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Veröffentlicht am 29.07.2019

Otto und sein Hofstaat

Otto
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Otto ist ein Mann mit Geschichte. Und einer mit mehreren Vergangenheiten in verschiedenen Ländern. Mit unterschiedlichen Sprachen. Otto ist auch ein Despot - jedenfalls ziemlich oft. Und ein ...

Otto ist ein Mann mit Geschichte. Und einer mit mehreren Vergangenheiten in verschiedenen Ländern. Mit unterschiedlichen Sprachen. Otto ist auch ein Despot - jedenfalls ziemlich oft. Und ein Patriarch - eigentlich immer. Er wird von seinen Töchtern gleichermaßen geliebt und gehasst.

Vor allem Timna, seine Ältere und diejenige, aus deren Perspektive der Leser die Handlung erlebt, ist vollkommen auf ihn fixiert. Auch wenn er sie wahnsinnig nervt, springt sie immer, wenn er ruft. Zumindest fast immer. Dafür beleidigt er sie viel seltener als ihre jüngere Schwester Babi - immerhin ist sie seine Lieblingstochter. Auch, wenn auch Babi oft zugegen ist - zusammen bilden die Töchter sozusagen Ottos Hofstaat.

Otto ist weit gekommen in seinem Leben von Siebenbürgen in Rumänien nach Polen, dann ins gelobte Land - am Ende seines Lebens ist er in München gelandet. Denn Otto ist schwer krank und verbringt mindestens genauso viel Zeit im Krankenhaus wie in seinem kleinen Reihenhaus in einem Vorort von München. Otto ist Jude, er hat viel gelitten, viel erlebt und viel überstanden, letzteres verlangt er auch von seinen Mitmenschen, insbesondere den Töchtern. Er nutzt sie heftigst aus, sie haben stets bei Fuß zu sein, wenn er ruft - warum sind sie immer noch bereit dazu?

Ein kurzer, jedoch durchaus heftiger Familienroman, in dem sich die Protagonisten nicht nur einmal nahezu zerfleischen. Und in der Mitte - quasi als Dreh- und Angelpunkt - steckt Otto. Ich habe ihn nicht lieben gelernt im Handlungsverlauf, nein, eher habe ich gemeinsam mit Timna gelitten. Aber auch genossen, denn die Autorin hat eine faszinierende Art zu schreiben. Ich habe also während der Lektüre von und mit seinen Töchtern gelernt, mit Otto zu leben.

Man kann getrost sagen, dass Dana von Suffrin bereits in ihrem Debütroman stilistisch ihren eigenen Weg geht. Einen Weg voller Sarkasmus und schwarzem Humor, gelegentlich blitzt auch mal ein Strahl liebevolle Ironie hervor. So ist ein Roman entstanden, der gleichermaßen fordert und fasziniert-

Veröffentlicht am 26.07.2019

Das Dorf Ivy Hill im frühen 19. Jahrhundert

Die Braut von Ivy Green
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Dies ist der letzte Teil einer Trilogie um das englische Dorf Ivy Hill in den 1820er Jahren: Hier leben die Freundinnen Mercy, Jane und Rachel. Während Rachel über ihrem Stand geheiratet hat und nun sozusagen ...

Dies ist der letzte Teil einer Trilogie um das englische Dorf Ivy Hill in den 1820er Jahren: Hier leben die Freundinnen Mercy, Jane und Rachel. Während Rachel über ihrem Stand geheiratet hat und nun sozusagen zur Haute Volée gehört, ist Jane Besitzerin eines Gasthofs und verwitwet. Mercy war jahrelang erfolgreich mit der Leitung einer Schule in ihrem ehemaligen Elternhaus, doch nun muss sie diese aufgeben: ihr Bruder hat geheiratet und möchte hier mit seiner Familie leben.

Und dieses "Männer zuerst" steht in der damaligen Zeit leider völlig außer Frage: Frauen sind sozusagen rechtlos und komplett auf ihre männliche Verwandtschaft angewiesen, außer sie haben Besitz geerbt.

Meist ist es jedenfalls so: Mercy bspw., die so lange selbständig tätig war, nimmt nun eine Stelle als Gouvernante an. Sie hat es mehr als gut getroffen, dennoch ist dies für sie ein gesellschaftlicher Abstieg. Aber es ergeben sich weitere zukunftsweisende Veränderungen und zwar nicht nur bei ihr, sondern auch bei den anderen Hauptfiguren und auch bei weiteren Akteuren.

Sehr angenehm ist die stets leicht mitschwingende christliche Komponente, die sich sehr gut in den sozialhistorischen Kontext des Romans einfügt - die Frauen und auch ihr Umfeld sind sich bewusst, dass sie gesegnet waren bzw. sind und dass vor Gott alle gleich sind. So erlaubt sich die Autorin Julie Klassen, den Leser mit der ein oder anderen gesellschaftskritischen Kapriole zu überraschen: sowohl Menschen, die aus beruflichen Gründen am Rande der Gesellschaft stehen, als auch solche, die sich aufgrund ihrer Herkunft dort befinden, spielen wieder und wieder eine Rolle. Es ist keine ideale Welt, sondern eine sehr realistische und man erkennt beim Lesen, dass die Autorin sehr gut recherchiert hat. Es wird verdeutlicht, dass bereits damals zu erkennen war (für die, die bereit dafür waren), dass vor Gott alle gleich sind und dass man dies auch in die breite Gesellschaft tragen kann und soll.

Als dritter Band einer Reihe sollte dieser tatsächlich nicht separat, sondern in der Folge gelesen werden, denn es geht um Entwicklungen in Ivy Hill über mehrere Jahre hinweg und es wäre schade, hier etwas zu verpassen. Ein kluger und eindringlicher Roman, wenn man als Leser bereit ist, die Botschaften der Autorin zu empfangen!

Veröffentlicht am 23.07.2019

Allein, die Welt hat mich vergessen

Der Gesang der Flusskrebse
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Von tochteralice
Die erste Zeile aus einem alten Nina-Hagen-Lied: Die Überschrift für Kyas Leben. Denn Kya ist ab ihrem sechsten Lebensjahr komplett auf sich gestellt - zuerst verabschiedet sich die Mutter, ...

Von tochteralice
Die erste Zeile aus einem alten Nina-Hagen-Lied: Die Überschrift für Kyas Leben. Denn Kya ist ab ihrem sechsten Lebensjahr komplett auf sich gestellt - zuerst verabschiedet sich die Mutter, dann nach und nach die wesentlich älteren Geschwister. Zurück bleibt sie mit ihrem Vater, einem unberechenbaren Säufer und Alkoholiker, der sich kein bisschen um sie kümmert (abgesehen von wenigen Highlights) und dann irgendwann auch die Biege macht. Da ist sie immer noch ein ziemlich kleines Kind.

Kya hat nichts: kein Geld und kein Wissen und vor allem überhaupt keinen Rückhalt. Nirgendwo.

Sie war nur einen Tag in ihrem Leben in der Schule (ein Desaster!), kann weder lesen, rechnen noch schreiben. Vor allem aber hat sie niemanden, der für sie sorgt, der sich auch nur ein Fitzelchen für sie interessiert. Und sie lebt mitten im Marschland, in den Sümpfen der us-amerikanischen Südstaaten. Wo sie sich selbst beibringt, das zurückgelassene Motorboot ihres Vaters zu führen und allmählich auch, sich einen Lebensunterhalt zu sichern. Sie verkauft Muscheln an einen afroamerikanischen Ladenbesitzer namens Jumpin', der sich ebenso wie sie am Rande der Gesellschaft befindet. Nicht vergessen, wir befinden uns in den Südstaaten, zudem datiert die Handlung in den 1950er und 1960er Jahren, genauer gesagt zwischen 1952 und 1970. Jumpin' und seine Frau Mabel werden zu Bezugspersonen für Kya, genauer gesagt zu einer Art Verbindung zur Zivilisation, einer Art Anker in der Gesellschaft. Gewissermaßen zu ihrer Rettung in einer ausweglosen Zeit. Zu dem, was am nächsten an Eltern herankommt.

Zudem kommt es inhaltlich zu einem kleinen Bruch, als ein Junge - Tate - in Kyas Leben tritt und zu einer Art Professor Higgins (Pygmalion, Sie erinnern sich) wird. Er bringt ihr nämlich Lesen und Schreiben und einiges mehr bei. Sie hat das Gefühl, ihm völlig vertrauen zu können, bis er eines Tages weg ist. Und irgendwann von einem anderen Jungen, Chase, der eine Art Star in der Stadt ist, ersetzt wird. Jahre später wird dieser tot aufgefunden - das kann ich getrost verraten, weil das Buch damit beginnt, doch es ist keinesfalls ein Krimi, vielmehr ein gesellschaftskritischer Roman.

Leider einer, der ab dem zweiten Drittel stellenweise ein wenig an dem bis dahin so faszinierenden herben Zauber und Schwung verliert, zu sehr in Sphären wie Liebe, Leidenschaft und Rache abdriftet. In eine Gefühlswelt, die mich an in diesem Kontext ausgesprochen unpassende Musical-Szenen à la Westside Story erinnert.

Ich habe den Roman dennoch über weite Teile sehr gern gelesen - die Autorin hat einen wunderbaren Stil und versteht es, das Marschland der amerikanischen Südstaaten so eindringlich zu beschreiben, dass man als Leser das Gefühl hat als würde man selbst dort feststecken, Muscheln sammeln oder einfach auf einem Steg sitzen und den zahlreichen Vögeln zuschauen. Obwohl ich fast durchgehend immer wieder Kritikpunkte hatte, konnte ich einfach nicht aufhören zu lesen.

Es kommen zahlreiche Passagen vor, die an Romane wie "Vor dem Sturm" von Jesmyn Ward und "Winters Knochen" von Daniel Woodrell erinnern - letzterem kam sie von der Atmosphäre gelegentlich gefährlich nahe, ohne jedoch ganz an seine Kraft heranzureichen.

Ein Roman, der mich zwiegespalten zurück lässt, mich aber dennoch zu fesseln vermochte!

Veröffentlicht am 21.07.2019

Neues Land, neuer Mann

Wanka würde Wodka kaufen
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Und das ist längst nicht das Einzige, was Jekaterina Poljakow neu in ihr Leben lassen muss. Nein, sie ist nun in einem Zeugenschutzprogramm und muss Russland gegen Deutschland, ein Leben als Alleinstehende ...

Und das ist längst nicht das Einzige, was Jekaterina Poljakow neu in ihr Leben lassen muss. Nein, sie ist nun in einem Zeugenschutzprogramm und muss Russland gegen Deutschland, ein Leben als Alleinstehende gegen eines mit vierköpfiger Familie eintauschen. Vladimir, ihr Mann, ist gar nicht so übel (Jekaterina würde "iebel" sagen), aber Zweckehe ist Zweckehe.

Zudem muss sie sich noch mit einem weiteren Herrn Hans Peter Hoffmann (Chans-Peter Choffmann für Jekaterina) herumschlagen, aber das findet eher auf professioneller Ebene statt.

Also, nicht dass Sie sich jetzt was Falsches dabei denken - Jekaterina ist eine anständige Frau! Findet sie jedenfalls selbst. Im Gegensatz zu Deutschland, in dem das ein oder andere noch stark gewöhnungsbedürftig bzw. anpassungswürdig ist. Aber Jekaterina lässt sich nicht die Butter vom Brot nehmen: was nicht passt, wird passend gemacht. Auf die ein oder andere Art, wohlgemerkt. Ob es darum geht, den Bezirksbesamer in der Sauna zurechtzuweisen, den äußerst angriffslustigen Wildschweinen im deutschen Wald zu entrinnen oder mit einer überaus anstrengenden Dame auf dem (Arbeits)Amt fertigzuwerden: Jekaterina findet immer einen Weg. Und wenn nicht, dann hat sie "a little help from her friends" - auch fern der Heimat.

Jule Kaspar schreibt herzerfrischend humorvoll und dazu mit Tiefgang - ein absoluter Lesegenuss, den ich nicht so bald vergessen werde! Für alle, die aufgemuntert werden müssen oder möchten - oder auch einfach mal wieder ein richtig tolles Buch lesen wollen.

Hart, aber Herzlich: Verzeihung, ich meine natürlich: Chart, aber cherzlich - so ist Jekaterinas Start in Deutschland. Beim Lesen sollte man ein Taschentuch parat haben: für die Lachtränen, die man unweigerlich wieder und wieder vergießen wird!

Veröffentlicht am 19.07.2019

Ende und Anfang mit Knall

Die Tage mit Bumerang
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Ein harmonischer Tag in der Sonne endet mit einem Knall - und zwar einem richtig üblem. Einem, an dem Freundschaften zerbrechen können. Den hat Annu beim Autofahren verursacht. Und ihren besten Freunden ...

Ein harmonischer Tag in der Sonne endet mit einem Knall - und zwar einem richtig üblem. Einem, an dem Freundschaften zerbrechen können. Den hat Annu beim Autofahren verursacht. Und ihren besten Freunden Birte und Lars viel Kummer beschert - wird ihre Freundschaft trotzdem halten.

Sie wird auf jeden Fall hart auf die Probe gestellt, da sie alle in einem 87-Seelen-Dorf leben, das nun um drei davon ärmer wird - aufgrund des Unfalls. Und Annu hat ihre Bezugspersonen verloren. Die anderen Dörfler strafen sie, die Unfallverursacherin, ab, sie mobben sie förmlich. Doch aus heiterem Himmel ergeben sich für sie neue Kontakte - sowohl menschlicher als auch tierischer Art

Ein mitreißend geschriebenes, spannendes Buch, das ich nicht nur aufgrund seiner Kürze quasi in einem Zug durchgelesen habe. Ein winziges Dorf im Aufruhr, die von den Dörflern geächtete Annu in einer Art innerem Umbruch - ein Buch, das Widersprüche weckt, überlegen lässt, wie man selbst in dieser Situation handeln würde. Ein Buch über Freundschaft und deren Grenzen - das war es für mich.

Einiges ging ein bisschen schnell und dadurch für mich schwer begreifbar vonstatten, doch insgesamt passte es. Nicht immer fiel es mir leicht, die Protagonistin Annu als Sympathieträgerin zu sehen - doch andererseits empfand ich es als bereichernd, in ihr eine Romanheldin mit Biß, mit Ecken und Kanten und ja, auch mit Widersprüchen zu erleben. Aber ihre Autorin Nina Sahm meint es gut mit ihr - sie verpasst ihr - zwar nicht durchgehend, aber doch wieder und wieder - ein ungeheuer sympathisches Umfeld, angefangen mit ihrem atmosphärisch geschilderten Elternhaus über ihre langjährigen Freunde bis hin zu Zufallsbekanntschaften. Auch wenn all dieses Umfeld wieder und wieder auf die Probe gestellt wird. Ein kurzer Roman, in den man nichtsdestotrotz eintauchen, von dem man sich einfangen lassen kann - ein Genuss, den ich jedem Freund erfrischender neuer deutscher Literatur von Herzen empfehle!