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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 07.09.2025

Feinfühlig

Der Große Gary
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Der achtzehnjährige Benjamin lebt in einem Caravan Park in England. Dort lebt er zusammen mit seiner Oma, die aber leider ins Krankenhaus musste. Jetzt ist er auf sich allein gestellt. Er vermeidet Schmutz ...

Der achtzehnjährige Benjamin lebt in einem Caravan Park in England. Dort lebt er zusammen mit seiner Oma, die aber leider ins Krankenhaus musste. Jetzt ist er auf sich allein gestellt. Er vermeidet Schmutz aller Art, hat Angst vor Keimen und Krankheitserregern. Seine wenigen sozialen Kontakte begrenzen sich auf seine Oma und die Menschen im Supermarkt, in dem er arbeitet. Vor allem seine Chefin meint es gut mit ihm. Als eines Tages am Strand ein toter Wal angespült wurde, macht sich Benjamin auf die Suche danach und findet dabei einen Hund, der ihm auf Schritt und Tritt folgt. Dann kommt auch noch Leonard dazu, der Benjamin vor den Besitzern des Hundes warnt. Windhund Gary ist der schnellste Hund weit und breit und sein Besitzer will ihn unbedingt zurück!

Eine berührende Coming-of-age Story. Benjamin kämpft mit seinen Ängsten und durch Gary beginnt er sich, denen zu stellen. Er vermisst seine Oma, ist jetzt auf sich allein gestellt. Eine Melancholie zieht sich durchs Buch, wird allerdings auch durch lockere, humorvolle Momente aufgelockert. Das Tempo ist eher ruhig und beschaulich. Benjamin ist ein toller Protagonist, einfühlsam und sehr nahbar. Die anderen Charaktere blieben dagegen für mich leider etwas blass. Wunderbar gelungen ist die Balance zwischen den ernsten Themen, wie Einsamkeit, Angststörung und Sozialphobie und den humorvollen Szenen. Die Story an sich war etwas vorhersehbar, das Buch lebt hauptsächlich von der Entwicklung von Benjamin.

Ein einfühlsamer, ruhiger Roman über eine Freundschaft zwischen Mensch und Tier, Heilung durch ganz kleine Schritte, das alles ganz zart und feinsinnig erzählt. Leser, die ruhige, feine Geschichten mögen, werden dieses Buch lieben.

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Veröffentlicht am 06.09.2025

Tolle Perspektive

Treppe aus Papier
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Wie würde es sich anhören, wenn wir mal das Haus über die Bewohner sprechen lassen würden? Genau das lesen wir hier. Viele Jahre Erinnerungen teilt das Haus mit uns. Da gibt es Nazis, die neben Juden wohnen. ...

Wie würde es sich anhören, wenn wir mal das Haus über die Bewohner sprechen lassen würden? Genau das lesen wir hier. Viele Jahre Erinnerungen teilt das Haus mit uns. Da gibt es Nazis, die neben Juden wohnen. Die Teenagerin Nele, die beginnt sich mit der Vergangenheit ihrer Vorfahren auseinanderzusetzen und Irma, die schon viele Jahre in diesem Haus verbracht hat. Das Haus sieht viel. Lang Verschwiegenes und Unausgesprochenes, Menschlichkeit und Egoismus. Es gibt Bewohner, die beginnen zu reflektieren, andere verdrängen weiter. Doch Nele will wissen was passiert ist und welche Rolle ihr Großvater im lange vergangen Krieg gespielt hat.

Die Idee das Haus zu Wort kommen zu lassen fand ich ziemlich interessant und ich wurde nicht enttäuscht. Poetisch, klug und menschlich erzählt es uns von Bewohnern der NS-Zeit bis heute. Zwischen diversen Geschichten wird fix hin- und hergesprungen. Dieses Buch erfordert schon viel Aufmerksamkeit, ist nichts für nebenbei. Es entwickelt einen Sog, dem man sich gern hingibt. Inhaltlich ist es viel, dreht es sich jedoch hauptsächlich um drei Familien. Sprachlich experimentell, es ist definitiv mal ein anderes Leseerlebnis.

Für Leser, die poetische Sprache mögen und sich für Geschichte interessieren eine große Empfehlung.

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Veröffentlicht am 02.09.2025

So schön

Aylas Lachen
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Ayla lebt in Deutschland, verbringt ihre Sommer aber in der Türkei. Von dort kommt ihre Familie. Sie verbringt dann gern viel Zeit mit Großvater Mesut, der viele tolle Geschichten erzählt. Am liebsten ...

Ayla lebt in Deutschland, verbringt ihre Sommer aber in der Türkei. Von dort kommt ihre Familie. Sie verbringt dann gern viel Zeit mit Großvater Mesut, der viele tolle Geschichten erzählt. Am liebsten sitzt sie mit ihm unter dem großen Feigenbaum und lauscht seinen Erzählungen. In Deutschland ist das Leben schwieriger. Sie steht zwischen den zwei Kulturen, darf nicht auffallen.
Parallel dazu erfahren wir die Geschichte von Aylas Mama, Hava. Mit ihrer Jugendliebe durfte sie nicht zusammen sein, lebt jetzt in einer unglücklichen Ehe. Für sie war es nie so leicht in Deutschland anzukommen. Die Sprache macht ihr Schwierigkeiten. Da muss Tochter Ayla oft unterstützen. Als Ayla und ihr Bruder Yasin erwachsen sind, begeben sie sich zu Dritt nach vielen Jahren wieder auf den Weg in die Türkei. Auf der Suche nach vielen schönen Erinnerungen und Heilung, werden sie konfrontiert mit altem Schmerz aber auch Versöhnung.

Eine wunderbare, einfühlsame Familiengeschichte, die über drei Generationen reicht. Die große Stärke in diesem Roman sind die grandios gezeichneten Protagonisten. Sie alle wirken unheimlich lebendig mit ihren inneren Schmerzen, der Zerrissenheit, Sehnsucht und Hoffnung. Vor allem Ayla, Mesut und Hava sind mir so ans Herz gewachsen, wirken so nahbar. Das Leben in der Türkei mit all den kulturellen Besonderheiten wurde so bildhaft beschrieben, dass ich die Hitze gespürt, den Baklava geschmeckt und die Menschen in den Dörfern vor mir gesehen habe. Das Leben der Familie in Deutschland mit den unglücklichen Eltern, ist so traurig. Die Kinder hatten es auch in der Schule nie leicht, gehörten nicht immer mit dazu.

Ein unglaublich berührender und feinfühliger Roman, mit vielen lebendigen Bildern, kulturellen Unterschieden und dem einen großen Wunsch: Zugehörigkeit. Unbedingt lesen!!!

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Veröffentlicht am 02.09.2025

Ehrlich

Botanik des Wahnsinns
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„Ich glaube an eine Bedeutung der Krankheit, an eine Symbolik. Manchmal sind Traurigkeit und Energielosigkeit die passende Art, um auf das Leben zu reagieren. Schließlich nutzte mein Vater, der schweigsame ...

„Ich glaube an eine Bedeutung der Krankheit, an eine Symbolik. Manchmal sind Traurigkeit und Energielosigkeit die passende Art, um auf das Leben zu reagieren. Schließlich nutzte mein Vater, der schweigsame Mann, seinen Körper, um zu sprechen. Er sagte: „Ich kann nicht mehr“. Wie viel Verdrängung, wie viel Verdrängtwerden kann ein Mensch aushalten?“

Aus Leons Familie war eigentlich jeder schon in der Psychiatrie. Suchtverhalten gab es immer schon, auch Depressionen und bipolare Störungen. Die Großmutter hat zahlreiche Suizidversuche hinter sich. Wie lebt Leon damit? Er hat Angst früher oder später auch dort zu landen. Das tut er auch, allerdings um dort zu arbeiten. Dort beginnt er sich nicht nur mit seinen Patienten auseinandersetzen, sondern auch mit seiner eigenen Familiengeschichte.

Ehrlich, klug und mit psychologischem Tiefgang wird hier erzählt. Schonungslos und verletzlich schreibt Leon Engler von seiner Familie, die nie so für ihn da sein konnte. Jeder war mit sich beschäftigt, kämpfte mit den eigenen Dämonen. Mal ist die Sprache ganz leicht, mal humorvoll. Das lässt das Thema auf jeden Fall besser aushalten als Leser. Interessant waren auch die Abschnitte zu den psychischen Erkrankungen und der Geschichte dazu. Da hatte der Roman schon fast Sachbuch-Charakter. Dann immer wieder seine persönliche, traurige Geschichte. Engler klagt nicht an, will verstehen, verarbeiten. Ich hoffe sehr es ist ihm gelungen. Mein Herz hat er auf jeden Fall mit diesem Buch.

Ein großartiges Buch darüber sich selbst zu finden, mit belastenden Wurzeln, die sich niemand aussuchen kann. Ja und was ist eigentlich noch normal und was schon nicht mehr? Eine ganz große Empfehlung ❤️.

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Veröffentlicht am 02.09.2025

Moskau

Moscow Mule
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Karina und Tonya leben in Moskau. Sie studieren Journalismus, haben wenig Geld und lieben Partys. Zusammen träumen sie von einem besseren Leben. Deutschland wäre toll. Sie halten zusammen, schlagen sich ...

Karina und Tonya leben in Moskau. Sie studieren Journalismus, haben wenig Geld und lieben Partys. Zusammen träumen sie von einem besseren Leben. Deutschland wäre toll. Sie halten zusammen, schlagen sich durch die Höhen und Tiefen ihrer Jugend in einem Land, das im Wandel ist. Auf der Suche nach Freiheit stolpern sie durchs Leben und müssen sich entscheiden, bleiben oder gehen.

Die Sprache in diesem Roman ist modern, unkonventionell und frech. Im Vordergrund stehen die zwei Frauen und ihr Leben, ihre Träume. Die politische Situation ist eher im Hintergrund, doch schwingt immer mit. Ist sie ja auch verantwortlich für einige Lebensumstände der Frauen.
Das Leben in Russland wird uns näher gebracht. Mal glamourös, mal düster und traurig. Das war für mich auch die absolute Stärke dieses Buches. Zu den Protagonistinnen konnte ich leider keinen richtigen Bezug finden. Freizügig, frech und unbedarft rennen sie durchs Leben. In ihren eigenen Betten schlafen sie eher selten, für kostenfreie Drinks tun sie so einiges. Das war für meinen persönlichen Geschmack etwas drüber.

Insgesamt ein Roman, der mit der Ambivalenz zwischen der politischen Lage im Land und dem persönlichen Freiheitsdrang und den Träumen der Frauen glänzt. Für meinen persönlichen Geschmack waren mir die Frauen zu anstrengend. Vielleicht soll aber gerade das am Ende auch so sein.

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