Profilbild von TochterAlice

TochterAlice

Lesejury Star
offline

TochterAlice ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit TochterAlice über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 14.08.2021

Überleben in der Hackordnung von Harlem

Harlem Shuffle
0

Ray Carney hat es geschafft - nicht in allen, aber doch in wesentlichen Aspekten. Er lebt im Gegensatz zu seinem verstorbenen Vater ein mehr oder weniger ehrenhaftes Leben als Möbelhändler und hat ein ...

Ray Carney hat es geschafft - nicht in allen, aber doch in wesentlichen Aspekten. Er lebt im Gegensatz zu seinem verstorbenen Vater ein mehr oder weniger ehrenhaftes Leben als Möbelhändler und hat ein Mädchen aus der Oberklasse geheiratet - sehr zum Verdruß von deren Eltern. Aber Elisabeth hält zu ihm, sie sind inzwischen sogar Eltern. Carver gibt sich Mühe, seine kleinen kriminellen Kuhhandel von seiner Frau fernzuhalten, deren Eltern sich ihrerseits bemühen, ihn zu demütigen, ohne es die Enkel spüren zu lassen.

Diesmal hat Colson Whitehead, ohne von seinem Anspruch, das (Über)leben der Afroamerikaner in den USA vergangener Zeiten in all seinen Facetten schonungslos und offen zu vermitteln, abzulassen, einen überaus stilvollen Unterhaltungsroman geschrieben.

Einen, der zwar stellenweise sehr wehtut, aber bei dem man auf der anderen Seite nicht selten das Gesicht zum Lächeln verzieht.

Die Story spielt im Harlem der frühen 1960er Jahre und einige der Benachteiligten haben Mechanismen entwickelt, um nicht ganz so benachteiligt zu sein wie ihre Schicksalsgenossen.

Als eines der Qualitätsmerkmale gilt es, hellere Haut als andere zu haben, im Idealfall sogar gelegentlich für einen Weißen gehalten zu werden, ein äußeres Merkmal, dessen sich beispielsweise Carneys Schwiegermutter Alma rühmen kann - ganz im Gegensatz zu ihm selbst, was sie ihn nicht selten spüren lässt.

Doch neue Zeiten sind im Anmarsch, nicht nur dadurch, dass Martin Luther King und seine Gesinnungsgenossen ihre Stimme immer lauter erheben.

Wie auch immer, jedenfalls schaffen es auch Dunkelhäutige, Weißen und nicht ganz Weißen ein Schnippchen zu schlagen. Vielleicht ja sogar mehrere? Gewissermaßen hat Colson Whitehead, ohne sein Können in irgendeiner Form einzuschränken, hier einen Schelmenroman geschaffen. Mit ernstem Hintergrund natürlich! Aber mit nicht nur einem Augenzwinkern!

Veröffentlicht am 14.08.2021

Ganz anders als erwartet

Zu den Elefanten
0

Was normalerweise durchaus auch positiv hätte sein können, aber aus meiner Sicht wurden die Elefanten bzw. der Elefant früherer Zeiten und die nach ihm benannten Hotels doch ziemlich arg weggedrückt aus ...

Was normalerweise durchaus auch positiv hätte sein können, aber aus meiner Sicht wurden die Elefanten bzw. der Elefant früherer Zeiten und die nach ihm benannten Hotels doch ziemlich arg weggedrückt aus der Handlung.

Die so gesehen nur selten eine war, sondern eher eine Reflexion des Erzählers die mit einer recht negativen, ja sogar ein wenig aggressiven Stimmung in dessen Familie - die außer ihm aus Frau und Sohn besteht - startete und dann von einer Wanderung mit dem Sohn über die Alpen mehr und mehr zu einer Reise des Protagonisten ins eigene Innere wurde.

Hier verloren mich zeitweise sowohl Autor als auch Protagonist, weil mich diese oft metaphysische Ebene doch ermüdete und das Rätseln um die Auflösung ebenfalls.

Es ist auf jeden Fall ein sehr kluges und ausgesprochen originelles Buch, aber für mich war es nicht das Richtige - ob generell oder zu diesem Zeitpunkt, das vermag ich gar nicht zu sagen.

Was mich insgesamt sehr befremdete, war der sehr unterkühlte Ton des Protagonisten im Abhandeln seiner Mitmenschen wie auch seiner selbst - ich begann, mich nach ein wenig Wärme zu sehnen und griff danach - nicht unbedingt typisch für mich - nach einem lustigen Kinderbuch, um diese Wärme und dazu ein munteres Lachen aufzufangen!

Veröffentlicht am 11.08.2021

Wurzeln, Realität, Gold

Wie viel von diesen Hügeln ist Gold
0

Eine Frau, die von der Bekenntnis zu ihrer Herkunft, zu ihren Wurzeln getragen wird und ein Mann, der mit Gold seine Familie in eine rosige Zukunft führen will: das sind die Eltern von Lucy und Sam. Beziehungsweise ...

Eine Frau, die von der Bekenntnis zu ihrer Herkunft, zu ihren Wurzeln getragen wird und ein Mann, der mit Gold seine Familie in eine rosige Zukunft führen will: das sind die Eltern von Lucy und Sam. Beziehungsweise waren sie es - zu Beginn des Romans leben beide schon nicht mehr und ihre Kinder Lucy und Sam fliehen vor all dem Bösen, das ihnen bereits begegnet ist und hoffen auf eine bessere Zukunft. Doch davor müssen sie ihren Vater beerdigen - mit zwei Münzen auf den Augen. Allein das ist schon nahezu unmöglich.

Die Eltern haben ihnen ein Pferd und die großen Fragen des Lebens hinterlassen: Was ist dem Herzen am nächsten, was kann nicht verdrängt werden? Was sollen die Ziele des Lebens sein? Und vor allem: wo ist unser Zuhause? Fragen von grundlegender Relevanz, auf die ungenügende Antworten folgen.

Dieser Roman behandelt - so wurde angekündigt - trotz seiner zeitlichen Ansiedelung im 19. Jahrhundert DIE Themen unserer Zeit: Hunger (nicht nur den nach Mahlzeiten), Klimaschutz, soziale Hierarchien, allem voran die Chancengleichheit (ob es sie jemals geben wird?) und die Frage, was Heimat eigentlich ist.

Betrüblicherweise sind die Antworten sämtlich ungenügend und sehr, sehr traurig: sie kreisen um mangelndes Vertrauen, Betrügereien unter Verwandten, fehlende Wärme und Ähnliches.

Ich hatte schon früh befürchtet, mit einem frustrierenden Ende konfrontiert zu werden, doch es kam noch schlimmer, als ich erwartet hatte. Nach der Lektüre des Romans musste ich mich ganz schön ablenken, um nicht dauerhaft von dieser Hoffnungslosigkeit angesteckt zu werden.

Veröffentlicht am 09.08.2021

Wo gehöre ich hin?

Ein neuer Morgen für Samuel
0

Das hat sich Samuel bis zu seinem neunten Lebensjahr nie gefragt, denn er wähnte sich in Obhut seiner leiblichen Eltern, der Franzosen Jean-Luc und Charlotte., die mit ihm schon seit er sich erinnern kann, ...

Das hat sich Samuel bis zu seinem neunten Lebensjahr nie gefragt, denn er wähnte sich in Obhut seiner leiblichen Eltern, der Franzosen Jean-Luc und Charlotte., die mit ihm schon seit er sich erinnern kann, in den Vereinigten Staaten leben. Untereinander sprechen sie nur englisch.

Doch 1953 wird sein Vater von einem geheimnisvollen Staatsdienst abgeführt und sogar als Kidnapper verurteilt, denn es kommt raus, dass ihm Samuel als winziger Säugling übergeben wurde - von dessen eigener Mutter Sarah, die ins Konzentrationslager deportiert wurde, ebenso wie ihr Mann David.

Nachdem beide es geschafft hatten, zu überleben und glücklich nach Paris zurückkehrten, begannen sie sofort mit ihrer Suche nach Samuel,.

Da Charlotte und Jean-Luc aber keine Nachricht über den Verbleib von Samuel hinterlassen hatten, dauerte diese Suche weit über acht Jahre!

Samuel, der in den USA nur Sam genannt wurde, beginnt also 2953 ein zweites Leben bei seinen leiblichen Eltern, mit dem er nur schwer zurecht kommt.

Vor allem Sarah ist untröstlich, ihren so lange vermissten Sohn so distanziert zu erleben.

Wie es zu dieser Übergabe von Baby Samuel im Jahre 1944 in Paris kommt, wie es mit seinen beiden Elternpaaren weitergeht und ob Samuel noch mal glücklich wird - das alles beschreibt Autorin Ruth Druart in ihrem eindringlichen und ungewöhnlichen Roman.

Dieser vermochte mich über weite Strecken zu fesseln und zwar aufgrund seiner Authentizität und der Emotionalität, doch gelegentlich empfand ich ihn dann doch zu langatmig.

Ein schönes Buch, das ich allen empfehle, die sich für die Zeit des Zweiten Weltkriegs und die Jahre danach interessieren und gerne Romane darüber lesen.

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Thema
Veröffentlicht am 05.08.2021

Brutal poetischer Roman um eine junge Outlaw

Von hier bis zum Anfang
0

Eine über weite Strecken gewissermaßen brutale Poesie, die stellenweise auch zart, ja sogar zärtlich werden kann, spricht aus den Seiten dieses Buches.

Die Hauptfigur ist Duchess Radley, ein junges Mädchen, ...

Eine über weite Strecken gewissermaßen brutale Poesie, die stellenweise auch zart, ja sogar zärtlich werden kann, spricht aus den Seiten dieses Buches.

Die Hauptfigur ist Duchess Radley, ein junges Mädchen, das Tag für Tag mit der Vergangenheit konfrontiert wird. Mit dem, was in ihrer Familie geschah, lange bevor sie, lange bevor ihr kleiner Bruder Robin geboren wurde. Ihre Mutter Star führt ein verkommenes, verwahrlostes Leben, seit sie ihre eigene kleine Schwester verlor - umgebracht von Vincent King, der damals ihr eigener Freund war.

Es war kein Mord, es war quasi ein Versehen, doch Star muss damit leben und kann es doch nicht. Die schöne Star, die Nachts in der einzigen Bar des kleinen Ortes singt und von den lokalen Männern verachtet, aber noch mehr begehrt wird. Sie ist nur noch ein Wrack - Duchess, selbst noch ein Kind, muss sich um alle familiären Angelegenheiten kümmern. Sich selbst bezeichnet Duchess vor ihrer Umwelt, von der sie viel Ablehnung erfährt, ebenso wie vor sich selbst als Outlaw. Ihr als Einziger weit und breit zur Seite steht der lokale Polizist Walk, der immer schon die Hand über die Kinder gehalten hatte, auch über Star, soweit möglich.

Und dann wird Vincent King aus dem Gefängnis entlassen und es geschieht die nächste Tragödie. Duchess und Robin müssen weiterziehen zu ihrem Großvater Hal, den Duchess zunächst hasst, dann aber zu schätzen lernt. Sobald das erfolgt ist, passiert wieder etwas - und Duchess lernt, dass das Leben nur weitergehen kann, wenn sie noch mehr loslässt, als es bereits der Fall ist - und zwar das Einzige, was für sie im Leben noch zählt. Schafft sie das?

Eine Art moderner Western voll von tragischen Figuren - allen voran Duchess selbst. Ein Mädchen, das eigentlich nur Hass kennt und Liebe erst lernen muss. Allem voran, sich selbst zu lieben.

Ein Roman, der wehtut. Es geschehen reihenweise Ungerechtigkeiten, die mir quasi körperlich weh getan haben. Auch wenn Duchess, so hart und schroff sie sich auch gibt, vom Autor mit einer Zartheit dargestellt wird, die stellenweise gar in Zärtlichkeit umschlägt.

Eine Fragen blieben für mich offen, doch im großen und ganzen hat mich dieses Buch sehr berührt.