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Veröffentlicht am 25.07.2018

Zu kompliziert am Anfang und zu einfach am Ende

Nichts ist verziehen
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Dies ist schon der dritte „Schwedenkrimi“ um die Journalistin Magdalena Hansson. Ich habe die beiden Vorgänger nicht gelesen und konnte mir vermutlich deswegen auf manches keinen Reim machen. Die Hauptfigur ...

Dies ist schon der dritte „Schwedenkrimi“ um die Journalistin Magdalena Hansson. Ich habe die beiden Vorgänger nicht gelesen und konnte mir vermutlich deswegen auf manches keinen Reim machen. Die Hauptfigur blieb mir in ihrem Denken und Handeln zum Teil fremd, wenn ich sie aus früheren Büchern besser gekannt hätte, wäre dies vielleicht nicht der Fall gewesen.

Die Krimihandlung ist schnell angerissen: Besagte Magdalena geht lustlos zu ihrem 25-jährigen Abitreffen, das als Wiederholung eines legendären Übernachtungswochenendes während der Schulzeit in der Hütte eines ehemaligen Lehrers stattfindet, abgeschieden im Wald, in der Nähe eines Sees. Es sind ungefähr 15 der ehemaligen Mitschüler gekommen und nach der ersten Wiedersehensfreude zeigt sich, dass sich durchaus nicht alle sympathisch sind und es einige ungute Erinnerungen an die gemeinsame Schulzeit gibt. Der Abend schreitet fort, und schließlich wird eine Leiche gefunden. Und das ist erst der Anfang …

Autorin Ninni Schulman führt zu Beginn des Buches viele Figuren auf wenigen Seiten ein. Ein Klassentreffen mit 15 Leuten kam mir zunächst überschaubar vor, wenn aber erst mal alle Beteiligten mehr oder weniger ausführlich vorgestellt werden, ist es das nicht mehr. Tatsächlich wäre eine dem Krimi vorangestellte Übersicht der Protagonisten wohl hilfreich gewesen. Denn es hört nicht etwas bei den ehemaligen Klassenkameraden auf – auch Magdalenas Privatleben sowie das der im Mordfall ermittelnden Polizeibeamten spielt eine größere Rolle und so kommen neben ihnen noch deren Lebenspartner, Kinder, Kollegen etc. vor. Das hat das Ganze für mich doch sehr überladen – musste der unerfüllte Kinderwunsch der Frau des Polizeibeamten, dessen Schwester zufällig an dem Klassentreffen teilnahm, tatsächlich eine größere Rolle spielen? Und war dieser Zufall überhaupt nötig? Ich denke, dass der Verzicht auf einige Nebenschauplätze dem Krimi gutgetan und ihn etwas gestrafft hätte.

„Nichts ist verziehen“ ist stellenweise durchaus spannend. Allerdings steht und fällt ein Krimi für mich auch mit der Auflösung, und von dieser war ich dann doch enttäuscht. So kompliziert das Personengefüge aufgebaut wurde, so einfach hat es sich die Autorin meinem Empfinden nach am Ende gemacht. Und so werde ich die anderen Fälle um Journalistin Magdalena wohl nicht mehr lesen, auch wenn mich dieser zwischenzeitlich durchaus gefesselt hat.

Veröffentlicht am 04.07.2018

Spannender Jugendthriller um typische Teenagerprobleme – gepaart mit Mord …

Mädchen, Mädchen, tot bist du
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Leila ist tot. Die Sechzehnjährige baumelt erhängt von einem Dachbalken in ihrem Zimmer. Selbstmord, so scheint es. Doch direkt auf den ersten Seiten meldet sich ein namenloser Erzähler zu Wort, der den ...

Leila ist tot. Die Sechzehnjährige baumelt erhängt von einem Dachbalken in ihrem Zimmer. Selbstmord, so scheint es. Doch direkt auf den ersten Seiten meldet sich ein namenloser Erzähler zu Wort, der den Leser informiert: Es war Mord. Und es wird nicht der letzte bleiben … Nach Leilas Tod begleitet der Leser nacheinander drei weitere blonde, sechzehnjährige Mädchen durch diesen Jugendthriller. Sie alle haben Stress mit ihren Eltern, zicken sich mal mit ihren Freundinnen an, gehen in die Schule, zum Hockeytraining und auf Partys – typische Teenager halt. Wer will ihnen Böses? Und warum? Auch wenn sich dieser Jugendthriller rasant weglesen lässt, tappt man als Leser doch lange im Dunkeln. Genau wie die Protagonistinnen, die in anonymen Briefen bedroht und vorgewarnt werden, sich darauf jedoch keinen Reim machen können.

Anfangs störte mich, dass die einzelnen Mädchen recht rasch abgehandelt werden. Da sie alle Ich-Erzählerinnen sind, kommt man ihnen zwar kurz nahe, aber bevor man sich einen wirklichen Eindruck machen kann, wechselt Autorin Mel Wallis de Vries auch schon zur nächsten Figur. Da die Mädchen kaum miteinander zu tun haben, entstehen so harte Brüche. Im letzten Buchdrittel führt die Autorin jedoch schwungvoll und gekonnt alle Informationen zu einem Gesamtbild zusammen, auf das ich als Leserin nie gekommen wäre – und gerade das macht ja einen guten Thriller aus. Außerdem gefiel mir, dass fast keine der Figuren schwarzweiß ist – nur gut, nur böse. Die Autorin zeigt Jugendliche in der Selbstfindungsphase mit Ecken und Kanten, mal grausam gedankenlos, mal noch recht kindlich. Die Themen, die sie anschneidet, dürfte jeder von seinem eigenen Heranwachsen kennen: Beliebtheit, Mobbing, Erfolge und Misserfolge im Schulsport, der Wunsch, nur mit den richtigen Leuten gesehen zu werden, der Wunsch nach Anerkennung und Zuneigung. Ein spannendes, stellenweise gruseliges Jugendbuch, das ich mir bis zur Mitte allerdings etwas ausführlicher gewünscht hätte.

Veröffentlicht am 15.10.2018

Why does it always rain on me

Sowas kann auch nur mir passieren
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Ich habe alle Romane von Mhairi McFarlane gelesen. „Sowas kann auch nur mir passieren“ steht in Tradition seiner vier Vorgänger, er enthält die typischen Elemente, die in allen Büchern der Autorin vorkommen: ...

Ich habe alle Romane von Mhairi McFarlane gelesen. „Sowas kann auch nur mir passieren“ steht in Tradition seiner vier Vorgänger, er enthält die typischen Elemente, die in allen Büchern der Autorin vorkommen: Humor, emotionalen Tiefgang, das Reifen einer Persönlichkeit nicht zuletzt durch die Hilfe ihrer großartigen Freunde und eine Liebesgeschichte, die mit gewissen Irrungen und Wirrungen verbunden ist. Wobei mir gerade diese etwas zu kurz kam und mir dafür das Ende einen Tick zu rosarot war. Ansonsten wäre das Lied zum Buch allerdings Travis‘ „Why does it always rain on me?”. Hauptfigur Georgina schlittert in weiten Teilen des Romans von einer verkorksten/peinlichen/deprimierenden Situation in die nächste. Die 30-jährige Kellnerin, die eigentlich gerne Schriftstellerin werden würde, wird gleich zu Beginn des Romans als Bauernopfer gefeuert, erwischt ihren Freund mit einer anderen und als sie einen neuen Job in einem Pub ergattert, muss sie feststellen, dass einer der Manager ihre erste große Liebe war, sich jetzt jedoch nicht mal mehr an sie erinnert. McFarlanes Humor wirkt wie immer entschärfend, ihr Wortwitz macht das Ganze amüsant, aber dennoch hat die Protagonistin so viel Pech, dass es mir manchmal doch schwerfiel, weiterzulesen, weil sie mir so leidtat. Passenderweise ist über jedem Kapitel eine Regenwolke abgebildet.

Während dieser Pechvogel von Hauptfigur überaus sympathisch ist, ist ihr Gegenspieler, ihr Ex-Freund Robin, ein totaler Fiesling. Auch in McFarlanes übrigen Büchern spielen verkorkste frühere Beziehungen immer eine Rolle, doch kamen sie mir sonst nicht ganz so schwarzweiß gezeichnet vor. Noch mehr gestört hat mich jedoch die Tatsache, dass im Klappentext von „Sowas kann auch nur mir passieren“ ein den besagten Ex-Freund betreffendes Detail verraten wird, das im Buch aber erst gegen Ende des Romans herauskommt (in der E-Book-Ausgabe nach über 80%). Diesen Spoiler hätte es nicht gebraucht, lieber Knaur Verlag.
Alles in allem habe ich mich gut amüsiert und werde sicher auch beim nächsten Buch der Autorin wieder zugreifen. Allen, die Mhairi McFarlane noch nicht kennen, sei jedoch einer ihrer früheren vier Romane ans Herz gelegt – die waren in meinen Augen noch eine Prise humorvoller, inhaltlich runder und irgendwie ausgewogener.

Veröffentlicht am 11.10.2018

Etwas gewöhnungsbedürftig, gibt aber trotzdem interessante Impulse

Die 5 Sekunden Regel
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Ratgeber lese ich äußerst selten, aber der hier hat mich gleich angesprochen. Schon auf dem Cover verspricht er: „Wenn du bis fünf zählen kannst, kannst Du auch dein Leben verändern.“ Und tatsächlich basiert ...

Ratgeber lese ich äußerst selten, aber der hier hat mich gleich angesprochen. Schon auf dem Cover verspricht er: „Wenn du bis fünf zählen kannst, kannst Du auch dein Leben verändern.“ Und tatsächlich basiert Mel Robbins 5-Sekunden-Regel auf einem ganz einfachen Prinzip: Wenn Dein Instinkt Dir sagt, dass Du handeln sollst, lass nicht zu, dass Dein Kopf es Dir ausredet. Zähle rückwärts von 5 bis 1 – und dann setz Dich in Bewegung.
Anfangs hat die Autorin für meinen Geschmack etwas zu lange um ihre 5-Sekunden-Regel herumgeredet – sie lobt ihre Effekte in den höchsten Tönen und führt verschiedenste Referenzen an – Kästchen mit E-Mails, Tweets und Facebook-Posts von Menschen, die beschreiben, wie die Regel ihr Leben zum Positiven verändert hat, ziehen sich durch das ganze Buch. Erst fand ich das ziemlich gewöhnungsbedürftig, diese Selbstbeweihräucherung, aber irgendwie muss sie natürlich belegen, dass das Ganze nicht nur bei ihr selbst funktioniert. Aufbau und Schreibstil des Buches kamen mir alles in allem sehr amerikanisch vor – diese Begeisterung für die 5-Sekunden-Regel, dieses „Du kannst alles schaffen!“, dass die einzelnen Kapitel mit Zitaten berühmter Personen begannen, von Anne Frank bis J. K. Rowling.
Sehr amerikanisch fand ich auch den Nebensatz, dass „Fifty Shades of Grey“ von praktisch jeder Frau auf der Welt verschlungen wurde. Das ist nicht nur übertrieben, die Autorin scheint mir auch komplett auszublenden, dass nicht alle Länder diese Erde reiche Industrienationen sind, in denen Frauen Muße, Geld und Gelegenheit haben, sich mit Lesestoff zu versorgen (und dann auch noch diesem). Aber das nur am Rande.

Ich musste mich also erst etwas an Autorin und Stil gewöhnen, fand Mel Robbins jedoch trotzdem ganz sympathisch, da sie immer wieder eigene Erfahrungen schildert und auch Tiefpunkte nicht verschweigt. Bevor ich ihr Buch las, hatte ich von der Autorin noch nie gehört, laut der Kurzbio in ihrem Buch ist sie allerdings eine der gefragtesten Speakerinnen weltweit. Mel Robbins-Kenner und -Fans werden die Lektüre sicher mit anderen Erwartungen beginnen und „Die 5-Sekunden-Regel“ vermutlich als Vertiefung ihrer Vortragsinhalte lesen. Ab spätestens der zweiten Hälfte hatte aber auch ich mich in dieses Motivationsbuch eingelesen. Anfang erschienen mir die Inhalte aufgeblasen, die Autorin hätte sich meiner Meinung nach auch kürzer fassen können, aber es macht natürlich auch Sinn, dass sie ihre „5-Sekunden-Regel“ von allen Seiten beleuchtet und belegt, damit ihre Leser sie während der Lektüre komplett verinnerlichen. Auch ich konnte schließlich einige Impulse für mich mitnehmen. Wer sich für dieses Buch interessiert, dem würde ich aber trotzdem raten, sich erstmal einen der Vorträge von Mel Robbins online anzuschauen; vielleicht fällt der Einstieg leichter, wenn man eine Ahnung hat, was einen erwartet.

Veröffentlicht am 08.10.2018

Die Gedanken einer Gestrandeten

Drehtür
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Eine „Drehtür“ spielt eine wesentliche Rolle in dem gleichnamigen Roman von Katja Lange-Müller. Würde man ihn als Theaterstück inszenieren oder gar verfilmen, wäre sie der bedeutendste Teil der Kulisse. ...

Eine „Drehtür“ spielt eine wesentliche Rolle in dem gleichnamigen Roman von Katja Lange-Müller. Würde man ihn als Theaterstück inszenieren oder gar verfilmen, wäre sie der bedeutendste Teil der Kulisse. Denn Hauptfigur Asta Arnold bewegt sich kaum von ebendieser Drehtür weg, die sie aus dem Gebäude des Münchener Flughafens zu einem Aschenbecher geführt hat, wo sie nun eine Camel nach der anderen raucht. Die Ich-Erzählerin kommt gerade aus Nicaragua, wo sie als Krankenschwester für eine internationale Hilfsorganisation gearbeitet hat, bis sie ihre Arbeitgeber mit einem One-Way-Ticket nach Deutschland in den unfreiwilligen Ruhestand schickten. Da steht die Gestrandete nun und kommt irgendwie nicht mehr vom Fleck. Was bleibt der ewigen Helferin noch, wenn ihre Hilfe nicht mehr erwünscht ist? Asta Arnold raucht und lässt ihren Gedanken freien Lauf; und so liest sich der gesamte Roman wie ein einziger Stream of Consciousness. Immer wieder fallen der Protagonistin Reisende, im Flughafen Angestellte und einmal sogar eine Katze ins Auge, die in ihr Erinnerungen an frühere Wegbegleiter auslösen – teils so starke Erinnerungen, dass sie glaubt oder glauben will, vielleicht sogar diese alten Bekannten selbst am Münchener Flughafen zu sehen. Doch sie spricht keinen von ihnen an, stattdessen raucht sie und denkt an vergangene Zeiten. Einige ihrer Erinnerungen sind so ausführlich, dass sie fast Kurzgeschichtencharakter haben, andere bleiben Fragmente. Sie führen zu nichts, außer zu neuen Beobachtungen und neuen Geschichten. Asta Arnold blickt auf ein bewegtes Leben zurück, dass man als Leser doch nur sehr auszugsweise kennenlernt, weil sie an das, was ihr nicht genehm ist, nur kurz oder gar nicht denken mag, eventuelle Zusammenhänge für sich behält. Und obwohl die Figur dadurch nicht komplett erfassbar wird, wächst sie einem irgendwie ans Herz und man wünscht sich fast, man könnte sie von dieser Drehtür wegführen, in der Hoffnung, das könnte Asta dazu bringen, nach vorne zu blicken. Denn wie die Tür kreist die Protagonistin seit ihrer Ankunft am Flughafen nur um sich selbst, ohne Ziel. Ob sie den Absprung schließlich schafft, sei hier nicht verraten.

„Drehtür“ ist in einem saloppen, trotzig-starken Ton geschrieben, durch den man sofort eine Beziehung mit der aus Nicaragua Entlassenen aufbaut. Man taucht mit ihr in ihre Erinnerungen ein und am Ende auch wieder daraus hervor. Nach der Lektüre fragte ich mich leicht desorientiert, was das jetzt war und kann diese Frage kaum beantworten. Aber ich habe Asta Arnold gerne Gesellschaft an ihrer Drehtür geleistet und werde an die ein oder andere ihrer Anekdoten sicher noch einmal zurückdenken.