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Veröffentlicht am 29.11.2021

Minnie ist ein rechter Pechvogel

Unsere Zeit ist immer
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Minnie ist ein rechter Pechvogel - und das bereits seit ihrer Geburt am 1. Januar 1990. Sie hatte beste Chancen, das erste Londoner Baby mit einer Neun vor der Null im Geburtsjahr zu werden, aber tatsächlich ...

Minnie ist ein rechter Pechvogel - und das bereits seit ihrer Geburt am 1. Januar 1990. Sie hatte beste Chancen, das erste Londoner Baby mit einer Neun vor der Null im Geburtsjahr zu werden, aber tatsächlich war die Bettnachbarin ihrer Mutter schneller. Und zwar, weil diese ihr geholfen hatte: Connie Cooper hatte Tara Hamilton, so hieß die elegante Schönheit, mit diversen Plaudereien entspannnt und aufgelockert. Mit dem Resultat, dass Tara ihr nicht nur die 50.000 Pfund, die für das erste 90er-Baby der Stadt ausgelobt worden waren, vor der Nase wegschnappte, sondern auch den von ihr ausgesuchten Vornamen, nämlich Quinn.

Der passt nämlich sowohl für Jungs als auch für Mädchen. Und so lief Quinn Hamilton als Glückskind durchs Leben, während Minnie Cooper von Geburt an eine Witzfigur war! Dachte sie - und lernte prompt am gemeinsamen 30. Geburtstag selbigen Quinn kennen - auf seiner Geburtstagsparty wohlgemerkt, auf der sie sich selbst in der Toilette eingesperrt hatte.

Es zeigt sich, dass das Leben genau so mit Quinn umgegangen ist, wie Minnie es immer angenommen hat: er arbeitet als Unternehmensberater, hat einen Haufen Geld, sieht super aus und überhaupt....

Minnie hingegen ist gerade dabei, ihr erstes eigenes Business - ein Catering für Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens alt geworden sind, an die Wand zu fahren. Und da zeigt sich, dass Quinn nicht nur unglaublich schön und erfolgreich, sondern auch menschlich voll in Ordnung ist. Einfach zu gut, um wahr zu sein - für Minnie jedenfalls?

Eine Liebesgeschichte, die es tausendfach gegeben hat? Nun, sie endet zugegebenermaßen nicht ganz unvorhersehbar, aber alles andere stimmt nicht. Dieser Roman ist witzig, spritzig - und vor allem ist er kein bisschen oberflächlich! Einfach ein toller Unterhaltungsroman mit originellen Ideen und scharfsinnigen Dialogen, absolut klasse gezeichneten Figuren und einigen Umwegen, die beim besten Willen nicht erwartet werden können.

Ein Buch, das man der besten Freundin zu Weihnachten schenkt, damit sie sich auf allerhöchstem Niveau entspannen kann! Und auch noch nächstes Jahr um die selbe Zeit weiß, was sie da gelesen hat und zwar in allen Einzelheiten. Denn dieser Roman ist einfach zu gut, um in Vergessenheit zu geraten!

Veröffentlicht am 28.11.2021

Alles beginnt mit einer Teekanne

Die Winterkönigin und andere Träume
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Was mich als begeisterte Teetrinkerin dazu bringt, weiterzublättern , denn diese Kanne ist "nur" eine Zeichnung unter der Widmung und verrät noch nichts von den Atmosphäre des Buches.

Dieses ist voll ...

Was mich als begeisterte Teetrinkerin dazu bringt, weiterzublättern , denn diese Kanne ist "nur" eine Zeichnung unter der Widmung und verrät noch nichts von den Atmosphäre des Buches.

Dieses ist voll von Geschichten und voll von Tieren. Ich komme mit dem gedichteten Format nicht so ganz klar, es hält mich eher auf Abstand, als dass es mir Nähe suggerieren würde.

Und ich muss leider sagen, dass dieses Gefühl der Entfremdung im Verlauf der Lektüre eher zu- als abnimmt. auch die Bilder sagen mir nur teilweise zu.

Die Winterkönigin in enger Umarmung mit den unterschiedlichsten Tieren bringt in mir keine Wärme, sondern eher Entfremdung hervor, auch die Texte neigen dazu, mehr und mehr zu verschlüsseln als dass sie das Buch dem Leser öffnen.

Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass dieses Buch nichts für mich ist - andere mögen sich dafür begeistern, ich hingegen finde keinen Zugang. Mir kommt es düster, schwermütig und kalt vor - kein Buch, das ich gerne verschenken oder mit anderen teilen möchte, so detailverliebt die Zeichnungen auch gefertigt sind.

Veröffentlicht am 27.11.2021

Amy lebt den Schmerz

Der Himmel über Bay City
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Wir erfahren Amys Geschichte aus erster Hand; nämlich aus ihrer eigenen. Sie wächst in Bay City, einem kleinen Ort in Michigan in einem Blechhaus auf - ungeliebt von einer Mutter, die immer noch an ihrer ...

Wir erfahren Amys Geschichte aus erster Hand; nämlich aus ihrer eigenen. Sie wächst in Bay City, einem kleinen Ort in Michigan in einem Blechhaus auf - ungeliebt von einer Mutter, die immer noch an ihrer ersten, während der Geburt verstorbenen Tochter hängt.

Im Prinzip wird Amy von Babette, der jüngeren Schwester ihrer Mutter aufgezogen. Die Schwestern kamen aus Frankreich in die Staaten, um zu vergessen: zu vergessen, dass ihre Eltern sowie viele andere Verwandte in Auschwitz oder anderen Lagern ums Leben kamen, von Nationalsozialisten verbrannt wurden.

Doch kann Babette das nicht vergessen und Amy kann es auch nicht. Es wird nicht deutlich, in welcher Form dieses so schmerzvolle Erbe an Amy weitergeben wird. Viel gesprochen wird nicht darüber, doch ist die nonverbale Kommunikation im Hause eine unglaublich starke und so sehen irgendwann sowohl Babette als auch Amy die Großeltern im Haus - die doch eigentlich in Auschwitz ermordet wurden.

Amy erzählt sehr spröde und knapp von ihrem Leben, einem Leben, das sie nicht lieb, von dem sie sich gleichwohl nimmt, was sie möchte: Sex zum Beispiel und Drogen. Und immer wieder wird deutlich, wie sie unter der Abneigung ihrer Mutter leidet. Sie selbst wirkt gleichgültig, ab und zu wird ihre Abneigung gegen eine Person oder eine Angelegenheit deutlich, Positives ist selten zu spüren, aber es ist da.

Nach einer Katastrophe, die Amy laut eigeiner Aussage selbst verschuldet hat, verlässt sie Michigan und landet irgendwann nach Station in Indien in New Mexiko, wird Mutter einer Tochter - Heaven. Diese will sie unter allen Umständen von einem Schicksal wie dem ihrigen oder dem ihrer Tante Babette schützen.

Falls Sie - im wahrsten Sinne des Wortes - Blut geleckt haben: machen Sie sich bewusst, dass dies extrem schwere Kost ist. Ich habe Ewigkeiten gebraucht, um mich durch diesen Roman zu wühlen, ihn sozusagen zu erobern. Und auch er hat mich gewissermaßen erobert: durch den Schmerz und auch durch die Ohnmacht, die quasi aus jeder Zeile spricht. Ein Roman, der nur bei wenigen ankommen wird, gleichwohl jedoch aus meiner Sicht wichtig ist.

Veröffentlicht am 24.11.2021

Lucy erzählt

Oh, William!
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Lucy Barton, Strout-Fans bereits aus zwei Vorgängerbänden bekannt, beschäftigt sich hier mit ihrem ersten Mann William. Er ist ein der Vater ihrer beiden Töchter - ein verständlicher Grund, warum der Kontakt ...

Lucy Barton, Strout-Fans bereits aus zwei Vorgängerbänden bekannt, beschäftigt sich hier mit ihrem ersten Mann William. Er ist ein der Vater ihrer beiden Töchter - ein verständlicher Grund, warum der Kontakt bestehen blieb. Und das, obwohl er Lucy sehr enttäuscht hat - es zeigte sich nämlich, dass er während ihrer etwa zwanzig Jahre währenden Ehe eine ganze Reihe von Affären gehabt hatte.

Dennoch entstand mit den Jahren eine gute Freundschaft zwischen ihnen - vielleicht gerade, weil beide wieder geheiratet hatten: William zum zweiten und zum dritten Mal, wogegen Lucy in dem Cellisten David ihre große Liebe fand. Leider hatte ihre glückliche Ehe nicht allzulang Bestand, da David erkrankte und binnen eines Jahres verstarb.

Lucy ist es, an die sich William wendet, als ihm etwas unerwartet Furchtbares passiert und sie ist es auch, die er nach einer weiteren verstörenden Nachricht darum bittet, mit ihm in seine Vergangenheit zu reisen, eine Vergangenheit, die in Maine ihren Anfang nahm. Und Lucy fühlt sich nicht nur einmal bemüßigt, "Oh, William" zu sagen bzw. zu denken. Wie einst....

Elizabeth Strout gelingt es einmal mehr, ihrer Protagonistin eine Stimme, einen eigenen Charakter zu verleihen. Hier residiert Lucy Barton, ein ganz anderer Mensch, als es Olive Kitteridge aus "Mit Blick aufs Meer" und "Die langen Abende" ist. Sie ist deutlich beständiger, nicht so widersprüchlich und deutlich duldsamer und kann mich vielleicht gerade deswegen nicht ganz so packen, wie es Olive tat. Was möglicherweise unfair ist ihr gegenüber, denn auch sie macht sich so ihre Gedanken über das Leben im Allgemeinen und ihr Umfeld im Besonderen und sie sind genauso lesenswert wie die von Olive.

Ich glaube, es liegt daran, dass Strouts Charaktere Leben: sie bleiben nicht auf den Seiten des Buches, sondern steigen daraus hervor, begleiten den Leser während der Lektüre und da ist es eben so wie im wahren Leben: ich lasse mich lieber von Olive und den ihrigen unterhalten als von Lucy.

Das ist aber kein Grund, "Oh, William" nicht zu lesen - ich mochte beide Bücher und genieße den stets leicht sarkastischen, manchmal gar zynischen Stil der Autorin, die es einfach drauf hat: nämlich mir unterhaltsame, lehrreiche, witzige und sehr berührende Lesestunden zu bereiten!

Veröffentlicht am 24.11.2021

Eine Frau mit starkem Willen

Sehnsucht nach Shanghai
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Das ist Emily Hahn, eine amerikanische Journalistin und Autorin. Und eigentlich ist sie mit ihren Wertvorstellungen und Zielen ihrer Zeit schon lange voraus! Einerseits - denn auf der anderen Seite hat ...

Das ist Emily Hahn, eine amerikanische Journalistin und Autorin. Und eigentlich ist sie mit ihren Wertvorstellungen und Zielen ihrer Zeit schon lange voraus! Einerseits - denn auf der anderen Seite hat sie keine Probleme damit, durch Männer - verschiedene Männer - angebotene Vorteile uneingeschränkt zu nutzen. Im Klartext: Emily ist eine Frau, die sich ihren Teil vom Kuchen des Lebens nimmt.

So entscheidet sie sich 1935 dazu, in Shanghai zu bleiben, als ihre ältere Schwester die Stadt wie geplant nach einigen Wochen in Richtung Heimat verlässt. Dort gibt es für sie als schaffenden Menschen so viele Anregungen und nicht zuletzt den unglaublich attraktiven Verleger Zau Sinmay!

Emily bleibt also - und zwar jahrelang - und schreibt, auch wieder ihrer Zeit voraus, Reportagen zu China für den "New Yorker": eine Art Auslandskorrespondentin der besonderen Art. Und wird zur langjährigen Geliebten des verheirateten Sinmay, später sogar zu seiner Zweitfrau - und zwar mit Billigung der ersten Frau. Insgesamt bleibt sie über fünf Jahre und als sie Shanghai verlässt, ist nichts mehr so, wie es war - weder in Bezug auf die Stadt noch auf Emily selbst.

Denn Emily wirft sich mit aller Macht in ihr asiatisches Leben - sie zaudert auch nicht, als es schwer wird, als alle ihre Vorteile zu schwinden drohen und als der Krieg und vor allem Kräfte aus China sich Shanghais bemächtigt und die in den 1930ern strahlende, blühende Stadt versinkt.

Eine Frau wie ein Orkan und auf ihre Weise sicher ähnlich bemerkenswert wie Lee Miller oder auch Martha Gellhorn, ihre Kolleginnen als Auslands- und Kriegsjournalistinnen. Vorliegender Roman zielt meines Erachtens etwas zu stark darauf ab, ihre weibliche Seite hervorzuheben und zwar in jeder Lebenslage! Dennoch habe ich diesen Roman sehr gerne gelesen und freue mich darauf, mich weiterhin mit der Person Emily Hahn sowie mit ihrem Umfeld zu beschäftigen!