Profilbild von Webervogel

Webervogel

Lesejury Star
offline

Webervogel ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Webervogel über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 29.03.2026

Ein Herz für Tauben

Tom Tauber – Ratte der Lüfte
0

Ein kleiner Vogel fällt vom Baum und einer Rattenmutter buchstäblich vor die Füße. Ratte Rita nimmt den Piepmatz erstmal mit in den Keller von Sven Hansen, in dem das Rattenrudel lebt. Schnell wird er ...

Ein kleiner Vogel fällt vom Baum und einer Rattenmutter buchstäblich vor die Füße. Ratte Rita nimmt den Piepmatz erstmal mit in den Keller von Sven Hansen, in dem das Rattenrudel lebt. Schnell wird er als Taubenjunges identifiziert und die Ratten halten Ausschau nach seinen Eltern – leider vergeblich. Also adoptieren sie den kleinen Tauberich und nennen ihn Tom. Für Ritas Rattenkinder wird er wie ein Bruder, doch tief in seinem Inneren merkt Tom, dass er anders ist. Zum Beispiel kann er tagsüber längst nicht so gut schlafen wie seine Rattenfamilie. Und so schlüpft er eines Tages durch das Kellerfenster nach draußen und entdeckt im Sonnenlicht nicht nur eine völlig andere Welt, sondern auch, dass er ein Vogel ist …

Die Geschichte dieser „Ratte der Lüfte“ ist überaus niedlich erzählt. Das kleine Taubenküken, das anfangs noch nicht mal die Augen öffnen kann und herzlich in die Rattenfamilie aufgenommen wird, hat meine Kinder gleich begeistert. Wie Tom entdeckt, dass er keine Ratte ist und welche Sorgen das in ihm auslöst, ist empathisch und nachvollziehbar erzählt – genau, wie er am Ende seinen Platz in der Welt findet. Zum Schluss des Buches folgt dann noch eine Doppelseite mit Wissenswertem zu Stadttauben, die weitergehend für die Tiere und den Umgang mit ihnen sensibilisiert.

Ambitioniert finde ich die Altersempfehlung 4+. Kinder in dem Alter werden noch nicht alle Feinheiten des Buches verstehen – z.B., wieso der Rattenopa Tom nach Major Tom benennt, was es mit einem Cousin vierten Grades auf sich hat oder den fast unsichtbaren Support von Sven Hansen. Vierjährigen kann das Buch trotzdem schon Freude bereiten, empfehlen würde ich es aber erst Fünf- oder sogar Sechsjährigen, die das sonstige Verhältnis zwischen Menschen und Ratten sowie Tauben vielleicht schon besser einordnen können. Sie haben vermutlich mehr von diesem durchdachten, anrührenden und ungewöhnlichen Tierschutz-Buch. Mit 25,- € hat es übrigens einen stolzen Preis, wobei der unabhängige CalmeMara Verlag einen Teil des Erlöses an den Deutschen Tierschutzbund für dessen Einsatz für Stadttauben weitergibt. Und dass dieser wichtig ist, ist spätestens nach der Lektüre dieses gelungenen Bilderbuches klar.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 18.03.2026

Mit Elfenkreide ist alles möglich

Heute fahren wir nach Anderswo
3

Als wir „Heute fahren wir nach Anderswo“ aufschlugen, legte sich die Stirn meiner Tochter in Falten: Wer hatte denn da schon in das neue Buch gemalt? Schönstes Krikelkrakel auf den Vorsatzseiten! Doch ...

Als wir „Heute fahren wir nach Anderswo“ aufschlugen, legte sich die Stirn meiner Tochter in Falten: Wer hatte denn da schon in das neue Buch gemalt? Schönstes Krikelkrakel auf den Vorsatzseiten! Doch schnell wurde klar: In diesem Buch sieht ganz viel wie von Kinderhand gemalt aus. Und wird es auch: Elfi zeichnet nämlich mit Elfenkreide. Dem kleinen Oscar war ganz langweilig, bis er sie traf, aber Elfi verkündet gleich, verreisen zu wollen und malt dann ein tolles rotes Rennauto. Und schon geht es los. Die beiden flitzen nur so durch die Seiten und haben abenteuerliche Begegnungen mit kleinen und großen Tieren, Einhörnern und Drachen. Und ein Riese ist erst furchterregend groß und dann furchtbar nett. Für den nächsten Tag verabreden sich Elfi und Oscar erneut, doch ein Regen droht ihrem Wiedersehen einen Strich durch die Rechnung zu machen …

Ein wirklich wunderhübsches Bilderbuch über einen kleinen Jungen, der seine Vorstellungskraft entdeckt. Es kommt mit wenig Text aus und beinhaltet toll illustrierte, großformatige Bilder – vor allem die Kreide- bzw. Buntstiftzeichnungen faszinieren meine Kinder sehr. Es gibt viel zu entdecken, das Buch regt zum Gespräch genauso wie zum Selbermalen an. Die Botschaft ist ebenfalls gelungen: Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Uns gefällt dieses Buch von Anfang bis Ende supergut und wird immer wieder angeschaut. Ich denke, man könnte es auch schon ab 3 Jahren empfehlen.

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Bilder/Illustrationen
  • Cover
Veröffentlicht am 11.03.2026

Die Dilettanten-Detektivin

39 Grad Mord
0

Hannah Krause-Bendix, die Protagonistin von „39 Grad Mord“, muss dringend liefern. Und zwar einen zweiten Krimi, nachdem ihr erster ein ungeahnter Erfolg war und ihren schriftstellerischen Durchbruch ermöglicht ...

Hannah Krause-Bendix, die Protagonistin von „39 Grad Mord“, muss dringend liefern. Und zwar einen zweiten Krimi, nachdem ihr erster ein ungeahnter Erfolg war und ihren schriftstellerischen Durchbruch ermöglicht hat. Zwar hat sie weder Lust auf noch Inspiration für dieses neue Buch, doch der vom Verlag gezahlte Vorschuss ist bereits aufgebraucht. Ihr Lektor schickt sie schließlich nach Sizilien, da er dorthin Kontakte hat und hofft, dass Krause-Bendix in einer schicken, einsam gelegenen Villa mit Meerblick ihre Schreibblockade bezwingen wird. Doch noch bevor sie sich das erste Mal an den Schreibtisch gesetzt hat, wird die Dänin in einen Mordfall verwickelt und beginnt bald danach, auf eigene Faust zu ermitteln.

So weit, so solide, könnte man meinen. Krause-Bendix ist längst nicht die erste fiktive Krimiautorin, die zur Hobbydetektivin wird. Allerdings gehört sie vermutlich zu den stümperhaftesten und hat einen besorgniserregenden Alkoholkonsum. Überdies neigt sie zu impulsivem Verhalten und undurchdachten Kamikaze-Aktionen. Mich hat das zunehmend irritiert, aber trotzdem ganz gut unterhalten. Gelegentlich zeichnet sich die Protagonistin auch durch einen amüsanten Sarkasmus aus und irgendwie hat mich das bei der Stange gehalten.
Vor der Lektüre war mir nicht klar, dass „39 Grad Mord“ (was für ein sperriger Titel) der zweite Band um diese (Anti-)Heldin ist. Wenn man den Erstling „30 Tage Dunkelheit“ zuerst liest, ist das vermutlich vorteilhaft, um das Beziehungsgeflecht von Krause-Bendix von Anfang an zu verstehen. Würde ich einen dritten Teil lesen? Ich bin mir nicht sicher, habe die dilettantische Hauptfigur aber doch etwas ins Herz geschlossen. Versöhnt hat mich außerdem, dass ich nach knapp zwei Dritteln des Buches befürchtet habe, die Auflösung zu kennen und es dann doch nicht so simpel war wie gedacht. Es gibt definitiv spannendere und raffiniertere Krimis, aber gute Unterhaltung bietet „39 Grad Mord“ – wenn man den wilden und mitunter blinden Aktionismus der Protagonistin auf Dauer ertragen kann.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 24.02.2026

Rundum feinsinnig

Obacht!
0

Dieses Bilderbuch ist anders als die meisten anderen. Zuerst sticht die künstlerische Farbwahl ins Auge: Auf dem Cover wie im Buch ist alles orange, pfirsichfarben (oder ist es beige?) bzw. grau und schwarz. ...

Dieses Bilderbuch ist anders als die meisten anderen. Zuerst sticht die künstlerische Farbwahl ins Auge: Auf dem Cover wie im Buch ist alles orange, pfirsichfarben (oder ist es beige?) bzw. grau und schwarz. Eine Figur ist in einem völlig anderen Stil gezeichnet als die anderen und die Tatze des Tieres, wegen dem zur „Obacht“ aufgerufen wird, wirkt riesig. Ich war gespannt, ob meine Kindergartenkinder das Buch nicht abschreckend oder zumindest wenig ansprechend finden würden. Aber mitnichten: Es fasziniert sie. Die drolligen Namen tragen sicher ihren Teil dazu bei: Anfangs werden die Figuren Wimpf, Wompf, Timpe-Ma, Timpe-Pa und das Mienchen vorgestellt. Sie sind die Stadtbewohner, von denen auch Wortmeldungen kommen, und die ersten, die das große Tier entdecken, das den Zugang zu ihrer Stadt erschwert. Schnell werden Strategien entwickelt, um mit dem Problem umzugehen, allen voran von Timpe-Pa. Zunächst wird das Tier verhüllt, dann eine Brücke darüber gebaut und schließlich wird sogar eine Umgehungsstraße geschaffen – doch alle Projekte scheitern. Bis das kleine Mienchen das direkte Gespräch sucht. Und siehe da: Durch ehrliches Interesse, Kommunikation und Hilfsbereitschaft lässt sich eine nachhaltige Lösung finden.

Dass das Fremde, Störende, gar nicht mehr so furchteinflößend ist, wenn man darauf zugeht, ist die spielerisch vermittelte Botschaft von „Obacht!“. Und das kleine Mienchen hat eine bessere Idee als der tonangebende Timpe-Pa (offensichtlich ein Erwachsener) mit seinem wilden Aktionismus – ein feiner Zusatz. Überhaupt ist dieses Buch rundum feinsinnig; sowohl die Illustrationen als auch der Text wirken kunstvoll. Mal ein ganz anderes Bilderbuch – vermutlich finden meine Kinder gerade das so interessant.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 21.02.2026

Erstaunliche Twists

Die Housesitterin – Ein Traum von einem Job. Oder?
0

Nach „Das Dinner“ ist das der zweite Thriller, den ich von Emily Rudolf gelesen habe. Und trotz einiger Schwächen definitiv der Bessere!

Cecilia ist professionelle Housesitterin und kommt zu Beginn der ...

Nach „Das Dinner“ ist das der zweite Thriller, den ich von Emily Rudolf gelesen habe. Und trotz einiger Schwächen definitiv der Bessere!

Cecilia ist professionelle Housesitterin und kommt zu Beginn der Geschichte auf einer Privatinsel in der Ostsee an, wo sie ein Anwesen der vermögenden Waldners hüten soll. Sie war bereits mehrmals für die Familie tätig; dass sie seit einigen Monaten eine leidenschaftliche Affäre mit dem Firmenerben Johannes Waldner hat, weiß allerdings niemand. Bis jetzt! Denn Cecilia lädt ihre Freunde auf die Ostseeinsel ein, damit sie Johannes kennenlernen. Das Cover lässt erahnen, dass es kein fröhlich-entspanntes Wochenende wird.

„Die Housesitterin“ wird sehr schnell sehr spannend. Der Prolog ist hochdramatisch, doch auch danach geht es bald hoch her. Eine bedrohliche Atmosphäre, nicht zuordbare Geräusche, furchteinflößende Ereignisse … und das ist nur der Anfang.
Die Geschichte wird aus drei unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Andeutungen und Untertöne haben dafür gesorgt, dass mein Kopfkino sehr schnell angesprungen ist und ich unterschiedlichste Theorien zu dem entwickelte, was da unter der Oberfläche vor sich hin zu brodeln schien. Als dann die Auflösung kam, war ich dennoch mehr als verblüfft. Nicht, weil sie so raffiniert war. Sondern, weil ca. die Hälfte des Buches noch vor mir lag. Hier ist Emily Rudolf ein faszinierender Twist gelungen, denn es folgte ganz unerwartet noch ein neuer Handlungsstrang, gefolgt von weiteren Wendungen, die ich kaum habe kommen sehen.

Nicht ganz so gut gefallen hat mir, dass die Autorin letztlich immer auf das gleiche Schema zurückgreift, um die Geschehnisse aufzuklären: Die Protagonist*innen berichten selbst, was passiert ist. Verglichen mit früheren Äußerungen aus ihren Perspektiven wirkt das nicht immer komplett stimmig. Einzelne Charaktere, die anfangs viel Potential hatten, bleiben außerdem Statisten. Nicht alles kommt mir rückblickend logisch vor und die spicy Szenen fand ich unnötig und auch zu plakativ. Ein spannender Pageturner ist „Die Housesitterin“ jedoch trotzdem.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere