Penibel recherchiert und gekonnt erzählt
Der Schrein der KönigeSabine Weiß entführt uns in ihrem historischen Roman „Der Schrein der Könige“ in das mittelalterliche Köln, das sich damals noch Cölln schreibt.
Bevor wir uns gemeinsam mit dem Verduner Goldschmied Nicolaus ...
Sabine Weiß entführt uns in ihrem historischen Roman „Der Schrein der Könige“ in das mittelalterliche Köln, das sich damals noch Cölln schreibt.
Bevor wir uns gemeinsam mit dem Verduner Goldschmied Nicolaus in Köln niederlassen dürfen, machen wir noch einen Abstecher nach Mailand, wo Kaiser Friedrich Barbarossa seinem Heerführer und Erzbischof von Köln, Rainald von Dassel, die (angeblichen) Gebeine der Heiligen Drei Könige zum Geschenk macht. 1164 kommen die als Reliquien verehrten Knochen in Köln an. Nun gilt es, einen Goldschmied zu finden, der würdigen Schrein zu gestalten vermag.
Nicolaus von Verdun, der Schöpfer des Verduner Altars in der Stiftskirche von Klosterneuburg (Niederösterreich) verlässt nach tragischen familiären Verlusten Verdun, um in Köln den Auftrag für den Dreikönigsschrein zu gestalten. Dass er von den alteingesessenen Goldschmieden nicht mit offenen Armen empfangen wird, ist leicht erklärbar und einsichtig: Sie fürchten um ihre Aufträge. Da tritt Bruder Ägidius, den alle Welt Jilles nennt, auf den Plan: Er verschafft Nicolaus, trotz zahlreicher Widerstände und Intrigen, den Auftrag, der Nicolaus bis zu seinem Lebensende beschäftigen wird. Bei jedem Wechsel der Herrschaft, sei es im Deutschen Kaiserreich oder im Bistum ist Nicolaus zu seinem Ärger gezwungen, Änderungen am Schrein vorzunehmen. So verlangt Kaiser Otto auf dem Schrein abgebildet zu werden. Das nachträgliche Einfügen der Figur Ottos bringt die ausgeklügelten Proportionen in Unordnung und Nicolaus zur Verzweiflung.
Gleichzeitig erfahren wir einiges über das Leben in Köln. Die Durchlässigkeit der Stände ist kaum gegeben. Ein Tagelöhner bleibt (fast) immer ein Tagelöhner. Die Handwerker sind in Gilden zusammengeschlossen und man heiratet untereinander, um Kunden und Reichtum zu mehren, weshalb es Nicolaus von Verdun schwer hat, in Köln Fuß zu fassen. Nur dem grenzenlosen Ehrgeiz des (realen) Rainald von Dassel und dem fiktiven Jilles ist es zu verdanken, dass Nicolaus den Schrein entwerfen darf.
Neben dem Hauptstrang um Nicolaus und den Schrein, erfahren wir einiges über die politische Lage dieser Zeit. So gibt es immer wieder Hinweise zu den weltlichen Herrschern und zu den geistlichen Führern, die allerdings ihr eigenes Süppchen kochen, und ihren Kämpfen. Es ist die Zeit der Kreuzzüge, die Hunderttausenden das Leben kosten, nur um den Wahn, „Jerusalem von den Heiden zu befreien“, zu erfüllen. Einer dieser Kreuzzüge beschert uns den Bericht über Richard Löwenherz, der vom Babenberger Herzog Leopold auf der Rückkehr vom Heiligen Land gefangengenommen wird und nach der Zahlung eines exorbitanten Lösegeldes frei gelassen wird. Die Sage um Richard und seinem Sänger Blondel, der seinen König in der Burg Dürnstein ausfindig gemacht hat, ist wohl bekannt.
Die Verquickung von Fakten und Fiktion rund um die Erschaffung des Dreikönigsschreins ist sehr gut gelungen, obwohl die Seitenblicke auf das Weltgeschehen außerhalb Kölns das eine oder andere Mal für einige Leserinnen und Leser vielleicht zu üppig ausgefallen sein mögen. Ich persönlich mag das, wenn das Rundherum in einem historischen Roman einbezogen wird. So kann ich mir ein umfassendes Bild der Zeit und der Umstände, in denen ein historischer Roman spielt, machen.
Über Nicolaus von Verdun (geboren zwischen 1130-1140 und gestorben nach 1205) ist nicht allzu viel bekannt, weshalb die Autorin ihrer Fantasie ziemlich freien Lauf lassen kann.
Die Charaktere sind sehr fein ausgearbeitet und wirken authentisch. So werden die innerfamiliären Konflikte zwischen dem realen Nicolaus, seinem fiktiven Sohn Louis und Nicolaus Bruder Charles gekonnt dargestellt.
Sehr gut hat mir auch der Einblick in die Arbeit der Goldschmiede gefallen. Da ich selbst einige Kurse im Goldschmieden absolviert habe, sind mir die Schilderungen sehr vertraut: Altgold, Altsilber einschmelzen, Draht ziehen oder Bleche hämmern - lauter Aufgaben, die der Meister seinen Lehrlingen anvertraut. Die eigentliche Arbeit, die das wirkliche Können des Nicolaus beweist, ist ja der Entwurf der Figuren und deren Herstellung. So wird dann an den Figuren deutlich zu sehen sein, dass nicht nur Nicolaus an dem Schrein gearbeitet hat, sondern andere Kölner Goldschmiede. Jene von Nicolaus wirken lebendig.
Wie wir es von Sabine Weiß gewöhnt sind, verbraucht sie viel „Personal“, das in einem Personenverzeichnis gelistet ist. Historische Persönlichkeiten werden als solche gekennzeichnet. Am Ende des historischen gibt es ein Glossar sowie Anmerkungen der Autorin.
Fazit:
Gerne gebe ich diesem penibel recherchierten und gekonnt erzählten historischen Roman rund um die Entstehung des Dreikönigsschreins im Dom zu Köln, 5 Sterne und eine Leseempfehlung.