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Veröffentlicht am 05.11.2020

Ein neues Herzensbuch

Herzfaden
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Ein zwölfjähriges Mädchen verirrt sich auf dem Dachboden der Augsburger Puppenkiste, als sie vor Wut über ihren Vater davonlaufen will. Sie entscheidet sich wahllos für eine Türe und ähnlich wie schon ...

Ein zwölfjähriges Mädchen verirrt sich auf dem Dachboden der Augsburger Puppenkiste, als sie vor Wut über ihren Vater davonlaufen will. Sie entscheidet sich wahllos für eine Türe und ähnlich wie schon Alice platzt sie eine andere Welt. Auf dem Dachboden erwarten sie der Kasperl, König Kalle Wirsch, das Urmel, Jim Knopf, Lukas, Li Si, der kleine Prinz und “Hattü”, die Marionettenschnitzerin, vielmehr ihr Geist, denn Hannelore Oehmichen ist längst verstorben. Eine phantastische Begegnung auf einem Augsburger Dachboden und die Erzählung der Geschichte der Augsburger Puppenkisten nehmen ihren Lauf auf zwei Zeitebenen und das Geheimnis um den Kasperl, ob er nun böse oder gut ist, scheint sich zu lüften.

"Die Vergangenheit ist die Gegenwart und die Gegenwart die Vergangenheit. Die Zeit löst sich in der Dunkelheit auf. In einer Geschichte setzt sie sich wieder zusammen."

Auf diesen Roman habe ich mich sehr gefreut, denn meine ersten Fernseherfahrungen waren die Vorführungen der Augsburger Puppenkiste, besonders ‘Schlupp vom grünen Stern’ habe ich sehr geliebt. Meine Erwartungen, wenn auch unbewusst, waren hoch und zu hohe Erwartungen sind nicht die besten Lesebegleiter.
Auffällig ist, dass der Roman zweifarbig ist und die Zeitebenen so kennzeichnet, die Gegenwart, in welcher sich das namenlose Mädchen auf dem Dachboden befindet ist rot, die Vergangenheit, die Erzählung Hattü’s über ihr Leben und die Entstehung der Augsburger Puppenkiste ist blau. Dieser zweifarbige Druck und dass es Zeichnungen gibt erinnert stark an die “Unendliche Geschichte” und diess hat mich tief durchatmen lassen.
Über die Geschichte und den “Herzfaden” möchte ich bewusst nicht viel erzählen, denn das soll jeder selbst auf sich wirken lassen. Es geht geschichtlich in die frühe Vergangenheit zurück, 1944 als das Augsburger Stadttheater zerstört wird und wie es schließlich dazu kam, dass Walter Oehmichen zu den Marionetten fand, Hannelore, genannt "Hattü" seine Schnitzkunst übernahm, die Augsburger Puppenkiste geboren wurde und welche Wege gegangen werden mussten, damit sie heute noch das ist, was sie ist. Als Leserin begegnet man vielen der großartigen Figuren und gewinnt eine tiefen Einblick hinter die Kulissen.

“Ich tomme mit”, wie Urmel sagen würde, dachte ich und ließ mich ein auf Hetteche’s Buch für mittelgroß und groß, auf ein Märchen für Erwachsene mit wahrer Historie.
Der Schreibstil ist simpel, märchenhaft und flüssig, ich folgte den Worten des Autors als würde er mich Wort für Wort führen, es hatte etwas magisches an sich, nicht nur die Lesezeit, sondern auch Aufbau und Verlauf des Buches. Meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht und ich wünschte diese besondere Begegnung wäre mir geschehen, es öffnet die Augen für kleine Wunder und Dankbarkeiten.
Ein Buch über Abschied, Neuanfang, Mut, Kampfgeist, Courage, Freundschaft, Liebe, die Kraft des Glaubens, Phantasie und die Freude am Leben...dass man nur mit dem Herzen das Wahre erkennen kann.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.10.2020

Spannende Unterhaltung

Puls
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“In Wahrheit war ich aber schon mehr als interessiert - langsam war ich besessen von dem Namenlosen und den Umständen seines Todes.”

Dr. Chris Rankin, 41 Jahre alt, ist Oberärztin der Notaufnahme, sie ...

“In Wahrheit war ich aber schon mehr als interessiert - langsam war ich besessen von dem Namenlosen und den Umständen seines Todes.”

Dr. Chris Rankin, 41 Jahre alt, ist Oberärztin der Notaufnahme, sie liebt ihren Job und auch ihr Privatleben lässt wenig Wünsche übrig. Sie hat einen sehr fürsorglichen und liebevollen Ehemann und zwei intelligente, muntere und pubertierende Söhne, die sie lieben. Erkrankungen sind nicht immer sichtbar und seelische Krankheiten können jeden treffen, so auch Chris. Sie ist depressiv, kämpft mit Panikattacken und wird immer weniger, denn die Magersucht hat sie fest im Griff. Nach der Einlieferung und dem Tod des Unbekannten bleiben diese Dinge niemandem mehr verborgen, die Trauer um den Toten nimmt besondere Ausmaße an, es gibt nichts anderes mehr in ihrem Leben, sie versteckt sich in der Abstellkammer der Notaufnahme um Panikattacken zu vertuschen und von Tag zu Tag besteht sie zunehmend nur noch aus Haut und Knochen. Es bleibt kein anderer Weg mehr, als sie stationär behandeln zu lassen, gegen ihren eigenen Willen, und von ihrer Arbeit wird sie ebenfalls freigestellt bis die Todesumstände des Unbekannten geklärt sind, die Untersuchungen abgeschlossen sind, denn schließlich starb er in ihrer Obhut. Doch kaum hat Chris sich behandeln lassen und ist nach vielen Wochen wieder zuhause, meldet sie sich als Notärztin während der Pferderennen um den Jockeys auf den Zahn zu fühlen, stellt Ermittlung zu dem Fall auf eigene Faus an und begibt sich damit selber in Lebensgefahr.

“Sich der Stimme zu widersetzen war ein täglicher Kampf, und wenn ich meinen zweiundvierzigsten Geburtstag erleben wollte, musste ich ihn gewinnen.”

Der Stil ist gut und die Sprache empfand ich als sehr bildhaft. Viele Informationen rund um den Pferderennsport und interessante, unterschiedliche Charaktere. Mir ist eines negativ aufgefallen, ich möchte fast sagen, ich spürte förmlich, dass dieser Krimi aus der Hand eines Mannes ist, denn Chris wird so klischeehaft und teilweise oberflächlich dargestellt, dass ich sogar darüber schmunzeln musste, nicht mal aufgebracht war. Insbesondere die seelischen Probleme und Themen wie Menopause sind doch sehr überzeichnet und abgedroschen. Aufgrund der Tatsache, dass es sich hier um einen Krimi handelt und es wohl schlicht eine Protagonistin mit vielen eigenen Päckchen sein sollte ist dies jedoch verzeihlich, wenn auch unrund und etwas weniger davon hätte ich angenehmer gefunden. Der Aufbau ist anfangs etwas zäh und schleppend, nimmt ab Mitte und vor allem im letzten Viertel sehr an Fahrt auf und erreicht viel Spannung.

Felix Francis nimmt Leser*innen im Galopp mit durch eine spannende und interessante Kriminalgeschichte und zeigt seine Protagonisten mit vielen Ecken und Kanten. Sattelt die Pferde und schaut wer sich hinter dem unbekannten Toten der Rennbahn verbirgt.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 22.10.2020

Coming-of-Age zur Wendezeit

Am Rand der Dächer
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Lorenz Just nimmt Leserinnen mit ins Berlin der Wendezeit bis hin zum neuen Jahrtausend. Man trifft auf drei Jungs, die Freunde Andrej, seinen Bruder Anton und seinen besten Freund Simon, die ihren Weg ...

Lorenz Just nimmt Leserinnen mit ins Berlin der Wendezeit bis hin zum neuen Jahrtausend. Man trifft auf drei Jungs, die Freunde Andrej, seinen Bruder Anton und seinen besten Freund Simon, die ihren Weg suchen in einer Zeit des Um- und Aufbruchs, aber auch des Abstieges. Zwei Freunde, die durch Dick und Dünn gehen, heranwachsen, auf Abwege geraten und dunkle Hinterhöfe, besondere Menschen, die Dächer Berlins und sich selber kennenlernen.

“Am Rand der Dächer” ist ein Coming-of-Age-Roman, Schauplatz der Geschichte ist das Berlin von der Wendezeit bis zum Jahrtausendwechsel. Die drei Jungs, die den Mittelpunkt des Romans bilden, Andrej und sein Bruder Anton, sowie Simon, erleben Leser
innen in ihrer Jugendzeit, das Heranwachsen, sich ausprobieren, Grenzen überschreiten und die Suche nach der eigenen Identität. Aus geordneten Verhältnissen stammend stromern sie hinaus die Welt, die sich um sie herum neu ordnet, eine Zeit des Um- und Aufbruchs, eine Zeit der Reise in eine neue, andere Zukunft, der Chancen und Möglichkeiten, positiv, wie negativ.
Ort und Zeit spielten für mich gefühlt eine eher untergeordnete Rolle, vordergründig befasste sich die Ich-Erzählung von Andrej, rückblickend auf seine Jugendzeit, mit der Freundschaft zu Simon und deren gemeinsamen Erlebnisse.

Die Sprache des Autors empfand ich teils als etwas unausgewogen, zwar poetisch und zwischenzeitlich auch märchenhaft, es gibt viele gelungene Metaphern und Vergleiche, u.a. zu Inhalten von Michael Endes Romanen, aber stellenweisen fabuliert der Autor für meine Begriffe zu ausufernd, nicht unbedingt störend, dennoch empfand ich Längen, welche meinen Lesefluss beeinträchtigten. Was ihm in meinen Augen gelungen ist, ist, dass er die Stimmung, melancholisch und dicht, durchgängig aufrecht hält und Andrej’s Erinnerung und Erzählung seiner Jugendzeit somit authentisch wirkt.

Ein Coming-of-Age-Roman, Kinder der 90’er in Berlin. Für Leser*innen, die explizit eine Schilderung einer Jugend während der Wendezeit als Mittelpunkt wünschen nicht geeignet, wer jedoch eine Erzählung über das Heranwachsen dreier Jungs mit interessanter, eigener, teils poetischer Sprache sucht , dem ist dieses Buch zu empfehlen.

  • Cover
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Veröffentlicht am 19.10.2020

Inspirierend

Die Welt auf dem Teller
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“Inspirationen aus der Küche”

Nach “Lesen schreiben atmen” ein weiteres leidenschaftliches Buch von Doris Dörrie an ihre Leser*innen und liefert damit einen umfangreichen, sehr persönlichen Blick auf ...

“Inspirationen aus der Küche”

Nach “Lesen schreiben atmen” ein weiteres leidenschaftliches Buch von Doris Dörrie an ihre Leser*innen und liefert damit einen umfangreichen, sehr persönlichen Blick auf ihre Teller und Sinne. Für viele ist Essen mittlerweile zu einem Problemthema geworden, die ganzen Gesundheitsgurus, sowie die Schönheitsindustrie haben über die Liebe, die Lust, die Leidenschaft für das Essen einen Schatten gelegt. Die Autorin reist mit denen, die ihre Nase zwischen die Seiten stecken einmal um die Welt.
Gerüche, Farben, Lebenslust, Dankbarkeit für das, was uns das Leben und die Welt schenkt und Freude springen einen förmlich an und reißen mit, denn der Sinnlichkeit konnte ich mich kaum entziehen und ich wollte mehr. Doch ist es nicht nur die Liebe zum Essen, zum Kochen, der Diversität in den Ernährungsgewohnheiten und Bräuchen rund um die Welt, sondern auch das soziale Miteinander, Nachhaltigkeit unserer Esskultur mit dem Appell zur Eigenverantwortung, was dieses Buch so besonders macht, nebenbei sind die Illustrationen abrundend perfekt.
Es sind nicht immer die großen Dinge, die uns ein Lächeln ins Gesicht und Farbe in den Alltag zaubern, sondern es ist unser Blick auf die Welt und auf die Kleinigkeiten, die wir zu Wundern werden lassen können, Zaubermomente, die wir mit allen Sinnen wahrnehmen können.
Schnappt euch euer Einkaufskörbchen, kauft dieses Buch und Zutaten für euer Lieblingsessen, tut eurer Seele etwas Gutes und berücksichtigt dabei unseren Planeten, seid achtsam mit euch und der Umwelt.
Guten Appetit.

  • Cover
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Veröffentlicht am 17.10.2020

Informativ und hintergründig

Nerds retten die Welt
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Mittlerweile prasseln 24/7 unendlich viele Informationen und Nachrichten rund um die Welt und der Geschehnisse auf unserem Planeten auf uns ein, Massen aus den unterschiedlichsten Bereichen. Um diese zu ...

Mittlerweile prasseln 24/7 unendlich viele Informationen und Nachrichten rund um die Welt und der Geschehnisse auf unserem Planeten auf uns ein, Massen aus den unterschiedlichsten Bereichen. Um diese zu filtern, zu sortieren, schließlich einzuordnen und dann handlungsfähig zu sein, sie umzusetzen grenzt an Unmöglichkeit, denn einen Alltag haben wir schließlich auch noch. Sibylle Berg versucht also Licht ins Dunkle zu bringen, stellt präzise Fragen, spricht mit Wissenschaftlerinnen aus den unterschiedlichsten Bereichen, erhält punktgenaue Antworten. In diesem Buch kommen 17 Profis aus Bereichen wie z. B. Systembiologie, Neuropsychologie, Pathologie, Neurobiologie, Kognitionswissenschaft, Meeresökologie, Astrophysik, Neuere Geschichte, Konflikt- und Gewaltforschforschung, Informatik, Philosophie zu Wort. Die erste Frage, welche die Autorin allen stellt ist “XY, haben Sie sich heute schon um den Zustand der Welt gesorgt?” und aufgrund der unterschiedlichen Fachbereiche kommen da schon viele interessante Antworten. Sibylle Berg stellt ihre Fragen zielgenau, man spürt Skepsis und sie hinterfragt sehr präzise. Immer wieder jedoch äußert sie sich sie sich persönlich, teilt ihre subjektive Meinung mit. Dies wirkt nicht als wolle sie Leserin etwas suggerieren oder als gelte für sie nur ihre Ansicht, dennoch ist mein einziger, kleiner Kritikpunkt, denn ohne diese Einschübe hätte ich es sachlicher empfunden.

Ein sehr informatives und umfangreiches Buch, welches eine große Hilfestellung sein kann um in dem ganzen Chaos einen Durchblick durch Hintergrundwissen zu erhalten, ungemütlich und zugleich angenehm.

  • Cover
  • Erzählstil
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  • Charaktere