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Venatrix

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 14.11.2023

Regt zum Nachdenken an

Das leise Platzen unserer Träume
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Wer kennt nicht jemanden, dessen Traum laut oder leise zerplatzt? Man träumt von einem Haus am Land (mit Garten, Pool und Kindern) oder einer tollen Wohnung, und kaum geht der Traum ganz oder teilweise ...

Wer kennt nicht jemanden, dessen Traum laut oder leise zerplatzt? Man träumt von einem Haus am Land (mit Garten, Pool und Kindern) oder einer tollen Wohnung, und kaum geht der Traum ganz oder teilweise in Erfüllung, zerplatzt die Idylle?

„Wie lange wollen wir das noch durchziehen? Jule hatte das Gefühl, die Frage schwebte wolkengleich über dem gemeinsamen Bett, für Jule so unangenehm präsent, dass es ihr schwerfiel, sie nicht auszusprechen.“

Dieser Roman vom Platzen der Träume spielt sich zwischen Jule, Hellen und David ab. David ist Arzt und mit Jule verheiratet. Sie bewohnen auf dem Land ein Haus mit Garten. Zum perfekten Glück fehlen noch (?) Kinder. Doch dann sitzt Jule plötzlich allein zu Hause, weil David ein heimliches Verhältnis mit Hellen hat. Man richtig mit Jule überlegen, wann und warum haben sie sich als Ehepaar voneinander entfernt? Ist es der unerfüllte Kinderwunsch, der Sex auf Knopfdruck und nach dem Kalender erfordert? Oder das erreichte Ziel - ein gemeinsame Haus?

Jedenfalls freundet sich Jule via Internet mit der alleinerziehenden Mutter von Zwillingen und Bloggerin Hellen an, ohne zu wissen, dass diese Davids Liebschaft ist. Erst ein Paar ausgefallene Laufschuhe, die sie zunächst für ihr Geburtsgeschenk hält, dann aber stolz von Hellen auf ihrem Blog präsentiert werden, öffnet ihr die Augen.

Meine Meinung:

Solche Beziehungsgeschichten gehören üblicherweise nicht unbedingt in mein Beuteschema. Aber ich wollte einmal über den Tellerrand hinausblicken.

Die Geschichte wird aus zwei Perspektiven erzählt: jeweils alternierend aus jener der Ehefrau und jener der Geliebten. Während Jules Sicht eher eine beschreibende ist, ist die von Hellen eine sehr aktive. Sie spricht Jule quasi direkt an, obwohl sie sich ja vorerst gar nicht kennen. David kommt bei beiden Frauen vor, hat aber keinen eigene „Kolumne“.

Letztlich kommt es zu einer doch unerwarteten Wendung.

Fazit:

Aus geplatzten Träumen entsteht häufig etwas Neues. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.

Veröffentlicht am 14.11.2023

Hat mich nicht ganz gepackt

Eiffels Schuld
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In diesem historischen Roman sollte es eigentlich, wie Titel, Cover und Klappentext versprechen, um das Eisenbahnunglück vom 14. Juni 1891 gehen. Ich schreibe absichtlich „sollte“ und „eigentlich“.

Denn ...

In diesem historischen Roman sollte es eigentlich, wie Titel, Cover und Klappentext versprechen, um das Eisenbahnunglück vom 14. Juni 1891 gehen. Ich schreibe absichtlich „sollte“ und „eigentlich“.

Denn bevor es dazukommt, lernen wir Ida Gysin kennen, die in den Kondukteur der Jura-Simplon-Bahn, Wilhelm Münch, verliebt ist und der plötzlich verschwindet. Nachforschungen ergeben, dass er mit einem Kollegen Streit hatte. Außerdem stellt sein Freund Karl Ida nach. Als sich herausstellt, dass Ida schwanger ist, heiratet sie Karl, um der Schande eines unehelichen Kindes zu entgehen.

Ein zweiter Handlungsstrang führt uns nach Paris ins Konstruktionsbüro des Gustave Eiffel, der gemeinsam mit einem Mitarbeiter am später Eiffel-Turm genannten Wahrzeichen von Paris arbeitet. Daneben sind zahlreiche Brücken zu konstruieren und Ärger mit dem Bau des Panama-Kanals auszuhalten.

Erst im 23. von 45 Kapiteln kommt es zu diesem dramatischen Zugsunglück, bei dem 73 Menschen sterben und 170 verletzt werden. Ida und ihr kleiner Sohn Willi überleben beinahe unverletzt. Karls Leiche wird erst Wochen später gefunden. Als sie Karls Taschenuhr erhält, muss sie mit einem schrecklichen Verdacht weiterleben.

Meine Meinung:

Leider geht das Zugsunglück, das zu den schwersten in der Schweiz zählt, in der Geschichte rund um Ida, Wilhelm und Karl, die sich sehr gut als Krimi eignet, fast unter.

Das ist ziemlich schade, denn sowohl die Rettungs- und Bergungsaktionen sowie das nachfolgende Gerichtsverfahren sind sehr gut dokumentiert. Es gibt Freisprüche für alle Angeklagten, weshalb der Titel „Eiffels Schuld“ als Titel des Buchs nicht richtig erscheint. Die Schuldfrage wird im Prozess diskutiert, aber der Sachverständige laviert herum. Tatsache ist, dass wegen des großen Andrangs zu einem Fest zwei Waggons und eine tonnenschwere Lokomotive als Vorspann angehängt worden sind, obwohl die Brücke über die Birs durch einen Schaden am Widerlager eine solche (Zusatz)Belastung möglicherweise nicht standhalten würde. Auch die Geschwindigkeitsbeschränkung seit der Freigabe 1875 von 30 km/h wird nicht eingehalten. Man fährt also mit einem längeren, wesentlich schwereren Zug, in dem rund 500 Personen sitzen, mit höherer Geschwindigkeit über eine nicht ordentlich gewartete Brücke - und niemand hat Schuld an diesem Unglück. Immerhin leistet die Jura-Simplon-Bahngesellschaft hohe Entschädigungszahlungen. Doch ein Schuldeingeständnis?

Leider hat mich der Schreibstil nicht wirklich fesseln können. Der Autor schwankt zwischen genauen maschinenbautechnischen Beschreibungen, die mich als Technikerin und Eisenbahnfan jetzt nicht stören, aber Leser, die sich mit „Querträgern, unteren Gurtungen, übereck reichende Flacheisen sowie Dreiecksverbände, die den nötigen Widerstand gegen Verschiebungen leisten.“ nicht auskennen, werden doch recht unsanft aus dem Lesefluss gerissen und häufig hölzern wirkenden Dialogen sowie Details, die die Handlung keinen Millimeter weiterbringen.

Auch das Verquicken des fiktiven Handlungsstrang Ida & Co., mit Gustave Eiffel und dem Eisenbahnunglück halte ich nicht für gut gelungen. Eine Trennung in einen historischen Roman, der sich voranging mit dem Eisenbahnunglück beschäftigt und in einen „Historischen Krimi“ mit Ida, Wilhelm und Karl als Hauptfiguren hielte ich für die bessere Lösung. Vor allem auch deswegen, weil es mit Idas Vater, der mit Karl ein Geheimnis zu teilen scheint und einen Detektiv bezahlt, um Wilhelm suchen zu lassen, den er eigentlich gar nicht als Schwiegersohn haben will, einen ziemlich widersprüchlichen Charakter gibt, der bei mir für allerlei Argwohn sorgt.

Nun ja, es ist so, wie es ist.

Fazit:

Leider kann ich diesem historischen Roman nur knappe 3 Sterne geben. Die Gründe sind oben genannt.

Veröffentlicht am 11.11.2023

hat mich enttäuscht

Sylter Welle
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Der bereits erwachsene Max besucht seine Großeltern Lore und Ludwig auf der Ferieninsel Sylt. Sparsam wie die beiden sind, muss er die drei Tage mit ihnen in einer kleinen Ferienwohnung verbringen. Nicht ...

Der bereits erwachsene Max besucht seine Großeltern Lore und Ludwig auf der Ferieninsel Sylt. Sparsam wie die beiden sind, muss er die drei Tage mit ihnen in einer kleinen Ferienwohnung verbringen. Nicht einmal ein eigenes Zimmer gibt es für ihn. Während dieses Aufenthaltes lässt er seine Kindheitserinnerungen an seine Familie Revue passieren. Dabei betrachtet er sie aus einem teils wehmütigen, teils ironischen Blickwinkel.

Neben manchmal witzigen Anekdoten und Abenteuern, die zum Glück immer gut ausgegangen sind, erinnert er sich an die extreme Sparsamkeit der Großeltern, die Binnenflüchtlinge im Zweiten Weltkrieg waren sowie schwierigen Themen wie Alter und Gebrechlichkeit.

Großmutter Lore agiert wie ein Feldwebel, lässt werde Widerspruch noch eine andere Meinung zu. Großvater Ludwig versenkt sich in seine Tagebuchschreiberei und lässt Lore befehlen. Eine Familienkonstellation, die man häufig antreffen kann.

Meine Meinung:

Den Zusammenhang mit dem auf dem Cover abgebildeten brennenden Strandkorb habe ich nicht gefunden. Sollte dieser eine Allegorie auf „brennende Probleme“ oder „Idylle in Flammen“ sein? Leider gibt es kein Wort der Erklärung dazu, schade.

Ich finde es immer wieder interessant, welche Texte verlegt werden und Leser finden. Ich frage mich auch, wie viel Autobiografisches des 1991 geborenen Autors in diesem Buch steckt.

Leider kann ich mit dem flapsigen Schreibstil so gar nicht anfreunden. Auch für seinen Humor bin ich wohl die falsche Zielgruppe.

Das Buch besteht aus drei Abschnitten, die die drei Tage des Aufenthaltes darstellen, wobei der erste Tag/Abschnitt der Umfangreichste ist.

Fazit:

Für mich leider eine Enttäuschung, daher nur 2 Sterne.

Veröffentlicht am 11.11.2023

Wissen gut vermittelt

Alles Zufall im All?
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Diese populärwissenschaftlich Buch richtet sich an alle jene, die sich für unser Universum interessieren, aber deren Lieblingsfach in der Schule nicht unbedingt Physik war.

In drei großen Abschnitten ...

Diese populärwissenschaftlich Buch richtet sich an alle jene, die sich für unser Universum interessieren, aber deren Lieblingsfach in der Schule nicht unbedingt Physik war.

In drei großen Abschnitten erklärt das Autoren-Duo Erik Bertram und Dominika Wylezalek was das Universum im Innersten zusammenhält:

Teil I: Die Quellen des Wissens
Teil II: Das frühe Universum
Teil III: Das späte Universum

In Teil I erfahren wir einiges über die Arbeiten der Autoren, Der Teil II erklärt das „frühe Universum“ und den Abschluss bildet das „späte Universum“ in Teil III.

„Die physikalischen Gesetze, die auf Basis unserer Erfahrungen gefunden wurden – sei es in den Laboren dieser Welt oder durch regelmäßige Betrachtung der Planetenbahnen im Sonnensystem – scheinen selbst in den Weiten des Alls über Jahrmilliarden hinweg ihre Gültigkeit zu bewahren.“ (S. 217)

Trotz der umfangreichen Erklärungen, die durch farbige Illustrationen untermauert sind, lässt sich das Buch leicht lesen, was auf den sachlichen Schreibstil der Autoren zurückzuführen ist. Es ist möglich, die Inhalte auch ohne wissenschaftliche Vorkenntnisse oder ein Physik-Studium zu verstehen. Neugier und Lust am Lesen genügen.

Die Qualitätskriterien (in der Klammer), die sich der KOSMOS-Verlag selbst auferlegt, werden hier erfüllt, denn

das Autoren-Duo vereint professionelles Know-How mit Leidenschaft (BEGEISTERUNG DURCH KOMPETENZ)
erzählen leicht verständlich und bringen das Wesentliche informativ auf den Punkt (WISSEN, DAS DICH WEITERBRINGT)
bereitet die Inhalte mit aussagekräftigen Fotos, Zeichnungen und Grafiken werden Inhalte besonders anschaulich auf (SACHVERSTAND, DEN MAN SEHEN KANN)
sorgfältige Verarbeitung (QUALITÄT FÜR HEUTE UND MORGEN)

Im Anschluss an den Epilog findet der interessierte Leser noch ein ausführliches Quellenverzeichnis und weiterführende Literatur.

Fazit:

Allen jenen, die gerne wissen wollen, was das Universum im Innersten zusammenhält, sei dieses Buch ans Herz gelegt. Gerne gebe ich eine Leseempfehlung und 5 Sterne.

Veröffentlicht am 11.11.2023

Penibel recherchiert und fesselnd erzählt

Der elektrische Traum. Fortschrittsjahre oder eine Gesellschaft unter Strom
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Historiker und Autor Alexander Bartl entführt seine Leser wieder in das 19. Jahrhundert, das eine spannende Zeit des Umbruchs ist. Zahlreiche Erfindungen verbessern den Alltag, machen allerdings auch vielen ...

Historiker und Autor Alexander Bartl entführt seine Leser wieder in das 19. Jahrhundert, das eine spannende Zeit des Umbruchs ist. Zahlreiche Erfindungen verbessern den Alltag, machen allerdings auch vielen Menschen Angst. In diesem Sachbuch bringt er uns den Aufstieg der Elektrizität näher.

Ein zentraler Punkt des Siegeszuges der Elektrifizierung von Gebäuden sind Brände in Theatern. Neben dem Brand des Theaters in Nizza im März 1881 ist es der Brand des Wiener Ringstraßentheaters im November desselben Jahres, der mehreren Hundert Menschen das Leben gekostet hat, die den Siegeszug der elektrischen Beleuchtung antreibt. Der Brand in Wien ist neben organisatorischen und baulichen Mängeln (fehlende Trennung von Bühne und Zuschauerraum, enge, mit brennbaren Materialien ausgestattete Stiegenhäuser und nach innen aufgehende Ausgänge) ist vor allem auf die Beleuchtung mit Leuchtgas zurückzuführen, die zusätzlich noch schlecht gewartet worden ist. In den Jahren zuvor ist elektrisches Licht als Spielerei für Reiche abgetan worden - illuminiertes Vergnügen.

Dabei sind Explosionen aufgrund von undichten Gasleitungen unter der Erde und in den Häusern fast schon an der Tagesordnung.

Manch einer sieht in der Elektrizität mehr Vor- als Nachteile, dennoch will man sich - schon aus Prinzip - nicht vom gefüllten Futtertrog des Monopols nicht vertreiben lassen.

»Es ist inakzeptabel, dass irgendein zweifelhafter Wettbewerber das Recht der Gasgesellschaften verletzt, Straßen und Häuser zu beleuchten. Denn das ist allein ihr Vorrecht, aus Tradition und aus Prinzip.«

Meine Meinung:

Alexander Bartl versteht es sehr gut, die Forschungen von Thomas Alva Edison und seinen Mitarbeitern darzustellen. Er verschweigt auch nicht, dass Edison ein manchmal schwieriger Mensch war. Die technischen Details, die dem elektrischen Strom zum Sieg über das Leuchtgas verhelfen, sind gut beschrieben. Ebenso können sich die Leser ein Bild von den gesellschaftlichen und politischen Auswirkungen der Umstellung auf elektrische Beleuchtung machen. Natürlich wird es noch Jahrzehnte dauern, bis die Elektrizität im kleinsten Winkel der Welt angekommen ist. Es ist faszinierend zu erfahren, welche Vorbehalte die Menschen damals der Elektrifizierung gegenüber hatten. Gleichzeitig war man aber von dieser neuen Erfindung so fasziniert, dass es zum guten Ton gehört hat, Strom-Partys zu veranstalten.

Wir erfahren, dass Thomas Alva Edison und George Westinghouse, ein weiterer Strompionier, erbittert um die Antwort auf die Frage, ob „Gleichstrom“ oder „Wechselstrom“ sicherer sei, kämpften. Edisons Mitarbeiter Harold Brown hat sogar einen elektrischen Stuhl konstruiert, der zunächst als „Party-Gag“ verwendet worden ist. Recht bald (1889) hat er als „humanes“ Vollzugsinstrument der Todesstrafe in Amerika seine Verwendung gefunden.

Wie schon zuvor das Buch „Walzer in Zeiten der Cholera“ ist auch dieses hier akribisch recherchiert. So erhalten wir Einblick in das künstlerische Schaffen des Franz Jauner, seines Zeichens Direktor des Carlstheater in der Leopoldstadt und späterer Direktor des Ringtheaters.

Die historischen Fakten sind geschickt mit den technischen Details verknüpft. Auszüge aus Zeitungsberichten und/oder Korrespondenz vervollständigen das lebendige Bild dieser Zeit wie dieses Zitat aus „Der Bautechniker“ vom 2. März 1883 zeigt.

»Die Gasgesellschaften bringen nämlich den Verlust, den ihnen das vordringende elektrische Licht verursacht, dadurch wieder herein, daß sie das Gas in erhöhtem Masse zu Heizzwecken verwenden. Durch diesen Anstoss ist übrigens eine solche Zahl nützlicher Heizapparate construirt worden, daß sich auch in dieser Richtung eine neue Aera eröffnet, indem nämlich in der Zukunft immer mehr die Heizung der Herde, ja sogar der Oefen mittelst Gases bewerkstelligt werden wird.«

Man sieht, die Inhaber der Gasgesellschaften sind keine Sozialfälle geworden.

Schmunzeln musste ich, als sich ausgerechnet Brünn, das damals als „Manchester von Mähren“ mit der Auszeichnung, das erste vollständig elektrische Theater zu haben, schmücken durfte. Paris, Wien, Berlin oder München - alle wurden sie vom Stadttheater Brünn, das sein ebenfalls im Jahr 1881 abgebranntes Theater durch einen Neubau ersetzen ließ, ausgestochen.

Ergänzt wird das Buch durch kurze Lebensläufe jener Personen, die bei der Verwirklichung des elektrischen Traums maßgeblich mitgewirkt haben bzw. davon betroffen waren.

Fazit:

Gerne gebe ich dieser fesselnd erzählten Geschichte rund um den „elektrischen Traum und der Gesellschaft unter Strom“ 5 Sterne und eine Leseempfehlung.