Interessantes Thema, ausgezeichnet recherchiert
Die AufrechteDieser lesenswerte Roman über Felicitas (Fee) von Reznicek erfreut schon beim ersten Anblick durch seine hochwertige Gestaltung, die mit schlichter Eleganz überzeugt. Aber auch der Inhalt steht dem Äußeren ...
Dieser lesenswerte Roman über Felicitas (Fee) von Reznicek erfreut schon beim ersten Anblick durch seine hochwertige Gestaltung, die mit schlichter Eleganz überzeugt. Aber auch der Inhalt steht dem Äußeren nicht nach. Da ich noch nie von Fee von Reznicek gehört habe, offenbarte das Buch einen ungemein interessanten Einblick in ein vielseitiges Leben. Hinzu kommt die ganz ausgezeichnete historische Recherche. So ist mir die dunkle Epoche der Nazidiktatur thematisch durchaus vertraut, aber ich habe hier reichlich Neues erfahren und dies wurde zudem gekonnt in die Handlung eingeflochten, ohne sachbuchartige Passagen oder gekünstelte Infodumping-Dialoge. Genau so müssen Hintergrundinformationen in historischen Romanen präsentiert werden!
Wir begleiten Fee durch die zwölf Jahre der Diktatur, die durch einen nach dem Krieg spielenden Prolog eingeläutet werden. Die erste Hälfte des Buches hat mich nicht gänzlich überzeugt. Es ist ein wenig gemächlich, mit vielen nicht unbedingt relevanten Einzelheiten (sich inhaltlich wiederholende Reisen, Beschreibungen der Mahlzeiten etc.) und das Geschehen plätscherte gelegentlich ein wenig dahin. Einige der Dialoge waren mir zu modern und der Stil wirkte auf mich seltsam emotionslos. Es gibt mehrere Stellen, an denen wir erfahren, was Fee tut, aber nicht, was sie dabei denkt und fühlt, und das in Situationen, in denen dies durchaus relevant gewesen wäre. Auch der Widerstandkreis, dem sie sich anschließt, blieb – bis auf eine Person – blass. Bis zum Ende des Buches konnte ich die Namen nicht immer den Personen zuordnen. Manche Handlungsstränge finden so sehr am Rande statt, dass ihr Sinn sich mit nicht ganz erschloss, während ein durchaus wichtiger Handlungsstrang (eine Beziehung Fees) plötzlich einfach im Sande verläuft. Manche Personen werden so eingeführt, als ob sie eine größere Rolle spielen werden, verschwinden dann aber auch oder kommen kaum noch vor. Dies fand ich alles zusammen durchaus störend. Allerdings stehen dem auch farbige Szenen gegenüber, welche z.B. die Stimmung bei der Machtergreifung oder den Olympischen Spielen tiefgehend und gelungen schildern.
In der zweiten Hälfte gefiel mir das Buch dann von Seite zu Seite besser. Ich hatte beim Lesen ein wenig den Eindruck, als ob es sich erst hatte warmlaufen müssen. Grade im letzten Teil kommt dann auch endlich Emotionalität durch und gerade die bedrohliche, ausweglose Endzeitstimmung im letzten Jahr des Krieges, die Auswirkungen auf die Psyche und auch einige Absurditäten der Nazidiktatur sind wundervoll geschildert und lassen mitfiebern. Häufigere Erwähnungen, in welchem Jahr wir uns gerade befinden, wären hilfreich gewesen.
Die im Klappentext so verkaufswirksam herausgestellte Beziehung zum Adjutanten des Diktators spielt im Buch eine geringere Rolle, als der Klappentext vermuten lässt, so dass dieser Handlungsstrang mich ein klein wenig enttäuschte, was aber nicht am Buch liegt (denn interessant ist die Geschichte durchaus), sondern an den vom Verlag im Klappentext hochgeschraubten Erwartungen. Letztlich ist diese Geschichte eine der vielen Facetten von Fees Leben in jenen zwölf Jahren. Es ist genau diese Vielzahl an Facetten und somit die Vielzahl an Einblicken, welche dieses Leben für mich so interessant machte. Felicitas von Reznicek hat in jenen Jahren so viel Ungewöhnliches erlebt, dass es für mehrere Lebensgeschichten gereicht hätte. Und so überzeugte „Die Aufrechte“ mich zwar hinsichtlich der Erzählweise nicht durchweg, aber doch meistens, und beeindruckt zudem durch ein gut ausgewähltes Sujet und tadellose historische Recherche.