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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 27.07.2018

Dies könnte der Auftakt zu einer wahrhaft inspirierenden Reihe sein

Engelskalt
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einer Reihe mit Potential, die durch die Ermittler, die sozusagen für sie zuständig sind, getragen wird - ausgesprochen vielschichtige und detailliert ausgearbeitete Charaktere sind es. Und da es ein skandinavischer, ...

einer Reihe mit Potential, die durch die Ermittler, die sozusagen für sie zuständig sind, getragen wird - ausgesprochen vielschichtige und detailliert ausgearbeitete Charaktere sind es. Und da es ein skandinavischer, genau: norwegischer Autor ist, der dieses Buch, diese "angehende" Reihe geschaffen hat, haben sie natürlich ein ordentliches Päckchen zu tragen, was ihre physische Konstitution anbelangt.

Kommissar Holger Munch soll den Mord an einem kleinen Mädchen auflösen und möchte seine Kollegin Mia dabeihaben, obwohl hauptsächlich sie daran Schuld trägt, dass seine so vielversprechend erscheinende Spezialeinheit aufgelöst wurde. Er findet sie auf einer einsamen Insel - und es kommt jetzt noch doller - wo sie sich umbringen wollte. Naja, norwegische Krimis sind eben starker Tobak: das weiß man schon seit Anne Holt und vor allem seit Jo Nesbø - und Samuel Bjørk steht ihnen diesbezüglich wahrlich in nichts nach, wenn auch auf seine ganz besondere, ureigene Weise. Mia springt über ihren eigenen - depressiven - Schatten und vertieft sich in die Ermittlungen: Dank ihr gibt es einen Fingerzeig der ganz besonderen Art: es gibt möglicherweise mehr Opfer. Also heißt es, die Suche flink auszudehnen....

Und daran tut das Team gut, denn der Fall wird sehr persönlich und fordert Mia und Holger Munch auf verschiedenste Art und Weise.

Samuel Bjørk schreibt packend, ja fesselnd, auch wenn der Akzent, den er auf seine Ermittler legt, ab und an ein klein wenig auf Kosten der Krimihandlung geht. Auch wenn dies ein ausgesprochen dickes Buch ist, werden gelegentlich Details, die aus meiner Sicht relevant für die jeweiligen Kriminalfälle sind, einfach ausgelassen. Auf der anderen Seite gibt es wieder Aspekte, die aus meiner Sicht um einiges zu ausführlich geschildert werden.

Trotzdem: Sie werden den Thriller der besonderen Art nicht aus der Hand legen, bevor Sie ihn ausgelesen haben, denn Samuel Bjørk schreibt wirklich mitreißend, die Inhalte sind ungewöhnlich - zumindest in Teilen. Ein besonderer Autor mit ganz besonderen, charismatischen Ermittlern. Hoffentlich lesen wir mehr davon!

Veröffentlicht am 27.07.2018

Der Weg zurück

Die Aufforderung des Schlafwandlers zum Tanz
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Eine indischstämmige Fotografin, die ein aufsehenerregendes, ja dramatisches Fotos schießt, bei dem sie einen Selbstmörder bei dessen Sturz von einer Brücke abgelichtet hat, ist die Protagonistin dieses ...

Eine indischstämmige Fotografin, die ein aufsehenerregendes, ja dramatisches Fotos schießt, bei dem sie einen Selbstmörder bei dessen Sturz von einer Brücke abgelichtet hat, ist die Protagonistin dieses Romans. Klingt skandalträchtig und reißerisch, ist es aber gar nicht.

Im Gegenteil, es ist ein eher ruhiger, dabei aber ungemein vielschichtiger Familienroman ungewöhnlicher Art, mit der ein oder anderen Wendung zu viel, dabei jedoch aufgrund dem Blick der Autorin fürs Ungewöhnliche, aber auch für das Analytische durchaus lesenswert. Amina ist nämlich als Hochzeitsfotografin tätig, eine Gratwanderung auf ihrem Weg zwischen Tradition und ... nunja, nicht gerade Innovation, aber doch Neuem. Als ihr Vater im Sterben liegt, begibt sie sich zurück: auf eine Suche nach Wurzeln, nach dem Vergangenen und wir, die wir sie dabei begleiten dürfen, erfahren durchaus Spannendes.

Ein wenig umständlich, ein wenig verwinkelt: daher kein Lieblingsbuch, aber durchaus eines, das ich Freunden geheimnisvoller Familiengeschichten gerne weiterempfehle!

Veröffentlicht am 27.07.2018

Aus ihrem bisherigen Leben verduften

Die Rosenfrauen
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das tut Elena Rossini im wahrsten Sinne des Wortes, nachdem sich ihr bisheriges Leben, ihre Hoffnungen und Träume, in Luft aufgelöst haben. Ihr Verlobter Matteo, in dessen Restaurant sie sich quasi mit ...

das tut Elena Rossini im wahrsten Sinne des Wortes, nachdem sich ihr bisheriges Leben, ihre Hoffnungen und Träume, in Luft aufgelöst haben. Ihr Verlobter Matteo, in dessen Restaurant sie sich quasi mit eingekauft und eingearbeitet hatte, hat sie belogen und betrogen - Zeit, sich neu zu orientieren bzw. zu den alten Werten und damit - zumindest fachlich - in den Schoß der Familie zurückzukehren. Und die führt ein sehr aromatisches Leben, hat sich der Parfumherstellung verschrieben, einer Profession, der auch Elenas beste Freundin Monique frönt. Diese macht Elena ein Angebot: ihr nach Paris zu folgen und dort mit ihr zu arbeiten, schließlich verfügt Elena über eine profunde Ausbildung in dieser Profession, von der sie sich abgewandt hatte. Und nach und nach wird die Profession dann doch zur Passion.

Warmherzig und mitreißend schreibt die Autorin Cristina Caboni über ein ungewöhnliches, doch ausgesprochen faszinierendes Thema. Wie Elena in ein neues Leben startet und ihr ureigenes, ganz besonderes Glück findet - das zu erfassen, bedeutet ein ganz besonderes Lesevergnügen, allerdings für mich eines mit Einschränkungen: die detaillierten Ausführungen zu den Düften wurden mir doch immer wieder zu viel. Und so richtig tiefgründig war die Geschichte um Wohl und Weh von Elena auch nicht. Trotzdem - ein wunderbares Urlaubsbuch, das aber auch sehr geeignet ist für die kleinen Fluchten im Alltag - zum Wegträumen und Krafttanken!

Veröffentlicht am 27.07.2018

Sehr verhalten

Girl on the Train
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startet die Autorin Paula Hawkins ihren Thriller "Girl on the train" und auch im weiteren Verlauf ist dieses Buch eher etwas für Liebhaber der leisen Töne. Auch sollte man es auf jeden Fall mögen, dass ...

startet die Autorin Paula Hawkins ihren Thriller "Girl on the train" und auch im weiteren Verlauf ist dieses Buch eher etwas für Liebhaber der leisen Töne. Auch sollte man es auf jeden Fall mögen, dass das Innenleben der Protagonistin des Öfteren im Vordergrund steht.

Die Idee ist toll: Pendlerin Rachel beobachtet bei ihren täglichen Zugfahrten - die schon seit längerem nur dazu dienen, die eigene Arbeitslosigkeit gegenüber der Außenwelt zu verschleiern - die Häuser der Mitmenschen, an denen sie vorbei fährt, besonders das eines aus ihrer Sicht glücklichen Paares. Mehr und mehr nimmt sie Anteil an dessen Leben - bis sie aus der Zeitung eine schockierende Neuigkeit erfährt - die junge Frau ist weg! Und sie beginnt, mehr und mehr in diese Geschichte einzutauchen, bis sie selbst ins Visier der Polizei gerät!

Das Buch ist aus der Perspektive von drei verschiedenen Frauen geschrieben: Rachel kommt zu Wort, aber auch Megan, die von ihr aus dem Zug beobachtete junge Frau und Anna, die neue Partnerin von Rachels Exmann Tom und Mutter seines Kindes. Zu Beginn empfand ich dies als recht verwirrend, weil es schwer war, die einzelnen Statements voneinander abzusetzen und auch ihre Datierung sehr stark hin und her sprang, aber ich habe mich daran gewöhnt.

Abgesehen davon, dass Rachel eine überaus interessante und vielschichtige Figur ist und die Autorin durchaus über einen guten Stil verfügt, gab es hier aus meiner Sicht definitiv zu viele Lobhudeleien im Vorfeld. Die riesige Werbekampagne liess sicher nicht nur mich mit einer Riesenerwartung an das Buch rangehen. Und es hat auf jeden Fall große Ähnlichkeiten mit Gone Girl, man sollte sich also überlegen, ob man auf diese Art Literatur steht.

Die Auflösung ist zwar einerseits überraschend, zeichnet sich aber andererseits bereits über das letzte Drittel des Buches bereits ab, was dem Ganzen ziemlich viel von seinem Charme nimmt. Insgesamt ein eher mäßig spannender Thriller, der nicht unbedingt den Erwartungen, die der Boom darum evoziert hat, gerecht wird!

Veröffentlicht am 27.07.2018

Ein Mädchen will sich auslöschen

Alles so leicht
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und zwar am ersten Jahrestag des Todes ihres Bruders. Es ist viel passiert in ihrer Familie, vieles, was sie dazu bringt, sich Grenzen zu setzen, bspw. durch Essensverweigerung, durch das Setzen von Grenzen ...

und zwar am ersten Jahrestag des Todes ihres Bruders. Es ist viel passiert in ihrer Familie, vieles, was sie dazu bringt, sich Grenzen zu setzen, bspw. durch Essensverweigerung, durch das Setzen von Grenzen für die eigene Lebensdauer. Ihr Vater steckt sie daher in eine Therapie auf der anderen Seite des Kontinents.

Und dieser Aufenthalt von Stevie - so heißt das Mädchen - ist es, der im Mittelpunkt des Buches steht, ihre Tage in der Psychiatrischen Klinik, die Kommunikation mit ihrer Therapeutin Anna, von Stevie nur SK (Seelenklempnerin) genannt sowie mit den anderen Mädchen, vor allem mit Ashley, ihrer Zimmernachbarin. Doch genauso geht es um die Aufarbeitung dessen, was ihr widerfahren ist.

Nichts Besonderes, alles wie gehabt? Oh nein, Meg Haston erzählt - durchaus auch auf der Grundlage eigener Erfahrungen - sehr authentisch, sehr locker, ja trotz des traurigen Themas durchaus spritzig: denn Stevie ist trotz allem, was sie durchmachen musste, ein junges Mädchen und das wird entsprechend und ausgesprochen nachvollziehbar transportiert. Wie sie nach und nach in Interaktion mit ihrer Therapeutin Anna, der "Seelenklempnerin" tritt, das ist ergreifend und auch nachvollziehbar.

Auch die Sprache ist einer Erwähnung wert: stark und klar ist sie, messerscharf gestochen die Darstellung von Stevies Empfindungen: "Mein Körper ist sowohl Waffe wie auch Wunde, Jäger und auch Beute. Ich werde mich ohne Hilfe selbst zerstören." (S.59), um ein Beispiel zu nennen.

Trotzdem würde ich dieses Buch nicht jedem jungen Menschen in die Hand geben, dazu ist es zu heftig und stellenweise auch zu hart. Doch wenn man sich mit diesem ernsten Thema auseinandersetzen will bzw. muss, dann ist es auf jeden Fall empfehlenswert. Es ragt aus der Masse heraus, auch durch die liebevolle Aufmachung, die signalisiert: hier wird sich nicht nur um Stevie, sondern auch um den Leser gekümmert. Stevie durchläuft einen Prozess sowohl der Heilung und Reifung, der nicht übertrieben ist, der eher in behutsamen Schritten dargestellt wird. Und so kann sie irgendwann sagen "Ich glaube, dass für einige Menschen eine Familie aus den Leuten besteht, die immer in der Nähe sind, wenn etwas Schreckliches geschieht". (S 282)