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Veröffentlicht am 15.11.2024

Eindrucksvolle Fortsetzung der Familiensaga

Nur nachts ist es hell
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MEINE MEINUNG

Nach ihrem historischen Roman „Über Carl reden wir morgen“ setzt die österreichische Autorin Judith W. Taschler mit „Nur nachts ist es hell“ ihre fesselnde Familiensaga rund um die Bruggers ...

MEINE MEINUNG

Nach ihrem historischen Roman „Über Carl reden wir morgen“ setzt die österreichische Autorin Judith W. Taschler mit „Nur nachts ist es hell“ ihre fesselnde Familiensaga rund um die Bruggers aus der Mühlviertler Provinz fort. Während der erste Band die Generationen über eine Zeitspanne  von 100 Jahren zwischen dem frühen 19. und dem 20. Jahrhundert beleuchtet, konzentriert sich der neue Roman auf die Lebenswege der nachfolgenden Generationen des Brugger-Clans im neuen ereignisreichen Jahrhundert.

Im Mittelpunkt der Fortsetzung des bewegenden Generationenromans steht Elisabeth, die jüngste Schwester der vier Brugger-Kinder, die rückblickend ihre Lebenserinnerungen und das Schicksal ihrer Familie erzählt.

Um die generationenübergreifende Familiengeschichte verstehen zu können, ist es zwar empfehlenswert, aber sicher nicht zwingend notwendig, den ersten Band gelesen zu haben, da die Autorin zum Verständnis wichtige Zusammenhänge geschickt in die Handlung eingeflochten hat. Ein Familienstammbaum der Bruggers im Anhang erleichtert die Zuordnung der zahlreichen Namen und Verwandtschaftsverhältnisse.

Taschler gelingt es hervorragend, viele sorgsam recherchierte, historische Ereignisse mit den persönlichen Schicksalen ihrer Charaktere zu einer fesselnden Geschichte zu verweben.

In ihrem Roman führt die Autorin uns sehr nachdrücklich die weitreichenden beklemmenden Auswirkungen der beiden Weltkriege und wirtschaftlichen Krisen auf die Geschicke der verschiedenen Mitglieder der Familie vor Augen. So werden insbesondere die Schicksale der so unterschiedlichen Zwillingsbrüder Carl und Eugen Brugger immer wieder hervorgehoben.

Durch den einfühlsamen, ansprechenden Schreibstil wird man von Beginn an in die emotional aufwühlenden Geschehnisse hinein gezogen und folgt gebannt dem weiteren Fortgang der nicht chronologisch geschilderten Episoden. 

Erzählt wird die Geschichte rückblickend aus der Ich-Erzählperspektive der Protagonistin Elisabeth, so dass es nicht schwerfällt, sich in ihre komplexe Gedanken- und Gefühlswelt hineinzuversetzen und eine unmittelbare Verbindung zur ihr aufzubauen. Immer wieder spricht sie einen zunächst unbekannten Charakter an, dem sie ihre teilweise sehr intimen Erinnerungen mitteilen möchte, so dass man gespannt der Enthüllung von dessen Identität entgegenfiebert.

Elisabeths Lebenserinnerungen umfassen ihre persönliche und berufliche Entwicklung als Ehefrau, Mutter und Ärztin, ihren Umgang mit Schicksalsschlägen und dem Verlust geliebter Menschen, den besonderen familiären Zusammenhalt, Gewissenskonflikte, Verrat und Schuld, ihren Einsatz für ein selbstbestimmtes Leben der Frauen sowie schließlich das Geheimnis um ihre große Liebe.

Die Autorin hat mit Elisabeth eine beeindruckende starke Frauenfigur geschaffen. Ob nun ihre Zeit als junge Lazarettschwester während des Ersten Weltkriegs, die vielfältigen Herausforderungen als Frau ein Medizinstudium anzustreben und sich als Ärztin später in dieser Männerdomäne zu behaupten oder ihr moralisches Dilemma verzweifelten schwangeren Frauen zu helfen – wir lernen Elisabeth in den verschiedenen Episoden als eine facettenreiche, empathische Persönlichkeit kennen, die sich vielen Widrigkeiten und emotionalen Verstrickungen stellen muss. 

Die Autorin veranschaulicht glaubhaft die Entwicklung ihrer vielschichtigen Figuren und die Motive für ihr Handeln. Überraschende Wendungen und erstaunliche Enthüllungen halten die Spannung aufrecht.

Besonders gut hat mir gefallen, dass die Autorin nicht nur Elisabeths persönliche Geschichte erzählt, sondern auch ein wichtiges Stück Medizingeschichte beleuchtet und uns interessante Einblicke in die Herausforderungen und Errungenschaften von Frauen in der Medizin sowie in die Rolle der Frau in der Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts gewährt.

Abgerundet wird der Roman schließlich mit einem kurzen Literaturhinweis auf vier für die Recherche verwendete Bücher.

Ich bin gespannt, ob es eine Fortsetzung der fesselnden Familiensaga bis in die Gegenwart geben wird, und würde mich sehr über ein Wiedersehen mit einigen faszinierenden Charakteren freuen.


FAZIT

Eine fesselnde Fortsetzung der Brugger-Familiensaga - bewegend und historisch fundiert mit spannenden Einblicken in die Medizingeschichte.

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Veröffentlicht am 13.11.2024

Einfühlsamer Essay über das Altern der Eltern

Alte Eltern
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„Alte Eltern - Über das Kümmern und die Zeit, die uns bleibt " von dem deutschen Journalisten und Bestsellerautor Volker Kitz ist ein bewegender literarischer Essay, der sich einfühlsam mit ...

MEINE MEINUNG
„Alte Eltern - Über das Kümmern und die Zeit, die uns bleibt " von dem deutschen Journalisten und Bestsellerautor Volker Kitz ist ein bewegender literarischer Essay, der sich einfühlsam mit dem Altern und der zunehmenden Hilfsbedürftigkeit der eigenen Eltern auseinandersetzt. Dieses universelle und oft schwierige Thema stellt alle Beteiligten vor ungeahnt große Herausforderungen.
Es handelt sich um eine äußerst aktuelle Thematik, die inzwischen sicher viele Menschen aus der „Babyboomer“-Generation beschäftigt, die sich mit einer ähnlichen Lebenssituation konfrontiert sehen oder sich bereits vorab darauf emotional vorbereiten möchten - nicht zuletzt auch, da es wohl kaum jemanden gibt, der nicht insgeheim fürchtet, im Alter einmal durch Krankheit und nachlassende Gedächtnisleistung betroffen und auf fremde Hilfe angewiesen zu sein.
Schnell wird bei der Lektüre deutlich, dass es sich bei diesem Buch nicht um einen reinen Ratgeber handelt, der uns mit Tipps und Tricks zur Seite stehen will.
Der Autor gewährt uns als unmittelbar Betroffener sehr offenherzig Einblicke in seine ganz persönliche Familiengeschichte. Sein Schreibstil ist sehr angenehm und abwechslungsreich zu lesen. Geschickt verwebt er seine eigenen Erfahrungen und tiefgründigen Einsichten mit allgemeineren Betrachtungen über Familienbeziehungen, Generationenkonflikte, Veränderungen, die das Altern mit sich bringt, und die emotionalen Auswirkungen des Alterungsprozesses.
Gekonnt bindet er in seine anschaulichen Schilderungen immer wieder auch humorvolle Anekdoten ein und liefert interessante Bezüge zu anderen literarischen Werken, die das Thema von verschiedensten Aspekten beleuchten. So schafft er mit eingestreuten Literaturverweisen weitergehende, intensive Denkanstöße, die beim Lesen unweigerlich zum Innehalten und Nachdenken anregen - über unsere Einstellung zum Altern, zu familiären Beziehungen im eigenen Leben, Verlusten und der eigenen Sterblichkeit aber auch den Bedürfnissen alter Menschen und dem allgemeinen Umgang mit ihnen in unserer Gesellschaft.
Eindringlich und äußerst empathisch reflektiert Kitz über die vielfältigen Herausforderungen und Veränderungen im eigenen Leben, die durch die zunehmende Demenz seines Vaters entstehen. Facettenreich widmet er sich den unterschiedlichen Aspekten des Alterns, den komplexen Dynamiken im Umgang miteinander sowie neuen Lebensumständen, denen es sich mit Eltern im Alter insbesondere mit möglicher Demenz-Erkrankung in den unterschiedlichen Stadien zu stellen gilt.
Die respektvolle, präzise Schilderung seiner Gedanken und vielschichtigen Emotionen angesichts des fortschreitenden Gedächtnisverlusts seines Vaters ist sehr berührend und fängt sehr authentisch die Achterbahnfahrt der emotionalen Zustände von Betroffenen ein. Problemlos kann man sich in die beschriebenen Situationen hineinversetzen und vielfältigen Herausforderungen nachvollziehen.
Sehr eindrücklich setzt sich Kitz auch mit dem unausweichlichen kognitiven Verfall, dem Bewahren von bedeutsamen gemeinsamen Erinnerungen und dramatischem Erinnerungsverlust sowie der daraus resultierenden emotionalen Bedeutung für die Betroffenen und ihre Angehörigen auseinander. Darüber hinaus führt er uns vor Augen, dass es nicht nur zum Verschieben von familiären Verantwortlichkeiten kommt, sondern dass auch schmerzhafte und emotional aufwühlende Prozesse einsetzen, die um Themen wie Verantwortlichkeit und Abschiednehmen kreisen.
Im Anhang des Buchs findet sich ein umfangreiches Literaturverzeichnis zu den im Text verwendeten Zitaten mit entsprechenden Kommentierungen des Autors - eine überaus interessante Zusammenstellung von Büchern zum weiterführenden Literaturstudium.
FAZIT
Für alle, die sich mit dem schwierigen Thema des Alterns auseinandersetzen möchten oder selbst pflegebedürftige Eltern haben, ein wichtiges Buch, das bewegend, tröstlich und lehrreich zugleich ist!
Eine empfehlenswerte und bereichernde Lektüre!

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Veröffentlicht am 30.10.2024

Herausragender Thriller-Auftakt

Yoko
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MEINE MEINUNG
Der packende Spannungsroman "Yoko" des preisgekrönten österreichischen Erfolgsautors Bernhard Aichner ist der gelungene Auftakt eines raffiniert angelegten Thriller-Zweiteilers, der mich ...

MEINE MEINUNG
Der packende Spannungsroman "Yoko" des preisgekrönten österreichischen Erfolgsautors Bernhard Aichner ist der gelungene Auftakt eines raffiniert angelegten Thriller-Zweiteilers, der mich von Beginn an in seinen Bann ziehen und bis zur Letzten Seite fesseln konnte.
Aichner beweist mit "Yoko" einmal mehr sein herausragendes Talent für außergewöhnliche, vielschichtige Geschichten, clevere Inszenierung und interessante komplexe Charaktere.
Angemerkt sei allerdings, dass explizite Gewaltdarstellungen und moralisch zweifelhafte Taten manche Leser abschrecken könnten.
Im Mittelpunkt seiner Geschichte steht die faszinierende Protagonistin Yoko, die die Familienmetzgerei nach dem Tod ihres Vaters in eine florierende Glückskeksmanufaktur umgewandelt hat.
Ein schicksalhaftes Ereignis verändert auf einen Schlag Yokos endlich in geordneten Bahnen verlaufendes Leben und leitet eine dramatische Wende ein, die ihr Leben zu einem Albtraum werden lässt. Als sie bei einer Lieferung vor einem chinesischen Restaurant unbedacht eine brutale Tiermisshandlung stoppen will, wird sie entführt, brutal misshandelt und findet sich plötzlich selbst in der Rolle des Opfers wieder. Statt zu resignieren, stellt sie sich ihren Peinigern entgegen – unwissend, welch gefährliche Gegner und verheerende Konsequenzen ihre mutige Entscheidung nach sich zieht.
Hautnah erleben wir Yokos erstaunliche Wandlung von der friedliebenden Glückskeksfabrikantin und Gewaltopfer zu einer Antiheldin und erbarmungslosen Rächerin mit, die vor nichts zurückschreckt, um Gerechtigkeit zu erlangen. In geschickt eingestreuten Rückblenden erhalten wir zudem tiefe Einblicke in Yokos Vergangenheit und innere Dämonen.
Durch Aichners pointierten und prägnanten Schreibstil und seinen szenischen Erzählstil, der gekonnt Nähe zum Geschehen erzeugt und uns die Handlung äußerst intensiv miterleben lässt, entwickelt sich die Geschichte in einem rasanten Tempo. Zudem beleben lebendige Dialoge, die die Charaktere treffend widerspiegeln, die Handlung und sorgen für viel Dynamik.
Der Autor fesselt durch unerwartete Wendungen, steigert die Spannung mittels geschickter Perspektivwechsel und treibt die Handlung kontinuierlich voran, die schließlich in einem nervenaufreibenden Showdown gipfelt.
Mit Yoko hat eine Aichner faszinierende Antiheldin und facettenreiche Protagonistin geschaffen, die einem im Laufe der Geschichte trotz ihrer sehr erschreckenden Entwicklung zur gnadenlosen Rächerin ans Herz wächst. Aichner zeichnet sie zunächst als lebensfrohe, kreative Frau Ende zwanzig, die sich durch Mitgefühl und Gerechtigkeitssinn auszeichnet. Schrittweise lässt er uns tief in die labile Psyche der Protagonistin eintauchen, die bereits in der Vergangenheit eine traumatische Erfahrung durchleben musste, die nun wieder an die Oberfläche kommt .Detailliert lässt er uns an ihren inneren Kämpfen, Zweifeln und der allmähliche Verhärtung ihres Charakters teilhaben. So schafft er es geschickt, Empathie für Yokos radikale Wandlung zu wecken, auch wenn diese ethisch höchst fragwürdig sind.
In seinem Roman behandelt Aichner auch Fragen von Gerechtigkeit, Schuld und Rache und beleuchtet zudem anschaulich die Grenzen von Selbstjustiz sowie die Auswirkungen von Gewalt. Eindringlich zeigt er auf, wie Traumata das Leben eines Menschen prägen und bisweilen in unerwarteten Handlungen resultieren.
Nach dem packenden und höchst unerwarteten Ende darf man gespannt sein, was uns im Folgeband "John" erwarten wird.
FAZIT
Ein anspruchsvoller, psychologisch tiefgründiger Thriller mit einer komplexen Protagonistin und einem ein hochspannenden Plot!
Ein absolutes Muss für alle Thriller-Fans!

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Veröffentlicht am 23.10.2024

Charmantes Debüt mit britischem Flair

Tee auf Windsor Castle
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MEINE MEINUNG
Der Debüt-Roman "Tee auf Windsor Castle" von Claire Parker ist eine kurzweilige und herzerwärmende Erzählung, die uns in die majestätischen Hallen von Windsor Castle und ie faszinierende ...

MEINE MEINUNG
Der Debüt-Roman "Tee auf Windsor Castle" von Claire Parker ist eine kurzweilige und herzerwärmende Erzählung, die uns in die majestätischen Hallen von Windsor Castle und ie faszinierende Welt des britischen Königshauses entführt.
Die bisweilen märchenhaft anmutende Erzählung mit netten Lebensweisheiten ist nicht nur unterhaltsam und inspirierend, sondern regt mit den angeschnittenen ernsten Themen wie Selbstfindung und Lebenssinn dazu an, innezuhalten und über die wahren Prioritäten im Leben nachzudenken. Darüber hinaus
Parkers lebendiger, lockerer Schreibstil besticht durch warmherzigen Humor sowie feinsinnige Schilderungen des britischen Alltagslebens und royaler Traditionen und ist zudem gewürzt mit witzigen Dialogen und atmosphärischen Beschreibungen von Windsor Castle und seiner Umgebung.
Im Mittelpunkt der Handlung steht die Protagonistin Kate, die sich entgegen ihrer recht kritischen Einstellung zur Monarchie von ihrer Freundin zu einer Führung durch Windsor Castle überreden lässt. Prompt verirrt sie sich durch ein Missgeschick im Labyrinth der ausgedehnten Gänge des altehrwürdigen Schlosses und trifft durch eine glückliche Fügung in der Teeküche auf die im Schloss lebende Betty. Die liebenswerte ältere Dame lädt Kate spontan zu einem köstlichen Beuteltee in königlichem Porzellan.
Die ungleichen Frauen finden überraschend schnell einen Draht zueinander. Ihre anfängliche Unterhaltung entwickelt sich rasch zu einem interessanten, tiefgründigen Gedankenaustausch über persönliche Lebenserfahrungen und sie beginnen, die Welt einmal durch die Augen der anderen neu zu entdecken. In der kurzen Zeitspanne von nur einem Tag und einer Nacht entsteht zwischen ihnen eine besondere Verbindung und eine unerwartete Freundschaft, die ihr Leben trotz der Kürze ihrer Bekanntschaft bereichert und nachhaltig verändert.
Parker hat ihre beiden Hauptfiguren Kate und Betty facettenreich und mit viel Liebe zum Detail angelegt. Die charmante ältere Betty zeichnet sich durch große Herzenswärme, Lebensweisheit und faszinierender königlicher Distinguiertheit aus. Auch die bodenständige, vorwitzige Kate mit ihren zynischen Kommentaren und ihrer bewegten Vorgeschichte ist ein interessanter, liebenswerter Charakter, mit dem man sich mühelos identifizieren kann. Spannend ist es mitzuerleben, wie ihre zufällige Begegnung sie zu Offenheit für Neues, generationsübergreifendem Verständnis und gegenseitigem Lernen inspiriert.
Geschickt spielt Parker mit unseren Vorahnungen und Erwartungen, indem sie uns bis zum Ende über Bettys tatsächliche Rolle im Schloss und ihre wahre Identität im Unklaren und somit Raum für allerlei spannende Spekulationen lässt.
Auch wenn die Handlung stellenweise vorhersehbar ist, konnte mich diese charmante Erzählung mit den liebenswerten Charakteren, humorvollen Momenten und seiner zauberhaften Atmosphäre bestens unterhalten.
Die Autorin erinnert uns daran, dass unerwartete Begegnungen oft die wertvollsten sind, dass es nie zu spät ist, neue Perspektiven zu entdecken, und dass wir den Zauber des Moments schätzen sollten.
FAZIT
Eine unterhaltsame und herzerwärmende Geschichte mit Humor und Tiefgang und zudem eine wundervolle Hommage an die britische Kultur und Traditionen.
Empfehlenswert für alle Liebhaber warmherziger Erzählungen mit britischem Charme -  am besten zu genießen mit einer schönen Tasse Tee!

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Veröffentlicht am 23.10.2024

Packender Stockholm-Krimi

Wintersonnenwende (Wolf und Berg ermitteln 2)
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MEINE MEINUNG
"Wintersonnenwende" ist die packende Fortsetzung einer neuen Nordic Noir-Krimireihe aus der Feder des aufstrebenden schwedischen Autors Pascal Engman und seines Co-Autors und Journalisten ...

MEINE MEINUNG
"Wintersonnenwende" ist die packende Fortsetzung einer neuen Nordic Noir-Krimireihe aus der Feder des aufstrebenden schwedischen Autors Pascal Engman und seines Co-Autors und Journalisten Johannes Selåker. Der Roman knüpft nahtlos an die Ereignisse des ersten Bandes an und entführt uns ins winterliche Schweden der Jahre 1994 und 1995. Im Mittelpunkt steht erneut das unkonventionelle Ermittlerduo, bestehend aus dem Polizisten Tomas Wolf und der Journalistin Vera Berg.
Die Autoren präsentieren einen beeindruckenden, wendungsreichen Krimi mit einem packenden, komplexen Plot, in den sie geschickt historische Ereignisse und damals aktuelle gesellschaftliche Themen einflechten. Neben der fesselnden Krimihandlung gewähren sie uns schockierende Einblicke in die Abgründe der menschlichen Psyche und zeichnen ein nachdenklich stimmendes, realitätsnahes Bild der damaligen Gesellschaft und Politik.
Die lebendige, atmosphärische Darstellung Stockholms der 1990er Jahre und der schwedischen Winterlandschaft ist äußerst gelungen und unterstreicht die für Nordic Noir typische, beklemmende Gesamtstimmung.
Nachdem in der eiskalten Silvesternacht 1994 ein Freier in einem Stockholmer Bordell erschossen wird und die nackte Prostituierte Lucy durch ihre Flucht nur knapp dem Tod entkommen kann, nehmen Kommissar Tomas Wolf und sein Kollege Zingo zunächst die Ermittlungen auf. Es dauert gar nicht lange bis ein zweiter Mord geschieht, bei dem ein Nachtclubbetreiber und Porno-Produzent auf brutale Weise umgebracht wird. Parallel dazu recherchiert die ehrgeizige Journalistin Vera Berg zu den rätselhaften Mordfällen im Rotlichtmilieu und vermutet, dass die untergetauchte Lucy eine zentrale Rolle bei den grausamen Verbrechen spielt. Die Suche nach der verschwundenen Prostituierten entwickelt sich zu einer nervenaufreibenden Jagd, bei der Wolf und Berg trotz ihrer Differenzen und Vorbehalte wieder zusammenarbeiten müssen.
Die Handlung entfaltet sich zu einem fesselnden Page-Turner mit mehreren verwobenen Erzählsträngen. Durch den temporeichen Erzählstil, rasche Perspektivwechsel und geschickt platzierte Cliffhanger erzeugen die Autoren eine konstant hohe Spannung, die uns bis zur letzten Seite in ihren Bann zieht.
Die Autoren wechseln gekonnt zwischen den Perspektiven von Tomas, Vera und Lucy, so dass wir aufschlussreiche Einblicke in die Gedanken und Motivationen der Hauptfiguren erhalten, aber dennoch über die Hintergründe lange Zeit im Ungewissen bleiben. Allmählich verdichten sich die verschiedenen Ermittlungsergebnisse und Hinweise auf den möglichen Täter. Nach einigen unvorhersehbaren Wendungen, falschen Spuren und überraschenden Enthüllungen gipfelt der Fall in einem packenden, sehr nervenaufreibenden Showdown. Einige Wendungen gegen Ende wirkten allerdings etwas zu forciert und unglaubwürdig auf mich. Auch die Aufklärung der Hintergründe des Falls wirkte auf mich nicht ganz rund und lässt einige logische Unstimmigkeiten erkennen.
Die Hauptfiguren Tomas Wolf und Vera Berg sind komplex und vielschichtig gezeichnet. Ob nun der Polizist Tomas Wolf mit seiner belasteten Vergangenheit als Ex-Mitglied einer rechtsextremen Gruppierung und belastenden Traumata aus seiner Zeit als UN-Soldat im Balkan-Krieg oder die ambitionierte Journalistin bei der Boulevardzeitung Aftonbladet Vera Berg, die sich um den kleinen Sohn ihres kleinkriminellen Ex-Freunds kümmern muss, und taucht dennoch unerschrocken in die gefährlichen Recherchen zur neuen Story ein – beide sind faszinierende, emotional angeschlagene Charaktere mit ungewöhnlichen Hintergrundgeschichten, konfliktbeladenen Privatleben und dunklen Geheimnissen. Ihre persönlichen Traumata beeinflussen nicht nur ihr berufliches und privates Leben, sondern auch ihre gegenwärtigen Handlungen und ihren moralischen Kompass.
Die Dynamik zwischen den beiden und ihre komplizierte Zusammenarbeit, die von Misstrauen und gegenseitiger Abhängigkeit geprägt ist, sorgen für viel Spannung. Sehr beeindruckend ist es, neue Facetten ihrer Persönlichkeit zu entdecken und ihre persönliche Weiterentwicklung mitzuerleben. Beide Protagonisten wirkten zwar insgesamt glaubwürdig, jedoch wegen einiger ihrer Eigenarten und Handlungen nicht sehr sympathisch auf mich.
Die Autoren verstehen es hervorragend, gesellschaftliche Themen, insbesondere die Schattenseiten der Prostitution schonungslos darzustellen und das gnadenlose Umfeld der Sexindustrie kritisch zu beleuchten. Äußerst gelungen ist zudem die Einbettung der Handlung in den historischen Kontext. Insbesondere die Estonia-Katastrophe als kollektives Trauma der schwedischen Nation zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte. Die vielfältigen Auswirkungen historischer Ereignisse werden gekonnt mit den persönlichen Schicksalen der Charaktere verwoben. Geschickt zeigen die Autoren die oftmals ineinander fließenden Grenzen zwischen Recht und Unrecht auf, die bei den polizeilichen Ermittlungen nicht selten für moralische Dilemmata und riskante Alleingänge sorgen.
FAZIT
"Wintersonnenwende" ist eine gelungene Fortsetzung der fesselnden Nordic-Noir-Reihe, die uns auf eine faszinierende Zeitreise ins Stockholm der 1990er Jahre mitnimmt. Mit seiner komplexen Handlung, vielschichtigen Charakteren und beklemmenden Atmosphäre geht dieser Krimi unter die Haut.

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