Profilbild von TochterAlice

TochterAlice

Lesejury Star
offline

TochterAlice ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit TochterAlice über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 17.09.2021

Eine Ruhrpottpflanze im brandenburgischen Exil

Spreewaldgrab (Ein-Fall-für-Klaudia-Wagner 1)
0

Das ist Klaudia Wagner, die es nach einer für sie sehr frustrierenden und dramatischen Trennung ins beschauliche Lübbenauer Exil verschlagen hat. Dort, zwischen Kähnen und Spreewaldgurken erkennt sie, ...

Das ist Klaudia Wagner, die es nach einer für sie sehr frustrierenden und dramatischen Trennung ins beschauliche Lübbenauer Exil verschlagen hat. Dort, zwischen Kähnen und Spreewaldgurken erkennt sie, dass es in dieser wunderschönen Landschaft auch den ein oder anderen brutalen Mordfall gibt. Und kaputte Typen, denen sie nach ihrer Flucht aus dem Ruhrgebiet eigentlich entrinnen wollte!

Ein erfolgreicher Unternehmer Ende 50 ist brutal zu Tode gekommen, eine ihm ausgesprochen zugeneigte Dame - viel jünger und nicht seine Ehefrau - ist unauffindbar, seine - beinahe schon abgelegte Gattin ertränkt sich und ihr Leid in Alkohol, der Sohn ist ein merkwürdiger Typ.

Das ist das Szenario, das sich Klaudia Wagner offenbart, die sich zunächst mit ihrem neuen Team, das ihr nur teilweise wohl gesonnen ist, zusammenraufen muss.

Und was sollen die Episoden, die die Gefangenschaft bzw. Isolation einer verzweifelten Frau darstellen?

Ein spannender Krimi in einem stimmungsvollen Setting: das hatte ich mir von diesem Buch versprochen und mich sehr darauf gefreut. Doch ganz wurden meine Erwartungen dann doch nicht erfüllt - zu lange dauerte es aus meiner Sicht, bis die Atmosphäre und die Präsenz des Spreewaldes sich mir präsentierte - der überwiegende Teil des Buches hätte tatsächlich auch an einem anderen beliebigen Ort spielen können. Da habe ich schon andere Krimis - beispielsweise "Dunkle Fluten" von Hendrik Berg gelesen, die das Setting um einiges eindringlicher wiedergaben.

Zudem hielt sich der Eindruck des Gestückelten, unzureichend Zusammengebrachten über das ganze Buch hinweg. Mir hat sich nicht die Sinnhaftigkeit aller Wendungen und Einschübe erschlossen, manch Strang brach abrupt ab oder verlief im Nichts.

Interessante Ansätze sind es, die Autorin Christiane Dieckerhoff hier bearbeitet, doch halten sie leider nicht ganz, was sie versprechen. Na, wer weiß, vielleicht müssen sich Klaudia und ihre Autorin erst noch zusammenraufen und es wird beim nächsten Krimi anders bzw. besser. Ich zumindest werde nicht verzagen ud statt dessen noch einen Anlauf wagen!

Veröffentlicht am 17.09.2021

Abgrundtief böse Menschen

Die Schneelöwin (Ein Falck-Hedström-Krimi 9)
0

kennt man aus dem Märchen. Eine Armada von Stiefmüttern, diverse Feen, Zwerge und andere Fabelwesen, mißgünstige Geschwister (ungerechterweise sind dies fast immer die älteren) mit eingeschlossen. Und ...

kennt man aus dem Märchen. Eine Armada von Stiefmüttern, diverse Feen, Zwerge und andere Fabelwesen, mißgünstige Geschwister (ungerechterweise sind dies fast immer die älteren) mit eingeschlossen. Und in "echt"? Nun, ich zögere nicht zuzugeben, dass ich Hitler und Stalin als abgrundtief böse empfinde und auch diverse Serienmörder - doch wie haben sie sich dazu entwickelt?

In Camilla Läckbergs "Schneelöwin" ist es das Kind Louise, das angeblich von Geburt an abgrundtief böse ist und daher von seinem Vater im Keller angekettet wurde. Kann das sein? Der Vater kann da nichts mehr zu sagen, denn er ist vor Jahren ermordet worden - von Laila, seiner Ehefrau und Louises Mutter. Diese sitzt seit Jahren im Gefängnis und wird von Erica Falk, der Autorin aus Fjällbacka, besucht, die über sie schreiben möchte. Es kommt, wie es - in Läckbergs Serie fast immer - kommen muss: Es ergibt sich eine überraschende Parallele zum aktuellen Fall von Ericas Ehemann Patrik Hedström von der Polizeidienstelle Tanum. Er untersucht einen besonders perfiden Fall, in dem es um das Verschwinden junger Mädchen geht. Eine davon taucht wieder auf - nur um direkt in den Tod zu laufen. Man stellt fest, dass sie bereits im Vorfeld brutal misshandelt worden war.

Auch Patriks Kollegen und sein Chef, Bertil Mellberg und das restliche Team kommen wieder ins Spiel. Da ist natürlich Patriks Frau, die Autorin Erica Falk nicht weit, die sich so gern in die Polizeiarbeit einmischt - natürlich sind auch die weiteren Akteure,wie die Kinder des Paares, Patriks Mutter Kristina, Ericas Schwester Anna und Patriks Kollegen wieder mit von der Partie - gerade in diesem Buch wird den meisten von ihnen besonders viel Aufmerksamkeit gewidmet. Also vor allem etwas für Kenner und Liebhaber dieser Serie, denn nicht immer werden Zusammenhänge aus früheren Büchern ausführlich aufgeklärt. Ich jedenfalls war heilfroh, bislang jeden einzelnen der Läckberg-Krimis gelesen zu haben, ansonsten wäre ich ziemlich ins Schleudern geraten. Leider ist diesem Buch nicht wie dem Vorgänger "Die Engelmacherin" ein Verzeichnis der regelmäßig auftauchenden Akteure vorangestellt, das wäre für Neueinsteiger zumindest etwas hilfreich. Ich würde allerdings komplett davon abraten, bei dieser Serie in der Mitte einzusteigen: man verpasst einfach zu viel!

Mir hat das Buch wieder gut gefallen - es fügt sich schlüssig und nahtlos in die Serie ein und ich liebe Fälle, deren Anfänge in die Vergangenheit zurückreichen, auch wenn Läckberg dieses Instrument ein bisschen sehr häufig verwendet. Diesmal fand ich den Fall ausgesprochen spannend, auch der Erzählstil der Autorin - intensiv, atmosphärisch und mit eindringlichen Personenbeschreibungen - hat wieder zum Lesegenuss beigetragen, doch leider gab es doch ein paar Enttäuschungen, die vor allem die Auflösung des Falls betrafen. Aber auch im Verlauf blieben einige wichtige Aspekte auf der Strecke ... sie wurden einfach nicht weiterverfolgt bzw. aufgelöst.

Trotzdem sehr empfehlenswert - allerdings vor allem Freunden dieser Serie oder aber solchen, die es werden wollen und sich nicht scheuen, die insgesamt acht vorherigen Bände - oder zumindest einen Teil davon - vorher zu lesen, denn ansonsten kommt an angesichts der ausgesprochen dichten Handlung sicher gelegentlich ins Schleudern. Doch wer Patriks gewohnten Alltagsstress und das Leben mit seiner Frau Erika - in diesem Band geht es für ihre Verhältnisse ausgesprochen harmonisch zu - und andere immer wieder auftauchende, den aktuellen Fall ergänzende inhaltliche Elemente schätzt und wie ich eher die nicht so harten Krimis bevorzugt - wobei man diesmal teilweise durchaus auf die Probe gestellt wird, der wird hier auf seine Kosten kommen!

Veröffentlicht am 17.09.2021

Neles zweites Ausflug in den mittleren Westen

Straße nach Nirgendwo (Sheridan-Grant-Serie 2)
0

Die beliebte Krimiautorin Nele Neuhaus im zweiten Teil ihres Amerikaausflugs: unter ihrem Mädchennamen Nele Löwenberg hat sie nun nach "Sommer der Wahrheit" einen zweiten Teil mit der jungen Sheridan Grant ...

Die beliebte Krimiautorin Nele Neuhaus im zweiten Teil ihres Amerikaausflugs: unter ihrem Mädchennamen Nele Löwenberg hat sie nun nach "Sommer der Wahrheit" einen zweiten Teil mit der jungen Sheridan Grant veröffentlicht, der seinen Anfang im tiefsten Mittleren Westen, im ländlich-abgeschiedenen Nebraska nimmt und zwar mit einem brutalen Gemetzel, das in der 2. Hälfte der 1990er Jahre auf dem Hof der Grants stattfindet und bei dem 5 Menschen ihr Leben lassen müssen. Für Sheridan ist dies der Beginn einer langen Odyssee - eine Festung der Einsamkeit, um mal mit Jonathan Lethem einen der bekanntesten US-Autoren zu zitieren, die sie mit sich herumträgt.

Im Gegensatz zum ersten Teil geht es hier richtig in die Krimihandlung, also in einen Bereich, in dem die Autorin voll und ganz zu Hause ist. Nur leider stehen trotz spannungsreicher Handlung zwei rührselige Selbstfindungsgeschichten - einmal die von Sheridan und dann noch die von Jordan, einem Polizisten, den sie im Zuge des Dramas, mit dem alles seinen Angang nimmt - im MIttelpunkt und ich muss leider sagen, dass ich beide als sehr kitschig und der eigentlich stringenten Handlung abträglich empfunden habe. Außerdem ist doch einiges extrem weit hergeholt und damit absolut unglaubwürdig. Die Schwarz-Weiß-Malerei der Figuren, die schon im "Sommer der Wahrheit" sehr auffiel, wird hier weiter vertieft.

Daher konnte ich das Buch leider nicht so wie Teil 1 genießen, obwohl Nele Neuhaus sich und ihrem atmosphärischen Schreibstil treu bleibt und Spannungselemente sind in genügender Anzahl vorhanden sind. Diesmal hat mich die Autorin leider ein kleines bisschen enttäuscht.

Veröffentlicht am 17.09.2021

Afrolook statt Tirolerhut

Veilchens Feuer
0

Und das auch noch in Blond! Das ist das unschlagbare Erkennungszeichen der Innsbrucker Ermittlerin Valerie Mauser, genannt Veilchen, die nunmehr bereits in ihrem zweiten Fall unterwegs ist. Eine Protagonistin, ...

Und das auch noch in Blond! Das ist das unschlagbare Erkennungszeichen der Innsbrucker Ermittlerin Valerie Mauser, genannt Veilchen, die nunmehr bereits in ihrem zweiten Fall unterwegs ist. Eine Protagonistin, die definitiv im Gedächtnis bleibt - vom Äußeren her sowieso und dann stellt Autor Joe Fischler auch noch ihr Privatleben und ihre jeweilige Befindlichkeit ganz schön in den Vordergrund!

Keine Frage, Veilchen ist ein Typ, der auffällt - sie ist aber auch jemand, der polarisiert. Und immer wieder mal nervt - mich zumindest! Obwohl der Fall wirklich interessant, wenn auch nicht rasend spannend ist. Es geht um den alternden Rockstar Wolf Rock, ein Tiroler Urgestein, der anonym bedroht wird und Personenschutz erhält. Themen wie Shitstorm und Hype um bestimmte Kultfiguren werden dabei durchaus aufgegriffen, aber nicht so ausgeweitet, wie es aus meiner Sicht passend wäre. Und gerade in diesen Zeiten wäre das aus meiner Sicht ausgesprochen sinnvoll, denn die Themen fügen sich wirklich gut in das aktuell bestehende gesellschaftliche Gefüge ein. Schade, dass es hier bei den Ansätzen bleibt, ich wäre gerne viel tiefer eingetaucht!

Zudem ist der Stil überhaupt nicht meins - im Gegenteil, er hat das Buch für mich sehr schwer lesbar gemacht, so dass ich trotz vielschichtiger Hauptfiguren - von denen manche jedoch nicht zur Genüge beleuchtet wurden - immer wieder ins Stocken kam. Den Humor konnte ich auch nicht goutieren. Schade, denn es eigentlich finde ich es toll, eine weibliche Ermittlerin mit Biss als Serienheldin zu haben - mit Veilchen und vor allem mit dem Drumherum wurde ich aber nicht so recht warm. Da Fischlers Veilchen-Reihe aber schon über eine veritable Fangemeinde verfügt, sollten Sie unbedingt selbst testen, ob das Buch bzw. die Reihe Ihr Ding ist. Was mich nicht vom Hocker reißt, das könnte für Sie genau das Richtige sein. Einfach mal probieren!

Veröffentlicht am 17.09.2021

Liebe auf den zweiten Blick

Die Eismacher
0

Liebe auf den zweiten Blick: Das ist es , was ich für diesen Roman empfunden habe - sie ist zwar nicht frei von Einschränkungen, dafür aber mit Sicherheit beständig!

Der Einstieg in die Geschichte - der ...

Liebe auf den zweiten Blick: Das ist es , was ich für diesen Roman empfunden habe - sie ist zwar nicht frei von Einschränkungen, dafür aber mit Sicherheit beständig!

Der Einstieg in die Geschichte - der Protagonist beschreibt die späte Liebe seines Vaters zu der (ost)deutschen Hammerwerferin Betty Heider (einer real existierenden Sportlerin und Olympiasiegerin), die sich nur über den Fernseher manifestiert hat und jahrelang nachhallte - ist einer der witzigsten im Bereich der Gegenwartsliteratur überhaupt, die mir je begegnet sind. Doch dann wird die Geschichte langatmig - das habe zumindest ich empfunden, die ich mir die weitere Handlung ein wenig aufzwingen musste, hatte ich mich doch bereit erklärt, dieses Buch umfänglich zu rezensieren. Ein Glück, muss ich im Nachhinein sagen: Andernfalls hätte ich es im Leben nicht beendet und mir wären viele wunderbare kleine Episoden - damit brilliert Autor Ernest van der Kwast - vorenthalten geblieben, die ich mein Lebtag nicht vergessen werde. Und nicht wenige davon sind wahr, hat der Autor seine Geschichte doch in ein Setting zwischen zwei Berufsstände, die unterschiedlicher nicht sein können, angesiedelt. Einerseits die Herstellung und der Verkauf von Speiseeis, andererseits die professionelle Beschäftigung mit Lyrik, die Giovanni, der älteste Sohn der Familie Talamini, gegen den Willen seiner Eltern, zum Beruf erwählt, anstatt das elterliche Eiscafé in Rotterdam zu übernehmen. Das macht dann der jüngere Bruder - nur ein Meilenstein in der Dynamik, ja lebenslangen Konkurrenz der geschwisterlichen Beziehung.

Ganz klar: Ernest van der Kwast kann schreiben. Ganz wunderbar sogar, ist doch sein kleiner Roman "Fünf Viertelstunden bis zum Meer" einer meiner All-Time-Favourites und definitiv alles andere als ein Romänchen. Nein, er hat Kraft, Eleganz, Eloquenz, Ideen und ist von einer Klugheit beseelt, die ihresgleichen sucht. Aber: er kann besser kurz. Viel besser, finde ich. Bei "lang" verliert er sich teilweise in Längen, quält sich durch Episoden, die die Welt nicht braucht. Ich bilde mir ein, zu merken, welche Passsagen für den Autor Pflicht und welche Kür waren.

Dennoch ein wunderbarer, unbedingt empfehlenswerter Roman, Aber: Eine Geschichte, mir der man Geduld haben muss, eine, die sich langsam entwickelt - dann jedoch bereichert sie mit vielen kleinen, dabei klugen und oft auch witzigen Episoden und Essenzen. Wenn man dann irgendwann den Überblick über die gesamte Handlung hat, quasi ihren Sinn begreift und damit versteht, worauf genau der Autor eigentlich hinauswill, dann, ja, dann ist es eine sehr wichtige und grundlegende Botschaft, die man erhält.

Ich jedenfalls freue mich schon sehr auf den nächsten - hoffentlich kurzen - Roman von Ernest van der Kwast und wage es, ihm, der originell wie selten ein anderer ist, eine international glorreiche Zukunft zu prophezeien!