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Venatrix

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 30.10.2019

Ein Sammelsurium krauser Textaufgaben

"Legen 5 Soldaten in 2 Stunden 300 Quadratmeter Stolperdraht …"
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Dieses Buch richtet sich an Eltern, Kinder oder auch Lehrer, die beim Lesen von manchen aktuellen Textaufgaben an ihrem Verstand zweifeln. Liegt es wirklich daran, dass die Kids heute nicht mehr Sinn erfassend ...

Dieses Buch richtet sich an Eltern, Kinder oder auch Lehrer, die beim Lesen von manchen aktuellen Textaufgaben an ihrem Verstand zweifeln. Liegt es wirklich daran, dass die Kids heute nicht mehr Sinn erfassend lesen können? Oder sind die Aufgaben verhaltensoriginell erstellt? Früher, so hört man manchmal Eltern oder Großeltern sagen, hat man Textaufgaben verstanden und flott gelöst. Aber stimmt das wirklich?

Mathematik- und Geschichtelehrer Bernhard Neff hat skurrile Textaufgaben von 1890 bis zur Gegenwart zusammengetragen und in dieses Buch gepackt.

Manche Beispiele sind so kurios, dass man sich ernsthaft fragen muss, was sich der Ersteller dabei gedacht hat.

Schon beim Titel habe ich mich gefragt, wieso wird Stolperdraht in Quadratmetern gemessen? Ich selbst habe das Bild von großen Kabelrollen im Kopf, die Meter für Meter abgerollt werden. Sollte aber der Stolperdraht im Raster (also hoch und quer) verlegt werden, so stolpern die verlegenden Soldaten selbst. Ob das gewollt ist? Zu meiner Entschuldigung muss ich sagen, dass ich als Frau nicht im Bundesheer „gedient“ habe und hier nicht mitreden darf.

Meine Favoriten sind:

Passend zu Beethovens 250. Geburtstag im Jahr 2020:
„Beethoven hat 9 Sinfonien geschrieben. Ein Orchester spielt die 5. Sinfonie in 35 Minuten. Wie lange benötigt das gleiche Orchester für die 8.?“

Die Geografie-Frage: (statistisch gesehen, scheitern die meisten Quizkandidaten an einer solchen):

„1980 betrug die Bevölkerung des afrikanischen Landes Kuwait ca. 1 Million Einwohner. Wie groß ist die Einwohnerzahl dieses Landes in den Jahren bis 1990, wenn die Bevölkerung angeblich um 10% jährlich wächst?“

Fazit:

Ein herrliches Sammelsurium an krausen Aufgaben vom Deutschen Kaiserreich bis zur Gegenwart. Dass seltsame Textaufgaben ausschließlich aus der Gegenwart stammen, ist hiermit widerlegt. Gerne gebe ich diesem Buch und seinem humorvollen Umgang mit den Tücken der Mathematik 5 Sterne.

Veröffentlicht am 30.10.2019

Eine unangepasste Familie

Wie ein roter Faden
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In diesem Buch erzählt der französich-österreichische Autor die Geschichte von vier Generationen seiner jüdischen Familie. Die Familie Segal ist einst in der k. und. k. Monarchie durch Erdölfunde in Galizien ...

In diesem Buch erzählt der französich-österreichische Autor die Geschichte von vier Generationen seiner jüdischen Familie. Die Familie Segal ist einst in der k. und. k. Monarchie durch Erdölfunde in Galizien reich geworden. Galizien ist jenes Gebiet der ehemaligen Habsburger-Monarchie, aus dem tausende arme Juden um 1900 nach Wien ausgewandert sind. Während des Zweiten Weltkriegs heiß umkämpft und zerstört, ist das Gebiet heute zwischen Polen und der Ukraine aufgeteilt.

Der Bogen spannt sich von eben jener reichen Vorvätergeneration über die Familie, die bis zur Machtergreifung der Nazis in Wien lebte und rechtzeitig die Zeichen der Zeit erkannte, nach Frankreich bzw. England floh, der in den 1970er Jahren dem Kommunismus einiges abgewinnen konnten. Der Autor selbst, in Frankreich geboren und aufgewachsen lebt seit 15 Jahren in Wien.

Anhand von vielen Fotos und Abbildungen von Dokumenten zeichnet Jérôme Segal ein interessantes Bild seiner Familie. Er beschreibt seine Spurensuche, die ihn in das Österreichische Staatsarchiv führen, aber auch in das ehemalige Galizien.

Sehr spannend finde ich seine eigene Einstellung dem religiösen Judentum gegenüber. So lehnt er die rituelle Beschneidung der männlichen Säuglinge strikt ab. „Säuglinge nicht mit dem Messer willkommen heißen.“ Er sieht hierin eine Kindesmisshandlung. Jedes Kind hat ein Recht auf körperliche Unversehrtheit. Er eckt mit dieser Ansicht bei der IKG (Israelischen Kultusgemeinde) gehörig an. Man verweigert ihm vorerst die Aufnahme in die IKG. Erst als er durch Vermittlung einer Bekannten den Nachweis erbringen kann, dass er tatsächlich Jude ist, wird er aufgenommen.

Mit seiner unkonventionellen Auffassung zur Beschneidung tritt er in die Fußstapfen seiner Vorväter, die dem traditionellem Judentum ablehnend gegenüber standen, die in der Résistance Widerstand gegen die Nazis leisteten und sowie gegen soziale Ungerechtigkeiten nach dem Zweiten Weltkrieg kämpften.

Jérôme Segal engagiert sich gegen Rassismus und Nationalismus und für ein friedliches Zusammenleben. Er lebt mit seiner Familie in Paris und Wien. Der Autor setzt sich für die Volksgruppe der Roma ein. Beim Thema Roma sind mir Ungenauigkeiten bei den Bezeichnungen aufgefallen: Roma ist die Überbegriff der verschiedenen Gruppen, die der indoarischen Sprachgruppe angehören. Einzahl Rom (Männlich, Mehrzahl Roma) und Romni (weiblich, Merhzahl Romnija). Aber das ist Meckern auf höchstem Niveau.

Im selben Verlag, Edition Konturen, ist auch Jérôme Segals Buch „Judentum über die Religion hinaus“ erschienen, das ich mir auch besorgen möchte.

Fazit:

Eine aufschlussreiche Familiengeschichte, deren Abkehr von Traditionen sich „Wie ein roter Faden“ durch die Generationen zieht. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.

Veröffentlicht am 30.10.2019

Ein gelungener Auftakt einer Krimi-Reihe

Abstauber
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Dresden im Jahre 2012. Die Fußball-EM in Polen/Ukraine steht kurz bevor. Die deutsche Nationalmannschaft hat noch ein Vorbereitungsspiel im Dynamo-Dresden-Station zu bestreiten. Alle Welt liegt im Fußballfieber. ...

Dresden im Jahre 2012. Die Fußball-EM in Polen/Ukraine steht kurz bevor. Die deutsche Nationalmannschaft hat noch ein Vorbereitungsspiel im Dynamo-Dresden-Station zu bestreiten. Alle Welt liegt im Fußballfieber. Alle Welt? Nein, KHK Falk Tauner geht die Hysterie um die 22 Mann, die einem Ball nachjagen, ziemlich auf den Wecker.

Wenige Tage vor dem Spiel wird auf das Auto, in dem der Trainer Klaus Ehlig und sein Assistent Holger Jansen sitzen, geschossen. Jansen stirbt und Ehlig wird verletzt. Ausgerechnet Falk Tauner muss hier ermitteln. Die Liste der potentiellen Täter ist lang: Gegnerische Fans, ein ausgebooteter Spieler oder neidische Trainer-Kollegen könnten einen Grund gehabt haben, Ehlig zu ermorden. Doch warum ist dann Jansen tot?

Zur Verstärkung des Teams erhält Tauner einen jungen Schnösel namens Thorsten Bärlach aus dem LKA. Während Tauner und seine Mitarbeiter jedem noch so kleinen Hinweis nachgehen, wird die Tatwaffe gefunden. Darauf befinden sich die Fingerabdrücke - welch eine Überraschung! - des DFB-Präsidenten. Hat der auf Ehlig oder doch auf Jansen geschossen? Und warum?
Die weiteren Ermittlungen ziehen Kreise bis nach Hamburg und eröffnen ein völlig anderes Bild von Ehlig und Jansen. Doch jedes Mal, wenn Tauner glaubt, ein wenig weitergekommen zu sein, weiß sein kriminelles Gegenüber schon über den Ermittlungsstand Bescheid. Gibt es einen Maulwurf in der Dienststelle in Dresden?

Meine Meinung:

Dies ist der erste Krimi mit KHK Falk Tauner. Tauner ist vom Leben enttäuscht, seine Frau will ihn verlassen und die ewige Jagd nach Verbrechern, haben ihn zu einem mieselsüchtigen Menschen werden lassen. Zudem hat ihn vor einiger Zeit ein Gehirntumor außer Gefecht gesetzt.

Dass ausgerechnet er, ein Fußballhasser, sich mit dem Mord im Fußballmilieu befassen muss, empfindet Tauner als groben Affront. Seine übliche Menschenkenntnis lässt ihn diesmal ein wenig im Stich. Die Kollegen der Stammmannnschaft wie Martin oder Pia wissen mit ihm umzugehen, dennoch stellt dieses Verbrechen alle vor eine schwierige Aufgaben. Durch das Fußballgroßereignis stehen Tauner & Co. im Rampenlicht der Presse, was keinem so richtig behagt. Wie in letzter Zeit häufig, gibt es eine Staatsanwältin, die gerne die Karriereleiter hinaufsteigen möchte und einen Polizeichef, der ebenfalls auf höhere Weihen aus ist. Die beiden sorgen (natürlich) für Unmut beim Ermittlerteam, die ihr Ding nach ihren Regeln durchziehen möchten.

Wer hier kriminelle Machenschaften rund um den Fußball wie manipulierte Wetten oder gekaufte Spiele erwartet, wird enttäuscht werden. Der Fußball ist irgendwie nur Kulisse.

Der lange Weg des Ermittlerteams auf der Suche nach dem Täter ist spannend erzählt. Zahlreiche Sackgassen und Umwege führen dann zu einer unerwarteten Auflösung.

Fazit:

Mit Falk Tauner hat Autor Frank Goldammer einen Ermittler erschaffen, der stur seinen Weg geht. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.

Veröffentlicht am 30.10.2019

Perspektivenwechsel

Kartieren um 1800
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Um 1800 hat sich der Blick auf Landkarten gewaltig geändert. Schuld daran sind u.a. die neuen militärischen Anforderungen. Es ist die Zeit der Napoleonischen Kriege und Erfolge lassen sich nur mit genauen ...

Um 1800 hat sich der Blick auf Landkarten gewaltig geändert. Schuld daran sind u.a. die neuen militärischen Anforderungen. Es ist die Zeit der Napoleonischen Kriege und Erfolge lassen sich nur mit genauen Karten erzielen. Dies hat Napoleon zwar nicht als erster erkannt, aber mit der ihm eigenen Eloquenz durchgesetzt.

Diente eine Karte zuvor nur der groben Orientierung und enthielt oft Zeitangaben, die den Reisenden von einem Ort zum anderen führten (3 Stunden zu Pferd, 2 Tagesmärsche etc.), so wird die unterschiedliche Topografie nun genau erfasst und maßstabsgerecht dargestellt.

Sechs Aufsätze widmen sich in diesem Buch aus unterschiedlichen Perspektiven den Landkarten:

Zur Kartenprojektion oder die Kartographischen Abbildungen um 1800
Die Umbruchsepoche der topographischen Kartographie um 1800 (Übergang zur größeren Homogenität)
Das landschaftliche Auge „Sehen lernen“ um 1800
Geognostisches Reisen um 1800
Mathematische Einschreibhefte der freiherrlichen Familie von Hardenberg
Über den methodischen Unterricht in der Geographie und die zweckmäßigen Hülfsmittel

In diesem Buch werden u.a. die neuen Verfahren der Land(es)vermessung und die dazu notwendigen Instrumente beschrieben. Sei es, dass sich die Gelehrten tatsächlich für neue, technische Aspekte (Homogenität der Karten oder Kartenprojektion) interessieren oder einfach die Landschaft mit anderen Augen ansehen oder Mathematik (bzw. Geometrie) als Basis der Kartenlehre im adeligen Besitz betrachten. Immerhin verwalten Adelige große Besitztümer und deren Söhne dienen in den diversen Armeen.

Großen Wert wird auf das „Geognostische Reisen“ gelegt - quasi Reisen mit allen Sinnen. Reisende unterschiedlichster Profession bestiegen die Berge, untersuchten Gesteine, Flora und Fauna - bekanntester Kaderschmiede war hier die Bergakademie Freiburg, die zahlreich Geognosten hervorbrachte.

Nach jedem Essay ist ein ausführliches Literaturverzeichnis angeführt. Ergänzt wird diese Sammlung von interessanten Beiträgen zur Kartografie um 1800 von 20 teils farbigen Abbildungen wie die Darstellung der Lehmann’schen Schraffenmethode (Abb. 6) oder die verschiedenen Instrumente zur Untersuchung von Gesteonen (Abb. 17) oder die verschiedenen Höhenprofile aus barometrischen Messungen (Abb. 18).

Zahlreiche Ausschnitte aus Originaldokumenten zeugen von penibler Recherche. ?

Fazit:

Ein Buch für Spezialisten, dem ich gerne 5 Sterne gebe.

Veröffentlicht am 29.10.2019

Ein gelungenes Krimi-Debüt

Kopftuchmafia
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Das ist der erste Krimi von Schauspieler und Kabarettist Thomas Stipsits.

Im burgenländischen Stinatz feiert man eine echt kroatische Hochzeit. Anna und Robert sind die Glücklichen. Das ganze Dorf ist ...

Das ist der erste Krimi von Schauspieler und Kabarettist Thomas Stipsits.

Im burgenländischen Stinatz feiert man eine echt kroatische Hochzeit. Anna und Robert sind die Glücklichen. Das ganze Dorf ist auf den Beinen und dann - die Katastrophe. Anna verschwindet während der üblichen Brautentführung spurlos und wird wenig später im Gebiss (zwischen den Messern) eines Mähdrescher halb zerstückelt aufgefunden.
Inspektor Sifkovits wird mit der Ermittlung beauftragt, scheint er doch als Stinatzer bestens dafür geeignet. Langsam tastet sich der Polizist durch die Geheimnisse des Dorfes. Unterstützt wird er dabei von der Kopftuchmafia, einem Trio von drei wackeren Frauen, die „mehr wissen als Facebook, Google und Amazon miteinander“ (S. 48). Denn den drei rüstigen Frauen, die tagaus, tagein vor der Gemischtwarenhandlung auf einer Bank sitzen, entgeht so gut wie gar nicht. Was sie nicht selbst erfahren, trägt ihnen der Gemischtwarenhändler zu.
Manchmal entbehren die Andeutungen der Kopftuchmafia, der auch Inspektor Sifkovits‘ Mutter Barbara angehört, zwar jeglicher Grundlage. Aber nur manchmal! Viel eher ist es, dass hinter dem Getratsche ein dickes Körnchen Wahrheit steckt.

Meine Meinung:

Wer gerne einen ruhigen Krimi, mit viel Lokalkolorit lesen will, ist hier genau richtig. Inspektor Sifkovits, genannt „Schiffi“ ist seinem großen Vorbild Columbo recht ähnlich. Meist in beige gekleidet, ohne Dienstwaffe und in einem altersschwachen Auto unterwegs, zieht er seine Schlüsse aus dem Gehörten. Da er selbst aus Stinatz ist, kennt er seine Pappenheimer und so manches Geheimnis.

Sehr gut gefällt mir, wie einfühlsam er mit der geistig zurückgeblieben Küchenhilfe Peter umgeht. Überhaupt scheint Sifkovits ein Händchen für Menschen zu haben. Er lässt sich auch von so aufgeplusterten Egos wie dem Bankdirektor nicht beirren.

Über seine Marotte zu jeder Zeit Käspappeltee zu trinken, musste ich ziemlich schmunzeln. Das hebt ihn von der großem Masse der alkoholabhängigen Ermittler ab. Mein Getränk wäre das zwar nicht, aber chacun à son goût! Nicht, dass Schiffi einem Uhudler oder Bier abgeneigt wäre, nein Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps.

Liebenswert sind auch die drei Mitglieder der Kopftuchmafia: allen voran natürlich Barbara Sifkovits, die ihren Sohn mit regionalen Spezilitäten bekocht. Auch die Resetarits Hilda und die dicke Grandits Resl tragen zur Aufklärung des Falles bei. Mir gefällt, dass hier lauter autochthone Familiennamen verwendet werden, die fast ausschließlich mit der kroatisch/eingedeutschen Endung -its enden.

Wir erfahren einiges über das Dorfleben, in dem die Jungen aus Arbeitsplatzmangel zu Wochenpendlern geworden sind, in dem Kirche und Küche eine hohe Tradition haben. Im Anschluss an den Krimi gibt es das Rezept von Baba Sifkovits‘ köstlichen Erdäpfelstrudel.

Gerne würde ich mehr Krimis mit Inspektor Sifkovits lesen.

Fazit:

Wer gerne einen ruhigen Krimi, mit viel Lokalkolorit lesen will, ist hier genau richtig. Gerne gebe ich für dieses Krimi-Debüt 5 Sterne.