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Ute54

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 06.06.2021

Erfolgreiche neue Kriminalistik

Das Buch des Totengräbers
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Gleich nach der Lektüre von “Das Buch des Totengräbers” habe ich beschlossen, dass meine nächste Urlaubsreise mich unbedingt nach Wien führen muss, denn der Roman liefert ein sehr anschauliches Bild von ...

Gleich nach der Lektüre von “Das Buch des Totengräbers” habe ich beschlossen, dass meine nächste Urlaubsreise mich unbedingt nach Wien führen muss, denn der Roman liefert ein sehr anschauliches Bild von dieser von Kultur geprägten Stadt mit dem herausragend schönen Friedhof mit vielen Prominentengräbern.
Bisher kannte ich nur 2 Historienromane von Pötzsch, aber nach der Lektüre dieses Werkes bin ich hellauf begeistert von diesem Kriminalroman, der eine neue Reihe um den Inspektor Leopold von Herzfeldt und den Wiener Totengräber Augustin Rothmayer einleitet. Von Herzfeldt wird von Graz ins kriminaltechnisch sehr rückständige Wien versetzt, um dort neu aufkommende Ermittlungsmethoden wie Spurensicherung und Fotografie einzuführen, aber das führt zu Konflikten mit seinen erzkonservativen Kollegen. Er wird sogar als “Jude” beschimpft.
August Rothmayer, der sehr intelligente aber schrullige Totengräber des Wiener Zentralfriedhofes schreibt einen Almanach für Totengräber und interessiert sich für Von Herzfeldts neue Methoden. Somit werden sie ein Ermittlungsteam. Aber auch die, für damalige Verhältnisse sehr emanzipierte, Telefonistin, Juli Wolf, interessiert sich für Von Herzfelds neue Ermittlungsansätze. Alle 3 sind hervorragend beschrieben.
Pötzsch liefert ein Zeitportrait des ausgehenden 19. Jahrhunderts und beschreibt gekonnt die damaligen Lebensumstände in Wien. Die 3 sind mit einer Ermordungsserie von Dienstmädchen konfrontiert, die alle gepfählt wurden. Das Buch liefert viele Hinweise auf den Serientäter, die Handlung ist spannend, interessant und gekonnt aufgebaut und die Buchthematik ist meisterhaft umgesetzt.
Der atmosphärische, metaphernreiche Schreibstil erzeugt ein Gänsehautgefühl, und man muss und will immer weiterlesen. Ich bin hellauf von diesem Kriminalroman begeistert und hoffe sehr auf weitere Fälle mit Leopold von Herzfeldt und seinen Mitstreitern.

Veröffentlicht am 19.05.2021

Im Angesicht der Mörder

Letzte Ehre
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Oberkommissarin Fariza Nasri ist spezialisiert auf psychologisches Feingefühl in ihren Befragungen. Dabei ist sie besonders höflich und entgegenkommend, sodaß sie den Kriminellen oft, auch ungeplant, Fakten ...

Oberkommissarin Fariza Nasri ist spezialisiert auf psychologisches Feingefühl in ihren Befragungen. Dabei ist sie besonders höflich und entgegenkommend, sodaß sie den Kriminellen oft, auch ungeplant, Fakten entlocken kann oder aus deren Verhalten Rückschlüsse ziehen kann. Sie ist für ihre Vernehmungsmethoden bekannt und kommt dadurch voran, wo andere scheitern beim Dezernat für Gewaltdelikte und ungeklärte Todesfälle.
In diesem Werk geht es um den Fall der verschwundenen Schülerin Finja. Nasri spricht mit dem Freund von Finjas Mutter, Herrn Barig. An Kleinigkeiten kann die Befragungsspezialistin festmachen, dass er lügt, und somit dringt sie in die ganze düstere Wahrheit ein, die an diesem Fall hängt.
der Roman ist in der “ Ich - Form”, aus der Perspektive von Fariza Nasri geschrieben. Immer mehr rückt die Polizistin mit ihren eigenen Problemen und einem schweren Schicksalsschlag in den Vordergrund, das ist derzeit up- to-date. Die einzelnen Charaktere werden gut beleuchtet und auch die Spannung bleibt bis zum Schluss erhalten.
Der wichtigste und spannendste Moment war für mich, als sie einen zunächst völlig unverdächtigen Mörder gegen Ende durch Empathie zu einem Geständnis bringen kann.
Der Stil enthält viele Metaphern und auch einige hypotaktische Bandwurmsätze. Generell besteht das Werk aber zum größten Teil aus kurzen Fragen und Antworten, was ich nicht besonders spannend fand. Aber davon lebt der Roman, denn es ist kein Action – Krimi. Allerdings waren wir einige Wörter und Wortschöpfungen unbekannt.
Besonders schlüpfrige, aufrüttelnde Fakten würden oft nur angetippt, nie direkt benannt. Deren Bedeutung wird oftmals erst in Folgekapiteln deutlich.
Anis Stil ist düster und verschwommen. Er liefert keine Lösungen und Antworten. Von daher wirkt das Ganze auf mich oft irrealistisch. Will er den Leser besonders schocken?
Das Ende hat mir gar nicht gefallen, Nasris Verhalten ist völlig dahergeholt und unlogisch. Oder soll das auch wieder eine Phobie der Protagonistin darstellen, einen Tagtraum der den seelischen Notzustand der Protagonistin reflektiert?

Veröffentlicht am 12.05.2021

Noëls Abenteuer

Internat der bösen Tiere
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Schon das Cover macht Lust zum Lesen, denn es evoziert Geheimnisse und Abenteuer. Die Schlange, Mrs Moa, schaut den Leser durch ein Loch an, und auch die Haptik des Hardcovereinbandes ist besonde, was ...

Schon das Cover macht Lust zum Lesen, denn es evoziert Geheimnisse und Abenteuer. Die Schlange, Mrs Moa, schaut den Leser durch ein Loch an, und auch die Haptik des Hardcovereinbandes ist besonde, was durch die kräftigen Farben noch unterstützt wird.
In “Internat der bösen Tiere” geht es um den Jungen, Noël, der dort lebt. Er hat seine Eltern nicht kennengelernt und ist nun auf der Suche nach Unterlagen von seiner Mutter, die ihm die Schuldirektorin, Mrs Moa, gibt, ihm jedoch gestohlen werden, bevor er sie lesen kann. Zu allem Übel verschwindet die Schlange auch, und Noël begibt sich in größte Gefahr auf seinen Abenteuern, um die Unterlagen zu finden.
Die Botschaft an die kindlichen Leser lautet: jedes Lebewesen hat ein Recht auf Leben. Jedes Tier hat besondere Fähigkeiten, die irgendwann nützlich sein können. Das Leitbild der Schule lautet: “Wir lernen zuerst die eigenen Stärken kennen und dann teilen wir sie miteinander” (S.64). Dabei wird deutlich, wie wichtig Freunde, Zusammenhalt und gegenseitige Unterstützung sind. Die unterschiedlichsten Tiere und Menschen leben in Harmonie miteinander. Die Kommunikation verläuft über Gedanken und es dürfen im Unterricht keine Notizen gemacht werden, denn nicht alle sprechen die gleiche Sprache oder können schreiben.
Die Autorin hat jedem Wesen einen detailliert beschriebenen, unverwechselbaren Charakter gegeben. Zum Beispiel sind hier die Haie die Guten.
Das Werk regt die Phantasie der jungen Leser an und lässt sie träumen, aber auch nachdenken und hinterfragen. Dieser pädagogische Wert ist mir sehr wichtig, denn Klischees werden präsentiert, dann aber wieder aufgehoben. Auch wir Erwachsenen können unsere vorgefasste Meinung immer wieder hinterfragen.
Der Schreibstil regt die Phantasie an, ist altersgerecht und gut verständlich. Die Abenteuer bleiben bis zum Schluss aufregend und spannend. Aber das Werk ist nichts für sehr ängstliche Kinder, Jungen wie Mädchen. Kinder unter 10 Jahren sollten nicht damit konfrontiert werden, denn die Botschaft könnte verloren gehen. Die 3 Teile und die recht kurzen Kapitel gliedern das in sich geschlossene Buch auf sinnvolle Weise. Es macht auf alle Fälle “Appetit auf mehr!” Und so ist die Leseprobe zu Band 4 hinten im Buch auch gedacht!
Insgesamt ein tolles Werk, das die Phantasie anregt und auch viele Lerneffekte enthält

Veröffentlicht am 01.05.2021

Erinnerungen an das Horrorhaus

GIRL A
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Alexandra Gracie hat es als 15-Jährige geschafft, sich von ihren Ketten zu befreien und aus dem Horrorhaus ihrer Eltern zu fliehen. Jetzt, nach 15 Jahren, sie ist inzwischen Anwältin, wird sie wieder qualvoll ...

Alexandra Gracie hat es als 15-Jährige geschafft, sich von ihren Ketten zu befreien und aus dem Horrorhaus ihrer Eltern zu fliehen. Jetzt, nach 15 Jahren, sie ist inzwischen Anwältin, wird sie wieder qualvoll mit ihren Erinnerungen konfrontiert, denn sie wurde nach dem Tod ihrer Mutter im Gefängnis als Testamentsvollstreckerin eingesetzt und muss deshalb jedes ihrer Geschwister kontaktieren, obwohl der Kontakt oft sehr lange unterbrochen war. Lex schwebt es vor, eine fröhliche Begegnungsstätte aus ihrem Elternhaus zu machen. Dafür benötigt sie Zuschüsse und das Einverständnis aller Geschwister.
In Vor- und Rückblenden, auch auf unterschiedlichen Vergangenheitsstufen, lässt Abigail Dean ihre Protagonistin von ihrem Leben berichten, das sehr plastisch für den Leser beschrieben wird. Sie schildert die grauenvollen Zustände im Horrorhaus, die durch die übersteigerte Religiosität der Eltern letztendlich in einen gestörten Wahn übergehen, die Entbehrungen, Misshandlungen, Grausamkeiten, den Dreck, den Hunger, die Schmerzen und die allgemeine Verwahrlosung. Der Vater wird immer mehr zu einem Monster und untersagt den Schulbesuch sowie den Kontakt zu anderen Menschen. Die Mutter ist ihm völlig hörig und unterwürfig. Auf sein Drängen muss sie 7 Kinder gebären.Nach der Befreiung durch Lex erhält jedes Kind einen Codenamen ( Lex ist Girl A) und wird von anderen Familien adoptiert.
Das Werk macht auch deutlich, wie die einzelnen Geschwister ihr Leben bisher bewältigt haben, mal mehr, mal weniger erfolgreich, jedoch wird auch offenbar, dass ein Überlebender zwar weiterleben kann, jedoch niemals in der Lage ist, die schrecklichen Kindheitserinnerungen abzulegen. Alle Charaktere sind vielschichtig beschrieben. Dabei werden die unterschiedlichen Beziehungen zueinander dargelegt. Besonders intensiv ist die Beziehung zwischen Lex und ihrer viel jüngeren Schwester, Evie, herausgearbeitet worden, denn Lex hat sie wie eine Mutter beschützt. Das Buch ist in 7 Kapitel eingeteilt. 6 Kapitel für jeweils ein Geschwisterkind, eines für alle. Dabei wird der Spannungsbogen bis zum Schluss aufrecht erhalten, denn mehere Geheimnise werden erst am Ende des Romans offengelegt. Auch werden oft nur Andeutungen bezüglich der Leidensgeschichte der einzelnen Kinder gemacht. Das regt die Phantasie des Lesers an, ebenso wie die bildhafte Sprache, die mit Metaphern durchsetzt ist. Es ist keine einfache lineare Erzählung, sondern man muss sich konzentrieren, da besonders gegen Ende, die einzelnen Erzählebenen schnell wechseln. Die religiösen Fakten wurden gut recherchiert und verständlich gemacht. Ob es sich wohl um einen rhetorischen Trick handelt, dass die Wortwahl und deren intendierte Bedeutung des Öfteren unklar bleibt, damit der Leser innehalten und nachdenken muss?
Ein In jeder Hinsicht spannendes und gelungenes Werk, das eine gewagte Problematik aufgreift, die danngenerell von der Presse ausgeschlachtet wird um die Sensationslust der Leser zu befiedigen.

Veröffentlicht am 21.04.2021

Recht versus Gerechtigkeit

Die Wahrheit der Dinge
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Der Autor, Markus Thiele, das Werkes “Die Wahrheit der Dinge” ist Rechtsanwalt und weiß daher, dass Eloquenz im Bereich Jura zur Überzeugung von höchster Wichtigkeit ist. Juristin werden oft als “Rechtsverdreher” ...

Der Autor, Markus Thiele, das Werkes “Die Wahrheit der Dinge” ist Rechtsanwalt und weiß daher, dass Eloquenz im Bereich Jura zur Überzeugung von höchster Wichtigkeit ist. Juristin werden oft als “Rechtsverdreher” bezeichnet, denn es gibt keine absolute Wahrheit und Fakten können individuell interpretiert werden.
Der Protagonist dieses Romans, Frank Petersen, ein Strafrichter aus Leidenschaft, ist jedoch davon überzeugt, immer absolut rechtskonform und unfehlbar geurteilt zu haben, denn er hat Fakten immer exakt recherchiert. Nachdem seine Entscheidungen bereits mehrfach vom Bundesgerichtshof revidiert worden sind, befindet er sich nun in einer Identitätskrise, denn auch seine Ehefrau und sein Sohn bezeichnen ihn als voreingenommen, selbstherrlich und von Vorurteilen geleitet und wenden sich von ihm ab, nachdem er wegen eines sehr umstrittenen Urteils heftig in die Kritik geraten ist. Petersen muss sich nun mit seinen Ansichten und Beweggründen auseinandersetzen und Selbstkritik üben, um seine Integrität als Richter, Ehemann und Vater zu retten, und er muss sich mit der Schicksalshaftigkeit seiner Urteile für alle Beteiligten bewusst werden.
Inspiriert von zwei wahren Rechtsfällen, dem Fall Marianne Bachmeier sowie dem Fall Amadeu Antonio Kiowa, versteht der Autor es sehr geschickt, Elemente davon in seinen Roman zu integrieren, so hat “ Corinna Maier” in Petersens Gerichtssaal den rechtsradikalen Mörder ihres Sohnes erschossen, bevor er sein Urteil verkünden konnte.
In diesem Werk werden Fremdenhass, Selbstjustiz und Rassismus thematisiert sowie die Folgen, die daraus entstehen. Diese gesellschaftlichen Themen sollten die Leser*innen berühren und zur Selbstreflexion anregen. Der Autor wechselt zwischen Vergangenheit und Gegenwart und verknüpft auf meisterliche Weise Realität und Fiktion. somit wurde das Werk für mich immer spannender. Dabei erzählt Thiele oft in kurzen prägnanten Sätzen, sehr klar und pointiert, oft aber auch höchst anspruchsvoll. Die Charaktere sind sehr gut herausgearbeitet. Generell erfordert die Lektüre Konzentration und wendet sich eher an den anspruchsvollen Leser. Der Roman hat mich stark berührt und Ich möchte ihn all denen ans Herz legen, die bereit sind, aus ihren eventuell eingefahrenen Denkweisen auszubrechen.