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Veröffentlicht am 27.07.2021

Einfallsreich, aber mir zu konstruiert

Das letzte Bild
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Anja Jonuleit legt ihrem Buch den bis heute ungeklärten Fall der sog. Isdal-Frau zugrunde, einer 1970 gefundenen Frauenleiche, deren Identität bis heute nicht geklärt werden konnte. Das ist als Idee gelungen ...

Anja Jonuleit legt ihrem Buch den bis heute ungeklärten Fall der sog. Isdal-Frau zugrunde, einer 1970 gefundenen Frauenleiche, deren Identität bis heute nicht geklärt werden konnte. Das ist als Idee gelungen und die Autorin strickt um diesen Fall eine einfallsreiche Geschichte, bindet die tatsächlichen Ermittlungsergebnisse in eine fiktive Handlung ein. Vor den Kapiteln finden sich Zitate aus tatsächlichen Zeitungsartikeln über die Isdal-Frau, was den Einbezug realer Fakten noch verstärkt und Hintergrundinformationen liefert. Auch dies hat mir gefallen.

Wir begleiten Eva, die ein Foto der Isdal-Frau in der Zeitung sieht und eine fast unheimliche Familienähnlichkeit entdeckt, woraufhin sie sich aufmacht, das Rätsel zu lösen. Ihre 2019 stattfindenden Ermittlungen wechseln sich mit Abschnitten aus dem Leben Marguerites ab, die zwischen 1954 und 1970 spielen. Diese Erzählweise auf zwei Zeitebenen ist Standard in Geschichten, in denen Familiengeheimnisse erforscht werden und somit nicht unbedingt originell, erfüllt aber ihren Zweck.

Der Schreibstil ist erfreulich und liest sich angenehm. Ich habe zu Beginn gleich nach weiteren Büchern der Autorin gesucht, weil er mir so gut gefiel. Der Spannungsbogen ist zu Beginn gelungen, ich habe gebannt gelesen, um zu erfahren, wie alles zusammenhängt, welche Spuren weiterführen und was sich hinter dem Fall verbarg. Auch die historische Komponente, die durch Einbindung des Lebensborns und Norwegen während des zweiten Weltkriegs erfolgt, gefiel mir gut. Marguerites Abschnitte waren allerdings von Anfang an für mich ein Schwachpunkt. Dies beginnt schon damit, daß Marguerite bei Nachforschungen zu ihrer Familiengeschichte ständig unerwartete Hilfe bekommt - alle Männer, denen sie zufällig begegnet, scheinen umgehend nur ein Ziel zu haben: ihr bei ihren Nachforschungen zu helfen und sie legen sich allesamt mächtig ins Zeug. Die Beweggründe diese Männer sind nicht nachvollziehbar - Marguerite ist schön und freizügig, gut, aber das reicht als Erklärung für das erhebliche Engagement all dieser Männer nicht aus. Auch sonst muß sie nur irgendwo stehen und schon eilt ihr stets ein Mann zur Hilfe. Das wurde zunehmend unglaubwürdiger und auch abgenutzter. Dann kommen ihr zudem zahlreiche Zufälle zur Hilfe, die teilweise schon sehr weit hergeholt sind. So lernt sie - auf recht konstruierte Weise - zufällig genau den einen Mann in Europa kennen, der ihr dann eine Postkarte von einer kleinen, unbekannten Kirche schickt, die genau einem jener wenigen Familienbilder entspricht, die sie hat, und ihr damit unbeabsichtigt einen wichtigen Hinweis gibt. Auch Eva kommt bei ihren Nachforschungen ständig der Zufall zur Hilfe, so telefoniert sie zufällig genau im richtigen Moment mit jemandem, der zufällig erst kurz zuvor genau das benötigte Nischenwissen erlangt hat. Ich fühlte mich beim Lesen häufig etwas auf den Arm genommen und das hat mir das Lesevergnügen zunehmend verdorben.

Auch der Spannungsbogen ließ nach. Die Autorin verliert sich häufig in irrelevanten Details, gerade Marguerites Leben ist zu Beginn nicht nur konstruiert, sondern auch eher langweilig zu lesen. Die jeweiligen Nachforschungen der beiden Frauen werden ausgesprochen detailreich und mit mehreren Wiederholungen beschrieben und es gab letztlich für meinen Geschmack auch zu viele Ansätze, die das Buch überfrachteten. Das mag realistisch sein, liest sich aber etwas zäh. Unglaubwürdig fand ich zudem, daß so gut wie alle aufgesuchten Personen umgehend bereitwillig alles Relevante erzählen und, egal wie alt sie sind, alle ein bemerkenswertes Gedächtnis haben. Wie Marguerite trifft auch Eva auf mehrere Leute, die keine Zeit und Mühen scheuen, für sie zu ermitteln. Ich fand die Vorgänge zunehmend weniger nachvollziehbar und habe in immer kürzeren Abschnitten gelesen.

Die Geschichte, die sich letztlich offenbart, ist ausgefeilt, gut ausgedacht und berücksichtigt die tatsächlichen Ermittlungsergebnisse auf bemerkenswerte Weise. Die Reise dorthin liest sich häufig spannend und gut, die erwähnten Schwachpunkte waren aber zumindest für mich doch störend.

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  • Erzählstil
  • Handlung
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Veröffentlicht am 24.07.2021

Absurdität und Tragik

Der schwarze Obelisk
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In „Der schwarze Obelisk“ führt Remarque uns in eine Epoche, die so gut wie nie literarisch behandelt wird - das Hyperinflationsjahr 1923. Vom Frühling 1923 an begleiten wir den Ich-Erzähler Ludwig (sehr ...

In „Der schwarze Obelisk“ führt Remarque uns in eine Epoche, die so gut wie nie literarisch behandelt wird - das Hyperinflationsjahr 1923. Vom Frühling 1923 an begleiten wir den Ich-Erzähler Ludwig (sehr stark an Remarque selbst angelehnt) durch das restliche Jahr, in dem die Inflation aus Tausenden zuerst Millionen, dann Milliarden und Billionen macht. Eine Zeit, in der Tragik und Absurdität nah beieinanderliegen, was sich im Buch hervorragend widerspiegelt.

Remarque schrieb seinem Verleger, er könne den Inhalt nicht beschreiben, und das ist nachvollziehbar, denn es ist weniger eine klassische Romanhandlung als eher eine Ansammlung von Facetten, die uns verschiedene Schicksale im Laufe dieses Jahres kaleidoskopartig berichten. Wir folgen Ludwig und seiner Umgebung in ihrem Alltag in der Stadt Werdenbrück (Osnabrück nachempfunden). Über allem liegt der Wahnsinn der Hyperinflation, der Dollarkurs ist Leitmotiv und wir lesen von allerhand aberwitzigen Manövern, die wohl nur in einer solchen Zeit möglich sind. Da wird ein Grabstein auch mal mit zwei Wochen Brötchenlieferungen abgegolten, es wird um den Zahlungszeitpunkt gefeilscht, denn ein paar Stunden reichen, um eine hohe Summe wertlos zu machen. Wir begegnen den Hoffnungslosen, den sich Durchwurschtelnden, den Spekulanten. Es wird gelebt, als ob es kein Morgen gäbe, was in gewisser, tragischer Hinsicht auch fast stimmt. In dieser absurden Zeit kann Remarque auch seinem sonst spärlich eingesetzten Humor freien Lauf lassen, was zu herrlich komischen Sätzen und Szenen führt, leider aber auch zu vielen albernen Episoden, die das Buch schwächen.

Auch auf die sehr dick aufgetragene Schicht Philosophie und Lebensbetrachtungen hätte ich gut verzichten können. Ludwigs Beziehung mit der jungen psychisch kranken Isabelle besteht aus zahlreichen recht sinnbefreiten Dialogen, in denen man sicher viel Philosophisches herauslesen kann, die ich aber zu haltlos und sehr wiederholend fand. Auch sonst wird viel wiederholt, gerade in der Mitte des Buches fühlt man sich wie in einem etwas zähen Kreislauf aus Bekanntem.

Hervorragend ist das vielfältige, gut gezeichnete Bild jener Zeit, in der die Resignierten, denen durch den Krieg Jugend und Hoffnung gestohlen wurde, jenen Unverbesserlichen gegenüberstehen, die bald der nächsten Generation Jugend und Hoffnung nehmen werden. Die Bedrohung von rechts wird im Laufe des Buches immer deutlicher, immer düsterer und kulminiert im letzten Kapitel, in dem Remarque kurz die Schicksale der Charaktere nach 1923 schildert. Auch Remarques Sprache ist wieder ein einzige Freude - virtuos spielt er mit den Worten, Bildern, Stimmungen. Und so ist „Der schwarze Obelisk“ trotz einiger Schwächen ein phantastisches Buch, das jene Zeit auf ganz eigene gekonnte Weise einfängt.

  • Cover
  • Erzählstil
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Veröffentlicht am 19.07.2021

Unterhaltsam, aber etwas klischee- und wiederholungslastig

Kartoffelbrei mit Stäbchen
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Thomas Derksen, der mit einer Chinesin verheiratet ist und in China lebt, berichtet in diesem Buch von der Europareise, die er mit Frau und Schwiegereltern unternahm. Da ich mich beruflich u.a. mit interkulturellen ...

Thomas Derksen, der mit einer Chinesin verheiratet ist und in China lebt, berichtet in diesem Buch von der Europareise, die er mit Frau und Schwiegereltern unternahm. Da ich mich beruflich u.a. mit interkulturellen Fragen beschäftige, freute ich mich auf eine amüsante literarische Begegnung mit den Kulturschocks, die sich in einer solchen Konstellation ergeben und erhoffte mir auch einige Einsichten über den Blick anderer Nationen auf für uns übliche Dinge.

Das Buch ist liebevoll gestaltet, die Kapitel haben originelle Titel, die neugierig machen, einige kleine Zeichnungen lockern alles auf. Es beginnt unterhaltsam, wir lernen Thomas und seine Familie kennen, insbesondere seine Schwiegereltern, Alter Zhu (der gar nicht so alt ist) und Lehrerin Wang, dann noch seine Eltern, vor allem die Mutter, die ein wenig aus der Zeit (und aus einem Klischeebild) gefallen zu sein scheint. Dieser erste Blick auf die chinesische Familie mit ihrem deutschen Schwiegersohn ist amüsant geschildert, zeigt die kulturellen Unterschiede und deren Auswirkungen anschaulich auf. Die Reise nach Deutschland und die ersten Eindrücke insbesondere der Schwiegereltern lesen sich gut und man merkt, welch ungeahnte Herausforderungen sich ergeben.

Zwischendurch wurde es leider doch etwas platt, auch gefiel es mir nicht, daß sich der Fokus ziemlich schnell auf „Was hat Alter Zhu jetzt wieder angerichtet?“ legte und dort auch größtenteils blieb, insbesondere da viele dieser Erlebnisse nur am Rande interkulturell, sondern eher durch die etwas eigene Persönlichkeit des Schwiegervaters bedingt waren. Oft sind sie auch eher belanglos und werden dann reichlich aufgepolstert. So findet sich bei der Schilderung eines eher langweiligen Notaufnahmebesuchs eine überzeichnete Schilderung einer arroganten Übermutter, die ebenfalls dort auftauchte, welche inhaltlich weder zum Thema passte, noch etwas Unterhaltsames beitrug. Als ein Polizist den Autor wegen der verbotenen Benutzung einer Drohne zur Rede stellt, ergeht dieser sich eine Seite lang über das südländische Aussehen des Polizisten, stellt allerlei Überlegungen zu dessen Herkunft an und bedenkt ihn dann in der Beschreibung ziemlich herablassend mit abwechselnden italienischen Namen. Das ist nicht komisch, trägt zum Thema nichts bei und schien nur dazu zu dienen, die belanglose Drohnengeschichte farbiger zu gestalten.

Die Reise durch verschiedene europäische Länder nimmt weniger als ein Viertel des gesamten Buches ein, was ich bedauerlich fand. Sonst finden wir uns größtenteils bei den Eltern des Autors und auch schnell in einem Kreislauf von bereits Bekanntem. Die Mutter des Autors kocht viel und schwer, dieser Gag wird immer und immer wieder aufgewärmt und überzogen geschildert. Schwiegermama lebt für die sozialen Medien, Schwiegerpapa gerät in absurde Situationen, Schwiegereltern und Ehefrau sind scharf auf Designersachen und kaufen auch sonst gerne ein – damit erschöpft sich das Geschehen und die Charakteristiken fast schon und nach der Hälfte des Buches kommt kaum noch etwas Neues hinzu, so daß es leider immer langweiliger wird.

Erfreulich fand ich, daß der Autor Informationen über Kulturunterschiede und den Alltag in China immer wieder gut einbaut, diese informativ und in passender Länge schildert. Ich habe hier einiges gelernt und auch Einblick in andere Sichtweisen bekommen. Auch liest sich das Buch gut weg und bietet entspannende Lektüre. Mit etwas weniger Wiederholungen, dem Verzicht auf das Aufpolstern von Belanglosigkeiten und weniger Plattheit wäre es eine herrliche Mischung aus Information und Unterhaltung geworden.

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Veröffentlicht am 11.07.2021

Zähe Klischeeansammlung

Der blutrote Teppich
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Ich war schon lange auf diese Krimi-Serie gespannt, in der es um Kriminalfälle im Hollywood der 1920er geht. Schon die Titelbilder sind ein Traum, herrlich einprägsam und markant. Als ich diesen Band zufällig ...

Ich war schon lange auf diese Krimi-Serie gespannt, in der es um Kriminalfälle im Hollywood der 1920er geht. Schon die Titelbilder sind ein Traum, herrlich einprägsam und markant. Als ich diesen Band zufällig günstig ergattern konnte, griff ich also gleich zu.

Leider war das Buch für mich eine Enttäuschung. Das lag hauptsächlich an zwei Punkten. Zunächst fiel mir auf, wie klischeehaft alles war. Der Privatdetektiv Hardy Engel ist genau so, wie man diese Privatdetektive der 20er und 30er aus wirklich jedem Buch, Film oder Theaterstück kennt. Desillusioniert, pleite, versoffen, nach außen hin abgebrüht und natürlich mit einer Schwäche für schöne Frauen. Das, was er denkt und sagt, ist ebenfalls Klischee pur, manchmal krümmt man sich beim Lesen geradezu, weil alles so unoriginell ist. Das wäre noch zu verschmerzen gewesen, ein gewisser Wiedererkennungswert kann Vorteile haben und immerhin hat er mit seiner deutschen Herkunft und seinem Weltkriegstrauma eine etwas originellere Facette. Dann wird ihm aber mit Polly eine Co-Ermittlerin zur Seite gestellt, bei der noch tiefer in die Klischeekiste gegriffen wird. Polly arbeitet die 08/15-Checkliste des kapriziösen, kecken Geschöpfes brav ab und ist damit nicht nur unfassbar nervig, sondern auch unfassbar vorhersehbar. Als sie ein Chili kocht, hätte ich die nächsten Zeilen genau so erwartet, wie sie dann auch präsentiert werden - das gab’s alles schon so oft. Und natürlich kreisen Hardys Gedanken sofort genauso um Polly wie es in jedem, wirklich jedem Buch, Film oder Theaterstück der Fall ist, in dem eine Frau und ein Mann eine gemeinsame Aufgabe angehen. Störend fand ich zudem mehrere Sätze, die vom Satzbau schlichtweg falsch sind. Sie lasen sich, wie schlecht aus dem Englischen übersetzt, was in einem auf Deutsch verfassten Buch verwunderlich ist.

Inmitten dieser Klischees plätschert der Fall dann gemächlich vor sich hin. Ermittelt wird ein wenig nebenbei, dazu noch oft dilettantisch, aber mit glücklichen Zufällen gesegnet - da weiß der Hausmeister eines Wohnblocks auch gerne mal spontan aus dem Kopf die neue Adresse eines Gesuchten, welche dieser - sonst extrem auf Geheimhaltung bedacht - in dem Fall eben mal fröhlich ausgeplaudert hat. Da alle möglichen Leute an der Ermittlung beteiligt sind, erfahren wir alle Fakten auch gleich mehrfach und werden Zeuge kleinerer öder Revierkämpfe. Ich hatte von Anfang an Mühe, in die Geschichte hineinzukommen, ab Seite 100 las ich nur noch in der Hoffnung, daß es irgendwann besser werden würde, ab Seite 150 war mir der Fall ebenso gleichgültig wie die Klischeecharaktere und irgendwann habe ich dann aufgegeben.

Lobenswert sind die Hintergrundinformationen, die auf sorgfältige Recherche und Begeisterung für das Sujet schließen lassen. Dieses Eintauchen in die Hollywoodwelt der 1920er hat mich ein wenig bei der Stange gehalten, allerdings trägt die umfangreiche Verwendung von Fakten und Namen zur Langatmigkeit des Buches bei. Ich breche selten ein Buch ab, aber diese zähe Klischeeansammlung konnte mich nicht annähernd begeistern.

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Veröffentlicht am 11.07.2021

Überfrachtet und oft zu distanziert

Effingers
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„Die Effingers“ lassen mich zwiegespalten zurück. Es ist eine grandiose Idee, die Geschichte von vier Generationen aus zwei Familien zu erzählen und diese so dicht mit der deutschen Geschichte zu verweben. ...

„Die Effingers“ lassen mich zwiegespalten zurück. Es ist eine grandiose Idee, die Geschichte von vier Generationen aus zwei Familien zu erzählen und diese so dicht mit der deutschen Geschichte zu verweben. Von 1878 bis 1948 begleiten wir die Effingers und Oppners und damit durch die wohl lebhaftesten Jahrzehnte der deutschen Neuzeit. Von 1933 bis 1950 schrieb Tergit an dem Buch und das erklärt vielleicht, warum die Nazizeit, die diesen beiden jüdischen Familien alles, auch das Leben, nahm, etwas knapp und manchmal hastig erzählt wird. Als die Autorin 1933 zu schreiben begann, warf das schreckliche Schicksal, das ihre Charaktere erwarten würde, zwar schon erste dunkle Schatten, war aber in seinem ganzen grauenvollen Ausmaß noch nicht absehbar. Das Ende hat mich in seiner lakonischen und doch eindringlichen Knappheit und dem Bogen, den es zum Beginn der Geschichte schlug, berührt und ergriffen.

Leider trifft das auf den Großteil des restlichen Buches nicht zu. Die Charaktere erreichten mich nur selten und viele Passagen zeichnen sich vor allem durch durch langatmige Nichthandlung aus. Während zu Beginn die beschauliche Welt der Effingers liebevoll und in herrlich bildhaftem Schreibstil beschrieben wird, ändert sich das schon sehr bald. Immer neue Charaktere bevölkern die Szenerie - Familie, Dienstboten, Angestellte, Kollegen, Bekannte … es wird ziemlich voll auf den Buchseiten und so bleiben viele Charaktere recht blass. Hinzu kommt die seltsam distanzierte Erzählweise. Fast 300 Seiten lang plätschert die Geschichte vor sich hin. Seitenlange Beschreibungen von Menüs, Kleidung und Einrichtung, aber kaum Leben. Paare begegnen sich bei einer Abendgesellschaft, erklären sich am folgenden Tag emotionslos ihre Liebe und heiraten. Manch eine Beziehung birgt erzählerisches Potential, das so gut wie nie ausgeschöpft wird. Wir erfahren kaum je, wie sich diese Beziehungen entwickeln, alles verläuft im immer selben Kreislauf: Kennenlernen, heiraten, Haus einrichten. Die Wohnzimmereinrichtung erfährt mehr Beachtung als die Verhältnisse zwischen den Eheleuten. War es zu Beginn noch unterhaltsam, die authentisch und informiert geschilderten Lebenswelten des Großbürgertums kennenzulernen, erschöpfte sich der Neuigkeitswert mit jeder Wiederholung. An wichtigen Themen wurde zudem zielsicher vorbeigeschrieben. So wird zweimal in einem Nebensatz erwähnt, daß ein Familienmitglied ein Kind hat, das wohl entwicklungsverzögert und in einer „Anstalt“ ist. Mehr erfahren wir aber nicht und plötzlich ist da einem sechzehnjährigen, munterer Sohn, der plötzlich Teil der Geschichte ist. Ist das das zuvor erwähnte Kind? Wir erfahren es nicht. Welchen Sinn hatten die Bemerkungen über das Kind? Wir erfahren es nicht. Auch sonst tauchen Kinder wie aus dem Nichts auf; gerade wird sich zur Heirat entschlossen, plötzlich ist es fünf Jahre später und wir begegnen ohne Einführung neuen Namen und fragen uns: „Wer ist das?“. Ich hatte oft den Eindruck, daß erhebliche Passagen gekürzt wurden (der Roman wurde in früheren Ausgaben tatsächlich gekürzt - ob das hier auch der Fall ist, ist nirgendwo vermerkt), denn es ist ein Wirrwarr aus plötzlich auftauchenden und verschwindenden Charakteren. Andere Charaktere begleiten uns über Jahrzehnte, dann wird ihr Tod irgendwann in einer flüchtigen Nebenbemerkung erwähnt. Eine Ehefrau verläßt ihren Mann, in der nächsten Szene wohnen beide wieder zusammen. Immer sind es solche Momentaufnahmen, die recht ungeordnet zusammengeworfen werden, zu selten erfahren wir Zusammenhänge und Emotionen und so bleiben einem die Familienmitglieder oft fremd.

Ab etwa der Mitte, mit Beginn des Ersten Weltkriegs, nimmt das Buch abrupt Abschied von der Gemächlichkeit des Familienlebens und stürzt sich in eine stakkatohafte Erzählweise, die uns mit Charakteren und Nebencharakteren überschüttet, und zu viel nebensächlich behandelt. Die zuvor ausschweifenden Menü-, Kleider- und Möbelbeschreibungen werden größtenteils von ebenfalls viel zu ausschweifenden politischen Diskursen ersetzt. Seitenlange politische Abhandlungen finden sich hier, und erneut treten die Charaktere zurück. Das ist insbesondere deshalb bedauerlich, als zwischendurch herrlich geschilderte historische Begebenheiten zeigen, was für ein grandioses Buch dies hätte werden können, wenn die Fokussierung besser gewesen wäre. Auch beim Schreibstil schwankte ich - es gab Passagen von berührender Eindringlichkeit, von sprachlicher Eleganz neben anderen Passagen, die stilistisch richtig schlecht waren. Manchmal hatte ich das Gefühl, zwei Leute hätten dieses Buch geschrieben, so sehr war ich beim Lesen ständig hin- und hergerissen.
Und so weiß ich nicht, was ich von dieser Lektüre halten soll. Ich hätte gerne mehr Zugang zu den Charakteren bekommen, und m.E. hätte es der Geschichte gutgetan, sie nicht so sehr zu überfrachten und ausschweifend wiederholende Passagen durch eine sorgfältigere Behandlung der Charaktere und ihrer Geschichten zu ersetzen. So bleibt das Gefühl des verschenkten Potentials.

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