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Veröffentlicht am 10.06.2017

Moa Gravens neuer Coup

FREMDER
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Moa Graven hat wieder zugeschlagen! Zur Freude ihrer zahlreichen Anhänger!
Mit "Fremder" haben wir es mit dem siebten Fall des Profilers Jan Krömer und seiner Kollegin und Untermieterin Lisa Berthold aus ...

Moa Graven hat wieder zugeschlagen! Zur Freude ihrer zahlreichen Anhänger!
Mit "Fremder" haben wir es mit dem siebten Fall des Profilers Jan Krömer und seiner Kollegin und Untermieterin Lisa Berthold aus Aurich zu tun.
Diesmal sehen sich die beiden mit einem offensichtlich psychisch stark gestörten Serienmörder konfrontiert, der scheinbar wahllos Menschen in seine Gewalt bringt, grausam tötet und dann zerstückelt.
Jan und Lisa haben, nachdem ein Sack mit Leichenteilen, die zu mehreren unterschiedlichen Menschen gehören, gefunden wurde, die schier unlösbare Aufgabe, dem Mörder auf die Schliche zu kommen, ihm das schmutzige und perfide Handwerk zu legen und ihn ein für allemal aus dem Verkehr zu ziehen.
Jans Erfahrung als Profiler sowie das sprichwörtliche Quentchen Glück hilft ihnen dabei...

Moa Graven ist in gewohnt guter Form und hat einen neuen Mordfall ausgetüftelt, bei dem sich dem Leser die Haare sträuben, den er aber atemlos bis zum Ende verfolgen wird und der ihn auch danach nur schwer loslässt.
Man mag sich gar nicht vorstellen, dass es Leute mit so kranken Hirnen gibt wie Moas Mörder generell und derjenige im vorliegenden Kriminalroman im Besonderen!

Doch darüber hinaus bietet die Geschichte noch viel mehr, denn die Autorin lässt auch diesmal wieder in menschliche Seelen und deren Abgründe blicken, entlarvt Vorurteile und legt den Finger in so manche Wunde.
Der Roman hat nicht umsonst den Titel "Fremder"! Denn mit dem Fremden haben wir es in der gesamten Geschichte zu tun, der Reaktion der Leute auf das Fremde, ob in ihnen, in uns selbst oder ob es uns leibhaftig gegenübersteht in der Person eines freundlichen jungen Angolaners, der zum Austausch in ein fremdes Land gekommen ist und den dieses weder mit offenen Armen noch Liebenswürdigkeit willkommen heißt.
Nicht nur Jan und Lisa müssen das mit Entsetzen feststellen sondern auch wir Leser. Und der eine oder andere mag zum Nachdenken gebracht werden und seine eigene Einstellung hinterfragen...

Die Ostfriesin Moa Graven hat eine von Anfang bis Ende spannende Handlung entwickelt. Sie tut dies in gewohnter Manier: in ihren Romanen ereignet sich viel, und noch viel mehr geschieht unter der Oberfläche, wird angedeutet, muss erahnt und erspürt werden.
Ja, bei Moa muss man tatsächlich zwischen den Zeilen lesen!
Sie gibt uns Lesern Informationen und erzeugt so Bilder in unsren Köpfen - auch ohne viele Worte!

Dazu passt ihre Art zu schreiben, die ich einmal mehr als friesisch-herb bezeichnen möchte und die klar und eindringlich ist, ohne Schnörkeleien, und immer direkt auf den Punkt kommt.
Ihre Ermittler gehen anders vor als die Detektive, die man aus dem Fernsehen oder aus den herkömmlichen Kriminalromanen kennt.
Nachdenklich, zweifelnd, ohne Getöse tasten sie sich an ihre jeweiligen Fälle heran, vor denen ihnen oft selber graust.

Jan Krömer ist gewiss der stillste ihrer Protagonisten, ein Held, der keiner ist, ein kluger Mann, der sich ständig selbst in Frage stellt.
Mit Lisa Berthold wurde ihm eine perfekte Partnerin zur Seite gestellt - und nicht wenige Leser mögen sich wünschen, die Beiden kämen auch außerhalb ihrer Polizeiarbeit zusammen...
Aber das kann ja noch kommen, denn ein achter Band ist bereits am Horizont zu erkennen!
Moa Gravens Leserkreis wird es freuen!

Veröffentlicht am 29.05.2017

Sizilianische Familienbande

Piniensommer
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Es geht weiter mit der Erzählung des Lebenswegs der jungen Sizilianerin Stella und ihrer eigenwilligen Familie!
Diesmal erstreckt sich die Handlung über die Zeit zwischen 1965 und 1975.
Stella und Nico, ...

Es geht weiter mit der Erzählung des Lebenswegs der jungen Sizilianerin Stella und ihrer eigenwilligen Familie!
Diesmal erstreckt sich die Handlung über die Zeit zwischen 1965 und 1975.
Stella und Nico, beide 19 Jahre alt zu Beginn des Romans und glücklich verlobt, müssen auf Wunsch von Nicos Mutter Flora, die der künftigen Schwiegertochter nicht eben freundlich gesonnen ist, noch einige Jahre warten, bis sie endlich heiraten können. Lang ist ihnen diese Zeit, denn sie lieben einander aus ganzem Herzen.
Zuerst einmal aber erwerben sie ihren Schulabschluss, die Maturita, um dann gemeinsam in Palermo Architektur zu studieren. Mit dem Lernen und Studieren tut sich der lebensfrohe Nicola deutlich schwerer als seine Freundin, die ohnehin die Zielstrebigere von beiden ist; dazu ist sie noch belastet mit der Verantwortung für ihre komplizierte, chaotische, doch sehr liebenswerte Familie.
Nico ist mit anderen Dingen beschäftigt: er ist leidenschaftlicher Apnoe-Taucher und hat sich zudem zum Ziel gesetzt, seinen Beitrag zu leisten zur Bekämpfung von Korruption und Vetternwirtschaft, die Siziliens politische und gesellschaftliche Strukturen durchziehen. Sowohl mit der einen als auch mit der anderen Aktivität begibt er sich auf gefährliches Terrain....

Da sich der Klappentext des Buches mit dem schönen Einband auf nur diese Informationen beschränkt, möchte ich das hier auch tun, um nicht zuviel zu verraten über den Roman, den ich mit Spannung, Neugierde und viel Anteilnahme gelesen habe.
Es gelingt der Autorin, die ganz offensichtlich vertraut ist mit der Materie, derer sie sich annimmt, den Leser mitzunehmen in den Alltag einer sizilianischen Familie, die mit allerlei Schwierigkeiten zu kämpfen hat und die doch jederzeit zueinandersteht! Dies tut sie auf bildhafte Weise, die in mir italienische Filme der 60er Jahre hochkommen lassen...
Ihre Protagonisten, schrullig, abergläubisch, gefangen in ihren Konventionen, aber durchaus bereit, sie abzuschütteln, wenn es notwendig wird, sind so menschlich und liebenswert geschildert, dass es dem Leser keine Mühe macht, sie alsbald ins Herz zu schließen, Anteil an ihren Schicksalen zu nehmen, sich mit ihnen zu freuen und mit ihnen zu leiden.

Ebenso gibt uns die Autorin einen Einblick in die ländliche sizilianische Gesellschaft von vor etwa fünfzig Jahren, deren Strukturen teilweise noch sehr stark den Sitten und Gebräuchen einer viel weiter zurückliegenden Epoche verhaftet sind, die aber gleichzeitig voller Widersprüche ist: Modernes und Archaisches liegen eng beieinander - und harmonieren auf eine seltsame Weise sogar!
Viele Bewohner des kleinen südsizilianischen Ortes am Meer, in dem die Geschichte zum Großteil angesiedelt ist, verfügen über das "zweite Gesicht", - und gehen damit um, als wäre das das Normalste der Welt...
Und auch für den Leser scheint es alsbald selbstverständlich zu sein, dass die Toten zu den Protagonisten sprechen oder sie des Nachts in ihren Träumen besuchen, um ihnen Zeichen zu geben oder den rechten Weg zu weisen.
Dem gegenüber steht der harte sizilianische Alltag, der dauerhafte Kampf gegen die Autoritäten und deren Willkür, denen man, wenn überhaupt, nur mit List und Tücke begegnen kann. Auch dem immerwährenden Geldmangel begegnet man eher stoisch und ganz und gar unaufgeregt. Irgendwie wird's schon weitergehen, vermeint man die Protagonisten sagen zu hören...

Stefanie Gerstenberger gelingt es sehr gut, diese so unterschiedlichen Elemente miteinander zu einer homogenen, glaubhaften Handlung zu verknüpfen.
Von gelegentlichen Längen abgesehen, ist ihr ein empfehlenswerter, gefühlvoller und anrührender Roman gelungen, denen ich all denen weiterempfehlen kann, die romantische, dramatische und doch realistische Familiengeschichten mögen, gleichgültig, ob sie eine Affinität zu Italien respektive Sizilien verspüren oder nicht.

Doch es soll erwähnt werden, dass "Piniensommer" einen Vorgängerband hat, "Das Sternenboot" nämlich!
Ich kannte diesen ersten Teil nicht und hatte so beim Lesen immer wieder das Gefühl, dass mir Entscheidendes fehlt, dass ich mitten in eine Geschichte einsteige, die schon lange davor begonnen hat. Ich kam mir oft vor wie eine Mutter, die die wichtigsten Entwicklungsjahre ihres Kindes verpasst hat und jetzt versucht, sich diese irgendwie zusammenzureimen. Immer aber spürt sie, dass sie es bis in alle Tiefen niemals verstehen wird.
Und so lautet meine Empfehlung an alle potentiellen Leser, zum besseren Verständnis unbedingt den ersten vor dem zweiten Band zu lesen!

Veröffentlicht am 26.05.2017

Die starken Frauen der Hirschvogls

Das Haus der schönen Dinge
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Der Roman beginnt im Jahr 1897 mit der Eröffnung des fiktiven Kaufhauses Hirschvogl im Herzen von München und führt den Leser bis in die Nachkriegszeit ins Jahr 1952.
Er erzählt die wechselvolle Geschichte ...

Der Roman beginnt im Jahr 1897 mit der Eröffnung des fiktiven Kaufhauses Hirschvogl im Herzen von München und führt den Leser bis in die Nachkriegszeit ins Jahr 1952.
Er erzählt die wechselvolle Geschichte dreier Generationen der jüdischen Familie Hirschvogl vor dem historischen Hintergrund des Ersten Weltkriegs, der Weimarer Republik bis hinein in die Zeit nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten und dem unaufhaltsamen Weg in den Zweiten Weltkrieg.
Drei Frauen vor allem sind es, die die Geschicke des Kaufhauses über die Jahre lenken: Thea, ihre Tochter Lily und ihre Enkelin Edna. Drei starke Frauen, die mit Phantasie, Tatkraft und einer gehörigen Portion Geschäftssinn das Hirschvogl zum ersten Haus am Platz machen und es auch über schwere Zeiten hinweg erhalten - bis es schließlich, wie alle jüdischen Geschäfte, ein Opfer der bösen braunen Zeit wird...

Mit fundiertem Hintergrundwissen ausgestattet beschreibt Heidi Rehn die Welt der Kaufhäuser, der Häuser "der schönen Dinge" und ihrer Anfänge. Fasziniert lässt sich der Leser durch die Konsumtempel von einst führen, die exzellente Warensortimente von hoher Qualität zum Kauf anboten oder auch nur zum Schauen einluden.
Die Autorin schildert dies so anschaulich und verführerisch, dass bei so manchem Leser der Wunsch geweckt werden mag, eine Zeitreise in die so liebevoll eingerichteten Märkte von damals zu unternehmen, für die das Hirschvogl stellvertretend ist und die so gar nichts mit den Kaufhäusern heutzutage gemein haben, um sich staunend dem Sinnesgenuss hinzugeben.

Aber es ist nicht nur die schillernde Welt der Warenhäuser, die den Roman so reizvoll macht, - es sind vor allem auch die Charaktere, die Heidi Rehn zeichnet und an deren Schicksal ich bis zur letzten Seite lebhaft Anteil genommen habe, die mich bewegten, anrührten, beschäftigten, ob ich sie und ihre so unterschiedlichen Handlungsweisen nun mochte oder nicht. Und da die Sprache der Autorin so prägnant ist, bedarf es nicht vieler Worte, um sich ihre Figuren auf das Lebhafteste vorstellen zu können!

Von Tragödien bleiben weder die Hirschvogls noch deren treue oder weniger treue Freunde verschont - wie denn auch, in einer Zeit, als den Deutschen jüdischen Glaubens das Leben zunehmend erschwert wurde, sie nicht nur den Schikanen eines unmenschlichen Systems sondern auch unzähliger ihrer Mitbürger ausgesetzt waren.
Als Leser kann ich hier nicht bloß Zuschauer sein! Man ist, ob man das nun möchte oder nicht, unwillkürlich mittendrin, ist entsetzt, voll ohnmächtigem Zorn und voller Trauer.
Dies umso mehr, als man weiß, dass das, was den Hirschvogls zugestoßen ist, keine Fiktion ist, dass es tausendfach so oder so ähnlich geschehen ist.

Auch was die Vorgänge in Hitlerdeutschland anbelangt, erweist sich die Autorin als genaue Kennerin der Materie!
Als Schriftstellerin von hohem Niveau lässt sie sich zu keinem Zeitpunkt zu Sentimentalitäten hinreißen, ihre Sprache ist immer klar und sachlich, ihre Aussagen sind präzise. Und sicher übt ihr Roman gerade auch deshalb eine so nachdrückliche Wirkung auf mich als Leser aus.
Sie zerredet nichts. Vieles lässt sie ungesagt, lässt sie zwischen den Zeilen erahnen. Sie überlässt dem Leser so manche Schlussfolgerung, gibt ihm Raum zum Nach- und Weiterdenken, Raum auch für eigene Interpretationen.
Gerade das ist es, was für mich den Roman so besonders macht, denn es hebt ihn ab von der Flut der Bücher, die in der gleichen Epoche angesiedelt sind und die mit ausführlichsten Schilderungen der Dinge angefüllt sind, die keiner Erwähnung mehr bedürfen, weil hinlänglich bekannt ist, wie Nazideutschland mit der jüdischen Bevölkerung umsprang...

So gesehen ist "Das Haus der schönen Dinge" ein wenig spektakulärer, ein leiser Roman, der gerade deshalb so eindringlich ist, so berührend, dass man ihn nach dem Lesen nicht einfach beiseite legen und rasch vergessen kann.
Mir selbst wird er, bedrückend und verstörend, aber nachhaltig, im Gedächtnis bleiben!

Veröffentlicht am 21.05.2017

Unsterblicher Shakespeare

Hexensaat
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Das Hogarth Shakespeare Projekt wurde im Jahr 2016 anlässlich des 400sten Todestages des großen Dichters ins Leben gerufen und gibt namhaften Autoren die Möglichkeit, unterschiedliche Shakespeare-Stücke, ...


Das Hogarth Shakespeare Projekt wurde im Jahr 2016 anlässlich des 400sten Todestages des großen Dichters ins Leben gerufen und gibt namhaften Autoren die Möglichkeit, unterschiedliche Shakespeare-Stücke, die jeder frei wählen kann, neu zu interpretieren.

Die kanadische Autorin Margaret Atwood, der man schon lange den Literatur Nobelpreis wünscht, nimmt sich des Alterswerk des Barden "Der Sturm" an und bringt es dem Leser von heute auf ihre einzigartige, unnachahmliche Art nahe!

Wir begegnen Felix, einem ebenso leidenschaftlichen und begnadeten wie exzentrischen Theaterregisseur, der kurz vor der Aufführung des Stückes "Der Sturm" steht. Fulminant soll es werden, unvergesslich, etwas Nie-Dagewesenes, mit dem er seinen Ruhm festigen und in die Nachwelt eingehen möchte.
Doch es kommt nicht dazu! Felix fällt einer Intrige zum Opfer, verliert seinen Posten beim örtlichen Festival und geht, wie weiland Shakespeares Held Prospero, geschlagen und ohne Hoffnung in die Verbannung.
Alleine mit sich und seinen Geistern wartet er, - Tag für Tag, Jahr für Jahr. Worauf? Auf Vergeltung, auf Rache - auch hier bleibt Margaret Atwood auf Prosperos Spuren.
Gleichzeitig kämpft Felix darum, in der selbstgewählten Abgeschiedenheit nicht den Verstand zu verlieren; er folgt einem sich auferlegten strukturierten Tagesablauf und bleibt seinen Widersachern, die inzwischen dank des Verrats, den sie an ihm geübt hatten, Karriere gemacht haben, mit Hilfe des Computers, den er sich zulegt, auf den Fersen.
Schließlich bekommt er die Möglichkeit, die Stelle des Lehrers im Rahmen des Programms Bildung-durch-Literatur an einer nahegelegenen Justizvollzugsanstalt anzutreten. Er tut in dieser Funktion das, was er am besten kann: er versucht, den Häftlingen Shakespeare nahezubringen und mit ihnen einige seiner Stücke einzuüben und schließlich aufzuführen. Sehr zur Begeisterung der "Schauspieler"!
Er bleibt in Übung, könnte man fast sagen.

Und tatsächlich, nach zwölf langen Jahren, ergibt sich dank seiner Arbeit im Gefängnis - auch hier an Shakespeares Prospero angelehnt - die langersehnte Gelegenheit, seinen Feinden gegenüberzutreten und endlich seine Rache zu nehmen.
Als Mittel zum Zweck dient ihm SEIN Stück, "Der Sturm", das er damals nicht zur Aufführung bringen durfte! Und er selbst ist Prospero, der große Zauberer, der Fadenzieher im Hintergrund! Er wird seinen großen Auftritt haben! Wird sein klug ausgeklügelter Plan gelingen?

Die Handlung, die Margaret Atwood konzipiert, um ihre eigene Auffassung des Shakespeare-Stückes dem Leser zu vermitteln, fesselt diesen von Beginn an!
Atwood erweist sich einmal mehr als die großartige Erzählerin und Meisterin der Sprache als die sie bekannt ist und zu Recht gepriesen wird.
Ihrem Einfallsreichtum und ihrer Fabulierkunst sind scheinbar keine Grenzen gesetzt.
Und obwohl sie ein mehr als 400 Jahre altes Stück in die heutige Zeit transferiert, nimmt sie ihm nichts von seinem Zauber, nichts von seiner Faszination und Spannung. Im Gegenteil, möchte man fast sagen!
Denn es gelingt ihr, den "Sturm" für den Leser von heute an Reiz gewinnen, ihn mit Staunen feststellen zu lassen, wie aktuell das Geschehen um Prospero in seinem Exil auf der Insel, in dem vielfach das griechische Korfu vermutet wird, doch immer noch ist!

Grandios, wie die Kanadierin uns Shakespeare durch ihren Regisseur Felix und seine Schauspieltruppe in der Haftanstalt erklärt! Er gibt ihnen, im Hintergrund lenkend, die Möglichkeit, das Stück auf ihre eigene, erfrischende und immer originelle Art zu verstehen und auf der "Bühne" umzusetzen, wobei sie alle ihnen zur Verfügung stehenden Mittel und Ausdrucksformen nutzen, Talente entfalten und so an Selbstvertrauen gewinnen können.
Ein genialer Pädagoge und genauer Kenner der menschlichen Natur ist Felix fürwahr!

Selbst standhaft traditionelle Shakespeareanhänger und Kenner mögen das eine oder andere Mal verblüfft sein über die profunden, komplexen Gedanken, die sich die Schauspieler auf ihre unkonventionelle, ab und an sogar etwas naive Herangehensweise über das Stück an sich und seine Charaktere machen!
Für diejenigen unter den Lesern, die mit Shakespeare gar nicht oder kaum vertraut sind, mag "Hexensaat" ein Interesse an dem Barden aus Stratford-upon-Avon und seinen zeitlosen Stücken voller Tiefe und Weisheit wecken, das sie ihre Scheu vor dem großen Dramatiker verlieren lässt und ihnen vielleicht sogar Lust darauf macht, das eine oder andere Stück auf ihre Leseliste zu setzen.

Ich selbst habe den "Sturm" vor dem Beginn der Lektüre des vorliegenden Romans wieder-gelesen. Eine gute Entscheidung, wie ich schon bald feststellte, denn ich bin mir sicher, dass Margaret Atwoods "Hexensaat", eine Adaption eben dieses Stückes, um einiges besser verstanden und gewürdigt werden kann, wenn man das Original vor seinem geistigen Auge hat.
Man findet die wichtigsten Personen um Prospero im Roman wieder, ja, man erkennt sie nicht nur, sondern sieht sie gleichzeitig aus einem neuen, ungewohnten, höchst originellen Blickwinkel, was das Lesevergnügen steigert.
Als lebenslange Anhängerin des Barden empfand ich dennoch, oder gerade deswegen, die Lektüre von "Hexensaat" als enorme Bereicherung - und mehr als einmal wünschte ich mir dabei, dass Margaret Atwood sich weiterer Shakespeare-Stücke annehmen möge, um sie für den Leser des 21. Jahrhundert ebenso gekonnt aufzubereiten wie sie es mit dem "Sturm" bravourös unter Beweis gestellt hat!



Veröffentlicht am 20.05.2017

Ferien für die Kommissarinnen

Stille Angst
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Wie sieht das wohl aus, wenn drei ostfriesische Ermittlerinnen, die sich kaum kennen, miteinander einen kurzen Urlaub verbringen?
Können Sie abschalten, kommen sie überhaupt miteinander zurecht?

Das waren ...

Wie sieht das wohl aus, wenn drei ostfriesische Ermittlerinnen, die sich kaum kennen, miteinander einen kurzen Urlaub verbringen?
Können Sie abschalten, kommen sie überhaupt miteinander zurecht?

Das waren die Fragen, die ich mir zu Beginn des Romans stellte, der im Gegensatz zu Moa Gravens sonstigen Krimis ein "Crossover" ist!
Alle ihre Polizistinnen auf einen Streich!
Und es dauert auch gar nicht lange, da schließen sich ihnen ihre jeweiligen Partner an, - denn am Strand von Borkum, ihrem Feriendomizil, wird ein Toter gefunden, der, so stellt sich bald heraus, nicht auf natürliche Weise aus dem Leben geschieden ist. Und der noch dazu in einer zunächst rätselhaften Verbindung steht zu jeder einzelnen der drei Frauen, die allesamt Geheimnisse hüten, die zuvor im Laufe eines feucht-fröhlichen Abends ans Licht gekommen sind...

Und binnen kurzem sind sie also alle auf Borkum versammelt:
Eva und Freund Jürgen aus Langeoog, Lisa und Profiler Jan aus Aurich und Katrin und ihr bärbeißiger Kollege Jochen aus Leer! Und mischen sich in die Ermittlungen ein, sehr zum Missfallen des nicht eben einnehmenden Inselpolizisten Johann, in dessen ureigenen Zuständigkeitsbereich der Todesfall gehört.
Doch mit vereinten Kräften gelingt es allen Beteiligten, die Hintergründe des Verbrechens und gleichzeitig der "stillen Ängste" der drei Kommissarinnen aufzudecken.
Wobei sich, wie man das von der Autorin gewohnt ist, menschliche Abgründe auftun, die den Leser verstört zurücklassen!

Ja, dieser Krimi ist schon ein wenig anders als die bisherigen Romane der Moa Graven - und vielleicht gerade deshalb so reizvoll!
Kennt man ihre Ermittlerduos, so liest man gespannt und interessiert über ihr Zusammentreffen, ihre Interaktionen, fragt sich, wie die so unterschiedlichen Charaktere mit ihren jeweils unterschiedlichen Ermittlungsmethoden aufeinander reagieren und ob sie überhaupt zu einer echten Zusammenarbeit fähig sind.
Und die Art, wie Moa Graven sie sich einander annähern lässt, ist, trotz des ernsten Themas, sehr humorvoll geschildert!
Denn auch das Lese-Vergnügen kommt bei ihr nie zu kurz.
Mühelos gelingt es, die Figuren nicht nur zu verstehen sondern auch zu mögen. Sie sind realistisch geschildert und Menschen, wie man sie aus dem eigenen Umfeld kennt. Sie haben ihre Zweifel, ihre Unsicherheiten, ihre Schwächen und Stärken. Man kann sich mit ihnen identifizieren!
Ein weiteres Plus ist Moa Gravens eingängige Sprache: klar, kurz und knapp, niemals ausschweifend, niemals blumig oder sentimental, immer auf den Punkt gebracht.
Die Sprache passt zu den Charakteren - und vielleicht auch zu Ostfriesland, Moas Heimat.
Es gibt kein Rätselraten aufgrund von zu komplizierten, unverständlichen Formulierungen, - bei der Autorin weiß man stets, woran man ist.
Darüberhinaus haben ihre Krimis immer auch eine sehr überschaubare Länge - und dennoch hat man als Leser niemals das Gefühl, dass etwas wirklich unerwähnt geblieben wäre, was man sich nicht selbst ohne Schwierigkeiten vorstellen könnte.
Fazit: ein weiterer spannender und gleichzeitig sehr unterhaltsamer Kriminalroman aus Moa Gravens Feder, der nicht nur ihre Fangemeinde sondern auch diejenigen, die der Autorin hier zum ersten Mal begegnen, auf viele, viele Nachfolgebände mit den sympathischen Ermittlern hoffen lässt!