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Veröffentlicht am 18.04.2021

Den Fluss Ouse entla(i)ng

Zum Fluss
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Dieses Buch hat mir mitten in der Corona-Krise etwas ganz Besonderes geschenkt: nämlich eine Wanderung entlang des südenglischen Flüsschens Ouse - des Flusses, den sich Virginia Woolf selbst zum Totenbett ...

Dieses Buch hat mir mitten in der Corona-Krise etwas ganz Besonderes geschenkt: nämlich eine Wanderung entlang des südenglischen Flüsschens Ouse - des Flusses, den sich Virginia Woolf selbst zum Totenbett erwählte.

Mein Gepäck? Ein wacher Geist, die Bereitschaft, neue Wege zu gehen - und ein schneller Browser!

Denn Autorin Olivia Laing, Kultur- und Literaturwissenschaftlerin, hat mich nicht nur begeistert: nein - sie hat mich auch gefordert. Denn natürlich wusste ich, wie tragisch das Leben der großen Autorin Woolf endete - aber wo dies geschah, davon hatte ich bislang keine Ahnung. Und auch nicht von all dem, was den Fluss Ouse sonst noch so prägt.

Olivia Laing bricht in einer persönlichen Lebenskrise zu einer Wanderung entlang der Ouse auf - Ende Juni, genau zu Mittsommer, macht sie sich auf den Weg, der eine Woche dauern wird. Sie hastet nicht, sie nimmt uns Leser mit auf einen entspannten Weg voller kluger Gedanken.

Ich betone: ihr Weg ist entspannt, ihre Gedanken sind von einem solchen Reichtum von Wissen und Kreativität geprägt, dass ich längst nicht mithalten kann, doch durch ihren leisen, persönlichen, offenen und eindringlichen Stil erreicht sie, dass ich mich an keiner Stelle erschlagen fühle.

Im Gegenteil, ich empfinde während der Lektüre das Buch wie für mich gemacht; ihre bildhafte Art des Erzählens bringt mich selber an die Ouse, lässt mich schnuppern, lauschen, sehen, fühlen. Ja, es ist eine sehr lebendige Reise, die mir hier mitten im Lockdown auf dem heimischen Sofa geschenkt wird.

In der Tat ist es Virginia Woolf zusammen mit ihrem Ehemann Leonard Woolf, die uns hier den ganzen Weg entlang des Flusses begleiten: sie haben lange Jahre hier gelebt, in einem Cottage, das leider der späten Industrialisierung, wenn man es so nennen will, zum Opfer fiel und daher nicht mehr besichtigt werden kann. Doch Olivia Laing lässt die beiden wieder und wieder lebendig werden in ihren Gedanken - schon der Quell des Flusses weist eine Vebindung zum Beginn der ungewöhnlichen und absolut unkonventionellen Ehe der Woolfes auf.

Und es sind andere Paare der Literaturgeschichte, die Erwähnung finden: auch Iris Murdoch und John Bayley haben ihre Spuren hier an der so zauberhaften, gleichwohl stellenweise überaus alltäglichen und damit wenig eindrucksvollen Ouse hinterlassen. Olivia Laing schenkt ihren Lesern ganz besondere Erlebnisse bzw. Ergebnisse ihrer Wanderung entlang der Ouse - Geschichten, Gedanken und Empfindungen, auf die man selbst - ich zumindest - im Leben nicht kommen würde.

Die Ouse hat so einiges verschlungen im Laufe der Jahrhunderte - abgesehen von Virginia Woolf, ihrem berühmtesten Opfer, unter anderem Tausende von Soldaten in der Schlacht von Lewes 1264, denen vor allem der morastige Grund des Flusses zum Verhängnis wurde.

Trotz bzw. vielleicht auch gerade wegen solcher Greuelgeschichten - es sind nur wenige - ist es eine wahre Wonne, die Autorin auf ihrem Weg zu begleiten. Ihre klugen, scharfsinnigen, dabei überaus unterhaltsamen Überlegungen sind ein Genuss und rücken die Landschaft und ihre Verwurzelung in Geschichte und Kultur derart bildhaft vor mein inneres Auge, dass ich tatsächlich das Gefühl habe, vor Ort zu sein, die reichhaltige Vegetation eines englischen Mittsommers sehen und riechen zu können. Eine ausgesprochen intensiver literarischer Ausflug, von dem ich noch lange zehren werde!

Veröffentlicht am 18.04.2021

Eine neue Welt für Ware

Hier im echten Leben
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Aber zunächst ist Ware stinksauer, soweit dem sensiblen Jungen das überhaupt möglich ist: dass seine Ferien bei der Großmutter abrupt enden, weil sie sich bei einem Sturz verletzt, das kann er sehr gut ...

Aber zunächst ist Ware stinksauer, soweit dem sensiblen Jungen das überhaupt möglich ist: dass seine Ferien bei der Großmutter abrupt enden, weil sie sich bei einem Sturz verletzt, das kann er sehr gut nachvollziehen, aber dass er ins verhasste Feriencamp seiner Heimatstadt abgeschoben wird, weil seine Eltern keine Zeit für ihn haben - das findet er alles andere als toll.

Wobei ich ihn gut verstehen kann, in dem Camp passiert eigentlich überhaupt nichts spannendes - es wird marschiert und gelaufen, es finden sportliche Spiele statt - und viel mehr wird da nicht geboten. Das hätte mir auch nicht besser gefallen, als es bei Ware der Fall ist.

Aber dann entdeckt er etwas Spannendes: gleich neben dem Gelände, auf dem das Camp stattfindet, liegt eine Kirchenruine. Und da drin werkelt ein Mädchen, Jolene - was sie Ware aber erst nach einiger Zeit verrät. Denn Ware wechselt vom Camp in die Kirche. Jolene schafft dort einen ganz besonderen Garten und macht zunächst keinen Hehl daraus, dass sie das allein machen möchte. Doch Ware bleibt hartnäckig und lässt sich nicht vertreiben - langsam nähern sie sich einander an und irgendwann sind sie ein Team. Zu dem gelegentlich auch das Mädchen Ashley stößt, das leider Schlimmes zu berichten weiß - die Kirche soll vollkommen abgerissen, das Grundstück für andere Zwecke genutzt werden.

Ware und Jolene versuchen alles, um das Grundstück zu retten - wird es ihnen gelingen?

Ein Buch, das zeigt, dass etwas Schönes entstehen kann, auch wenn nicht alles so klappt, wie man es sich erhofft. Und natürlich, dass man im Team stärker ist als allein.

Und Ware erfährt auch, dass er auf seine Lieben bauen kann, wenn es wirklich mal brennt.

Ein Buch zu einem interessanten Thema, das sich leider über lange Strecken ziemlich langwierig und leider auch langweilig entwickelt, allerdings wird der Leser, der am Ball bleibt, durch die Ereignisse am Ende reich belohnt. Aber ich bin mir nicht sicher, ob das ein jeder schafft!

Veröffentlicht am 18.04.2021

Ein märchenhaft langer Schlaf

Der ehemalige Sohn
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fast wie bei Dornröschen, wird dem Musikschüler Franzisk, genannt Zisk zuteil. Allerdings liegt er nach einem dramatischen Unfall im Koma und niemand außer seiner Großmutter kümmert sich um ihn. Im Gegenteil: ...

fast wie bei Dornröschen, wird dem Musikschüler Franzisk, genannt Zisk zuteil. Allerdings liegt er nach einem dramatischen Unfall im Koma und niemand außer seiner Großmutter kümmert sich um ihn. Im Gegenteil: diese muss ordentlich aufpassen, dass man ihn nicht für Organentnahmen missbraucht oder ihn gar einfach abmurkst, weil mit dem ja eh nichts mehr los ist.

Pustekuchen! Zisk wacht nach rund zehn Jahren auf und findet sich in einer anderen Welt wieder. Zumindest, was sein privates Umfeld angeht: seine Mutter hat inzwischen den Oberarzt der Klinik geheiratet und hat einen neuen Sohn. Zisk wird zum ehemaligen Sohn degradiert und muss sehen, wo er bleibt.

Sonst hat sich nicht viel geändert in Belarus. Es gibt immer noch nicht viel Hoffnung auf ein normales Leben.

Auch wenn Autor Sascha Filipenko einiges im Unklaren lässt - so fällt bspw. der Name Lukaschenko kein einziges Mal - weiß man als Leser genau, was er meint. Auch wenn durchgehend Ironie im Spiel ist: Die ganze Geschichte ist eher zum Weinen als zum Lachen. Nach diesem beeindruckenden Roman, der zwar stellenweise Längen aufweist, mich als Leserin dennoch bis ins Mark getroffen hat, wünscht man sich, dass Zisk die Möglichkeit erhält, seinen Weg zu gehen. Wie und wo auch immer.

Veröffentlicht am 18.04.2021

Bleiben oder gehen?

Das Haus des Leuchtturmwärters
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Was bis vor kurzem noch eher Überzeugungssache war, ist 1962, im Jahr nach dem Mauerbau, zu einem gefährlichen Risiko geworden - die Flucht aus der DDR.

Die Freundinnen Else, Tochter des Leuchtturmwärters, ...

Was bis vor kurzem noch eher Überzeugungssache war, ist 1962, im Jahr nach dem Mauerbau, zu einem gefährlichen Risiko geworden - die Flucht aus der DDR.

Die Freundinnen Else, Tochter des Leuchtturmwärters, und Lulu leben in einem kleinen Ort westlich von Rostock direkt an der Ostsee, 40 km entfernt von Dänemark. Sie sind schon lange nicht mehr glücklich in der Welt, in der sie leben. Sollen sie? Sollen sie nicht? Es kommt ein Dritter dazu, nämlich Otto, Lulus Freund und es wird ein Plan geschmiedet...

Autorin Kathleen Freitag beschreibt mitreißend sowohl Lebensumstände als auch die Gefühlslage der Protagonist*innen, die Zweifel, Ängste, aber auch den Hader mit dem Regime.

Nicht ganz so gut hat mir gefallen, dass es eine zweite zeitliche Ebene im Jahr 1992 gibt, in der die Autorin Franzi, Mitte 30 , zum Schreiben an den Ort ihrer Kindheit, nämlich eben jenen Leuchtturm, in dem auch Else aufwuchs, zurückkehrt und dort spannende Unterlagen findet. Von Else und ihrem Vater....

Wie das alles zusammenkam, das stimmte nicht immer mit meinem Verständnis der Logik überein. Dennoch habe ich das Buch gerne gelesen und empfehle es weiter an jeden, der sich für Deutschlands jüngste Vergangenheit interessiert.

Veröffentlicht am 15.04.2021

Uhren, Essstäbchen und ein wacher Geist im Alter!

Null-Null-Siebzig, Mord in Hangzhou
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das sind diesmal die Werkzeuge des charmanten James Gerald, der hier mal wieder beweist, wie gut er noch überall mitmischen kann. Diesmal verschlägt es ihn auf die Bretter, die die Welt bedeuten: Lebensgefährtin ...

das sind diesmal die Werkzeuge des charmanten James Gerald, der hier mal wieder beweist, wie gut er noch überall mitmischen kann. Diesmal verschlägt es ihn auf die Bretter, die die Welt bedeuten: Lebensgefährtin Sheila will (ich habe dieses Wort mit Bedacht gewählt) bei einem lokalen Theaterprojekt mitmachen und zwar definitiv nicht alleine - James muss mit dabei sein!

Doch leider werden diese Aktivitäten überschattet - zunächst durch Sheilas Jugendfreund Bruce Rigsby, der zu einem ausgesprochen ausgedehnten, ja nicht enden wollenden Besuch vorbeischaut und sowohl Sheilas Gästezimmer, als auch Kühlschrank und Bar mehr als ausgiebig nutzt. Doch James dreht den Spieß einfach um und betätigt sich selbst als Gastgeber - bei einer von Sheilas Freundinnen. Und dann gibt es noch einen schockierenden und ausgesprochen betrüblichen Fund auf dem Friedhof!

Kaum zu glauben, dass dieser Krimi von einer Deutschen geschrieben wurde, von Marlies Ferber, ihres Zeichens England-Kennerin, was man hier auf Schritt und Tritt spürt. Zudem ist der Stil sehr angenehm, locker und flüssig und eben sehr, sehr englisch und auch den "british sense of humour" - wo sie den wohl aufgeschnappt haben mag - beherrscht die Autorin bis zur Vollendung. Ich jedenfalls bin durch diese Lektüre zum bedingungslosen 0070-Fan geworden, gerade auch, weil die Charaktere ausgesprochen durchwachsen gezeichnet werden. Gut, James ist natürlich ein Schatz, aber schon bei Sheila fragt man sich von Zeit zu Zeit, wie James denn auf DIE gekommen ist? Nun, wie bei allen ferbeschen Figuren: man sollte sie einfach nicht unterschätzen: Was meinen Sie, was alles dahintersteckt. Die gesamte Theatergruppe, die Hausgäste des rüstigen Paares - und Sheilas nicht minder rüstige, über 90jährige Mutter Phyllis sind dermaßen authentisch und gleichzeitig vielschichtig aufgestellt, dass man sich wundert, wie die Autorin das auf wenig mehr als 300 Seiten hinbekommen konnte.

Gespickt mit Raffinesse und köstlichen Ideen durch und durch, liest sich dieses Buch leider viel zu schnell - auch wenn das Ende mehr als gelungen und sehr, sehr überraschend ist, würde man doch zu gerne noch weiterlesen. Gut, dass die Serie inzwischen aus drei Bänden besteht und die Autorin bereits fleißig am vierten arbeitet - da geht dieser wunderbare Lesestoff nicht ganz so schnell aus!

Sie mögen Krimis mit Witz, Stil, Geist und vor allem: mit wenig Blut und Brutalität? Sie lieben skurrile Charaktere und möchten quasi nebenher während Ihrer Krimi-Lektüre auf mehr als unterhaltsame Art das ein oder andere Lehrreiche erfahren? Sie lieben Männer mit Stil, Charme und Erfahrung? Nun, dann kommen Sie an der Serie von Marlies Ferber um den Agenten 0070 nicht vorbei, denn all dieses (und ich darf Ihnen versprechen: noch viel, viel mehr) präsentiert sich Ihnen hier aufs Trefflichste! Genau mein Ding, diese Serie und wenn Sie meine obigen Fragen alle mit "Ja" beantwortet haben, dann kann ich Ihnen versprechen, dass es auch das Ihrige ist!