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Veröffentlicht am 09.08.2020

Detailreiche, warmherzige Geschichte mit vielen Themen

Die Wunderfrauen
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"Die Wunderfrauen" begleitet vier Frauen in Starnberg durch die Jahre 1953 und 1954. Es handelt sich um Frauen mit gänzlich verschiedenen Hintergründen und Charakteren - die bodenständige, aus der Gegend ...

"Die Wunderfrauen" begleitet vier Frauen in Starnberg durch die Jahre 1953 und 1954. Es handelt sich um Frauen mit gänzlich verschiedenen Hintergründen und Charakteren - die bodenständige, aus der Gegend stammende Luise; die materiell privilegierte Annabelle, durch ihre Ehe aus Münster hierher verschlagen; Helga, die rebellische Tochter aus gutem Hause und Marie, aus Schlesien vertriebene Gutbesitzertochter. Diese Vielfalt bietet Potential für zahlreiche Themen und Gesichtspunkte, und an Themenvielfalt mangelt es im Buch wirklich nicht.

Der Gedanke, diese unterschiedlichen Protagonistinnen zu nutzen, gefiel mir und es ist auch gut gemacht, daß sich ihre Blickwinkel abwechseln. Jedes Kapitel berichtet abwechselnd aus der Sicht einer anderen Frau und so erfahren wir manches Geschehnis auch aus verschiedenen Perspektiven. Das ist größtenteils gut gemacht, so wirkt manche Situation plötzlich ganz anders, wenn wir die zweite Perspektive erfahren, neue Hintergrundinformationen bekommen. Wir lernen so auch die Protagonistinnen auf verschiedene Art kennen, was ihr Bild oft abrundet. Manchmal führt diese Erzählweise zu Wiederholungn (die sich aber im Rahmen halten) und zu leichten Irritationen hinsichtlich des Zeitablaufs. An einer Stelle ist der Zeitablauf leider nicht plausibel, aber insgesamt finde ich diese Erzählweise gelungen und angenehm ungewöhnlich.

Auch der Schreibstil liest sich gut und leicht weg. Ein paar lokale Begriffe und Dialektwörter werden eingestreut, das passt gut. Nicht ganz mein Geschmack waren Erzähltempo und Gewichtung. Das Erzähltempo ist überwiegend gemächlich und detailverliebt. Gerade den Alltagsthemen und kleinen Anekdoten wird viel Zeit gewidmet. Das ist liebevoll gemacht und natürlich reine Geschmackssache, aber es ist nicht ganz mein Fall. Seitenweise Unterhaltungen über das Kuchenbacken, Musiktitel, Kaffeeklatschtratsch und ähnlichem, die für die Handlung nicht wirklich von Bedeutung sind und diese nicht weiterführen, finde ich persönlich zu viel. Ich habe mich doch leider an vielen Stellen gelangweilt, auch wenn anzuerkennen ist, wie viele lokale und historische Details die Autorin einarbeitet. Im letzten Drittel des Buches steigt das Erzähltempo ein wenig an, was mir besser gefallen hat.
Während also diese Alltagsthemen sehr viel Raum einnehmen, kommen viele relevante Themen für meinen Geschmack wesentlich zu kurz. Lebensverändernde Entscheidungen werden plötzlich und schnell getroffen, an einer Stelle habe ich sogar zurückgeblättert, weil ich dachte, ich hätte etwas übersehen. Ernste Themen, wie die Traumata aus den Kriegs-/Nachkriegserfahrungen werden in einem Bruchteil des Raumes abgehandelt, der Küchenvorgängen gewidmet wird. Ich war tatsächlich bei allen für mich interessanten Themen enttäuscht, wie kurz diese behandelt wurden.
Auch Probleme lösen sich für mich zu leicht, zu schnell. Es muß an keiner Stelle jemand wirklich etwas tun oder bewältigen, um ein Problem zu lösen, sondern es klärt sich immer von selbst, ob nun durch eine zur richtigen Zeit kommenden Erbschaft, einer plötzlichen kompletten charakterlichen Änderung oder jemandem, der unerwartet hilft. Als eine potentielle Entscheidung zwischen zwei Männern ansteht, bestimmt einer davon sich so plakativ schlecht, daß es auch hier keinen Konflikt gibt, sondern die Entscheidung sich praktisch von selbst trifft. Es gab keinen Punkt, an dem ich mir ernstlich Sorgen um jemanden oder eine Situation machen, mitfiebern mußte und damit nahm auch meine innere Beteiligung ab.

An einer Stelle im Buch sagt ein Fernsehhändler: "Stellen Sie sich vor, der Starnberger See und seine Geschichten in so einem Fernseher drin. Wäre das nicht pfundig?" und ein wenig kam mir das Buch auch wie eine öffentlich-rechtliche Vorabendserie vor: Alltagsgeschichten, keine tiefgehenden Probleme, rasche Lösung der kleinen Probleme. Das ist an sich nichts Schlechtes und es ist auch gut gemacht, nur hatte ich mir einfach etwas mehr Realismus und Tiefe erwartet.

Die Themenvielfalt habe ich schon erwähnt, man lernt hier eine ganze Menge über die 50er Jahre und auch über Starnberg. Es steckt viel Recherche in dem Buch, das merkt man auf jeder Seite angenehm. Viele der Themen sind gelungen in die Geschichte eingewoben, einige eher um ihrer selbst willen erwähnt, was sich beim Lesen auch bemerkbar macht. Es finden sich sowohl Themen zum Alltag und der Entwicklung der 50er, wie auch welche, die die Nazizeit betreffen. Durch diese Vielfalt fehlte mir dann aber die Tiefe ein wenig. Vielleicht wäre hier weniger mehr gewesen, dann hätten gerade die von Natur aus tiefgehenderen Themen auch die ihnen angemessene Beachtung erfahren können.

Die Atmosphäre ist gut getroffen - Luises Laden ist der Dreh- und Angelpunkt, hier finden fast alle wesentlichen Entwicklungen statt und so wächst er einem ans Herz, ebenso wie einem Starnberg immer vertrauer wird. Und auch die vier Frauen lassen einen beim Lesen nicht kalt. Manche mag man mehr, manche weniger, was auch für ihre jeweiligen Partner gilt, alle entwickeln sich weiter. Es ist gut gemacht, wie diese Personen uns Stück für Stück bekannter werden. Die für mich interessanteste Person, Marie, fand leider wenig Raum, aber ihre Szenen gehören dafür für mich zu den besten den Buches. Eine davon habe ich sogar mehrfach gelesen, weil sie in ihrer Schlichtheit so eindringlich war.

So sind "Die Wunderfrauen" ein mit Hingabe geschriebenes Buch mit großer thematischer Vielfalt und einem gewissen "Zuhausewohlfühlfaktor", dessen Erzählweise und Gewichtung mir persönlich leider nicht uneingeschränkt zusagte und bei dem mir auch die Tiefe etwas fehlte, das aber sicher viele Leser mit seiner Warmherzigkeit erfreuen kann.

  • Cover
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Veröffentlicht am 20.07.2020

Ausgezeichnet geschriebener Blick in eine DDR-Familie

Ab jetzt ist Ruhe
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„Ab jetzt ist Ruhe“ hat mich von der ersten Seite in seinen Bann gezogen, was an dem so lebendigen und gelungenen Schreibstil liegt. Ich hatte beim Lesen fast das Gefühl, bei Braschs im Wohnzimmer zu sitzen. ...

„Ab jetzt ist Ruhe“ hat mich von der ersten Seite in seinen Bann gezogen, was an dem so lebendigen und gelungenen Schreibstil liegt. Ich hatte beim Lesen fast das Gefühl, bei Braschs im Wohnzimmer zu sitzen. Marion Brasch erweckt ihre Familiengeschichte, ihre Eltern und Geschwister wirklich zum Leben. Ich muß gestehen, daß ich vor dem Buch noch nie von der Familie gehört habe, so daß ich recht unbedarft an die Geschichte heranging.
Der erste Teil des Buches findet während Marion Braschs Kindheit statt und der Familienverband spielt hier eine sehr starke Rolle. Ich fand gerade die Geschichten der Eltern faszinierend. Beide wurden während der Nazizeit von ihren jüdischen Eltern nach England geschickt, der Vater wurde im Laufe der Jahre zum überzeugten Kommunisten und ging nach dem Krieg in die DDR; seine Frau folgte ihm mit recht wenig Begeisterung und fühlte sich in dem bedrückenden, einengenden Land nie wohl. Diese Dynamik zwischen den Eltern und auch das Festhalten des Vaters an der herrschenden Ideologie, obwohl er deren dunkle Seiten immer wieder am eigenen Leib erlebt, sind ausgesprochen interessant. Die Lebenswege der Eltern sind so ungewöhnlich, so vielseitig und in vielem auch sehr tragisch. Auch kurze Rückblicke auf die Großeltern lesen sich spannend – gelebte Zeitgeschichte!

Ein Teil der Tragik ist das Verhältnis zu den drei Söhnen, Marion Braschs Brüdern, die sich alle gegen das System DDR wenden, obwohl sie das Land DDR durchaus lieben. Wenn der Vater den eigenen Sohn anzeigt und das Verhältnis des Vaters zu seinen Söhnen einem ständigen Auf und Ab unterliegt, weil er seine Söhne zwar liebt, aber diese Gefühle seiner Ideologie unterordnet, dann ist das tief berührend, oft schmerzhaft, gerade auch, wenn man dann den Lebensweg dieser drei Söhne betrachtet, die alle drei Alkohol- und teilweise Drogenmissbrauch betrieben und früh starben. Wir erfahren diese Konflikte durch Marion Braschs Augen, die all dies anfänglich als Kind wahrnimmt und uns deshalb auch entsprechend vage und oft unvollständig berichtet, manches klingt fast harmlos, weil sie als Kind die ganze Wucht nicht erfassen konnte. Das ist einerseits eine authentische Herangehensweise, andererseits fehlten mir dadurch einige Aspekte, war mir manches zu vage. Doch gelingt es der Autorin durchaus, uns tief in die Familiendynamik hineinzuführen und uns den Schmerz, das Unausgesprochene, den Konflikt zwischen Politik und familiärer Zuneigung spüren zu lassen. Das habe ich selten so gut gelesen. Die innerfamiliären Momente sind die stärksten Stellen dieses Buches.

Der Schreibstil ist, wie erwähnt, ansprechend, wechselt gekonnt zwischen Tragik und Humor; sogar in eigentlich herzzereißenden Situationen lockert eine trockene Bemerkung die Szene oft auf. Diese Familie wirkt eben so lebendig, weil wir sie in all ihren Facetten erleben. Das Buch liest sich leicht, fast wie im Plauderton, so, wie Marion Brasch ihre Geschichte vielleicht an einem Abend einigen Freunden erzählen würde. Ein wenig irritierend fand ich ihre Angewohnheit, Namen zu vermeiden. Das klappt bei den Brüdern (die hier nur als jüngster, mittlerer und ältester Bruder auftreten) gut, wirkt sonst aber oft verkrampft. So spielt die Ausbürgerung Biermanns eine durchaus wichtige Rolle, er wird aber beharrlich als „Sänger mit dem Schnurrbart“ bezeichnet, wie auch sonst Personen oft nur als „Gitarrist mit der großen Nase“, „Schauspielerin mit der kindlichen Stimme“ etc. bezeichnet werden. Auch Filme werden nie beim Namen genannt und das führt dort zu etwas verkrampften Formulierungen, z.B. wenn Katharina Thalbach davon berichtet, daß sie eine Rolle in „Die Blechtrommel“ gespielt hat, und sich das im Buch dann so liest: „Die Freundin meines Bruder (…) erzählte (…) mir von dem Film, in dem sie eine Hauptrolle gespielt hatte und der jetzt einen Preis nach dem anderen gewann. Der Preis erzählt die Geschichte (…). Der Junge hieß Oskar, genauso wie der Preis, für den der Film nominiert werden sollte.“ Ich weiß nicht, ob Marion Brasch um jeden Preis Namedropping vermeiden wollte oder es ihr darum ging, ihre kindliche Sichtweise zu schildern (obwohl sie bei vielen diesen Szenen schon längt erwachsen ist) oder ob es einen anderen Grund hatte, aber mir gingen diese Vermeidung von Namen und die damit einhergehenden umständlichen Formulierungen ein wenig auf die Nerven.

Während die erste Hälfte des Buches mich absolut gebannt hat, gab es in der zweiten Hälfte doch mehrere für mich langatmige Passagen. Die Autorin will auch ihre Geschichte erzählen, das ist verständlich, aber ihre Geschichte ist nicht sonderlich interessant, da sie sich nicht viel von denen anderer junger Leute unterscheidet. Erste Wohnung, Trampurlaube, Parties, Liebeleien – das wirkt im Vergleich zur faszinierenden Familiendynamik blass, oberflächlich und eben auch langatmig, insbesondere weil sie solche banalen Szenen minutiös berichtet. Auch ihre diversen Männergeschichten werden recht uninspiriert heruntererzählt, die jeweiligen Männer bleiben konturlos und tragen überhaupt nichts zur Geschichte bei. Da hätte ich mir viel mehr Raum für die Schilderung der Familienverhältnisse gewünscht, die an der Stelle ein wenig zurücktreten. Immer, wenn die Autorin zu Vater und Brüdern zurückkehrt, gewinnt das Buch die alte Eindringlichkeit zurück.

Bei einer Fokussierung auf diese Thematik wäre das Buch für mich ein 5-Sterne-Buch mit Sternchen geworden, denn die Autorin hat die ungemein interessante Thematik gekonnt umgesetzt. Aber auch so war es trotz einiger Längen eines der erfreulichsten Bücher, die ich dieses Jahr gelesen habe und das mir in herrlichem Schreibstil viele Informationen über das Leben einer solchen Familie, die Generations- und Ideologiekonflikte in der DDR gegeben hat.

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Veröffentlicht am 09.07.2020

Durch falsche Gewichtung leider belanglos

Die Welt war so groß
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Das Buch beginnt recht eingängig mit vier ehemaligen Collegestudentinnen, die nach 20 Jahren zum Klassentreffen nach Radcliffe kommen. Es gibt einige Andeutungen, was sich im Leben der vier Frauen seit ...

Das Buch beginnt recht eingängig mit vier ehemaligen Collegestudentinnen, die nach 20 Jahren zum Klassentreffen nach Radcliffe kommen. Es gibt einige Andeutungen, was sich im Leben der vier Frauen seit ihrem Colleabschluß getan hat, und obwohl sie selbst noch etwas blaß bleiben, wird man neugierig.

Schon nach wenigen Seiten führt uns die Autorin zurück ins Jahr 1957, als diese vier jungen Frauen ihre Collegzeit beginnen. Das liest sich unterhaltsam, gerade auch die Beschreibungen des Wohnheim- und Soziallebens jener Zeit war interessant. Einige junge Männer aus Harvard tauchen im Leben unserer vier Protagonistinnen auf und dann wird es leider etwas langweilig. Fast die Hälfte des Buches über lesen wir detailliert, wer mit wem ausging, wo man hinfuhr, was wer trank - es gibt unwahrscheinlich viele Einzelheiten, die schnell anfangen, sich zu ähneln, als eine Verabredung der anderen folgt. Während die alltäglichen Details uns ausführlich und wiederholend geschildert werden, bleibt die Charakterentwicklung zurück. Das Buch verwendet sehr wenige Dialoge, das Geschehen wird meistens einfach erzählt, und das "einfach" bezieht sich auch auf den Schreibstil. Dieser liest sich leicht weg, hinterläßt überhaupt keinen Eindruck. Er ist nicht schlecht, aber eben auch nicht gut. Die Charaktere bleiben mir größtenteils fremd, was meiner Meinung nach auch daran liegt, daß es zu wenig Dialoge gab. Man erlebt sie nicht, man liest einen Bericht über sie. Auch viele Motivationen werden nicht hinreichend dargelegt. Ich habe mich oft gefragt: "Um warum macht er/sie das nun?"

Nach dem Collegeabschluß führt uns die Autorin vergleichsweise rasch durch die folgenden 20 Jahre. Eine der Protagonistinnen bekommt so wenig Raum und Handlung, daß ich ihre gesamte Geschichte etwas unbefriedigend fand. Im Leben der drei anderen Protagonistinnen und ihrer Ehepartner gibt es durchaus interessante Themen und diese sind auch erfreulich vielfältig und einfallsreich. Leider gehen auch sie sehr in der Schilderung alltäglicher Details unter. Ich habe wirklich nicht verstanden, warum die interessanten Themen, die so viel Potential hatten, so stiefmütterlich behandelt wurden, während jedes irrelevante Detail endlos ausgewalzt wird. Hier hat die Gewichtung überhaupt nicht gestimmt und dadurch ist die Geschichte dann leider auch sehr belanglos, obwohl sie viel Tiefe hätte haben können, wenn man nur anders gewichtet hätte. Im Epilog treffen diese drei Protagonistinnen mal eben nebenei wichtige Lebensentscheidungen und keine braucht mehr als eine halbe Seite dafür. Wieder eine Chance verschenkt.

Bis zur letzten Seite berührten mich die Charaktere so gut wie nicht und auch hier merkte ich das verschenkte Potential, denn einige von ihnen hätten - anders geschildert - sehr mitreißend sein können.

So ist "Die Welt war so groß" leider nur eine leicht lesbare, etwas zäh dahinfließende Geschichte, die ihr Potential fast völlig brach liegen läßt und somit die Möglichkeit versäumt hat, ein wirklich gutes Buch zu sein.

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Veröffentlicht am 25.06.2020

Bildhafter Blick auf's eigene Gepäck

Der Gepäckträger
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„Der Gepäckträger“ ist ein ungewöhnliches Buch, das eine interessante Thematik originell verpackt. Der Untertitel sagt es schon: „Eine Erzählung über die Kunst, unbeschwert zu leben“. Das Gepäck, um das ...

„Der Gepäckträger“ ist ein ungewöhnliches Buch, das eine interessante Thematik originell verpackt. Der Untertitel sagt es schon: „Eine Erzählung über die Kunst, unbeschwert zu leben“. Das Gepäck, um das es hier geht, ist nur zu Beginn das tatsächliche Reisegepäck der Protagonisten, aber letztlich das Gepäck, das man im Inneren mit sich herumträgt. Die Gestaltung des Buches ist gelungen – das erfreulich reduzierte Titelbild zeigt uns das Wesentliche schon, originell ist der von außen blaue Buchblock. Hier wurde liebevoll gestaltet und so etwas ist immer schön, paßt auch zum Liebevollen der Geschichte.

Der Leser ist gleich mitten in der Geschichte drin, lernt die drei Reisenden Gillian, David und Michael kennen, die mit dem gleichen Flugzeug ankommen und aus Versehen am Gepäckband den falschen Koffer erwischen. Mir haben die Schilderungen dieser drei unterschiedlichen Leute ausgezeichnet gefallen. Ihre Gedanken, ihre Erlebnisse sind ebenso bildhaft wie die geschilderte Umgebung. Man sieht den Flughafen vor sich, das schicke Haus von Gillians Schwester, die kühle Büroumgebung Davids und die Trainingsbahn, von der Michael aus auf seinen eigentlichen Traum blickt. Denn alle drei kommen mit gemischten Gefühlen und Sorgen an ihrem jeweiligen Ziel an, alle haben eben ihr Gepäck dabei. Der Autor hat hier drei Lebenssituationen ausgewählt, die so gängig sind, dass die meisten Leser sich mit einer oder mehreren davon identifizieren oder sie zumindest gut nachempfinden können. Das ist gelungen, erfreulich ist auch, wie gut die unterschiedlichen Welten der drei geschildert werden. Jeder kommt glaubhaft rüber, hat eine eigene Stimme, man kann sich beim Lesen darin versinken lassen. Dieser bildhafte angenehme Schreibstil zieht sich durch das ganze Buch.

Während das erste Drittel des Buches uns diese lebensnahen Situationen ausgezeichnet nahebringt, geht die Geschichte ab dann ziemlich vom Realen weg. Der titelgebende Gepäckträger macht unseren Protagonisten klar, welches Gepäck sie eigentlich mit sich herumschleppen. In diesem Teil muß man sich darauf einlassen, daß nicht alles logisch und real ist. Das ist nicht unbedingt mein Fall, aber es ist gut gemacht, wenn auch manchmal die Botschaft ein wenig flach rüberkommt. Auch hier gelingt es dem Autor, die drei verschiedenen Perspektiven und Reaktionen der Protagonisten anschaulich zu schildern. Sie scheinen ihm alle auf ihre Art wirklich am Herzen zu liegen. Es gibt keine großen Überraschungen, was wohl auch nicht beabsichtigt ist. Die Entwicklung der drei Stränge in sich ist absolut stimmig und nachvollziehbar. Der Weg zur Erkenntnis war mir manchmal ein wenig zu flach, in einem Fall fehlte auch etwas Würze, es ging doch alles sehr glatt, die Botschaft war ziemlich einfach. Im zweiten Fall verpaßt das Ende m.E. eine gute Möglichkeit, ist zu zuckerwattig, zu märchenhaft. Mit diesem letzten Drittel des Buches war ich also nicht uneingeschränkt glücklich.

Insgesamt aber hat David Rawlings eine charmante Methode gewählt, seine Botschaft zu vermitteln. Leicht, locker und bildhaft, vielleicht an manchen Stellen ein wenig oberflächlich, aber doch insgesamt mit Substanz und einigen Anregungen, über das innere Gepäck nachzudenken. Das Ganze in einem absolut angenehmen Schreibstil, der das Lesen zur Freude macht.

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Veröffentlicht am 16.06.2020

Viele Details, wenig Handlung, kein überzeugendes Konstrukt

City of Girls
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Es gab wenige Bücher, bei denen mich die Leseprobe so begeistert hat. Die 19jährige Vivian berichtet, warum sie 1940 von ihren Eltern nach New York geschickt wird und dieser Überblick ist so spritzig, ...

Es gab wenige Bücher, bei denen mich die Leseprobe so begeistert hat. Die 19jährige Vivian berichtet, warum sie 1940 von ihren Eltern nach New York geschickt wird und dieser Überblick ist so spritzig, mit so viel Wortwitz geschildert, daß das Lesen richtig Spaß macht. Mit scharfem Blick beobachtet Vivian ihre Mitmenschen, skizziert treffend Vassar-Mitstudentinnen mit "wichtigtuerischem Haar" (ein herrlicher Ausdruck!), entwirft das Bild ihrer Oberschichteltern, des perfekten Bruders und der exzentrischen Großmutter. Es gibt hier so viel Originelles, daß ich es kaum erwarten konnte, mit Vivian die ersten Schritte in New York zu erleben und auch ihr Umfeld besser kennenzulernen. Vivian versprach, eine unterhaltsame und scharfsinnige Protagonistin zu werden. Ich beschreibe das so genau, weil dieser Anfang so hohe Erwartungen weckte, die leider dann sehr enttäuscht wurden. Der spritzige Schreibstil blitzt nach diesem Anfang nur noch vereinzelt durch und Vivian erweist sich als blasse Protagonistin. Irgendwann sagt ihr jemand, daß sie nicht interessant ist und es nie werden wird, und das stimmt leider.

Nach dem flotten, vielversprechenden Anfang sinkt das Erzähltempo stark. Vivian zieht in das heruntergekommene Theater ihrer Tante Peg und zunächst lesen wir noch recht unterhaltsame Beschreibungen der dort lebenden und arbeitenden skurrilen Leute - talentierte Musiker, aufregende Revuegirls, ein verzweifelnder Stückeschreiber. Es ist eine recht gute Spiegelung der Kunst- und Theaterwelt New Yorks in jenen Jahren, auch einige von Vivians Erlebnissen zeigen dieses New York unterhaltsam. Leider verliert die Autorin sich dann aber sehr in diesen Beschreibungen. Wir erfahren en detail, welche Shows das Theater zeigt - inklusive genauer Informationen über Musik, Geschichten, Kulissen, Kostüme. Das ist anfangs noch interessant, hört aber gar nicht mehr auf, wiederholt sich und wird langweilig. Seitenlange Beschreibungen der einzelnen Kleidungsstücke einer Schauspielerin und langatmige Unterhaltungen über die Kleider tragen nichts zur Geschichte bei und sind regelrecht zäh.
Auch Vivans eigenes Leben befindet sich bald in einem recht einseitigen Kreislauf. Vivian verbringt ihre Zeit hauptsächlich damit, auszugehen und mit Männern ins Bett zu gehen. Viele gleichlautende Passagen des immergleichen Geschehens. Das machte leider wenig Lesespaß. Es wird generell gerne wiederholt - Dinge werden nicht einmal erklärt, sondern gleich mehrfach hintereinander. Wo ein Satz alle notwendigen Informationen vermittelt, folgen noch vier weitere. Manche Fakten erfahren wir alle paar Seiten erneut. Ich mußte mich hier oft zwingen, weiterzulesen.

Als das Theater die Show "City of Girls" vorbereitet und aufführt, geht es um die 80 Seiten fast nur um diese Show - Handlung bis hin zur detaillierten Beschreibung einzelner Szenen, Charaktere, Liedtexte, unzählige ähnlich lautende Zeitungskritiken. Auch hier sind die Details für den Fortgang der Geschichte nicht relevant und lesen sich zäh. Das war der schwächste Teil des ganzen Buches. Der im Klappentext erwähnte Skandal bringt dann kurzfristig ein wenig Tempo in die Geschichte und es folgt ein Teil, den ich hervorragend fand: die direkten Auswirkungen des Krieges auf die Familie. Das ist mit so wenigen Worten so eindrücklich beschrieben, daß ich manche Sätze mehrfach las und tief berührt war. Leider verliert sich dieser prägnante Stil schnell wieder in der detailverliebten Geschwätzigkeit ohne wirkliche Handlung.

Im letzten Teil tauchen plötzlich lauter neue Charaktere auf, die teilweise ausführlich beschrieben werden, um dann nie wieder vorzukommen. Mehrere neue Entwicklungen werden halbherzig und rasch in die Geschichte geworfen, während die eigentliche Handlung behäbig voranschreitet. Auch hier habe ich mich leider sehr gelangweilt.

Die Prämisse des Buches ist, daß Vivian als 90jährige Frau einer uns unbekannten Angela erklärt, was Angelas Vater ihr bedeutet hat. Das Buch richtet sich wie ein Brief an diese Angela, was sich eigentlich nur dadurch bemerkbar macht, daß Angela manchmal direkt angesprochen wird. Wer sie ist, wer ihr Vater ist - das erfahren wir erst am Ende des Buches und deshalb funktioniert das Konstrukt für mich nicht. Vivian behauptet, Angela von ihrem Vater erzählen zu wollen. Zu 90 % erzählt sie ihr aber Dinge, die in dieser Hinsicht völlig irrelevant sind. Was sollte Angela mit den Details über Schauspielerkleidungsstücke, einem 1940 aufgeführten Stück und insbesondere mit den vielen, vielen (völlig unnötigen) Details über Vivians Liebesleben anfangen können? Warum sollte Vivian das alles einer ihr fast Unbekannten erzählen? Die Geschichte von Angelas Vater wirkt dann am Ende wie draufgepfropft. Dafür, das sie das Thema des Buches sein sollte, erhält sie zu wenig Beachtung und spielt zu spät eine Rolle.

Äußerlich ist das Buch sehr ansprechend gestaltet. Das Titelbild fängt die Stimmung gut ein, fällt auf angenehme Weise auf. Die Schrift findet sich in den Kapitelüberschriften wieder - ebenfalls sehr gelungen. Weniger erfreut war ich über einige verunglückte Übersetzungsformulierungen. So wurde sich oft zu sehr an den englischen Originaltext angelehnt, was bei einer guten Übersetzung nicht passieren sollte. Zum Beispiel findet sich der Satz "Peg war entsetzt von den Kosten" - da blitzt das "shocked by the costs" durch, im Deutschen würde man das aber nie sagen, da wäre man "entsetzt über die Kosten". Dann wechseln zwei Leute mitten in einer Unterhaltung vom "Sie" zum "Du", ohne daß es nachvollziehbar ist, warum plötzlich von einem Satz zum anderen die Form der Anrede gewechselt wird. Solche Fehler haben mich bei einem Verlag vom Format des Fischer Verlags doch überrascht. Es sind nur einzelne Punkte in einer Übersetzung, die sich sonst gut lesen läßt, aber es kam doch öfter vor, als es wünschenswert gewesen wäre.

So haben wir hier eine sehr handlungsarme detailverliebte Schilderung, deren Prämisse nicht zum Inhalt paßt. Es gibt witzige und auch berührende Passagen. Es gibt auch originelle, gut getroffene Charaktere und interessante Informationen über New York im zweiten Weltkrieg. Leider ersticken die guten Aspekte in unnötigen Details und Wiederholungen, kranken außerdem an einer wenig mitreißenden Protagonistin.

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