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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 11.09.2020

Verwirrend

Morgengrauen
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Ich war sehr gespannt auf das neue Buch von Philippe Dijan, ich hatte zuvor erst einen Roman Autors gelesen.
Zunächst hatte ich mit dem Schreibstil des Autors Probleme und Schwierigkeiten der Geschichte ...

Ich war sehr gespannt auf das neue Buch von Philippe Dijan, ich hatte zuvor erst einen Roman Autors gelesen.
Zunächst hatte ich mit dem Schreibstil des Autors Probleme und Schwierigkeiten der Geschichte zu folgen. ‘Morgengrauen’ beinhaltet sehr viele Dialoge und Unterhaltungen, jedoch ohne Anführungszeichen und diese fehlende Zeichensetzung hat mir die Lektüre erschwert. Nach einigen Seiten überwog aber Inhalt über diesen Kritikpunkt und ich bin durch das Buch geflogen. Die Geschichte ist so verrückt und skurril, wie genial. Philippe Djian packt sehr viel Inhalt auf verhältnismäßig wenige Seiten, denn auf diesen 236 Seiten kam es für mich zu keinen Längen, im Gegenteil. Immer wieder kommt es zu Zwischenereignissen, die unvorhersehbar waren und viele Schauplätze und Personen verwebt er zu einem guten Gesamten. Einen roten Faden gibt es, die Beziehung zwischen Joan und Marlon, drumherum aber viele weitere Erzählstränge, ihre Vergangenheit, ihr Job und die wechselnden Männer, ihr Freundeskreis und der Sheriff, welcher zunächst für mich nicht greifbar war. Zeitweise war ich etwas verwirrt, aber auf jeder Seite gut unterhalten.

Ein guter, zeitweise sehr verwirrender und verrückter Roman. Sehr gute Unterhaltung und interessanter Schreibstil. Für mich wird es nicht das letzte Buch des Autors bleiben.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 11.09.2020

Wild women don't have the Blues

Signora Sommer tanzt den Blues
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"Blues ist nicht die choreografierte Vorstellung vom Leben. Blues ist das Leben. Ehrlich und niemals perfekt. Man muss sich trauen, sich gehen lassen."
Diese Geschichte und Romanidee begann mit einem Satz, ...

"Blues ist nicht die choreografierte Vorstellung vom Leben. Blues ist das Leben. Ehrlich und niemals perfekt. Man muss sich trauen, sich gehen lassen."
Diese Geschichte und Romanidee begann mit einem Satz, welcher der Autorin nicht mehr aus dem Kopf ging. "...und dann bin ich zurück ins Leben getanzt". Dieser Satz wurde sehr gut umgesetzt und Kirsten Wulf hat daraus eine Geschichte entstehen lassen mit einprägsamen Figuren und voller Leben. Sie selber hat übrigens auch eine Affäre mit dem Blues und liebt die Kombination mit Tanz, es macht süchtig. Die Geschichte, welche hinter einem Roman steckt finde ich immer sehr interessant und wenn es wie hier bei Kirsten Wulf eine so persönliche ist, war ich direkt neugierig, denn wenn man etwas mit Leidenschaft macht, wird es oft gut.

Zu "Signora Sommer tanzt den Blues" gibt es bei Spotifiy eine gleichnamige Playlist (von KRAWUF, 2Std. 27Min.), so war es beim Lesen ein tolles und besonderes Erlebnis im Hintergrund die Musik dieser Seiten zu hören, zu fühlen. Dies ist eine ganz großartige Idee gewesen der Autorin.

Die Figuren, die ganze Geschichte sind vielschichtig und voller Überraschungen, die Personen wirken authentisch, mitten aus dem Leben gefischt und in dieses Buch gepackt. Der Ort, das Setting runden es gekonnt ab. Der Roman bewegt sich auf zwei Zeitebenen, denn die Wohnung, in der Laura einst mit ihrem Verlobten Fabio und nun ungewollt und ungeplant mit Fra und Samy teilt hat eine berührende Vergangenheit und führt Leser*innen in das Jahr 1945 zu Guendalina, der Vormieterin. Die Vorgeschichte der Wohnung nimmt nur einen kleinen Part in der Gesamtgeschichte ein und ich habe das anfangs nicht ganz durchschaut, doch dann wird es immer offensichtlicher und diese Erzählstränge führen zueinander.

"Comes love - nothing can be done."

Ein tolles Sommerbuch, leicht, aber nicht trivial. Flüssiger Schreibstil, angenehmer Sound, glaubwürdige Figuren, melancholisch wie der Blues und lebendig wie der Tanz. Im 4/4 Takt blätterte ich durch die Geschichte und fühlte mich sehr gut unterhalten, ein ideales Sommerbuch, Füße hochlegen und den Rhythmus von Neuanfang, Mut und Lebenslust spüren.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 11.09.2020

Wortwitz und schwarzer Humor

Helga räumt auf
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“Große Einhelligkeit löst bei ihr eben reflexartig eine gewisse Skepsis aus, fast schon aus Trotz. Da ist es dann nämlich oft zur Dunkelheit nicht weit. Und allein die Tatsache, wem alles in diesem Land ...

“Große Einhelligkeit löst bei ihr eben reflexartig eine gewisse Skepsis aus, fast schon aus Trotz. Da ist es dann nämlich oft zur Dunkelheit nicht weit. Und allein die Tatsache, wem alles in diesem Land schon mit großer Mehrheit zugejubelt wurde, gibt Grund genug, sich so einen kollektiven Jubel ganz genau anzuschauen.”

Ich habe mich so auf diese Fortsetzung gefreut. Teil eins “Walter muss weg” hat mich sehr begeistert und die Protagonistin hat sich in mein Herz geschlichen, auf leisen Sohlen, mit Gehstock, Stützstrümpfen und ihrer ruppigen, eigenen Art. Hannelore Huber ist eine großartige Romanfigur und nun in Teil zwei konnte ich sie und die weiteren Glaubenthaler noch besser kennenlernen und ich feier die Huberin.

Thomas Raab nimmt Leser*innen wieder mit in diesen beschaulichen und fiktiven Ort Glaubenthal. Die Beschreibung ähnelt Oberösterreich, Richtung Bayern, viel Wald, Ruhe und vermeintliche Idylle. Teil zwei dieser Krimireihe ist wieder kurzweilig und sehr unterhaltsam, ich bin abgetaucht in diese Familienfede und habe mit Hanni versucht den Überblick über all die Leichen zu behalten,sowie versucht zu verstehen welche Rolle die junge, mysteriöse Helga in dem ganzen Drama spielt. Durch den großartigen Erzählstil des Autors war es mir ein Vergnügen diesen ganzen Verstrickungen und Ereignissen zu folgen. Ich hoffe für den Friedhof und die Friedhofsmitarbeiter Glaubenthals, dass sie die Arbeit und den ordentlichen Nachschub bewältigt bekommen.

“Es schützt Bildung eben vor Dummheit nicht. Dummheit vor Bildung hingegen sehr wohl.”

Seine Fabulierkunst zeigt Thomas Raab auch hier wieder gekonnt,er bewegt sich zielsicher zwischen den größtenteils unsympathischen, skurrilen und verbitterten Personen und dem Hass, der Aggressionen und Ereignissen. Die ganze Geschichte ist wieder gespickt mit viel Sarkasmus, Ironie, Wortwitz und schwarzem Humor. Nicht unerwähnt soll auch das absurde Polizeiduo bleiben, ich habe mich wieder königlich amüsiert und war ganz kurz vor Fremdscham.

“Es gibt keine Ausrede für freiwillig gewählte Wehrlosigkeit. Keine einzige.”

Skurrile Personen, viele Leichen, eine über siebzigjährige Protagonistin, die unfreiwillig Miss Marple in einem kleinen Dorf spielt mit allerlei Durcheinander und von Hass getriebenen Familienfehden plus großartige Fabulierkunst und gediegener Erzählstil, schwarzem Humor und viel Wortwitz sind ein garantiertes Rezept für tolle Lesestunden und eine große Leseempfehlung! Ich will bitte mehr.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 11.09.2020

Beste Unterhaltung

Liebe ist die beste Therapie
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"Hätte, würde, könnte. Sie beide immer mit Ihren Moralprinzipien!"

Kurz: Großartige Sache! "Liebe ist die beste Therapie" hat mir sehr gefallen und ich habe es in einem Rutsch durchgelesen, Zeit und Seiten ...

"Hätte, würde, könnte. Sie beide immer mit Ihren Moralprinzipien!"

Kurz: Großartige Sache! "Liebe ist die beste Therapie" hat mir sehr gefallen und ich habe es in einem Rutsch durchgelesen, Zeit und Seiten flogen.
Charlotte und Steve sind eine Ehepaar aus dem Leben. So oder ähnlich geht es vielen Paaren. Sie kennen sich aus dem Studium, sind mittlerweile Eltern, der Alltag wurde mit der Zeit immer grauer, Achtsamkeit und Miteinander nahmen ab, Entfremdung und mangelnde Kommunikation beherrschen die Tage. Tja, und irgendwann taucht dann auch noch ein dritter im Bunde auf und der Knall kommt. Mit Sandy haben sie eine besondere Therapeutin gefunden, ehrlich, offensiv, beobachtend und direkt mit einer interessanten Therapieform durch den leeren Stuhl, auf dem die Ehe sitzt.
Der Schreibstil ist flüssig und sehr kurzweilig, die Zusammenhänge schlüssig. Die Figuren sind sehr gut getroffen und prägen sich ein. Ich hatte das Gefühl in einer Ecke des Raumes zu sitzen, den dreien zuzuhören und die Ehe zu beobachten. Das Buch hat mich eingesogen und bestens unterhaltend zurückgelassen.
"Wenn Sie eine funktionierende Ehe führen wollen, müssen Sie aufhören, es anderen recht machen zu wollen."

Von der ersten Seiten beste Unterhaltung. Klare Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 11.09.2020

Großartig und Vielschichtig

Menschliche Dinge
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"Das Leben ist nur ein langsamer Verlust all dessen, was man liebt."

"Menschliche Dinge" hat mich an den Roman "Ich habe einen Namen" von Chanel Miller, ebenfalls aus der Verlagsgruppe Ullstein, erinnert. ...

"Das Leben ist nur ein langsamer Verlust all dessen, was man liebt."

"Menschliche Dinge" hat mich an den Roman "Ich habe einen Namen" von Chanel Miller, ebenfalls aus der Verlagsgruppe Ullstein, erinnert. Chanel Miller wurde Opfer einer Vergewaltigung nachdem die Party einer Studentenverbindung der Stanford-Universität aus dem Ruder geriet und erzählt in ihrem Roman von der Zeit davor und danach. Täter war ein Student aus reichem und einflussreichem Elternhaus. Dieser Fall sorgte weltweit für Aufsehen. In dem Roman von Karine Tuil gibt es kein Gut oder Böse, es gibt zwei Aussagen, zwei Wahrheiten und diese stehen sich gegenüber ohne Wertung der Autorin. Im ersten Teil des Romans stellt die Autorin die einzelnen Charaktere vor, auch das vermeintliche Opfer, denn die junge Frau ist die Tochter von Claires neuem Partner. Der zweite Teil zeigt die Chronologie des langen Gerichtsprozesses, welcher klären soll, was am Abend der Verleihung geschehen ist. "Menschliche Dinge" splittet sich in ein Davor und ein Danach und zeigt die Zerbrechlichkeit menschlicher Beziehungen auf.


Auf den knapp 400 Seiten geschieht sehr viel, einerseits viele politische und religiöse Themen, andererseits viele moralische Fragen. Bemerkenswert wie die Autorin den Spagat zwischen all diesen Bereichen schafft, ein Page-Turner, wie man so schön sagt, ein absoluter Sog, die Suche nach dem Grau in dem Schwarz und Weiß. Die Charakterisierungen der Personen ist absolut gelungen. Im Rahmen des zweites Teils, welcher den Prozess gegen Alexandre zeigt, seziert sie die Personen bis ins kleinste Detail, bricht selbst die dunkelsten Ecken der Persönlichkeiten auf.

Der Schreibstil ist distanziert und zugleich eindringlich, die Sprache ausgezeichnet und hervorragend. Teils bin ich atemlos durch die Seiten geflogen.

"Das war vielleicht die einzige Lektion, die er aus den schweren Zeiten mitgenommen hatte: Alles, ausnahmslos alles im Leben konnte von einem Moment auf den anderen aus den Fugen geraten."

Ein großartiger und vielschichtiger Roman der die Fragilität dessen, an was wir glauben, was wir lieben und des Lebens an sich aufzeigt. Ein bestechender und unbedingt lesenswerter Roman.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere