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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 02.09.2018

Perfektionismus ist kein Kompliment. Was zählt, ist Kreation.

Die Hochhausspringerin
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Stellen Sie sich vor, Sie lebten in einer Welt, die unnahbarer und kälter der unseren nicht sein könnte. In der Optimierung und Anpassung des Individuums an die Gesellschaft maßgebend sind. Digitalisierung ...

Stellen Sie sich vor, Sie lebten in einer Welt, die unnahbarer und kälter der unseren nicht sein könnte. In der Optimierung und Anpassung des Individuums an die Gesellschaft maßgebend sind. Digitalisierung und Überwachungskultur allgegenwärtig. Gefühle und persönliche Wünsche zweitrangig. Freundschaft und Liebe hinter einer Wand aus Leistungsdruck und dem Zwang sich ständig beweisen zu müssen verschwinden. Und dann vergleichen Sie diese Welt mit der Ihren. Und stellen fest, dass sich die beiden Welten nicht einmal so unglaublich voneinander unterscheiden, wie sie zunächst geglaubt hatten...

In dieser Welt lebt Hitomi, eine junge Wirtschaftspsychologin, die für eine Agentur namens PsySolutions arbeitet und damit beauftragt wurde, Riva Karnovski zu observieren. Riva ist Hochhausspringerin, ein perfekt funktionierender Körper, der sich seinen Weg in die Spitze der Gesellschaft gekämpft hat, von allen geliebt und bewundert während er sich von 1000 Meter hohen Hochhäusern schwingt. Doch plötzlich springt Riva nicht mehr. Plötzlich beantwortet sie keine Fanposts mehr, geht nicht mehr hinaus, sitzt nur noch in ihrer Wohnung und starrt vor sich hin. In einer Welt, in der sich alles um Image und Leistung dreht, ist das natürlich vollkommen unakzeptabel und Hitomi soll Riva durch ständige Beobachtung und Kameraanalyse wieder zu ihrem alten Ich verhelfen.

In ihrem Debüt „Die Hochhausspringerin“ erzählt Julia von Lucadou von der ehrgeizigen und zielstrebigen Hitomi Yoshida, die fest davon überzeugt ist, Riva aus ihrer Verschanzung herauszuholen, dabei jedoch immer wieder von ihren eigenen Gedanken und Gefühlen aus der Bahn geworfen wird.
Mich hat an diesem Buch am meisten der Werdegang Hitomis interessiert. Zu Beginn ist man noch sehr gespannt darauf, wie es mit Riva weitergeht, doch bald merkt man, dass sich Hitomis Leben und Gedanken in den Vordergrund der Handlung schieben. Das Buch wird aus der Perspektive von Hitomi erzählt, sodass Rivas Rehabilitation zwar weiterhin ein wichtiger Handlungsstrang bleibt, jedoch nicht mehr hundertprozentig ausschlaggebend ist. Nach und nach verliert Hitomi ihre Ehrgeizigkeit, wird unsicher, unkontrolliert. Sie versucht, alles richtig und gut zu machen, doch ihre Vergangenheit und der Wunsch nach Liebe und Geborgenheit in dieser kalten, überwachten Welt lassen sie unvorsichtig werden.
Zu Beginn war das Buch für mich ein wenig holprig, ich musste mich erst einmal einlesen und mich an die Situation gewöhnen, in die der Leser urplötzlich hineingeworfen wird. Doch nach ein paar Kapiteln war ich dann voll drin und wollte kaum mehr aufhören zu lesen. Der sehr klare und direkte Schreibstil der Autorin hat mich irgendwie gefesselt, es werden nur wenige Details erzählt und sich auf das Wesentliche beschränkt, wodurch sich das lieblose und kalte Leben für mich noch mehr verdeutlicht hat. Ganz wichtig finde ich bei Romanen immer, dass man das Ende nicht erahnen kann, und das war hier definitiv nicht der Fall! Jede Seite ist neu, interessant und regt zum Nachdenken an.
Das Thema wurde sehr interessant umgesetzt. Eine Dystopie, in der (vielleicht?) versucht wurde unsere (mögliche) Zukunft darzustellen. Und so schwarz auf weiß ziemlich erschreckend wirkt. Es gibt definitiv Parallelen zu unserer jetzigen Welt, sei es die immer weiter fortschreitende Digitalisierung oder der wachsende Leistungsdruck. Und doch muss man sich immer in Erinnerung rufen, dass es am Ende doch nur Fiktion ist, zwar sinngemäß realistisch, aber immer noch Fiktion. Meinen größten Respekt an die Autorin, sich so eine intelligente, kranke Welt auszudenken, das hat mich während des gesamten Buches immer wieder erstaunen lassen. So weit weg von uns, und doch irgendwie unglaublich nah!

„Die Hochhausspringerin“ gehört definitiv zu den Büchern, die lange zum Nachdenken anregen. In Anbetracht der Tatsache, dass ich mit Büchern die in der Zukunft spielen immer nur sehr wenig bis gar nichts anfangen kann, ist dieses Buch ein klarer Volltreffer! Mich hat es berührt und einmal angefangen zu Lesen wollte ich auch wissen, wie es weitergeht. Doch eine Sache, finde ich, muss an dieser Stelle noch einmal betont werden: Nachdem man das Buch zu Ende gelesen hat, wirkt die Zukunft irgendwie erschreckend und man denkt sich, dass man auf keinen Fall in so einer Welt leben will. Dass wir uns mit unkontrollierbarer Sicherheit in einen Überwachungsstaat verwandeln, in der niemand mehr seine Freiheiten ausleben kann. Und das stimmt nicht! Wir haben unsere Zukunft selbst in der Hand, und wenn wir so nicht leben wollen, dann müssen wir das auch nicht. Wir haben das gute Recht uns auf unsere Zukunft zu freuen, müssen versuchen, nicht immer nur alles schlecht zu machen und das was kommt so zu nehmen wie es ist und das Beste daraus zu machen. Gemeinsam. Mit ganz viel Liebe.

Veröffentlicht am 15.08.2018

Ein Sternenhimmel voller Gedanken

Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken
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„Ich kann mit drei Worten alles zusammenfassen, was ich über das Leben gelernt habe: Es geht weiter.“ Robert Frost


Aza Holmes ist in einer Gedankenspirale gefangen, die immer enger zu scheinen ...

„Ich kann mit drei Worten alles zusammenfassen, was ich über das Leben gelernt habe: Es geht weiter.“ Robert Frost


Aza Holmes ist in einer Gedankenspirale gefangen, die immer enger zu scheinen wird. Sie leidet unter einer Art Zwangsneurose und lebt sich durch ihre Ängste und Probleme, insbesondere ihrer Bakterienphobie und der Angst davor, sich an einer schlimmen Krankheit zu infizieren. Eines Tages überredet ihre beste Freundin Daisy sie dazu, bei der Suche nach dem abgetauchten Milliardär Russel Pickett mitzumachen, eine Hunderttausend-Dollar Belohnung steht auf dem Spiel. Auf der Suche nach ihm, kommt sie nicht nur seinem Sohn Davis immer näher, sondern auch ihrem eigenen Ich und dem Ende der Spirale...


„Schlaft gut ihr fiesen Gedanken“ ist John Green´s sechster Jugendroman und meine Erwartungen an ihn haben sich in ganzer Linie erfüllt. Er hat es auf ein Neues geschafft, ein Buch voller Tiefsinn und Wahrhaftigkeit zu schreiben, dass den Leser dazu anregt, über das Leben zu philosophieren.
Die Geschichte ist nicht sonderlich abgefahren oder actionreich, im Gegenteil, es ist eine Erzählung über das Leben und die Fiktion. Ich habe mich sofort in der Geschichte wiedergefunden und mitgelebt. Vor allem die Charaktere haben mir sehr gut gefallen, sie wachsen einem ans Herz und mit ihren teils schrägen Ticks und Eigenschaften kann man sich gut mit ihnen identifizieren und mitfühlen, wobei jede Person einzigartig und spannend zu verfolgen ist.
Das Buch ist sehr schön geschrieben, es liest sich schön leicht und irgendwann sind die Seiten bei mir nur noch so geflogen. Ich hatte es in 4 Tagen durch, und es macht wirklich Lust weiterzulesen! Mit vielen originellen Dialogen kommt Schwung in die Geschichte und man ist gespannt darauf, wie es mit der Suche weitergeht.
Die Thematik des Buches finde ich wagemutig gewählt. Psychische Erkrankungen, insbesondere Zwangsstörungen und Ängste, sind ein schwieriges Thema, das in Büchern auch mal nach hinten losgehen kann. John Green hat die Erkrankung Azas jedoch authentisch und seriös umgesetzt, und nachdem ich diese Buch jetzt gelesen habe, kann ich Menschen mit so einer Art von psychischer Erkrankung viel besser verstehen, wofür ich wirklich dankbar bin!
Insgesamt also ein Buch, das zum Nachdenken anregt. Über das Leben und die Fiktion, dem dünnen Band der Liebe, das viel zu schnell zerreißt und dem Plural von „Ich“. Über den Sog der Gedanken, die unser Leben bestimmen, und inwiefern wir über unsere Gedanken bestimmen. Darüber, dass Freundschaft das wichtigste Band der Liebe ist, das wir kennen und dass es nie zu spät für einen Neuanfang ist. Ein Buch über das lustigste auf dieser Welt - das Leben.
Und dennoch gibt es einzelne Punkte zu beanstanden. Die Spannung fällt leider etwas flach aus, gegen Ende hätte ich mir fast ein bisschen mehr gewünscht, wobei das vielleicht auch so gewollt war. Für actionliebende Fans, die gerne einen mega-spannenden Höhepunkt verfolgen, ist „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ vielleicht nicht unbedingt das richtige.
Das Cover gefällt mir eigentlich sehr gut, es passt zur Geschichte, allerdings finde ich es schade, dass auf die Schildkröten kaum Bezug genommen wurde. Der Originaltitel lautet: „Turtles All The Way Down“ und ich hätte mir eine andere Übersetzung ins Deutsche gewünscht, oder einfach den Titel so gelassen, ich finde ihn nämlich absolut passend!

Ich würde das Buch trotzdem sofort weiterempfehlen, für Jugendliche, wie für Erwachsene.
Jedoch ist es glaube ich nicht unbedingt eine Thematik, die jeden interessiert. Ich persönlich interessiere mich sehr für diese Art von Genre, und wer gerne Geschichten über das Leben und die Liebe liest und ein gewisses Interesse an psychischen Erkrankungen aufbringen kann, für den ist dieses Buch ein absolutes Muss! Allen anderen würde ich es trotzdem empfehlen, einen Blick auf die Seiten zu werfen, denn eine Spirale wird in die eine Richtung zwar immer kleiner, in die andere jedoch auch immer größer.

Veröffentlicht am 19.02.2018

Man kann beides sein, tapfer und voller Angst

Ich bin das Mädchen aus Aleppo
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Seit 2012 ist Bürgerkrieg in Syrien. Ungefähr 500000 Menschen sind seitdem durch Bombenanschläge getötet worden, tagtäglich werden es mehr. Tausende Familien haben seitdem ihr Zuhause und ihre Zukunft ...

Seit 2012 ist Bürgerkrieg in Syrien. Ungefähr 500000 Menschen sind seitdem durch Bombenanschläge getötet worden, tagtäglich werden es mehr. Tausende Familien haben seitdem ihr Zuhause und ihre Zukunft verloren. Kinder, Männer, Frauen, Alte, Kranke. Sie flüchten in andere Länder, verfolgt von Armut, Trauer, Angst und Hoffnung. Und mittendrin Bana Alabed, das Mädchen aus Aleppo.

"Viele Kinder waren auf ihren Schulbänken gestorben, während sie einfach nur lernen wollten."

Bana war gerade einmal 4 Jahre alt, als die ersten Bomben auf Aleppo hinunterregneten. Seitdem sind es unzählige weitere geworden.
Bana und ihre Familie hatten alles was man für ein glückliches Leben braucht: Arbeit, Nahrung, ein Zuhause, ein Land, das sie stolz machte, Zusammenhalt und Liebe. Mit Erschrecken erzählt Bana, wie ihnen alles genommen wurde, was ihnen wichtig war. Sicherheit, Freude, ein Dach über dem Kopf, Familie, Freunde.
Und wie aus der einst so lebhaften und sonnigen Stadt Aleppo ein zerbomter Trümmerhaufen inmitten von Angst, Wut und Verzweiflung wurde.

"Einer der schlimmsten Aspekte von Krieg ist, wie schnell man sich an die Gewalt und den Tod ringsum gewöhnt."

Durch die Augen eines kleinen Schulmädchens wirkt der Krieg noch größer und unbekannter als er uns eigentlich schon sein sollte. Es wirkt wie ein Abenteuerroman, wenn Bana erzählt, wie sie sich das unzähligste Mal mit ihrer Familie im Keller verstecken musste, um nicht von den Bomben getroffen zu werden. Nur ist es eben kein Abenteuerroman. Es ist die Realität.

"Es ist nur sehr schwer vorstellbar, wie grauenhaft es ist, an einem Ort zu sein, wo rundum Bomben fallen, die ganze Zeit über."

Das Buch wird abwechselnd aus Banas Sicht und der Sicht ihrer Mutter erzählt. Mir persöhnlich hat das sehr gut gefallen, da man dadurch auf eine wirklich emotionale und ergreifende Reise durch den Krieg mitgenommen wird. Bana betrachtet den Krieg aus Kinderaugen, erzählt die aktuelle Lage in Syrien und wie es ihr und ihrer Familie ergeht. Ihre Mutter betrachtet das alles aus erfahrenen, erwachsenen und mütterlichen Augen. Sie spricht dabei direkt zu Bana und erzählt wie es ihr erging, während ihre Kinder dem Krieg, Armut und Gewalt ausgesetzt waren. Wie es ist, das was man am meisten liebt - seine Kinder- vor dem schützen zu wollen, was so unvermeidlich ist. Und dabei niemals die Hoffnung zu verlieren.

"Der menschliche Hang zum Optimismus ist unsere größte Stärke und unsere größte Schwäche zugleich."

Der Lesespaß bleibt bei dem Buch ein wenig auf der Strecke liegen, und ich denke es ist klar warum. Dennoch ist es unglaublich ergreifend geschrieben, und aufgrund der kindlichen Schreibweise sehr schön "leicht" zu lesen. Auch ihre Mutter hat einen ungalublich fließenden Erzählstil, der mir persöhnlich sogar noch besser als der von Bana gefällt.

"Man weiß nicht, was echter Schmerz ist, bis man in die Augen einer Mutter blickt, die ihr Kind verloren hat."

Was mir auch sehr gut gefallen hat ist, das es auch Fotos von Bana, ihrer Familie und den Ausmaßen des Krieges gibt, die Bana und ihre Mutter während des Kreiges dort mit ihrem iPad gemacht haben. Obwohl man sich die ganzen zerbomten und zertrümmerten Gebäude manchmal gar nicht wirklich vorstellen möchte.

"Ich verstand nicht, warum überhaupt gekämpft wurde."

Das Ergreifendste an der ganzen Erzählung ist jedoch, dass Bana ihr Hang zum Optimismus nie verlässt. Sie glaubt fest daran, dass alles wieder gut wird und dass sie später einmal wieder in die Schule gehen kann und mit ihrer Familie in Aleppo leben wird. Bestärkt wird sie dabei von ihrer Mutter, die ihr und ihren zwei kleinen Brüdern immer wieder erneut Hoffnung macht und sie dazu ermutigt nie aufzugeben.

"Das ist das Paradoxe am Krieg - man schmiedet ebenso eifrig und entschlossen Zukunftspläne, wie man sich darauf einstellt, dass man vielleicht gar keine Zukunft hat."

Paradox ist auch, das ein kleines Mädchen anfängt ein Buch über das Leben im Krieg zu schreiben.
SPOILER Gerade gegen Ende des Buches wird es immer schlimmer. Der Familie geht es von Tag zu Tag schlechter, keine Nahrung, kein sauberes Wasser, Kälte, Krankheit und Perspektivlosigkeit SPOILER.
Und Bana, das kleine Mädchen, das mittlerweile gar nicht mehr so klein ist, sondern viel zu schnell erwachsen geworden ist.
Und sie ist nicht das einzige Kind auf der Welt, dem es so ergeht. Viel zu viele Kinder erleben im Krieg eine Welt, die sie nicht verdient haben. Die NIEMAND verdient hat. Und das schlimmste daran ist, dass sie den Krieg irgendwann als Selbstverständlichkeit hinnehmen.

"Es ist schon seltsam, dass die Bomben irgendwann zu Hintergrundgeräuschen wurden, die wir ausblenden konnten, wie Voglegesang oder Regen."

Bana war während des Krieges aber auch sehr aktiv auf sozialen Netzwerken, insbesondere auf Twitter. Ständig fragt sie sich, ob wir überhaupt wissen, was dort bei ihnen passiert und warum wir denn nicht helfen würden. Sie bekommt zum Geburtstag ein iPad geschenkt, mit dessen Hilfe sie die Menschen auf der ganzen Welt darüber informiert, was genau gerade in Syrien passiert, wie es ihr und ihrer Familie geht und dazu aufruft zu helfen. Dazu gründete sie sogar den #Standwith Aleppo.

"Ich war es müde, ums Überleben zu kämpfen. Ich dachte, vielleicht wäre es besser, wenn uns eine Bombe traf und wir nicht mehr so weiterleben mussten."

Dieses Buch ist es auf jeden Fall Wert gelesen zu werden. Nicht weil es lyrisch oder literarisch auf einem enorm hohen Niveau ist, und auch nicht, weil es so unglaublich spannend ist. Nein. Weil es mit viel Liebe und Herz über das berichtet, das keiner von uns will. Krieg. Und weil es Mut macht. Und dazu aufruft, niemals die Hoffnung zu verlieren.

"Für Krieg gibt es einfach keinen guten Grund. Denn wenn erst alle tot sind, was dann? Was ändert sich dadurch?"

Veröffentlicht am 02.11.2017

"Die Leute glauben immer, dass sie wissen was die Toten gewollt hätten."

Im Traum kannst du nicht lügen
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Maja Norberg ist 18 Jahre alt und ist die Hauptangeklagte in der Sache B14766. Grund: Sie soll ihren Lehrer Christer, ihre beste Freundin Amanda und ihre Klassenkameraden erschossen haben. Doch wie konnte ...

Maja Norberg ist 18 Jahre alt und ist die Hauptangeklagte in der Sache B14766. Grund: Sie soll ihren Lehrer Christer, ihre beste Freundin Amanda und ihre Klassenkameraden erschossen haben. Doch wie konnte es zu diesem Amoklauf kommen? Wie kann ein Mädchen aus Stockholm, das aus gutem Elternhaus kommt und zudem eine gute Schülerin ist, zu so einer Tat fähig sein? Und vor allem: Ist Maja überhaupt schuldig?
Im Laufe des Buches erzählt Maja wie es zu diesem Blutbad kommen konnte und was sie dazu bewegte ihre Freunde zu erschiessen.

Der Autorin Malin Persson Giolito ist eine Gratwanderung zwischen schwarzem Humor und Sarkasmus gelungen, die auf der anderen Seite jedoch ein todernstes und aktuelles Problem behandlet, untermalt von dem Leben eines Mädchens das erwachsen wird.
Die Ezählung wird abwechselnd zwischen der gegenwärtigen Verhandlung und der Vergangenheit erzählt. So wird neben den einzelnen Verhandlungsteilen von Anfang an aufgekrempelt wie es zu der Schiesserei in ihrer Schule kommen konnte. Erzählt wird die Geschichte von der Protagonistin Maja, die mit ihrer sarkastischen und direkten Art immer wieder zum grüblen anregt, sodass man eine immer tiefere Beziehung zu ihr aufbaut und anfängt mit ihr mitzufühlen.
Die Idee, das Buch abwechselnd aus der Vergangenheit und der Gegenwart zu formulieren, ist sehr gut gelungen und lässt das Buch wirklich bis ganz zum Ende an den Händen kleben. Jedoch erzählt Maja etwas abgehackt und direkt, was angesichts der Tatsache dass sie einen Amoklauf vollzogen haben soll aber auch nur logisch ist, und das Ganze noch deutlicher hervorhebt. Die Spannung fängt bei diesem Buch schon im Prolog an und zieht sich wirklich bis ins letzte Kapitel, da man einerseits unbedingt wissen möchte was vor der Schiesserei passierte, aber andererseits auch total gespannt auf das Urteil der Richter ist.
Auch das Thema Amoklauf zieht den Leser in seinen Bann und macht einmal mehr auf reale, aktuelle Probleme in unserer Gesellschaft aufmerksam, die uns ALLE betreffen können.
Allerdings ist es auch gerade aufgrund der Thematik und des leicht aprupten Erzählstils von Maja etwas schwer und zum Teil auch anstrengend zu lesen. Nicht schlecht geschrieben oder so - aber man muss sich wirklich konzentrieren. Für die leichte Urlaubslektüre am Strand würde ich dieses Buch also nicht unbedingt empfehlen.
Der Lesespaß kommt trotzdem auf keinen Fall zu kurz, besonders weil es immer wieder kleine Überraschungen gibt. Nicht nur inhaltlich, auch der Schreibstil verändert sich ein wenig. Zum Beispiel fängt Maja irgendwann im Laufe des Buches an, sich direkt an den Leser zu wenden. Manchmal fühlt man sich dabei sogar ein wenig ertappt, weil Maja sehr gesellschaftskritisch ist und einen anspricht als stünde sie gegenüber von jemanden. Umso mehr konzentriert man sich auf Maja und auf das was sie zu sagen und zu kritisieren hat.
Was mich außerhalb der Geschichte auch noch fasziniert hat, ist der Ablauf des Verhandlungsverfahrens im Gerichtssaal. Man bekommt hautnah erzählt wie eine Anklage so abläuft, was innerhalb des Gerichtssaales passiert, wie die Klientin mit ihren Anwälten spricht und was innerhalb des Gefängnisses alles vorfällt.
Der Titel ist meiner Meinung nach sehr gut gewählt, er macht neugierig und regt zum Lesen an. Allerdings ist das Cover ein wenig wünschenswert. Nachdem man das Buch gelesen hat versteht man zwar was genau darauf zu sehen ist, aber mit der Handlung hat es nicht allzuviel zu tun. Es ist irgendwie zu bunt und geheimnissvoll, als das man darin einen Amoklauf verpacken könnte.

Ich würde das Buch auf jeden Fall weiterempfehlen, insbesondere an die Leute die sich für soziale Probleme wie Amokläufe interessieren, aber auch mit dem Erwachsenwerden, wie es ist allein gelassen zu werden und dem geforderten Druck standzuhalten. Außer der Geschichte die in dem Buch erzählt wird, greift die Autorin auch auf das Leben eines Verurteilten zurück, wie es ist als Gefangener zu leben und von allen gehasst zu werden. Und vor allem wie die Presse die Meinung der Gesellschaft beeinflusst und unschuldige Menschen als böses Monster darstellt.

Die Auszeichnung des "Besten Kriminalromans Schwedens 2016" hat das Buch auf jeden Fall verdient!

Veröffentlicht am 03.09.2017

"Wir sind alle Grashälme auf einer großen Wiese- alle gleich und doch so verschieden

Margos Spuren
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Margo Roth Spiegelman ist anders. Anders als ihre MitschülerInnen und Freundinnen, anders als Quentin. Margo ist das Mädchen, das von einem auf den anderen Tag daheim ausbrichtund in Mississippi landet. ...

Margo Roth Spiegelman ist anders. Anders als ihre MitschülerInnen und Freundinnen, anders als Quentin. Margo ist das Mädchen, das von einem auf den anderen Tag daheim ausbrichtund in Mississippi landet. Das sie gerade erst volljährig geworden ist, und trotzdem schon Dinge erlebt hat, die andere Leute sich nur träumen lassen können.
Für Quentin ist sie ein großes Geheimnis, dass er schon ewig kennt und in das er schon ewig verliebt ist.
Doch eines Abends steht sie plötzlich vor seinem Fenster und überredet ihn kurzerhand mit auf einen nächtlichen Trip quer durch Orlando, bei dem sie sämtliche Gesetzte missbrauchen und obendrein auch noch Augenbrauen mit Enthaarungscreme bearbeiten.
Doch am nächsten Tag ist Margo nicht in der Schule. Sie ist weg, erneut von daheim abgehauen. Eigentlich macht sich niemand wirklich Sorgen um sie, da es nunmal Margo ist- eines Tages steht sie wieder in der Tür, mit einer weiteren unglaublichen Geschichte im Gepäck.
Doch Quentin ist sich sicher, diesmal ist es anders, dieses Mal will sie gefunden werden, von IHM gefunden werden. Und so macht er sich zusammen mit seinen Freunden auf die Suche nach Margos Spuren, inder er nicht nur Margo Roth Spiegelman, sonder auch sich selbst und den Grashälmen immer näher kommt, Bis er schließlich Risse bekommt und anfängt zu sinken...


Grundlage für die Suche nach Margo bietet der Gedichtband "Grashälme" von Walt Whitman. In ihm befindet sich das Gedicht "Lied auf mich selbst", indem Whitman das Gras als Metapher für die Menschen verwendet. Und durch die Grashälme hindurch fängt Quentin langsam an zu erkennen, wer Margo Roth Spiegelman wirklich ist.


Margos Spuren ist eines dieser Bücher, bei denen man sich denkt, OK, das wird meine nächste einfache Strandlektüre, und dann musst du nach den ersten 50 Seiten schon so mitlachen und mitfühlen und denken, dass es dich vollkommen in seinen Bann zieht und du es nicht mehr aus den Händen legst, bis du es fertig gelesen hast. Da macht man dann auch mal eine Nacht durch!


John Green hat diese Gabe, auf den ersten Blick einen wundervollen Roman zu schreiben und auf den zweiten Blick eine zutiefst menschliche Sinnbilderscheinung des Lebens.


Mich hat das Buch sehr beeindruckt und auch sehr zum Nachdenken angeregt. Ich glaube, ich habe nachdem ich es zu Ende gelesen hatte, noch mindestens eine Stunde dagesessen und über Gras nachgedacht.
Ich kann mir gut vorstellen, das dieser Roman für manche Menschen ein tolles Buch sein wird, das ihnen für den Moment gut gefällt, und das sie dann wieder vergessen. Andere werden ihren ganz persöhnlichen tieferen Sinn in ihm wiederfinden, und sich viele Gedanken machen. Für alle Leute, die dieses Buch noch lesen wollen, oder schon gelesen haben, freue ich mich, denn das ist die wirklich perfekte Mischung aus Liebesgeschichte, Roadmovie und tieferem sinn in einem.


PS: Ich habe mich doch tatsächlich gestern dabei ertappt, wie ich vorsichtiger über das Gras gelaufen bin als sonst.