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Veröffentlicht am 11.07.2018

Freud und Dora

Ida
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Dass Freud in frühen Jahren eine Patientin namens Dora hatte, einen "Fall" also, man könnte auch sagen DEN "Fall", das wissen selbst Menschen, die sich wenig bis kaum mit diesem Wegbereiter der ...

Dass Freud in frühen Jahren eine Patientin namens Dora hatte, einen "Fall" also, man könnte auch sagen DEN "Fall", das wissen selbst Menschen, die sich wenig bis kaum mit diesem Wegbereiter der Psychoanalyse beschäftigt haben. Denn er schrieb die Erkenntnisse, die er während ihrer Behandlung machte, nieder und sie waren quasi ein Meilenstein in seiner großen Karriere.

Doch wer genau ist diese Dora? Sie hieß in Wirklichkeit Ida, Ida Bauer, später und stammte zwar nicht aus besten, durchaus aber aus gehobenen Wiener Kreisen. Mit diesem Roman setzt ihr Urenkelin Katharina Adler ein Denkmal. Hier geht es um die Person Ida Bauer, spätere Adler, wie sie wurde, wer sie war und was sie prägte.

Ida ist ein vielschichtiger Charakter, der in jüngeren Jahren oft schüchtern, ja verängstigt rüberkommt. Doch ihr Wille, ihren besonderen Neigungen und Vorlieben nachzugehen, ist bereits da unverkennbar zu spüren. Vor allem erlebte sie gewissermaßen (Macht)Mißbrauch durch das männliche Geschlecht, das hat sich ihr nachhaltig eingeprägt.

Mi zunehmendem Alter entwickelte sich Ida zu einer nicht einfachen, durchaus auch als kapriziös zu bezeichnenden Frau, die den Männern um sie herum - vor allem ihrem Sohn Kurt - das Leben nicht gerade einfach machte und mit ihrer Meinung nicht vor dem Berg hielt. Egal, ob diese gefragt war oder nicht.

Ida hatte es nicht einfach, weder in ihrer Familie, noch in ihrer Ehe noch im Dazwischen, bspw. als Patientin Freuds . Daneben war sie glühende Sozialdemokratin zu einer Zeit, in der es zunächst Chancen gab, dann aber eine solche Gesinnung mehr und mehr zu einem gefährlichen Gepäck wurde - ebenso wie ihre jüdische Herkunft. Ida jedoch dachte nicht daran zu schweigen und so führte sie ihre Überzeugung bis in die Vereinigten Staaten.

Eine besondere und ungewöhnliche, manchmal auch mutige Frau, deren Urenkelin ihr hier mehr als siebzig Jahre nach ihrem Tod eine Stimme gibt. Eine Stimme, die es sich anzuhören lohnt, wie ich finde. Der Roman ist aufgrund der Sprünge in der zeitlichen Entwicklung, aber auch durch die Einführung zahlreicher, man könnte fast sagen zahlloser Personen nicht leicht zu erobern bzw. zu erlesen, doch es lohnt sich, auch wenn die Protagonistin nicht gerade eine Sympathieträgerin ist.

Und: Ida ist nicht Dora bzw. ist dies nur ein Abschnitt ihres Lebens und sie ist auch ohne Freud eine interessante Frau ihrer Zeit, die ich gerne kennengelernt habe. Ein Roman, der mit Empathie geschrieben wurde, auch wenn die stellenweise schlichte Sprache der Autorin nicht immer ganz so eindringlich wirkt, wie (wahrscheinlich) beabsichtigt.

Meine Erinnerung an Ida Bauer-Adler, aka Dora, wird eine bleibende sein, auch wenn ihre Lebensdarstellung in Romanform nicht ganz meinen Erwartungen standhält!

Veröffentlicht am 11.07.2018

Mit Menschen leben

Die Farben meines Herzens
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Das ist für uns alle ganz natürlich, denn der Mensch ist nicht gern allein. Jedenfalls nicht dauerhaft. Normalerweise ist es so. Warum also lebt Filomena, eine junge, aktive Frau, zurückgezogen in der ...

Das ist für uns alle ganz natürlich, denn der Mensch ist nicht gern allein. Jedenfalls nicht dauerhaft. Normalerweise ist es so. Warum also lebt Filomena, eine junge, aktive Frau, zurückgezogen in der Südtiroler Bergwelt? In einem ganz besonderen Gebäude, inmitten eines wunderschönen Gartens, aber eben vollkommen allein? Sie wirkt doch so normal, ja, zeitweise sogar sprühend vor Leben!

Forstwirt Mika begegnet ihr im Rahmen eines Dienstleistungsauftrags und ist sofort fasziniert von der ebenso schönen wie charismatischen Frau.

Wozu dann diese Menschen um sie herum, die sie schützen, die quasi einen Ring ums sie bilden? Dazu gehört die unweit lebende Familie Gasser, besonders deren Seniorin Meggi, eine sehr intensive, ja teilweise offensive und ausgesprochen lebenslustig scheinende Person. Und ein Geistlicher, der immer mal wieder auftaucht. Sehr geheimnisvoll, das alles.

Mika bleibt am Ball und lernt Filomena Schritt für Schritt näher kennen und verliebt sich in diese ganz besondere Frau. Doch immer wieder gibt es Rückschläge, die junge Frau leidet an Platzangst. Das kann aber doch nicht alles sein - er selbst ist , obwohl ja als Forstwirt unterwegs, auch mit einer Phobie geschlagen, nämlich mit der Höhenangst. Das kann doch wohl nicht alles sein!

Sehr, sehr langsam, ja schrittweise lernt er Filomena näher kennen, lässt sie sich mehr und mehr auf ihn ein, vertraut ihm, soweit möglich. Diesem hünenhaften Mann, der ihr so sehr entgegenkommt, die Hand reicht, wie sonst keiner! Und dann kommt es aufgrund der unterschiedlichen Interpretation einer Situation, eines Sachverhalts doch zu einem Bruch.

Noa C. Walker beschreibt das Südtiroler Setting in einer eindringlichen, farbenfrohen, prallen Darstellung, so das ich als Leserin beinahe neidisch wurde auf die Lebensbedingungen von Filomena - aber eben nur fast. Denn das Päckchen, das sie auf ihrem Lebensweg tragen muss, ist keins. Es ist vielmehr ein riesiges Paket, so groß, dass es sie zu erdrücken droht, ohne dass ihr jemand helfen könnte. Dass es im Leben immer einen Weg gibt, der weiterführt und bei dem nicht nur die Liebe und die Wertschätzung anderer Menschen, sondern auch die Kraft, die man durch die Liebe Gottes (wie immer man diesen auch nennen mag) erfährt, eine tragende Rolle spielen - das lernt nicht nur Filomena, sondern auch Mika.

Ein schönes und kluges Buch, bei dem es wie immer bei Noa C. Walker um Menschlichkeit in ihren unterschiedlichen Facetten geht, vor allem ums Vertrauen, aber auch um das Wertschätzen dessen, was - und vor allem auch wen - man um sich hat. Ein warmherziges, stimmiges Buch mit kraftvollen Elementen und wunderschönen Naturerlebnissen.

Wer etwas für den Geist, für die Seele sucht, wer in der Stimmung für etwas besonders Stimmungsvolles ist und keine Angst davor hat, auch mal eine Träne zu verdrücken, der wird von diesem Buch, von seiner Warmherzigkeit und Kraft, sicher nicht enttäuscht sein! Ich jedenfalls empfehle es von ganzem Herzen!

Veröffentlicht am 08.07.2018

Wie aus Irrwegen Wege werden

Das Meisterwerk
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Roman ist ein cooler Typ und ein toller Künstler, der einen Erfolg nach dem anderen feiert. Doch kaum jemand weiß, dass sich hinter diesem charismatischen, wenn auch mehr als zurückhaltenden Typ ein Sprayer ...

Roman ist ein cooler Typ und ein toller Künstler, der einen Erfolg nach dem anderen feiert. Doch kaum jemand weiß, dass sich hinter diesem charismatischen, wenn auch mehr als zurückhaltenden Typ ein Sprayer verbirgt, ein gebranntes Kind, das mehr als einmal mit dem Gesetz in Konflikt kam. Gott bedeutet ihm, der als Kind völlig auf sich gestellt war, nichts.

Auf der anderen Seite ist Grace, die durch den Glauben die Kraft schöpft, ihr schweres Leben zu meistern: auch sie ist ein gebranntes Kind, eines, das auch als Erwachsene um ihr Glück betrogen wurde, eine, die allein dasteht und die nun ihr Leben meistern muss. Aber im Gegensatz zu Roman ist sie nicht alleine, denn Gott begleitet sie auf Schritt und Tritt. Und dazu ist sie eingebettet in einen Kreis warmherziger Freundinnen, die vielleicht nicht immer das Richtige tun, aber immer das Beste für Grace wollen. Sie weiß also, was Vertrauen ist, kennt aber auch die andere Seite. Leider nur zu gut, denn auch jetzt, als erwachsene Frau, steht sie am Rande der Existenz, braucht einen Job, um sich und ihren kleinen Sohn Samuel durchzubringen.

So trifft sie auf Roman, dessen Assistentin sie wird. Obwohl Roman ein mehr als schwieriger Typ ist, wirft sie im Gegensatz zu ihren Vorgängerin das Handtuch nicht bereits nach ein paar Tagen hin. Nein, sie stellt sich Roman und sieht sich bald in der Position, eigene Bedingungen zu stellen. Aber trotzdem driften sie mehr und mehr auseinander, obwohl sich Roman bald zu Grace hingezogen fühlt. Doch obwohl auch sie eine gewisse Anziehungskraft spürt, steht für sie der Weg, den ihr Gott zeigt, an erster Stelle.

Doch auch Roman hat eine Begegnung mit Gott. Kann er einen Weg zu ihm finden, der nachhaltig ist. Können auch für Roman aus Irrwegen Wege werden?

Ein Buch, in dem der christliche Glaube an erster Stelle steht - die Kraft Gottes, die Stärke, die jeder von uns durch sein Vertrauen in Gott und in Jesus schöpfen kann, begleitet den Leser hier auf Schritt und tritt. Auch wenn ich sehr gern christliche Romane lese, ist mir diese sehr offensive Art der Bekenntnis zu Gott etwas zu viel, zumal sie stark in die missionarische Richtung geht. Ich ziehe den eher zurückgenommenen, subtileren Stil vor, in dem bspw. Elisabeth Büchle oder auch Titus Müller den christlichen Glauben in ihren Romanen transportieren.

Doch das ist meine individuelle sich und dennoch ist dies für mich ein eindringlicher und lesenswerter Roman, der lange nachhallen wird!

Veröffentlicht am 03.07.2018

Lebenspläne und reale Entwicklungen

Das weibliche Prinzip
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Greer könnte nach dem Schulabschluss auf einem der Ivy-Colleges starten: das Zeug dazu hat sie. Aber nicht das Geld, bzw. die Eltern. Die nämlich haben sich nicht genug Mühe gegeben mit den Anmeldeunterlagen ...

Greer könnte nach dem Schulabschluss auf einem der Ivy-Colleges starten: das Zeug dazu hat sie. Aber nicht das Geld, bzw. die Eltern. Die nämlich haben sich nicht genug Mühe gegeben mit den Anmeldeunterlagen fürs College und so landet sie im allenfalls mittelmäßigen Ryland College, während ihr Liebster Cory, Weggefährte und gleichzeitig Konkurrent schon an der High School, in Princeton brillieren darf.

Bald schon trifft Greer auf einer College-Veranstaltung die bekannte Feministin und Frontfrau eines feministischen Magazins Faith Frank, sozusagen die amerikanische Alice Schwarzer, die bei ihr einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Dass das auch umgekehrt der Fall ist, wird sich erst Jahre später zeigen, als sie sich bei Faith, die ihr schon damals eine Visitenkarte hinterlassen hat, meldet.

Die junge und später nicht mehr ganz so junge Greer steht im Mittelpunkt dieses Romans, aber das tut sie nicht allein: auch ihr Freund Cory und ihre College-Freundin Zee sind wichtige Protagonisten, deren Lebenswege und Sichtweisen immer wieder in den Fokus gerückt werden. Wobei deutlich wird, dass nicht immer nur die Vor- bzw. Startbedingungen, also bspw. welches College man besucht hat, im Vordergrund steht, eine Rolle spielt, sondern immer auch wieder Extremsituationen; prägende Erlebnisse, die auf den Charakter wirken, sogar eine Wende oder einen entscheidenden Schritt im Lebensweg bewirken können. Immer wieder wird deutlich, wie sehr Lebenspläne von den realen Lebenswegen, deren Wendungen und Einschnitten, abweichen können. So gut man auch alles durchplant, es kommt immer wieder anders. Und nicht nur in negativer Hinsicht. Nein, auch große "Brocken", gegen die man sich machtlos wähnte, werden unbedeutend: entweder durch äußere Einflüsse oder auch durch eigene innere Entwickungen bzw. Reifungen.

Ja, Meg Wolitzer verleiht ihren Figuren Farbe und vor allem Leben, sie alle sind "Typen", eindringlich wirkende Gestalten, von denen keine im Roman fehlen dürfte. Doch leider tut sie das auf eine aus meiner Sicht etwas umständliche, ja ausschweifende Art und Weise - es sind mir einfach zu viele Worte in diesem Roman. Auch wenn ich ihn sehr, sehr gerne las, kam ich nicht umhin, mich stellenweise zu langweilen. Vor allem, weil Situationen und auch innere Spannungen der jeweils im Vordergrund stehenden Figur viel zu detailliert dargestellt wurden - ich fühlte mich beim Lesen von der Flut der Informationen und Eindrücke schlicht überrollt.

Farbig, schillernd, einladend (auch wenn nicht alles positiv ist), prall und sehr präsent: das ist die Welt von Meg Wolitzer: Es sind schöne Worte, treffende Sätze, die die Autorin formt, doch sie würden mir noch besser gefallen, wenn sie sie etwas sparsamer einsetzen würde!

Dann würden die bedeutungsvollen Inhalte wesentlich besser zur Geltung kommen, die Botschaft der Autorin, dass man im Leben nicht immer nur nach vorne schauen sollte, nein, links, rechts und sogar im Rückwärtsgang kommt man durchaus manchmal weiter im Leben. Denn die gewohnte Umgebung, Menschen, die man sein ganzes Leben lang kennt, die können manchmal beim entscheidenden Schritt, bei der bahnbrechenden Erkenntnis - die auf andere ganz alltäglich wirken kann - eine wichtige, nein, die entscheidende Rolle spielen.

Ein lohnenswertes, ein wichtiges Buch, das ich mir nicht ohne Anstrengung, ohne vollen Einsatz von Geist und Seele erobern konnte!

Veröffentlicht am 02.07.2018

Ein ganz besonderer Typ

Stille Feinde
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ist Isajah Quintabe: chinesischstämmig, explosiv, mit Herz, an der Ermordung seines Bruders wie an einer unerfüllten Liebe knabbernd. Vor allem ist er aber Privatdetektiv ohne Lizenz: einer, der sich auch ...

ist Isajah Quintabe: chinesischstämmig, explosiv, mit Herz, an der Ermordung seines Bruders wie an einer unerfüllten Liebe knabbernd. Vor allem ist er aber Privatdetektiv ohne Lizenz: einer, der sich auch mal für die einfachen Leute, für eine ungewöhnliche Klientel wie eine Gruppe von Schülern oder eben auch seine große Liebe (aus der Ferne sozusagen) einsetzt: dann durchaus auch mal ohne Entlohnung. Obwohl es dazu eigentlich selten kommt, dazu sind ihm seine Klienten zu dankbar: doch allemal gibt es öfter mal ein Entgelt der äußerst ungewöhnlichen Art, das kann Mitarbeit sein oder auch ein Sachwert.

IQ, wie dieser ganz spezielle Typ genannt wird, ermittelt in "Stille Feinde" bereits in seinem zweiten Fall und ein großes Manko dieses Bandes ist, dass man ihn schlecht isoliert vom ersten lesen kann - so wie ich es offen gestanden getan habe.

Denn IQ kennt eine ganze Menge Leute, die in den unterschiedlichsten Zusammenhängen auftauchen - eine höchst verwirrende Angelegenheit in einem sehr persönlichen Fall: nämlich der Ermittlung im Mordfall seines geliebten Bruders Marcus, der bald von einer ganzen Reihe von Nebenbaustellen umgeben ist, die zumindest mich beim Lesen sehr irritiert haben.

Doch sind IQ wie auch sein - wie soll man ihn nennen - Kumpel? Sidekick? - Dodson so spezielle, gewissermaßen auch liebenswerte Typen, dass man das Buch nicht aus der Hand legen will, bevor man ihr Schicksal bis zum Ende mitverfolgt hat. Bis zum Ende dieses Bandes, wohlgemerkt, nicht mehr.

Ja, auch wenn der eigentliche Fall ein wenig auseinanderwabert, ist dies doch eine ganz besondere Story, die von ihren Protagonisten lebt - hart, aber herzlich, würde ich sagen - und mit einer Menge Charme. Auch wenn mich die Entwicklungen als solche immer wieder ganz schön verwirrt haben. Aber wer einen Thriller bzw. eine neue Reihe der ganz speziellen Art kennenlernen will, der wird - genau wie ich auch - seine helle Freude daran haben!