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Veröffentlicht am 01.02.2026

Originelle Idee mit starkem Anfang, aber dann ...

Tödliches Angebot
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„Tödliches Angebot“ gefiel mir gleich zu Beginn insbesondere durch die originelle Idee, den frischen Schreibstil und das flotte Erzähltempo. Manche dieser Punkte blieben bis zum Ende erhalten, andere ließen ...

„Tödliches Angebot“ gefiel mir gleich zu Beginn insbesondere durch die originelle Idee, den frischen Schreibstil und das flotte Erzähltempo. Manche dieser Punkte blieben bis zum Ende erhalten, andere ließen leider nach. Insgesamt haben die Einstufung als Psychothriller und der Anfang des Buches Erwartungen bei mir geweckt, die nicht gehalten wurden.
Das erste Drittel ist hervorragend. Margo begegnet uns als Ich-Erzählerin und das gibt dem Buch eine besondere Note, denn Margo hat ganz gehörig einen an der Waffel, findet sich selbst aber offensichtlich völlig normal. Und so erfahren wir das Geschehen aus ihrer reichlich verqueren Sicht. Im lockeren Plauderton, mit ein wenig trockenem Humor, berichtet sie uns ihre Gedanken und Handlungen, als ob sie von einem netten Einkaufsbummel erzählt. Alles locker-flockig, sie sieht sich völlig im Recht und das liest sich auf eine seltsame Art vergnüglich, obwohl Margo eine grauenvolle Person ist. Ein guter Kniff, die Ich-Erzähler-Perspektive zu wählen.
Der auf positive Art leichte Schreibstil trägt dazu bei. Die überwiegend ausgezeichnete Übersetzung transportiert diesen Stil gelungen ins Deutsche und war ebenfalls fast immer angenehm zu lesen. Nur mit Redensarten/Begriffen aus der Populärkultur scheint die Übersetzerin nicht vertraut zu sein, denn diese ergeben in der von ihr gemachten wörtlichen Übersetzung keinen Sinn und sorgen für Momente des Stirnrunzelns. Dies waren aber nur einzelne Sätze; wesentlich mehr wurde mein Lesevergnügen durch den albernen, artifiziellen Begriff „Studierende“ beeinträchtigt.
Wir sind gleich mitten in der Geschichte drin, sehr erfreulich, und ich habe es genossen, wie Margo sich an die Hauseigentümer heranarbeitet. Hier – im o.e. ersten Drittel – las ich gebannt, genoss die Begegnungen und Unterhaltungen, und war gespannt, wie sich dieser Umgang psychologisch zuspitzen wird. Alle Weichen für ein tolles Psychoduell waren gestellt. Ich war sicher, endlich mal wieder einen guten Psychothriller gefunden zu haben – es gibt leider so wenige, die den Namen verdienen. Aber nach dem ersten Drittel stellte sich heraus: „Tödliches Angebot“ ist leider doch keiner von diesen.
Nach diesem flotten, unterhaltsamen und spannenden ersten Drittel wird es sehr lange sehr zäh. Wir erfahren viele Nebensächlichkeiten, darunter Rückblicke in Margos Vergangenheit, die wahrscheinlich erklären sollen, warum sie so geworden ist, die aber ziemlich dröge und einfach gestrickt sind, außerdem den Erzählfluss eher unterbrechen. Auch die Einblicke in ihren Arbeitsalltag tragen nur ganz am Rande zur Geschichte bei und wären in dieser Ausführlichkeit nicht nötig gewesen. Dann beginnt sie mit Recherchen, die ihr bei der Erreichung ihres Zieles helfen sollen, und die sind nun wirklich außerordentlich zäh. Die Geschichte verliert sich darin und damit verliert sie leider auch ihren eigentlichen Fokus. Das hätte man alles so viel kürzer fassen können. Von Psychothriller kann hier auch schon längst keine Rede mehr sein.
Zum Ende hin schwenkt die Geschichte dann noch mal um. Die Ehe zwischen Margo und ihrem farblosen Mann Ian fand ich von Anfang an nicht sonderlich gut erzählt. Sie wirkte konstruiert, nicht glaubhaft. Das war anfänglich noch verschmerzbar, weil das Thema keine sonderlich große Rolle spielte, dann aber wird es abrupt relevant und leider noch konstruierter. Alles, was mit Margos Ehe zu tun hat, fand ich von der Autorin nicht gut umgesetzt.
Auch das Ende hat mir leider nicht gefallen. Es bringt eine überraschende Wendung mit sich, das muß man der Autorin lassen. Diese Wendung ist, wie vieles in dem Buch, durchaus originell. Aber abgesehen davon, daß sie ebenfalls konstruiert und ziemlich unglaubwürdig ist, hat sie auch etwas Plattes. Dieser letzte Teil ist überzogen und hat keinerlei Raffinesse. Das erwartete Psychoduell ist einfach verpufft. Aus dieser Grundidee hätte man sehr viel mehr machen können.
Und so bleibt „Tödliches Angebot“ eine originelle Idee, bei deren Umsetzung es leider hapert, die aber immerhin einen durchweg frisch-leichten Schreibstil, einige psychologisch interessante Elemente und eine ungewöhnliche Protagonistin bietet.

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Veröffentlicht am 16.01.2026

Optisch eine Freude

Zwischen den Welten
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Das Buch weiß schon auf den ersten Blick durch sein ungemein gelungenes Titelbild zu verzaubern und einen hervorragenden Eindruck von der im Inneren zu erwartenden Bildqualität zu geben. Auch das Format ...

Das Buch weiß schon auf den ersten Blick durch sein ungemein gelungenes Titelbild zu verzaubern und einen hervorragenden Eindruck von der im Inneren zu erwartenden Bildqualität zu geben. Auch das Format erfreut – die Seiten sind quadratisch, was ich ungewöhnlich und sehr ansprechend finde, die Größe gefällt mir ebenfalls. Zusammen mit dem festen Einband hat man hier umgehend einen wertigen Eindruck. Ich habe es genossen, dieses Buch in Händen zu halten. Auch der Preis ist für das, was man erhält, mehr als in Ordnung. Schade ist, dass es in einer Plastikverpackung ausgeliefert wird. Eine solche ist bei Büchern völlig unnötig und somit vermeidbarer, überflüssiger Plastikmüll. Das ist nicht nur an sich ärgerlich, sondern auch im Hinblick auf die recht ausführliche Erklärung zum Thema Umweltschutz, die sich auf der Verlagswebsite befindet und die darlegt, welch ein Anliegen dem Verlag Umweltschutz ist. Dort steht u.a. „Bücher und Briefe versenden wir ohne Plastik.“

Die angenehme optische Gestaltung setzt sich auch im Buch fort. Jedes Foto nimmt den Großteil einer Seite ein, manche Fotos ziehen sich über eine Doppelseite. Man kann die Fotografien also in erfreulicher Größe genießen – und ein Genuss sind sie wirklich. Gelegentlich finden sich Zitate, die ausgezeichnet zu den jeweiligen Motiven passen und in ansprechender Schrifttype und Farbe dargeboten werden. Die Fotos selbst sind ausgezeichnet! Annie Bertram versteht ihr Handwerk. Die Motive sind toll gewählt, die Blickwinkel und gesetzten Akzente künden von einem guten Blick und jedes Bild strahlt Atmosphäre aus. Wie das Vorwort schon sagt, jedes Bild erzählt seine eigene Geschichte. Ich habe mir für das Durchblättern viel Zeit genommen, bin bei jedem Bild verweilt, habe mir die dahinterliegenden Geschichten vorgestellt, bin in der Atmosphäre versunken. Die Bildunterschriften verraten hin und wieder etwas über den entsprechenden Ort, sind aber in der Hinsicht knapp gehalten und ziemlich vage. Hier stehen die Fotografien und die Stimmung im Vordergrund, nicht die Informationen. Ein wenig enttäuscht war ich trotzdem, dass man fast nie erfährt, um welches Gebäude es sich eigentlich handelt. Auch Ortsangaben, die über Länder oder Gegenden hinausgehen, gibt es kaum. Das finde ich schade, ebenso wie die Tatsache, dass es sehr Italien-lastig ist. Nichts gegen Italien, aber bei „Verlassene Orte in Europa“ hatte ich mir – auch wenn der Titel faktisch richtig ist – mehr Ländervielfalt erwartet. Letztlich funktioniert die Mischung aus aussagekräftigen, eindringlichen Fotografien und eher sparsamen Informationen aber natürlich auch und lässt Raum für eigene Gedanken, Interpretationen.

Jeder Bildunterschrift ist ein passender Begriff vorgestellt, wie „Salve“, „Rotunde der Wütenden“ oder „Blue Chapel“ – auch das schafft und unterstützt das Stimmungsvolle der Fotografien. Warum die Mehrzahl dieser Begriffe auf Englisch ist, erschließt sich mir nicht, auch war ich etwas verdutzt, dass ein Zitat von Konfuzius auf Englisch wiedergegeben wird. Englischsprachige Zitate sind nachvollziehbar, wenn es sich beim Original um Englisch handelt, aber warum das chinesische Original ins Englische und nicht ins Deutsche übersetzt wurde, ist nicht nachvollziehbar.
Insgesamt finde ich sowohl die Zitate wie auch die Bildunterschriften aber gelungen – jedenfalls abgesehen von dem großen Manko des unglaublich schlampigen Lektorats. Es gibt eine bunte Mischung zahlreicher Fehler, die sowohl von erheblicher Unachtsamkeit wie auch Unkenntnis grundlegender Schreibweisen künden. Symptomatisch war die Stelle mit gleich drei Fehlern in zwei Wörtern (davon allein zwei in einem Wort!): „While a dissapear“, oder die Seite mit lauter falschen Apostrophs und Stellen wie „ANNIE’sPortfolio“, also mit falschem Apostroph und fehlendem Leerzeichen direkt hintereinander. Das ist in dieser Häufung nicht akzeptabel, hat mir das Lesen der eigentlich ansprechenden Texte ziemlich verleidet und zeugt von äußerst geringer Sorgfalt. Wenn nur ein bis zwei Sätze auf einer Seite stehen, ist es eine Kleinigkeit, diese so Korrektur zu lesen, dass sie fehlerfrei sind (und die reinste Negativleistung, so viele Fehler zu übersehen). Das ist besonders schade, weil es das Vergnügen an den Texten beeinträchtigt, die an sich eine exzellente Begleitung der Fotografien darstellen. Sie berichten ein wenig über die jeweiligen Gebäude, gelegentlich persönliche Eindrücke, sogar ein wenig Familiengeschichte, haben teils auch eine schöne, melancholische Atmosphäre, die gut zu den Motiven passt.

Es ist schade, dass das schlechte Lektorat einen solch großen Wermutstropfen darstellt, denn abgesehen davon ist „Zwischen den Welten“ ein herrliches Buch: wertige, liebevolle optische Gestaltung, unaufdringliche und erfreuliche Textbegleitung durch Bildunterschriften mit persönlicher Note und gut gewählte Zitate, gekrönt von stimmungsvollen, gekonnten Fotografien.

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Veröffentlicht am 22.09.2025

Durchdachte, facettenreiche Waldreise mit herrlichen Bildern

THE WOODS
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Das Buch „The Woods“ macht schon auf den ersten Blick einen hochwertigen Eindruck, der sich beim Lesen immer wieder bestätigt. Es kommt in einer Kartonverpackung mit einer Abbildung des Umschlag daher, ...

Das Buch „The Woods“ macht schon auf den ersten Blick einen hochwertigen Eindruck, der sich beim Lesen immer wieder bestätigt. Es kommt in einer Kartonverpackung mit einer Abbildung des Umschlag daher, die hübsch aussieht, aber m.E. entbehrlich ist. Der Buchumschlag selbst ist äußerst aufwändig gestaltet, sowohl visuell wie auch haptisch und vom Material her. Er erinnert gelungen an das Holz eines Baumes.

Das Einzige, was den ausgezeichneten ersten Eindruck stört, ist der englische Titel. „The Woods“ heißt das Buch, obwohl es keineswegs nur um amerikanische oder englische Wälder geht – im Gegenteil, die kulturellen Bezüge sind überwiegend auf deutsche Wälder ausgerichtet, ebenso zeigen die meisten der Fotografien deutsche Wälder. Warum also nicht „Die Wälder“, was außerdem noch viel weicher und angenehmer klingt? Keine Ahnung. Für den englischen Titel gibt es keinen nachvollziehbaren Grund, abgesehen von dem albernen Trend, Bücher und Filme englisch zu betiteln. Schade. „Die Wälder“ wäre ein aus so vielen Gründen besserer Titel gewesen.

Es gibt an diesem Buch viel zu loben, aber erst noch das zweite Manko: der hohe Preis. Wie bereits erwähnt, ist das Buch hochwertig gestaltet und das hat natürlich seinen Preis. Aber ich habe viele hochwertig gestaltete Bildbände (mit zudem mehr farbigen Fotos, also teurerer Herstellung), von denen keiner auch nur annähernd so viel gekostet hat. Man bekommt für das Geld zweifellos ein tolles Buch, aber 80 Euro finde ich im Vergleich zu anderen, ebenfalls hochwertigen Produkten zu viel. Ich bekam das Buch als Rezensionsexemplar – gekauft hätte ich es für diesen Preis niemals. Für einen nachvollziehbareren Preis würde ich es durchaus als Geschenk für jemanden kaufen.

Nun aber zu den positiven Seiten. Alles in diesem Buch verrät Sorgfalt und durchdachte Konzeption. Ausgesprochen beeindruckend und im Ergebnis überzeugend. Das fängt mit dem bereits erwähnten Umschlag an, der absolut ein Alleinstellungsmerkmal bietet und für manche eventuell auch den Preis des Buches rechtfertigen mag. Das Format ist ebenfalls beeindruckend – die großen Seiten bieten viel Raum für die herrlichen Fotos. Diese sind eine absolute Freude! Ich habe mir nach Durchsicht des Buches schon zwei weitere Bücher des Fotografen auf meine Wunschliste gesetzt. Hier wird Natur mit Können und Hingabe abgebildet, einfach wundervoll! Die Fotos sind sehr stimmungsvoll, arbeiten geschickt mit den Lichtverhältnissen und dem Wetter, gerade der zarte Dunst des frühen Morgens oder eines kühlen Tages wird oft in Szene gesetzt und läßt viele Bilder mystisch wirken. Die Vielfalt des Waldes findet sich in der Vielfalt der Motive. Ein Genuss.

Manche Bilder werden mit Zitaten versehen, die in großer Schreibschrift visuell ansprechend passende Motive begleiten. Eine schöne Idee und auch die Zitate sind vielfältig und toll mit den Motiven abgestimmt.

Das Buch ist kein reiner Bildband, sondern eine gelungene Mischung aus einem solchen und einem Sachbuch. Hier finden sich eine ganze Menge Informationen zu allen möglichen Aspekten des Waldes. Für mich als Geschichtsfan war es eine herrliche Überraschung, einen ausführlichen Teil über die geschichtlichen Hintergründe zu finden. Gelungen und zugänglich wird hier erzählt, wie sich die Beziehung zwischen Mensch und Wald über Jahrtausende wandelte. Es folgen Informationen über den Lebenskreislauf, das Netzwerk der Natur, über die Heilwirkungen von Waldgewächsen und auch darüber, wie heilsam und wohltuend der Wald auf uns wirken kann. Eine vielfältige Mischung also, die zu überzeugen weiß. Auch hier wurde visuell sorgfältig konzipiert, das Ergebnis gefiel mir allerdings nur teilweise. Ansprechend sind die grünen Seiten, welche die Waldatmosphäre aufrechterhalten. Die kleinen Einführungsabsätze vor den jeweiligen Kapiteln sind leider in Weiß und kursiv geschrieben. Das sieht vor dem Grün zwar sehr ansprechend aus, ist aber schwer zu lesen. Der Haupttext der Kapitel wird uns in schmalen Spalten dargeboten, die unterschiedliche Höhen haben. Ob hier die Bäume eines Waldes visuell angedeutet werden sollten? Eine schöne Idee, aber leider nicht lesefreundlich. Die schmalen Spalten an sich sind schon nicht wirklich angenehm zu lesen, die unterschiedliche Höhe läßt in Verbindung mit ebendiesen schmalen Spalten das Auge zu viel umherspringen, was den Lesefluss stört. Das ist nicht so dramatisch, daß es ein großes Manko darstellen würde, aber es brachte doch einen kleinen Wermutstropfen hinein. Auch sieht das generell unruhige Layout für mich nicht ansprechend aus.

Inhaltlich kann ich aber nur loben. Der Schreibstil ist erfreulich, hier wird kompetent mit Sprache umgegangen (und zum Glück fehlt anders als beim Titel überflüssiges Denglisch) und gut formuliert. Der Text ist zugänglich, Komplexes wird verständlich formuliert und nirgendwo verliert er sich in übertriebenen fachlichen Details. Es gibt eine Fülle an Informationen, deren Lektüre durch den guten Schreibstil Freude macht.

Am Ende hat man hier eine Waldreise aus Bild und Schrift gemacht und den Wald so aus vielen Perspektiven kennengelernt, die sich zu einem harmonischen Ganzen fügen. Schon bei meiner ersten Waldwanderung seit Beginn der Lektüre bin ich anders durch meinen geliebten Wald gegangen – noch ein wenig aufmerksamer.

Ganz zum Schluß finden sich sowohl Literaturvorschläge wie auch die (ungefähren) Ortsangaben zu den Fotos. Die hätten für mich manchmal präziser sein können, denn bei manchen Motiven hätte ich gerne nach Wandertouren gesucht, aber das ist nur meine ganz persönliche Präferenz. Für den Fokus des Buches waren die Angaben völlig ausreichend und auch hier zeigt sich das Durchdachte: sie wurden nicht direkt auf die jeweilige Bildseite geschrieben, sondern am Ende gesammelt aufgeführt. So blieb der Bildteil frei für das rein Visuelle und zu den Bildern passende Kommentare.

Ein liebevoll gestaltetes, hochwertiges und informationsreiches Buch, das in vielerlei Hinsicht zu erfreuen vermag!

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Veröffentlicht am 03.07.2025

Eine Reise durch die Welt der Bücher - nicht ganz so persönlich wie erwartet

Einfach Literatur
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Die Beschreibung des Buches hat mich als Literatur- und Antiquariats-Begeisterte gleich angesprochen. Mich reizte der sehr persönlichen Ansatz eines Menschen, der sein Leben den Büchern gewidmet hat und ...

Die Beschreibung des Buches hat mich als Literatur- und Antiquariats-Begeisterte gleich angesprochen. Mich reizte der sehr persönlichen Ansatz eines Menschen, der sein Leben den Büchern gewidmet hat und sicher Empfehlungen geben würde, die über das Übliche hinausgehen würden (was, soviel nehme ich vorweg, leider nicht der Fall war).

Der Einband des Buches ist ansprechend, erinnert ein wenig an eine nostalgische Tapete, ist schlicht und dadurch stilvoll. Auch der Titel ist gelungen.

Die Einführung von Willbrands Co-Autorin Daria Razumovych paßt hervorragend zu der persönlichen Perspektive und stellt den passionierten Antiquar und Leser Klaus Willbrand auf warmherzige, bildhafte Weise vor. Ich kannte ihn bisher nicht und las mit Genuss von der Freundschaft der beiden, das verbindende Element Buch und einer Art des Influencings, die sogar ich hervorragend finde. Eine ungewöhnliche, anrührende Geschichte, von Razumovych in angenehmem Stil verfasst.

Der Einführung folgt eine Mischung aus Willbrands Lebensgeschichte und seinen Leseempfehlungen. Die Lebensgeschichte ist in einem gut lesbaren Plauderton gehalten, man fühlt sich, als ob man sie in einem gemütlichen Gespräch erzählt bekommt. Das hat mir gefallen, auch die Erlebnisse selbst waren interessant. Davon hätten es ruhig noch mehr sein können – allerdings ist der Autor bedauerlicherweise während der Arbeit am Buch gestorben, vielleicht ist das eine Auswirkung davon.

Die Buchempfehlungen waren für mich leider eine gemischte Erfahrung. Zunächst einmal gehen sie nur in ganz seltenen Fällen über das hinaus, was man in so ziemlich jeder „Diese Bücher sollte man gelesen haben“-Auflistung findet. Ich hatte mir wesentlich mehr Originalität erwartet (und leider ist auch hier Walter Kempowski, einer der wichtigsten Roman-Chronisten des 20. Jahrhunderts, komplett ignoriert worden). Die Auswahl ist leider ziemlich einfallslos und ich habe hier so gut wie nichts Neues erfahren.

Auch inhaltlich überzeugten mich viele der Empfehlungen nicht. Ein stilistisches Ärgernis sind die Gendersternchen. Ganz abgesehen von der Leseunfreundlichkeit und der künstlichen, unschönen Wirkung auf die Sprache sowie der Tatsache, daß ein Großteil der Bevölkerung diese Konstruktion ablehnt, paßt es einfach nicht zu einem über 80jährigen Herrn. Ich habe mir extra einige der Videos angesehen, um herauszufinden, ob Klaus Willbrand vielleicht ungewöhnlicherweise ein passionierter Gendersternchenbenutzer war – nein, in den Videos spricht er ganz normal. Und so wirkt diese sprachliche Verballhornung außerdem oktroyiert oder zumindest unauthentisch.

Eine inhaltliche Enttäuschung war für mich die Formulierung vieler der Empfehlungen. Anstatt der ganz persönlichen Eindrücke Willbrands, einiger Anekdoten, seinem eigenen Blick gibt es in den meisten der Empfehlungen trockene Texte, die an Wikipedia erinnern. Lebensdaten, ein wenig Biographisches und Zusammenfassungen der wesentlichen Werke des jeweiligen Autors, so liest sich das meistens – und enttäuscht damit. Dann gibt es vereinzelt geradezu lieblos wirkende Texte, wie die gerade mal halbe Seite über Gabriele Wohmann – Zeilen, in denen absolut nichts auf diese Autorin neugierig macht oder dem Thema „Eine Einladung“ entspricht, denn da ist nichts Einladendes. Es war auch einer der Einträge, bei denen ich mich fragte, was Willbrand dazu bewogen hat, diese Empfehlung ins Buch aufzunehmen – oft hatte ich nämlich das Gefühl, der übliche Kanon würde einfach abgearbeitet, und genau das wollte dieses Buch doch nicht tun. Eine ausgezeichnete Idee war es dagegen, mit Fettdruck einige Zitate Willbrands über die jeweiligen Autoren hervorzuheben, das bot etwas von der persönlichen Note und fasste Autor und Werk treffend zusammen.

Neben diesen Texten gab es aber auch ganz herrliche Empfehlungen, die all das hatten, was ich mir eigentlich allgemein erwartet hatte. Der Eintrag über Proust ist z.B. so persönlich, so liebevoll und anerkennend, hat eigene Erlebnisse, daß es eine Freude war, diesen zu lesen. Auch z.B. im Eintrag über Joyce blitzt so viel Persönliches durch. Schade, daß diese passionierten, lebensnahen Empfehlungen in der Minderzahl sind, denn genau das wäre doch eigentlich die Trumpfkarte dieses Buches gewesen.

Das Buch endete mit einem erneut sehr persönlichen Nachwort Razumovychs, deren Schreibstil wieder zu erfreuen weiß. Man merkt die Zuneigung zu Willbrand und man erkennt, was für ein gutes Team die beiden waren. Die im persönlicheren Stil verfassten Beiträge Willbrands und allgemein der nahbare Stil Razumovychs lesen sich wundervoll und ich glaube, sie hätten noch viel bewirken können. So haben wir aber nun diesen Einblick, der zwar leider nicht in seiner Gesamtheit die erwartete persönliche Note hat, der aber dort, wo diese vorhanden ist, richtig Freude bereitet.

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Veröffentlicht am 20.06.2025

Geschichte eines interessanten Lebens mit etwas viel Drumherum

Anna oder: Was von einem Leben bleibt
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Henning Sussebach beschreibt in diesem Buch ein äußerst interessantes Projekt und berührt Fragen, die wohl jeden, der die eigenen Vorfahren recherchiert, beschäftigen. Oft hat man nur Namen, Daten, vielleicht ...

Henning Sussebach beschreibt in diesem Buch ein äußerst interessantes Projekt und berührt Fragen, die wohl jeden, der die eigenen Vorfahren recherchiert, beschäftigen. Oft hat man nur Namen, Daten, vielleicht ein paar Anekdoten und Erinnerungsstücke, und anhand dessen versucht man, sich Leben und Persönlichkeit eines Menschen vorzustellen, der schon lange tot ist. Der Autor beschreibt die Schwierigkeiten, die damit einhergehen, ehrlich und gut, manchmal etwas zu pathetisch und ausführlich. Er verfügt über wenige Informationen und es ist einerseits beeindruckend, was er durch weitere Recherche oder genaue Betrachtung herausfindet. Andererseits neigt er zur Überinterpretation, oder, wie er selbst schreibt, zum Überdeuten. Bei seiner anfänglichen Beschreibung von Annas Leben als Lehrerin schüttelte ich oft mit den Kopf und fragte mich, wie er zu dieser Interpretation kommt – später erklärt er mehrfach, Anna seine Interpretation oft zu stark übergestülpt zu haben.
Auch stellt er sich zahlreiche Fragen, sinniert häufig und leider auch wiederholend, was die Lektüre zumindest für mich anstrengend und oft ziellos machte.
Es handelt sich um einen Bericht, sowohl über Annas Leben wie auch über die Annäherung ihres Urgroßenkels an ebendieses Leben, den Versuch, aus Fakten die Person Anna zu rekonstruieren. Sussebach bedient sich hier einer Mischung verschiedener Informationsquellen, was mir ausgezeichnet gefallen hat. Es finden sich alte Fotos, vereinzelte Anekdoten, zitierte Korrespondenz, Hintergrundfakten über Annas Wohnorte, historische Informationen, Einblicke in die damalige Gesetzeslage, in Arbeitsbedingungen. So verwebt der Autor das persönliche Schicksal Annas mit der Welt ihrer Zeit und macht diese persönliche Reise auch zu einem Buch über die Entwicklungen des heutigen Deutschlands zwischen 1870 und 1932.
Das ist von der Idee her ausgezeichnet, von der Umsetzung sagte es mir nur teilweise zu. Das liegt überwiegend daran, daß die Geschichtsausführungen zu viel Platz einnehmen (und das sage ich als geschichtlich äußerst interessierte Person). Insgesamt 22 Seiten (also mehr als 10 % des Buches) bestehen aus einer Aufzählung von Jahreszahlen und Geschehnissen. An sich eine gute Idee, aber oft nehmen diese Aufzählungen eine ganze Seite (auch mal zwei Seiten) am Stück ein – derart lange Aufzählungsabschnitte sind nicht lesefreundlich. Hinzu kommen weitere, für den Rahmen zu ausführliche Abhandlungen. Die meisten diese Fakten sind geschichtlich einigermaßen informierten Menschen zudem bereits bekannt. Ich las mich in diesen Geschichtsausführungen seitenweise durch Dinge, die ich schon längst wußte. Interessant fand ich in dieser Hinsicht nur die Informationen aus der Dorfchronik. Es wäre m.E. wesentlich sinnvoller gewesen, sich auf die Hintergrundinformationen zu beschränken, die für Annas Leben relevant waren. Wann z.B. Tutanchamuns Grab entdeckt wurde oder wann van Gogh umzog ist im Zusammenhang des Buches weder interessant noch relevant.
Auch sonst neigt der Autor dazu, von allem etwas zu viel zu schreiben. So gibt es Auszüge aus Schulbüchern jener Zeit, in der Anna als Lehrerin arbeitete. Auch hier: tolle Idee, durchaus relevant, aber müssen es fast fünf Seiten davon sein?
Annas Urlaub in Salzuflen wird auf acht Seiten beschrieben, von denen sechs Seiten aus Zitaten aus Werbeprospekten, Veranstaltungshinweisen, Beschreibungen von Kuranwendungen u.ä. bestehen. Ich kann verstehen, daß der Autor versucht, die Umgebung, die Situationen, in denen er seine Urgroßmutter wußte, gedanklich heraufbeschwören, sich ein Bild schaffen möchte. Nur waren es für meinen Geschmack wesentlich zu viele allgemeine Informationen, versehen mit vagen Fragen und Überlegungen, was davon Anna wohl gesehen oder erlebt hat.
Das Buch ist da am besten, wo es sich Anna ohne großes Drumherum widmet, die Informationen betrachtet, die relevanten Hintergründe schildert. Annas Leben ist interessant und facettenreich. Es wäre nicht nötig gewesen, die vorliegenden Fakten durch endlose Fragen, erdachte Situationen und viel zu umfangreiche Hintergrundinformationen aufzupolstern. Seltsamerweise wird der Autor, der sonst gerne drei Sätze schreibt, wo einer ausgereicht hätte, an einer wichtigen Stelle wortkarg – Anna und Clemens Vogelheim möchten heiraten, der soziale Unterschied ist für Clemens‘ Familie nicht akzeptabel und so: „Also legen die Vogelheims ihr Veto ein.“ Hier hätte mich brennend interessiert, in welcher Form das geschah und woher der Autor diese Information hat. Aber er, der sonst vorbildlich erklärt, wie er zu seinen Informationen kommt, belässt es bei diesem Satz, der viele Fragen offenlässt.
Dafür sinniert er an späterer Stelle eine ganze Seite lang darüber, wie lang zwölf Jahre sind, mit einer Fülle an Beispielen, was in der Weltgeschichte alles schon zwölf Jahre lang gedauert hat. Das ist anfänglich eine gute Idee, aber wo zwei Beispiele gereicht hätten, stehen hier unzählige und schwächen dadurch den Vergleich. Das ist symptomatisch für das Buch.
Anstatt sich auf die vielversprechende und spannende Geschichte zu beschränken, gießt der Autor wesentlich zu viel Drumherum dazu. Annas Leben und Leistung steht für sich, es wäre nicht nötig gewesen, einen krampfhaften Bezug zur Frauenbewegung herzustellen. Es wäre nicht nötig gewesen, unzählige Ereignisse aufzuzählen, die mit Annas Leben nichts zu tun haben.
Sein Hinweis, daß man die Lebenswege früherer Zeiten nicht mit den Maßstäben der Gegenwart betrachten darf, ist wichtig. Es hätte aber gereicht, dies einmal dazulegen, nicht mehrere Male und nicht verbrämt mit allerlei philosophischen Gedanken.
Weniger Überinterpretation hätte den Lesern ermöglicht, sich ein eigenes Bild zu machen. Weniger Fragen und Wunschvorstellungen hätten das Wesentliche klarer für sich stehen lassen. Es ist ein äußerst persönliches Buch – das ist einerseits ehrlich und erfreulich, aber für mich, die ich etwas über Anna erfahren wollte, lenkte dies den Fokus von ihr weg und zu Sussebach hin.
Die Umsetzung hat mir also nur eingeschränkt zugesagt. Die Idee fand ich allerdings hervorragend und vieles, was der Autor berichtet, ist äußerst interessant, auch finde ich seine Recherche beeindruckend (zum Vorgehen hätten mich einige Seiten, vielleicht als Anhang, interessiert). Es hat Spaß gemacht, Anna kennenzulernen, sie hat mich beeindruckt, ihre Lebensumstände sind durch die Hintergrundinformationen gut in ihre Zeit eingebettet. Das Vorhaben, Anna dem Vergessen zu entreißen, ist m.E. absolut geglückt.

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