sie immer unterstützen will, und ihren Idealen und Träumen, für die Suffragetten-Bewegung zu kämpfen – bleiben alle anderen eindimensional. Sie sind zwar leicht zu unterscheiden, doch meist nur auf eine Eigenschaft beschränkt. Jeder hier scheint Statist zu sein, damit die Autorin den Charakter von Emily entwickeln kann.

Es gibt hier viel Potential: Die Ideen sind gut und auch, dass die Autorin verschiedenste Formen von Trauma anspricht, um das Wesen der Charaktere zu zeigen, hat mir gefallen. Es scheitert leider für mich stets an der Umsetzung, da ich nie das Gefühl bekam, wirklich mitgenommen zu werden.


Fazit

Der Historische Roman Die Ingenieurin von Brooklyn“ nimmt sich eine spannende historische Figur vor, um uns ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Der Plot hat viel zu bieten – von Trauma über die Frauenwahlrechtsbewegung bis hin zum eigentlichen Bau der Brücke -, doch gelingt es bis zum Schluss nicht, die Elemente in eine stimmige Geschichte zu gießen.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 08.06.2021

Ein ganzes Dorf spielt verstecken

Adria mortale - Bittersüßer Tod
0

Adria Mortale – Bittersüßer Tod ist so viel mehr als nur ein Krimi. Ganz nah dran an den Dorfbewohnern zeigt uns Margherita Giovanni, wie Nachbarschaftsliebe gemixt mit Misstrauen und Tratsch sehr schnell ...

Adria Mortale – Bittersüßer Tod ist so viel mehr als nur ein Krimi. Ganz nah dran an den Dorfbewohnern zeigt uns Margherita Giovanni, wie Nachbarschaftsliebe gemixt mit Misstrauen und Tratsch sehr schnell in einer Tragödie enden kann. Die Spannung hier entsteht nicht durch viel Action oder lebensgefährliche Situationen, sondern durch das allgegenwärtige Misstrauen gegen alle auftretenden Figuren. So werden wir Leser über 300 Seiten an der Nase herumgeführt, bis sich das Ende dann in seiner ganzen Tragik, aber ohne sich zu viel Zeit zu nehmen, ausbreitet.


Gewöhnungsbedürftiger Schreibstil

Das erste, was mir an diesem Buch aufgefallen ist, ist der Schreibstil: In der dritten Person, aber jeweils aus vielen verschiedenen Perspektiven wird die Geschichte erzählt, und so dürfen wir allen Figuren im Laufe des Romans mal über die Schulter und in den Kopf schauen. Diese Perspektive wechselt manchmal von Absatz zu Absatz und so hatte ich insbesondere zu Beginn Schwierigkeiten, wirklich in den Lesefluss zu kommen. Ich halte wenig von diesem Stil und habe mich immer wieder drüber geärgert, doch gleichzeitig ist es eine Meisterleistung, dass die Autorin uns die wahren Täter und den wahren Tathergang trotzdem bis zum Ende verschweigen konnte.

So sehr mir das head hopping auch missfallen hat, so sehr habe ich hingegen genossen, wie viel Zeit sich Giovanni genommen hat, uns das kleine Dorf mit dem langen Namen und das Meer davor in aller Farbenpracht näher zu bringen. Ich war zwar nie in Italien, aber immerhin im französischen Marseille, und so fühlte ich mich sofort wieder an der Mittelmeerküste. Geruhsam, aber ohne unpassende Länge nimmt uns die Autorin an die Hand und zeigt uns das italienische Dorf in all seiner Pracht.


Ein bunter Haufen mehr oder weniger komplexer Figuren

Auch wenn der Klappentext mich zunächst hat annehmen lassen, dass die beiden deutschen Urlauberinnen die Hauptfiguren werden würden, so waren es am Ende doch die Pensionsbesitzerin Federica und der Commissario Lorenzo Garibaldi, die mich wirklich in die Geschichte gezogen haben. Beide hochintelligent, aber nicht unbedingt voll auf derselben Seite, ist es von Anfang an spannend gewesen zu sehen, wie sie mit- und gegeneinander gearbeitet, sich herausgefordert und am Ende doch zu einer Kameradschaft gefunden haben.

Neben diesen beiden spielen diverse Pensionsgäste und Dorfbewohner unterschiedlich große Rollen, doch man kann keine Rückschlüsse ziehen, wer wirklich wichtig und verdächtig ist. Wir schauen ihnen allen mal in den Kopf, doch was sie wirklich wissen, was sie wirklich fühlen, bleibt uns sehr lange verborgen. Obwohl dadurch die Ermittlungen kaum voran gehen – der Commissario weiß natürlich, dass alle lügen, aber kennt die Wahrheit dennoch nicht -, wird die Spannung durchgehend gehalten. Die Einwohner spielen miteinander verstecken, lästern und tratschen bei jeder Gelegenheit, und mittendrin versucht Lorenzo, das schwächste Glied zu finden, um von dort aus auf die richtige Spur zu kommen. Obwohl es viele Figuren sind, geht doch nie die Übersicht verloren, was eine der größten Errungenschaften dieses Romans ist.


Fazit

Der Krimi „Adria Mortale – Bittersüßer Tod“ überzeugt sowohl durch die Landschaftsbeschreibungen als auch durch die vielen verschiedenen Charaktere. Das Ermittlerduo, so ungleich es auch ist, beweist scharfen Verstand und hohe Menschenkenntnis, und so ist es ein Genuss, das Versteckspiel der Dorfbewohner und Pensionsgäste zu beobachten, wissend, dass es zum Scheitern verurteilt ist. Die Auflösung ist ebenso tragisch wie befriedigend. Nur die teilweise arg häufigen Perspektivwechsel haben meinen Lesefluss immer mal wieder gestört

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 02.06.2021

Solider Krimi mit fundierter Ermittlungsarbeit

Haie unter dem Eis - Kira Lunds erste Reportage
0

Mit diesem Krimi liefert H. Dieter Neumann einen gelungenen Auftakt zu seiner Reihe um die Journalistin Kira Lund. Solide recherchiert und von Anfang bis Ende logisch dargelegt lesen wir von der Aufklärung ...

Mit diesem Krimi liefert H. Dieter Neumann einen gelungenen Auftakt zu seiner Reihe um die Journalistin Kira Lund. Solide recherchiert und von Anfang bis Ende logisch dargelegt lesen wir von der Aufklärung eines tragischen Mordfalls. Wie bei Schwarz Rot Gold, einer meiner Lieblingsserien aus der Kindheit, werden wir in jeden Schritt der Ermittlungen einbezogen und können zusammen mit der Journalistin das Puzzle Stück für Stück zusammenfügen, bis sich schließlich ein ganzes Bild ergibt.


Ein eher langsamer Anfang

Da dieses Buch nicht nur ein Krimi ist, sondern zugleich als Auftakt einer Reihe dient, widmet sich ein nicht zu unterschätzender Teil insbesondere am Anfang dem Privatleben der Journalistin mit allen Höhne und Tiefen. Ebenso lernen wir ein bisschen mehr über Flensburg und die besonderen Beziehungen im hohen Norden zu Dänemark. Für mich, die ich aus dieser Ecke stamme, durchaus unterhaltsam, aber leider bisweilen auch zu langatmig.

Auch wenn direkt zu Beginn ein Verdächtiger festgenommen werden kann, von dem man an Leser sofort denkt, dass er es garantiert nicht war, hat es in meinen Augen etwas zu lange gedauert, bis die Ermittlungen wirklich Fahrt aufgenommen haben. Dies ist sicherlich auch dem Umstand des Serienauftaktes geschuldet, doch ich hätte mir konkrete Hinweise etwas früher im Buch gewünscht. Sehr viel Zeit wird verwendet, die Zweifel von Kira Lund an Schuld oder Unschuld des Verdächtigen zu schildern, ohne dass sich der Plot wirklich vom Fleck bewegt.


Akribische Ermittlungsarbeit mit spannenden Höhepunkten

Als es dann aber schließlich soweit ist, wird es richtig spannend, so dass ich die letzte Hälfte des Buches an einem Stück durchgelesen habe. Aus persönlichen Gründen stürzt sich Kira Lund auf die erste Spur, die sie sieht, und ermittelt auf eigene Faust, aber auch in Absprache mit der Polizei in Gestalt von Hauptkommissarin Helene Christ. Diese beiden Frauen ergänzen sich wunderbar und spielen sich gegenseitig immer wieder kleine Details zu, die die jeweils andere in die richtige Richtung weißt.

Immer mehr Personen landen im Kreis der Verdächtigen, doch erst ganz zum Schluss wird wirklich klar, wer nun der eigentliche Mörder war. Obwohl die groben Zusammenhänge schnell zu Tage treten, beweist der Autor seine Stärke gerade darin, die Beweisführung wasserdicht zu machen und alle Zusammenhänge lückenlos aufzudecken. Dass sich dabei Kira Lund auch – in meinen Augen sehr fahrlässig – in Gefahr begibt, würzt diese akribische Ermittlungsarbeit gekonnt. Das Ende ist befriedigend und hinterlässt keine Fragen, so dass der Fall wirklich zu den Akten gelegt werden kann.


Fazit

Der Küstenkrimi „Haie unter dem Eis“ besticht durch die solide Ermittlungsarbeit der Journalistin Kira Lund und ist damit ein gelungener Auftakt zu einer Reihe um diese Figur oben in Flensburg. Nach einigen anfänglichen Längen nimmt das Buch schnell Fahrt auf und führt den Leser in angemessenem Tempo von einem Verdächtigen zum nächsten. Jedes neue Puzzleteil fügt sich gut ein und verleiht dem Bild mehr Tiefe, so dass am Ende die eigentlichen Täter überführt werden können. Der Krimi lässt mich zufrieden zurück und macht zugleich Lust auf mehr, weswegen ich eine Leseempfehlung ausspreche.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 31.05.2021

Ein origineller historischer Krimi zum MIträtseln

Das Buch des Totengräbers
0

Dieser Krimi von Oliver Pötzsch besticht von Anfang an durch die lebendige Kulisse, die das Wien zum Ende des 19. Jahrhunderts bietet. Auch wenn „Das Buch des Totengräbers“ ein Krimi, ist sind es die vielen ...

Dieser Krimi von Oliver Pötzsch besticht von Anfang an durch die lebendige Kulisse, die das Wien zum Ende des 19. Jahrhunderts bietet. Auch wenn „Das Buch des Totengräbers“ ein Krimi, ist sind es die vielen kleinen Details, durch die man sich als Leser in das alte Wien zurück versetzt fühlt, die das Buch herausragend machen. Zudem kann man von Anfang an miträtseln und geschickte Platzierung winziger Details ermöglichen es, dass man vor dem Ermittler auf so manche Spur kommt. Das unterhaltsame Duo eines deutschen Inspektors und eines grimmigen Totengräbers ist zudem so originell, dass man sich auf jeder Seite gut unterhalten fühlt.


Starke historische und politische Kulisse

Als gebürtige Norddeutsche könnte ich nicht weiter weg vom österreichischen Leben sein, und doch gelingt es dem Autor von Anfang an, mir das Leben und den Charakter der Österreicher eines anderen Jahrhunderts näher zu bringen. Auch dass viele im typischen Dialekt sprechen, der mir fremd ist, hat hier geholfen, zumal der Dialekt nie so oft oder so stark eingeflochten wurde, dass ich die Wörter nicht mehr verstehen konnte. Das ist eine der kleinen Meisterleistungen, die diesen Krimi scheinen lassen.

Gleichzeitig dürfen wir natürlich auch die historischen Umstände am Ende des 19. Jahrhunderts nicht vergessen, und so begegnen wir einer Menge Judenhass und der sehr strengen „Sitte“. Auch hier zeigt der Autor Fingerspitzengefühl: Während sehr deutlich gemacht wird, wie verabscheuungswürdig die vielen Vorurteile gegen jüdische Mitbürger sind, so wird doch auch klar, wie allgegenwärtig und salonfähig sie damals waren. Wir sehen ein Wien, das eine Weltstadt ist, obwohl viele fremdenfeindlich eingestellt sind und Modernisierung ablehnen. Die extremen Unterschiede zwischen arm und reich, zwischen neuer Technik und alten Gepflogenheiten werden nebenher erörtert und verleihen der Geschichte sehr viel Farbe,


Gegensätzliche Ermittler und ein brisanter Fall

Die beiden Ermittler selbst, Leopold von Herzfeldt und Augustin Rothmayer, spiegeln diese Unterschiede sehr gut. Während Leo zuvor in Graz Kriminalistik studiert hat und mit einem eigenen Fotoapparat unterwegs ist, scheut sich Rothmayer davor, ein Telefon auch nur anzufassen. Trotzdem können sie den Fall am Ende nur gemeinsam lösen: Leo bringt messerscharfe Beobachtungsgabe und kritische Hinterfragung aller Tatsachen mit, während Rothmayer viel Erfahrung und ein sehr tiefes Verständnis von Leichen beisteuert.

Trotzdem fallen erst am Ende alle Puzzelteile so zusammen, dass Leo begreift, was wirklich vor sich geht. Der Autor hat hier zuvor dem Leser kleine Hinweise gegeben und so war zumindest ein Teil der großen Wendung am Ende für mich keine Überraschung, sondern eine Genugtuung, weil ich vor den Ermittlern drauf gestoßen bin. Trotzdem waren die ganzen Umstände nicht sofort klar, so dass genügend Überraschung blieb, damit die Spannung bis zum Schluss da war.

Neben Leo und Rothmayer gibt es hier zudem eine interessante Frauenfigur, die so viele interessante Seiten hat, dass ich hoffe, dass wir in Zukunft noch mehr von ihr sehen. Ohne allzu sehr in Klischees zu verfallen, fädelt der Autor also auch noch einen kleinen romantischen Plot mit ein, der angenehm nebenher läuft und seinen ganz eigenen Zweck erfüllt.

Der Fall selbst beginnt bereits brutal und abstoßend, doch die Abgründe, die sich im Laufe der Ermittlungen auftun, sind nichts für schwache Nerven. Man braucht einen starken Magen, um auszuhalten, was hier wirklich vor sich geht. Doch auch hier beweist der Autor höchstes Können: Ungeschönt und in all der realen Grausamkeit erleben wir die Umstände, während gleichzeitig genügend Distanz gewahrt wird, dass es sich nicht anfühlt, als würden wir im Leid baden. In meinen Augen ist hier der Spagat zwischen Anschaulichkeit und Respekt meisterhaft gelungen.


Fazit

Der historische Kriminalroman „Das Buch des Totengräbers“ ist eine schriftstellerische Meisterleistung. Nicht nur gelingt es Oliver Pötzsch, den Leser von Anfang bis Ende miträtseln zu lassen, er nimmt uns gleichzeitig mit in eine andere Zeit, an einen zumindest mir unbekannten Ort. Mit komplexen, durchaus fehlerhaften Hauptpersonen und einem grauenhaften Fall ist hier Spannung von der ersten Seite an vorhanden.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 28.05.2021

Farbenfroh und mitreißend, aber bisweilen langatmig

Die Tänzerin vom Moulin Rouge
0

Mit „Die Tänzerin vom Moulin Rouge“ ist es Tanja Steinlechner gelungen, ein farbenfrohes und authentisches Bild des Lebensgefühls zu malen, das wohl im Paris Ende des 19. Jahrhunderts geherrscht hat. Die ...

Mit „Die Tänzerin vom Moulin Rouge“ ist es Tanja Steinlechner gelungen, ein farbenfrohes und authentisches Bild des Lebensgefühls zu malen, das wohl im Paris Ende des 19. Jahrhunderts geherrscht hat. Die Gegensätze zwischen der strengen Moral der ärmeren, einfachen Bevölkerung auf der einen und dem absoluten, ungezügelten Exzesses auf der anderen Seite sind schillernd eingefangen in allen Höhen und Tiefen. Wie das Leben der Protagonistin lässt auch dieses Buch dem Leser keinen Moment zum Durchatmen, es geht immer weiter und weiter. Darin liegen die Stärken, aber auch die Schwächen dieses historischen Romans.


La Goulue – ein einzigartiger Charakter

Mit Louise Weber hat sich die Autorin eine reale Figur aus der Vergangenheit des Moulin Rouges rausgesucht, deren Lebensweg wir erfahren können. Sie hält im Nachwort eindeutig fest, dass sie sich Freiheiten mit der Biografie genommen hat, um stattdessen eine stringentere fiktive Erzählung liefern zu können. Da ich zuvor von Louise Weber nichts wusste, hat mich dies nicht gestört, aber Kenner dürften sich hier an einigen Details reiben.

La Goulue, wie sich Louise Weber auf der Bühne nennt, macht von Anfang an ihrem Namen alle Ehre: Sie ist gefräßig und unersättlich, im besten und schlimmsten Sinne des Wortes. Sie will mehr als nur Wäscherin sein und packt die Gelegenheit, die sich zufällig ergibt, beim Schopf. Mit ihrer Lebenslust, die jeder in ihrer Nähe sofort spürt, kann sie Männer wie Frauen in den Bann ziehen und auch mich als Leserin. Mit ihren Worten erschafft Steinlechner eine glänzende Welt, in deren Mittelpunkt Louise steht, die man sich in ihrer ganzen Pracht stets vorstellen kann.

Daneben gibt es eine unfassbare Reihe von Nebencharakteren, die mal kürzer, mal länger an der Seite von Louise stehen, ihren Ruhm genießen wollen oder sie aufrichtig mögen. Jede dieser Figuren hat ihren eigenen Charakter, deutlich von der Autorin beschrieben, so dass man nie die Übersicht verliert, aber genau deswegen bisweilen auch ein wenig flach, da meist nur ein oder zwei Wesenszüge wirklich ausgearbeitet werden. Man weiß nie, wer eine größere Rolle spielen wird und so gibt es auch nie den deutlich erkennbaren, zu erwartenden Liebhaber, der von Beginn an für den Leser offensichtlich ist. Dies wird insbesondere dadurch befeuert, dass Louise sowohl Männer als auch Frauen liebt, wobei ihre Vorurteile gegenüber ersteren dazu führen, dass sie nur mit Frauen ernsthafter und länger in Beziehungen bleibt. Im Moulin Rouge wird das Flirten mit dem anderen Geschlecht geschätzt, und doch bekennt sich Louise nie offen zu ihrer Liebe zu den Frauen, da sie die männliche, zahlende Kundschaft nicht vertreiben will.


Die Stärken und Schwächen des Buches

Genau hier entsteht der zentrale Konflikt: Louise will niemals von einem anderen Menschen, insbesondere einem Mann, abhängig sein, und in ihrer Furcht vor der Liebe, die sie abhängig machen könnte, stößt sie immer wieder alle von sich, die ihr wirklich Gutes wollen. Ihr Selbstwert ist so sehr an den Eindruck, den andere von ihr haben, geknüpft, dass sie in Wirklichkeit abhängiger ist, als sie es je in einer Ehe mit einem geliebten Menschen sein könnte. Immer wieder bricht ihre Welt zusammen, immer wieder baut sich Louise selbst neu auf, aber nie hält sie inne, um wirklich zu erfassen, was sie will. Es ist offensichtlich, wie gut sich die Autorin mit der menschlichen Psyche auskennt, denn egal, wie wenig man selbst den Glamour des Moulin Rouges von damals kennt, man fühlt sich Louise dennoch nahe und kann ihre Regungen verstehen, so tragisch und zerstörerisch sie auch sein mögen.

In der tiefgründigen Darstellung von Louises Charakter liegt jedoch zugleich auch die Schwäche des Buches. Wo dem Leser keine Verschnaufpause bleibt, wird die Lektüre bisweilen doch zu lang. Immer gleiche Begegnungen mit immer anderen Menschen, immer gleiche Abfolgen von höhen und Tiefen werden in der Mitte zeitweise langweilig, obwohl – oder vielleicht auch gerade weil – so unfassbar viel geschieht. Bald wird auch klar, wohin die Reise geht, und obwohl mich das Ende emotional berührt hat, empfand ich es doch zu lange herausgezögert. Ein wenig mehr Raffung des Stoffes hätte das Lesevergnügen für mich verbessert.


Fazit

Die Geschichte der Goulue Louise Weber ist faszinierend und mit den Freiheiten der Fiktion zu einem einzigartigen Lebensgefühl in Wortform hier niedergeschrieben. Das Leben im Paris, im Moulin Rouge zum Ende des 19. Jahrhunderts ist authentisch eingefangen in den vielen Charakteren, die wir hier kennenlernen dürfen. Trotz des hohen Erzähltempos hat das Buch jedoch einige Längen, so dass es am Ende beinahe ermüdend wurde. Für jeden, der das Nachtleben von Paris einmal selbst fühlen will, ist dieses Buch dennoch auf jeden Fall eine Empfehlung

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere