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anushka

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Veröffentlicht am 15.09.2016

Außergewöhnliche Mischung aus Orwell und Houllebecq

Die 33. Hochzeit der Donia Nour
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Mittelägypten, 2048: Donia Nour lebt in Zeiten der Neo-Sharia und des Shariatainment. Die Menschen sollen so viel beten und konsumieren, wie möglich. Wer nicht genügend "Gute-Taten-Punkte", beispielsweise ...

Mittelägypten, 2048: Donia Nour lebt in Zeiten der Neo-Sharia und des Shariatainment. Die Menschen sollen so viel beten und konsumieren, wie möglich. Wer nicht genügend "Gute-Taten-Punkte", beispielsweise durch religiösen Eifer, sammelt, der muss um den Zugang zum Himmel bangen. Donia möchte Ägypten unbedingt verlassen, doch um die Schlepper zu bezahlen braucht sie ein Kilogramm Gold. Dafür geht sie immer wieder so genannte Lustehen ein: Ehen, die nur zum Sex dienen und innerhalb von 24 Stunden annuliert werden. Allerdings wollen die Kunden nur Jungfrauen und so lässt Donia diese immer wieder wiederherstellen. Die 33. Hochzeit ist die letzte, bevor Donia das Gold zusammenhat, doch dann geht alles fürchterlich schief ...
Ägypten, 1952: der Professor und Philosoph Ostaz Mukhtar, der für den nächsten Tag eine gerichtliche Vorladung wegen Blasphemie hat, wird von Außerirdischen entführt. Fast 100 Jahre später bringen sie ihn zurück, da er einer gewissen Donia Nour helfen soll.

Dieses Buch ist etwas ganz Ungewöhnliches. Es erinnert an George Orwells "1984", da die Einwohner von ihrer eigenen Regierung bespitzelt werden. Es gibt ein zentrales System, dass die Häufigkeit der Gebete erfasst und wer nicht oft genug betet, wird vorgeladen. Die allgegenwärtigen elektronischen Sittenwächter geben sofort Alarm, wenn unter einem Schleier eine Haarsträhne hervorschaut. Die Position der Frau hat sich nicht wesentlich gebessert. Mit Houllebecqs Buch teilt "Die 33. Hochzeit ..." vor allem den Gegenstand der Dystopie: den islamistischen Gottesstaat.

Meiner Meinung nach befeuert Ilmi jedoch nicht zwangsläufig die Islamophobie, denn es geht nicht darum, dass ein islamischer Staat die Weltherrschaft erringen will. Der Gottesstaat Ägypten dieses Buches ist lokal begrenzt, der Westen existiert weiterhin und wird, wie heutzutage schon normal, verunglimpft und verteufelt. Das erinnert eher an die Propaganda im Kalten Krieg. Es geht in diesem Buch auch vielmehr darum, zu kritisieren, wozu (jegliche) Religion instrumentalisiert wird und wie sie dazu dient, die Interesse der Mächtigen und Reichen zu schützen und zu fördern. Das Buch kritisiert auch die Auslegung und vor allem Rückständigkeit heiliger Schriften. Hierzu lässt Ilmi Ostaz Streitgespräche führen, in denen er Koranzitate anführt, die genau gegenteilig interpretiert werden könnten, wenn man dafür offen wäre. Leider übertreibt er in seinen Reden die Provokationen dann doch ein wenig bzw. sind diese an einingen wenigen Stellen wirklich sehr von der Holzhammer-Sorte, sodass ich mir die heftigen Reaktionen auf dieses Buch in arabischen Ländern gut vorstellen kann.

Dass dieses Buch gerade durch aktuelle Debatten Unbehagen auslöst, kann ich nachvollziehen. Doch ist genau dieser Punkt das, was das Buch zu etwas Besonderem macht: in der westlichen Welt sind wir längst daran gewöhnt, unsere Lebensweise kritisiert zu sehen und bislang ist die Mehrheit der bekannten Dystopien ausschließlich westlich geprägt. Warum sollte eine Dystopie nicht auch die Gefahren in anderen Kulturkreisen aufzeigen, vor allem vor der aktuellen weltpolitischen Lage? Das Streben nach einem islamischen Staat ist derzeit präsenter denn je und bedient sich derzeit genau der Methoden, die dieses Buch anprangert. Daher ist es äußerst wichtig, dass auch öffentlich die Frage gestellt wird, wie ein solcher Staat zukünftig aussehen könnte. Vor allem, wenn dies durch einen Ägypter selbst geschieht, der seinen Handlungsort und seine Religion am besten kennt.

Insgesamt präsentiert der Autor neben der Gesellschaftskritik interessante Ideen wie auch die Zukunft des Konsums aussehen könnte. Mit dem Handlungsstrang um Ostaz und die Außerirdischen bringt er etwas Leichtigkeit und Humor mit in die Geschichte. Beklemmend fand ich dagegen die zahlreichen Sex-, Gewalt- und auch vereinzelten Vergewaltigungsszenen. Das Buch ist keine seichte Unterhaltung, sondern neben der nachdenklich machenden Gesellschaftskritik von der Handlung und den Erlebnissen der Hauptfiguren her teilweise harter Tobak. Trotzdem ist es ein ganz ungewöhnliches und außergewöhnliches Buch, das viele Leser finden sollte.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Sprachgewaltig und gehaltvoll

Der Ort, an dem die Reise endet
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Ajany kehrt aus Brasilien nach Kenia zurück, um gemeinsam mit ihrem Vater die Leiche ihres Bruders zu ihrer Farm zurückzuführen. Odidi wurde in den Straßen Nairobis erschossen. Nun bewegt sich Ajany auf ...

Ajany kehrt aus Brasilien nach Kenia zurück, um gemeinsam mit ihrem Vater die Leiche ihres Bruders zu ihrer Farm zurückzuführen. Odidi wurde in den Straßen Nairobis erschossen. Nun bewegt sich Ajany auf den Spuren ihres Bruders, während die Mutter vor Kummer in die Wildnis geflohen ist. Zeitgleich taucht der Brite Isaiah auf, der auf der Suche nach seinem eigenen Vater auf der verfallenen Farm von Ajanys Familie landet. Alte Wunden reißen auf, die auch mit der Geschichte Kenias zusammenhängen, während langsam aber auch eine zarte Hoffnung entsteht.

"Der Ort, an dem die Reise endet" ist ein ziemlich sprachgewaltiges Buch, das leider auch die Gefahr birgt, den Leser zu überfluten. Während einige Passagen eher direkt und zielstrebig der Handlung folgen, sind andere verschachtelt, verwinkelt, voller Andeutungen und sprachlichen Bildern, die nicht immer von der Handlung klar zu trennen sind. Die Figuren schweifen in ihren Betrachtungen immer wieder ab und zwischen den Lebensabschnitten hin und her. Und generell ist das Buch nicht leicht zu lesen. Gerade die Abschnitte mit und über Ajany sind sehr poetisch und metaphorisch. Das Buch ist stark durchdrungen von Mystik und Aberglauben, gemischt mit politischen Entwicklungen. Die Handlung ist mitunter sehr bruchstückhaft und sprunghaft geschildert. Leicht weglesen lässt sich dieses Buch sicherlich nicht. Es gibt viel Unausgesprochenes, das hineininterpretiert werden will und muss. Dennoch ist das Buch beeindruckend. Denn es gibt einen interessanten Einblick in eine völlig andere Welt und bringt einem ein Stück afrikanische Geschichte nahe, die man nicht unbedingt als Allgemeinwissen hat. Es zeigt auf, welch ein Pulverfass ein Land mit verschiedenen Völkern und Stämmen sein kann und welche Narben eine Kolonialherrschaft hinterlässt. Dazu kommt die alles durchdringende Korruption. Verschiedene Bedeutungsebenen öffnen sich nach und nach, selbst noch nach Beendigung des Buches. Nicht alles allerdings erschließt sich auch komplett.

Leider ist der Klappentext irreführend, da ich lange Zeit davon ausging, dass es sich bei Ajany und Odidi um recht junge Leute in den 20ern handelt. Eine Todesanzeige Ajanys für ihren Bruder bescheinigt diesem jedoch ein Alter von über 40, was auch mit der Zeitschiene der Handlung besser passt, da der Vater bereits in den 1950ern und 60ern aktiv war. Diese Verwirrung fand ich unnötig und hat mich beim Lesen gestört. Außerdem nicht ganz überzeugend war die Tatsache, dass sich der Brite Isaiah direkt in die Mystik und Mythologie fügt und dass seine Gedankengänge in den gleichen Bahnen verlaufen, obwohl er aus einem komplett anderen Kulturkreis kommt.

Nach einer Leseprobe des Buches stand ich dem Roman eher skeptisch gegenüber, da ein Auszug des Buches ohne Kontext sehr verwirrt und die Komplexität der Sprache sehr abgeschreckt hat. Vor diesem Exzerpt steht jedoch ein Prolog, der die Geschichte von Anfang an verständlicher machen konnte. Letztlich hat das Buch eine gewisse, dunkle Magie entfalten können und hat einen Alltag zwischen Korruption, Gewalt und Wildnis greifbar gemacht. So konnte mich das Buch in weiten Teilen, abgesehen von den oben genannten Kritikpunkten, überzeugen.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Insgesamt interessant, aber etwas farblose Protagonistin

Die Fotografin
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England, 1915: Zu ihrem 7. Geburtstag bekommt Amory Clay von ihrem Onkel ihre erste Kamera. Das stellt die Weichen für ihren späteren Berufswunsch: Fotografin. Allerdings lebt Amory in einer Zeit, in der ...

England, 1915: Zu ihrem 7. Geburtstag bekommt Amory Clay von ihrem Onkel ihre erste Kamera. Das stellt die Weichen für ihren späteren Berufswunsch: Fotografin. Allerdings lebt Amory in einer Zeit, in der Frauen solche Berufe nicht gerade offen stehen, sodass Amory sich beweisen und sich ihren eigenen Namen hart erarbeiten muss. Über die Jahrzehnte hinweg ist sie mal Gesellschafts-, mal Modefotografin, mal Künstlerin, aber auch mal Kriegsreporterin. Dabei erleben Amory und ihre Familie die großen weltpolitischen Krisen und Umbrüche mit.

"Die Fotografin" erzählt Amorys Lebensgeschichte bis ins hohe Alter. Amory Clay ist allerdings fiktiv und dieses Buch eine fiktive Biographie. Amory erzählt die Geschichte einmal in der Gegenwart im Jahr 1977 und einmal in der Vergangenheit. Unterfüttert sind ihre Schilderungen mit Fotografien, passend zu der jeweils geschilderten Situation. Das macht das Buch noch glaubhafter.

"Die Fotografin" ist nicht reißerisch, sondern bedient sich durchweg eines ruhigen Tonfalls. Mit Hilfe der Fotos entsteht eine anschauliche historische Atmosphäre. Die Ruhe dieses Buches ist für mich jedoch auch ein Kritikpunkt. Amory schildert ihre Erlebnisse oft sehr distanziert. An manchen Stellen übernehmen die Liebesaffären den Fokus und die Fotografin Amory tritt stark in den Hintergrund. Generell wirkt es eher, als würde Amory immer nur knipsen und im richtigen Moment draufhalten. Wirklich künstlerische Ideen und Überlegungen treten nicht zutage, sodass mir das Fotografen-Leben etwas zu kurz kam. Amory hat oft Glück oder gute Beziehungen, über die sie in Krisenzeiten immer wieder einen Job auftreibt, sodass sie nie eine wirkliche Krise zu durchleben scheint. Die abgedruckten Fotos waren in meinen Augen nicht von übermäßig hoher Qualität, sodass ich die Reaktionen in der Geschichte teilweise nicht nachvollziehen konnte. Hier wären ein paar historische Informationen zum damaligen Stand der Fotografie hilfreich gewesen. Insgesamt fehlte mit fortschreitender Seitenzahl zunehmend die Spannung, auch wenn Amory im Alter von 60 Jahren unbedingt noch nach Vietnam als Kriegsfotografin will und auch in diesem Alter auf die Männer unwiderstehlich wirkt. Oder gerade deswegen. Spannend war es vor allem immer dann, wenn sich Amory wegen eines Fotos in eine brenzlige Situation bringt, was ich berühmten Kriegsfotografen so kenne, was bei Amory jedoch selten passiert.

Für mich bleibt Amory durchweg etwas farblos. Ihre Biografie ist interessant, aber insgesamt nicht sehr emotional, weil Amory alles irgendwie nur teilweise macht und berichtet: mal Mutter, mal Fotografin, mal Kriegsreporterin, mal Männergeschichten. Auch das Weltgeschehen wird meistens nur angerissen. Dabei sind Generationen der Clay-Männer direkt von den Kriegen betroffen. Da das Buch aber insgesamt interessant ist und mit seinen 70 Jahren Lebensgeschichte viele Ereignisse und Weltgeschehen umfasst und vor allem Amorys frühe Jahre sehr gut greifbar sind, vergebe ich 3,5 Sterne, die ich auf 4 Sterne aufrunde. Ich hatte mir generell etwas mehr von dem Buch versprochen.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Ein dunkles Kapitel in der Geschichte Norwegens

Das Haus der verlorenen Kinder
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Wiesbaden, 2005: Die junge Vollwaise Marie verschlägt es für ihr freiwilliges soziales Jahr nach Wiesbaden in ein Altenheim. Dort trifft sie die rüstige 84-jährige Betty, mit der sie sich anfreundet. Doch ...

Wiesbaden, 2005: Die junge Vollwaise Marie verschlägt es für ihr freiwilliges soziales Jahr nach Wiesbaden in ein Altenheim. Dort trifft sie die rüstige 84-jährige Betty, mit der sie sich anfreundet. Doch Betty driftet immer wieder in ihre Vergangenheit ab, über die sie nicht reden will.
Norwegen, 1941: Lisbet und ihre beste Freundin Oda leben behütet in Loshavn am Meer. Hier wähnen sich alle sicher vor den deutschen Besatzern, doch dann werden plötzlich überall deutsche Soldaten einquartiert. Lisbet und Oda kommen zweien von ihnen näher und riskieren damit alles. Denn Mädchen, die sich mit deutschen Soldaten einlassen, gelten als Verräterinnen und werden von ihren Landsleuten, inklusive ihrer eigenen Familienangehörigen, geächtet. Und dann stellen beide Mädchen fest, dass sie schwanger sind und ihnen bleibt keine Wahl, als sich an die Deutschen zu wenden.

"Das Haus der verlorenen Kinder" spielt auf zwei Zeitebenen. Man begleitet zum einen Marie im Jahr 2005 in Deutschland, wie sie sich mit Betty anfreundet und ihrer eigenen Familiengeschichte nachspürt während Stück für Stück auch Bettys Geschichte zutage tritt. Zum anderen spielt die Geschichte in den Jahren 1941 und 1942 und man verfolgt Lisbet in Norwegen in einer Zeit, die lange ein heikles Kapitel norwegischer Geschichte war. Das Buch widmet sich dem Umgang der Norweger mit den sogenannten Deutschenmädchen und Deutschenkindern, die lange stigmatisiert und diskriminiert wurden. Frauen, die sich mit den deutschen Besatzern einließen, bekamen den Zorn der Norweger zu spüren, noch Jahrzehnte später. (Tatsächlich entschuldigte sich die norwegische Regierung erst 1998 für die Behandlung der Frauen und Kinder, wie man dem Nachwort entnehmen kann.) Doch auch der deutsche Lebensborn-Verein hilft den betroffenen Frauen nicht aus Wohltätigkeit, sondern verfolgt ein perfides Ziel. Das Buch hat damit ein interessantes, erschreckendes und ungewöhnliches Thema aufgegriffen, Ich kannte dieses Kapitel norwegischer (und deutscher) Geschichte bislang nicht.
Den historische Handlungsstrang fand ich sehr interessant und er hat mich emotional oft berührt, Der Schreibstil liest sich einfach, schnell und flüssig. Gerade die historischen Abschnitte bergen außerdem einiges an Spannung. Probleme hatte ich dagegen mit dem Gegenwartsstrang. Hier gab es mir zu viele Zufälle und manchmal hatte ich hier das Gefühl, dass die Spannung zu gewollt erzeugt wird. Es gibt oft Andeutungen, bei denen eigentlich nur noch ein Satz fehlt, um die Situation zu erklären, es wird aber wiederholt (und von verschiedenen Figuren) ruppig abgewiegelt und das Thema gewechselt. Zudem haben wahlweise Betty oder Marie oft Tränen in den Augen, was mir ein wenig zu häufig war. Zum Ende hin war mir der Gegenwartsstrang auch in den Eigenheiten einiger Nebenfiguren ein wenig zu übertrieben.

Insgesamt hat mich das Buch oft berührt und der historische Strang war dramatisch, mitreißend und emotional berührend. Die Landschafts- und Umgebungsbeschreibungen und die Schilderung des Alltags von Lisbet konnten mich begeistern, da sie sehr detailliert und bildhaft waren. Das Buch greift ein Thema auf, das in diesem Genre innovativ (also nicht abgenutzt) ist und beim Lesen dadurch noch etwas Neues vermitteln kann. Mich konnte nur leider der Gegenwartsstrang emotional nicht ganz erreichen.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Kein schönes Buch

Schöne Seelen
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Oskar Canow wird von einem Freund gebeten, an seiner Stelle die Therapie zu besuchen, die dessen Frau ihm zur Eherettung verordnet hat. Oskar ist Schriftsteller und Teil der oberen "Zehntausend" Zürichs. ...

Oskar Canow wird von einem Freund gebeten, an seiner Stelle die Therapie zu besuchen, die dessen Frau ihm zur Eherettung verordnet hat. Oskar ist Schriftsteller und Teil der oberen "Zehntausend" Zürichs. Einen Großteil seiner Zeit verbringt er scheinbar mit der zynischen Analyse seines schwerreichen Milieus.

Als ich dieses Buch beendet hatte, habe ich erleichtert durchgeatmet. Es war ein hartes Stück Lesearbeit. Gespickt ist das Buch sicherlich mit vielen literarischen Perlen, Gedanken und Erkenntnissen, aber in der hier dargebotenen geballten Ladung sowie dem wirklich sehr zynischen und affektierten Schreibstil war es über mehr als 300 Seiten doch immer wieder anstrengend. Dann gab es immer wieder aber auch Lichtblicke und kleine amüsante Momente, leider gibt es aber kaum eine übergeordnete stringente Handlung, die sich weiterentwickelt, fortbewegt und Spannung aufbaut. Im einzigen, potentiell spannenden Moment wird genau diese Spannung wieder durch langatmige Betrachtungen zunichte gemacht. Ich weiß nicht, ob es Selbstironie sein sollte oder einfach nur bezeichnend für den Roman ist, aber nicht einmal die Figuren verstanden sich gegenseitig.

Dieses Buch ist definitiv nicht für die breite Masse ausgelegt, sondern sucht seine Leser wohl eher in verschiedenen Nischen, was ich nicht abwertend meine, sondern was für mich erklärt, warum das Buch so viele negative Bewertungen erhält (leider auch von mir), wenn man es mittels Leseexemplaren unter die breite Lesermasse streut. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass es Leser_innen gibt, die dieses Buch und seinen Stil genießen können. Für mich bleibt aber festzuhalten, dass ich vielleicht nicht der Typ für derartige schöngeistige Literatur bin, wobei ich bei dem "geistig" noch zustimmen würde, bei "schön" allerdings eher weniger.

Ich fragte mich die meiste Zeit: Ist das wirklich die Realität oder ist der Zynismus maßlos übertrieben? Blicken "die oberen Zehntausend" wirklich so auf die Welt oder soll das lediglich ein Stilmittel sein? Jedenfalls wirken viele zwischenmenschliche Betrachtungen maßlos herablassend, wenn nicht teilweise sogar menschenverachtend. Ich habe noch nie ein derart zynisches und snobistisches Buch gelesen und konnte ihm auch nur selten einen gewissen Unterhaltungswert oder eine Botschaft abgewinnen.